Michelle Falkoff — Playlist for the dead

Michelle Falkoff Playlist for the dead15.Mai 2016

Play­list for the dead” ist das ers­te Buch der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Michel­le Falkoff. Ein Roman über Freund­schaft, Sui­zid und Schuld. Ver­bun­den mit einer Play­list, die dem Prot­ago­nis­ten Rät­sel auf­gibt. Eine inter­es­san­te Geschich­te, ein­fühl­sam und bewe­gend erzählt. Ide­al vor allem für Jungs (und Mäd­chen) ab 13 Jah­ren.

Liber­ty­vil­le. Eine klei­ne Gemein­de in Illi­nois. Der 15-jäh­ri­ge Sam will eigent­lich nur sei­nen bes­ten Freund Hay­den aus dem Tief­schlaf wecken. Sie waren ges­tern Abend zusam­men auf einer Par­ty, auf der etwas vor­ge­fal­len ist, für das Sam sich ent­schul­di­gen will: “Als ich ihn da so lie­gen sah, seufz­te ich und über­leg­te, wie ich die Ent­schul­di­gung für ver­gan­ge­ne Nacht, wegen der ich eigent­lich gekom­men war, in die Ent­schul­di­gung ein­flie­ßen las­sen konn­te, die ich ihm schul­dig wäre, wenn ich ihn gleich vom Bett auf den Boden fal­len ließ.” (Zitat aus “Play­list for the dead” S.5) Doch Hay­den wacht nicht auf. Eine lee­re Fla­sche Wod­ka steht auf sei­nem Schreib­tisch. Und Sam fin­det noch eine auf­ge­brauch­te Packung Vali­um­ta­blet­ten neben ihm. “Und dann sah ich noch etwas, was auf den Boden gefal­len war. Einen USB-Stick, der neben einem abge­ris­se­nenNotiz­zet­tel lag. Für Sam, stand dar­auf. Wenn du das hörst, wirst du mich ver­ste­hen. Und dann wähl­te ich den Not­ruf.” (Zitat S.8) Hay­den ist tot. Er hat sich das Leben genom­men. War­um? Das ver­sucht Sam mit Hil­fe der Play­list — der Ansamm­lung ihm bekann­ter oder auch unbe­kann­ter Lie­der — her­aus­zu­fin­den. Er und sein Freund waren bei­de Außen­sei­ter. Sie hat­ten nur ein­an­der. Und auch wenn Hay­den oft Wit­ze über mög­li­che Sui­zid­me­tho­den gemacht hat­te, hät­te Sam nie gedacht, dass sein bes­ter Freund tat­säch­lich Ernst machen wür­de. Hay­den hat­te es nicht leicht. Er war Leg­asthe­ni­ker, ziem­lich mies in der Schu­le und sein Bru­der Ryan und sei­ne zwei Freun­den tyran­ni­sier­ten und quäl­ten ihn, wo sie nur konn­ten. Sei­ne Mut­ter war ent­täuscht von Hay­den und mecker­te stän­dig an ihm her­um. Sein Vater war ent­we­der nicht zu Hau­se oder teil­te die Mei­nung sei­ner Frau. Die Musik und das Com­pu­ter­spie­len waren Sams und Hay­dens gro­ße Gemein­sam­keit. Und doch fin­det Sam bald her­aus, dass es Din­ge gab, die sein bes­ter Freund vor ihm ver­heim­licht hat…

