Morton Rhue — American Hero

Morton Rhue - American Hero29.April 2018

Ame­ri­can Hero” ist der neu­es­te Genie­streich des ame­ri­ka­ni­schen Autoren Mor­ton Rhue und stellt einen jugend­li­chen Sol­da­ten in den Vor­der­grund, der als Ver­letz­ter und als Held aus dem Krieg heim­kehrt. Ein Blick hin­ter die Kulis­sen und auf die dunk­len Schat­ten, die sich auf die mensch­li­che Psy­che eines Men­schen legen, der Unbe­schreib­li­ches erlebt hat. Ein aktu­el­les, hoch­bri­san­tes The­ma. Fes­selnd, bewe­gend und hef­tig erzählt. Ein idea­ler Titel für eine Buch­vor­stel­lung oder als Klas­sen­lek­tü­re. Lese­tipp! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Der 18-jäh­ri­ge Jake ist aus dem Krieg zurück­ge­kehrt. An fünf Ope­ra­tio­nen war er betei­ligt. Nun wird er von der Bevöl­ke­rung als Held gefei­ert. “Nur dass ich mich nicht wie ein Held füh­le. In der Situa­ti­on, in der es pas­siert, weißt du nicht, dass du mutig bist. Du tust nur das, was man dir bei­gebracht hat. Was dein Instinkt dir sagt. Du tust es, obwohl du weißt, dass du mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit dabei drauf­ge­hen wirst.” (Zitat aus “Ame­ri­can Hero” S.12) Jake tritt in einer Tour vor der Pres­se und der Bevöl­ke­rung auf. Gibt vie­le Inter­views und besucht auch sei­ne Schu­le. Und er ist schwer ver­wun­det. Sein Bein steckt in einem Gips. Über die vie­len Wun­den und Nar­ben möch­te er lie­ber nicht nach­den­ken. Auch hat er sei­nen klei­nen Fin­ger und die Hälf­te des Ring­fin­gers ver­lo­ren. Dafür ist ihmMorton Rhue - American Hero sei­ne Freun­din Auro­ra erhal­ten geblie­ben. Sie hat tat­säch­lich auf ihn gewar­tet. Obwohl er so lan­ge weg war. Obwohl auch ande­re Jungs sich wäh­rend die­ser Zeit für sie inter­es­siert haben. “Ich bin so froh, sie zu sehen, so vol­ler Dank­bar­keit, dass sie auf mich gewar­tet hat. Bei vie­len ande­ren haben die Freun­din­nen das nicht getan. Sie hat mir Brie­fe geschrie­ben und Süßig­kei­ten geschickt und USB-Sticks mit Fil­men drauf. […] Was ich durch­ge­macht habe, war schlimm, aber ohne sie wäre es noch viel schlim­mer gewe­sen.” (Zitat S.15) Aber Jake ist nicht mehr der­sel­be, der er zuvor war. Das merkt nicht nur Auro­ra bald, son­dern auch sei­ne Fami­lie. Was hält er zurück? Was hat er tat­säch­lich bei sei­nem letz­ten Ein­satz erlebt? Ein jun­ges Mäd­chen, die ihn für die Schü­ler­zei­tung inter­view­en will, scheint hin­ter sei­ne Fas­sa­de zu bli­cken…

Bereits das Cover von “Ame­ri­can Hero” ist pas­send und aus­drucks­stark. Es macht neu­gie­rig und zeigt zugleich die Ambi­va­lenz zwi­schen dem Begriff des Hel­den und dem trau­rig nach unten bli­cken­den Kopf der Haupt­fi­gur. Denn auch in Jake, der in der Ich-Per­spek­ti­ve berich­tet, bro­delt ein Kon­flikt. Wie kann er zum Bei­spiel vor sei­ner ehe­ma­li­gen Schu­le von der Zeit im Krieg spre­chen ohne die Jugend­li­chen vor den Kopf Morton Rhue - American Herozu sto­ßen? Ohne den Schü­lern — von denen vie­le eine Ein­schrei­bung beim Mili­tär pla­nen — die erschre­cken­de Rea­li­tät zu offen­ba­ren, die jen­seits der Wer­be­fil­me der Rekru­tie­rer liegt“Mit einer Streit­macht aus unschul­di­gen Kin­dern, die kei­ne Ahnung haben, wor­auf sie sich ein­las­sen. Aber anders geht es doch gar nicht, oder? Denn wenn die Kids tat­säch­lich wüss­ten, wofür sie sich da ein­schrei­ben, dann wür­den sie es nicht tun. Und wenn sie sich nicht ein­schrei­ben, haben wir kei­ne Armee. Und wenn wir kei­ne Armee haben, gewin­nen die Bösen.” (Zitat S.41) Das der Preis hoch ist, das hat Jake am eige­nen Leib erfah­ren. Immer wie­der schie­ben sich kom­plett fett gedruck­te Kapi­tel in den Text, in denen er nach und nach von jenem dra­ma­ti­schen Hin­ter­halt erzählt, der sein Leben ver­än­dert hat. Die ande­ren Kapi­tel sind mit Über­schrif­ten ver­se­hen, in denen die jewei­li­ge Per­son, auf die Jake trifft, genannt wird. Das kann sei­ne Freun­din sein, ein Sol­dat, ein Rekru­tie­rer, ein alter Leh­rer. Die Spra­che ist ange­nehm und sehr flüs­sig zu lesen. Beson­ders in Jake kann man sich sehr gut hin­ein­ver­set­zen und sei­ne Emp­fin­dun­gen nach­voll­zie­hen: “Die Pro­pel­ler haben auf­ge­hört, sich zu dre­hen, und die jubeln­de Men­ge drängt nach vorn. Ein Anblick, bei dem sich alles in mir ver­steift, ich bin sofort wie­der in Alarm­be­reit­schaft. […] Mein Blick schweift auto­ma­tisch hin und her, auf der Suche nach dem ver­rä­te­ri­schen Fun­keln einer Waf­fe, der unna­tür­li­chen Wöl­bung eines Spreng­stoff­gür­tels unter einem Hemd. Mein Herz rast. Kann sein, dass mein KöMorton Rhue - American Herorper heim­ge­kehrt ist, der Ver­stand ist jeden­falls noch auf Krieg gepolt.” (Zitat S.14) Es ist erschre­ckend zu lesen, was Jake erlebt hat und wie sehr dies sei­nen All­tag nun prägt und sein Leben für immer beein­flus­sen wird. Hier wird an Bru­ta­li­tät auch nichts aus­ge­spart. Mor­ton Rhue ver­schö­nert nichts, er berich­tet und lässt sei­ne Leser mit­er­le­ben, was ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten durch den Kopf geht: “Kein Tag ver­ging, an dem wir uns nicht frag­ten, wie es wohl pas­sie­ren wür­de. Die Rake­ten­ex­plo­si­on. Die Hecken­schüt­zen­ku­gel. Die Spreng­fal­le. Die Mör­ser­gra­na­te. Die Pan­zer­faust. Der Schuss in den Kopf, der einem sofort das Licht aus­knipst. Der Schuss in die Leis­ten­ge­gend, bei dem man lang­sam ver­blu­tet. Der ultra­schall­schnel­le Gra­nat­split­ter, der einem das Bein, den Arm, den Kopf abreißt. Das 15-kg-Artil­le­rie­ge­schoss, das nichts als rosa Sprüh­re­gen hin­ter­lässt.” (Zitat S.43) Wenn ein Autor ein Buch über ein sol­ches The­ma schrei­ben kann, dann die­ser ame­ri­ka­ni­sche Best­sel­ler­au­tor, der Miss­stän­de ankrei­det, Gesell­schafts­kri­tik übt, infor­miert und Jugend­li­che zum Nach­den­ken anregt. Denn da es in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten kei­ne Wehr­pflicht gibt, wer­den Jugend­li­che bereits in der Schu­le ange­wor­ben; wer­den schon in man­chen Schu­len im Unter­richt mit einer mili­tä­ri­schen Grund­aus­bil­dung ver­sorgt. Auch Jake wur­de in sei­ner Schu­le damals ange­wor­ben. Mit einer gro­ßen Prä­mie gelockt. Mit der Armee, als einer Art Aben­teu­er­camp, in dem man stän­dig Par­ty macht und gutes Geld ver­dient. “Was bie­tet ihr inzwi­schen für Prä­mi­en an?”, fra­ge ich. “Zwan­zig­tau­send, wenn man schnell zugreift. Morton Rhue - American HeroUnd inner­halb von drei­ßig Tagen bereit ist. Vier­zig­tau­send, wenn man sich für vier Jah­re ver­pflich­tet. […] “Das ist rich­tig viel Asche. Erzäh­len Sie den Kids auch was über die acht Jah­re inak­ti­ver Reser­ve, die sie danach erwar­tet?” Der Rekru­tie­rer win­det sich ein biss­chen. Jetzt scheint er sich doch unwohl zu füh­len.” (Zitat S.51) Vie­len wird gesagt, dass man kaum Ein­sät­ze hat. Jetzt ist Jake schlau­er und er weiß auch, dass es vie­le Sol­da­ten gibt, die nie die Zeit dazu haben wer­den, ihre Prä­mie aus­zu­ge­ben. Weil sie vor­her im Krieg fal­len wer­den. Und nie­mals mehr nach Hau­se kom­men. Der Roman, der durch­ge­hend unter­halt­sam und mit­rei­ßend geschrie­ben ist, eig­net sich von den The­men her daher beson­ders gut für eine Klas­sen­lek­tü­re oder als Buch­vor­stel­lung. Der Text endet mit einem Nach­wort, in dem Mor­ton Rhue deut­lich macht, was ihm wich­tig ist: “Gera­de des­halb bin ich unbe­dingt der Mei­nung, dass, wenn ein Land schon in den Krieg zie­hen muss, es wenigs­tens sei­ne Sol­da­ten rea­lis­tisch, nüch­tern und ohne Beschö­ni­gung dar­auf vor­be­rei­ten soll­te, was sie dort tat­säch­lich erwar­tet.” (Zitat S.172ff). Dies hat er mit sei­nem Roman bereits sehr gut getan.