Michelle Falkoff Playlist for the dead27 Lie­der sind auf Hay­dens Play­list und in genau 27 Kapi­tel ist “Play­list for the dead” ein­ge­teilt. Jedes beginnt mit der Über­schrift eines Song­ti­tels mit Inter­pret (wobei die Musik­rich­tung eher etwas alter­na­ti­ver ist) und einem gedruck­ten Play­zei­chen. In den Kapi­teln wie­der­um kom­men­tiert Sam — der aus der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt — die­ses Lied meist in irgend­ei­ner Form: er erin­nert sich zurück, in wel­chem Zusam­men­hang er es gehört hat oder hört es sich gera­de an und denkt dar­über nach. Her­aus­zu­fin­den, wel­che Grün­de Hay­den zu sei­nem Sui­zid getrie­ben haben, stellt einen wesent­li­chen Teil des Buches dar: “Er hat­te Selbst­mord began­gen und mich ganz allein hier zurück­ge­las­sen. […] Ich war mir ziem­lich sicher, dass es mein Schuld war, auch wenn ich im Moment noch nicht bereit war, dar­über nach­zu­den­ken. Aber ich hat­te die Play­list rauf und run­ter gehört und nach einem Song gesucht, der das bestä­ti­gen wür­de, dem Song, der mir die gan­ze Schuld zuwei­sen wür­de. Bis­her hat­te ich ihn noch nicht gefun­den.” (Zitat S.11) Sam hält sich für mit­schul­dig. Das wird immer wie­der her­vor­ge­ho­ben. Jedoch ent­hält er dem Leser wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen. Was ist wirk­lich auf die­ser Par­ty gesche­hen? War­um woll­te sich Sam am nächs­ten Mor­gen ent­schul­di­gen? War das der Grund für Hay­dens Sui­zid? Aber auch Hay­dens Bru­der gibt er die Mit­schuld: “Willst du wirk­lich da rauf­ge­hen und erzäh­len, was für ein tol­ler Bru­der du gewe­sen bist? Obwohl doch alle die Wahr­heit ken­nen? Du warst auf die­ser Par­ty, genau wie ich. Du hät­test alles ver­hin­dern kön­nen. Du hät­test ihn beschüt­zen sol­len, anstatt alles noch schlim­mer zu machen.” (Zitat S.24) Die Suche nach der Wahr­heit macht einen gro­ßen Reiz in der Geschich­te aus (wobei sich die Span­nung auf einem mitt­le­ren Niveau hält). Michelle Falkoff Playlist for the deadZumal ein Unbe­kann­ter unter Hay­dens Chat­na­me plötz­lich Kon­takt mit Sam auf­nimmt und danach auf ein­mal den Freun­den von Ryan etwas Schlim­mes ange­tan wird. Wer übt da Rache? Oder war Sam es gar selbst, so wie die ande­ren behaup­ten? Wobei nicht unbe­dingt die Play­list für viel Klar­heit sorgt, son­dern eher die Ereig­nis­se, die auf Hay­dens Sui­zid fol­gen. Sehr emp­find­sam wird auch auf Sams Gefühl­la­ge ein­ge­gan­gen: “Wäh­rend der letz­ten Tage hat­te ich ihn abwech­selnd ver­misst und gehasst, ich hat­te mich schul­dig und mies gefühlt, ohne zu wis­sen, wie ich mich wirk­lich hät­te füh­len sol­len, außer dass ich mich anders füh­len woll­te, irgend­wie. Er hat­te mich allein­ge­las­sen, und das hät­te ich ihm nie ange­tan, ganz egal, wie sau­er ich wäre. Mit die­sen Gedan­ken im Kopf war es fast unmög­lich gewe­sen zu schla­fen, des­halb war ich oben­drein auch noch völ­lig erschöpft. Erschöpft und wütend. Groß­ar­ti­ge Kom­bi­na­ti­on.” (Zitat S.14) Man kann sich in den Jun­gen sehr gut ein­füh­len und nach­voll­zie­hen, wie es ihm geht. Hay­den war sein ein­zi­ger Freund. Selbst die Strei­te­rei­en zwi­schen ihnen ver­misst er nun. Und auch, wenn Sam neue Leu­te ken­nen­lernt, allen vor­an Astrid, in die er sich ver­liebt, weiß er, dass er sei­nen Freund nie­mals erset­zen kann. Das Ende ist ins sich schlüs­sig (bis auf — für mich — einen Aspekt) und vor allem bewe­gend!

Fazit: Gute Unter­hal­tung, beson­ders für Jungs, die nicht so viel lesen und sich auch mit erns­te­ren The­men befas­sen möch­ten.

Ein Roman, der mir sofort als Alter­na­ti­ve Lesealternativenzu “Play­list for the dead” ein­ge­fal­len ist, ist der moder­ne Klas­si­ker “Tote Mäd­chen lügen nicht” von Jay Asher, wobei in die­sem die 13 Grün­de, die zu dem Tod der Prot­ago­nis­tin füh­ren, auf 13 Kas­set­ten in Erzähl­text erklärt wer­den und nicht in 27 Lie­dern, aus denen die Haupt­fi­gur selbst Schlüs­se zie­hen muss. Die Kom­bi­na­ti­on von Kas­set­te/CD-Hören zwi­schen dem Haupt­er­zähl­teil fin­dest du eben­so in “Press play: Was ich dir noch sagen woll­te” von Ste­ven Cam­den und in “So wüst und schön sah ich noch kei­nen Tag” von Eliza­beth Laban. Grün­de für einen Sui­zid in 34 Zet­tel­bot­schaf­ten muss der Leser in “Du bist das Gegen­teil von allem” von Car­men Rodri­gues ent­schlüs­seln. Vor allem mit dem Gefühl der Schuld bei einem Sui­zid setzt sich die deut­sche Autorin Chris­ti­ne Fehér in “Dann mach ich eben Schluss” sehr inten­siv aus­ein­an­der.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Coppenrath
ISBN: 978-3-649-66884-8
Erscheinungsdatum: 18.März 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,95€ 
Seitenzahl: 272 
Übersetzer: Sonja Häußler
Originaltitel: "Playlist for the dead"
Originalverlag: HarperTeen

Amerikanisches Originalcover:
Michelle Falkoff Playlist for the dead









Kasimiras Bewertung:

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