Fazit: Ein Buch, das man so schnell nicht ver­gisst und des­sen Lek­tü­re sich defi­ni­tiv lohnt!

Du magst den Erzähl­stil von Mor­ton Rhue? Dann lies noch sei­ne ande­ren Bücher, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: Die Wel­le” (1984, Expe­ri­ment, Natio­nal­so­zia­lis­mus, einer sei­ner bekann­tes­ten TLesealternativenitel), “Ich knall euch ab!” (2002, Amok­lauf), Asphalt tri­be” (2004, Leben auf der Stra­ße), Ghet­to kidz” (2005, Gewalt, Kri­mi­na­li­tät), “Boot camp” (2006, Erzie­hungs­an­stalt), “Fame Jun­kies” (2010, Berühmt­heit, fand ich sehr bewe­gend!), “No place, no home” (plötz­li­che Armut, sehr gut umge­setzt), Dschi­had online” (2016, hef­tig!) und sein letz­tes Buch “Crea­tu­re: Gefahr aus der Tie­fe” (2017, mal eine ganz ande­re Rich­tung, aber sehr gelun­gen). Unter sei­nem rich­ti­gen Namen als Todd Stras­ser hat er noch drei Thril­ler ver­öf­fent­licht, die mir alle sehr gefal­len haben: “Wish u were dead” (2010, Mob­bing), “Blood on my hands” (2011, Mord­fall) und “Dying for Beau­ty” (2012, Ver­schwin­den drei­er Models). Trau­ma­ti­siert durch den Krieg, das fin­dest du eben­so in fol­gen­den Jugend­bü­chern“Woun­ded” von Eric Wal­ters, “So fern wie nah” von John Boy­ne und “Ver­sehrt” von Patri­cia McCor­mick. Oder lies Im toten Win­kel: Tage­buch eines jun­gen US-Sol­da­ten” von Wal­ter Dean Myers.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-31685-1
Erscheinungsdatum: 21.März 2018
Einbandart: Broschur
Preis: 10,99€ 
Seitenzahl: 176 
Übersetzer: Nicolai von Schweder-Schreiner
Originaltitel: "The price of freedom"
Originalverlag: (bisher noch keine englische Ausgabe erschienen)
Originalcover: (bisher noch keine englische Ausgabe erschienen)

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

2 Kommentare

  1. Robert Moelter

    Sehr gute Buch­vor­stel­lung. Hat mich jeden­falls gepackt, sodass ich mir das Buch heu­te noch bestel­len wer­de. Vie­len Dank

    Antworten
    1. Kasimira (Beitrag Autor)

      Hal­lo Robert,
      dan­ke für dei­ne posi­ti­ve Rück­mel­dung. Ja, das Buch lohnt sich defi­ni­tiv! Viel Spaß beim Lesen:-)

      Lg Kasi­mi­ra

      Antworten

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