Michael Wildenhain — Das schöne Leben und der schnelle Tod

Kasimira1.Mai 2019

Das schö­ne Leben und der schnel­le Tod” ist der neu­es­te Roman des deut­schen Schrift­stel­lers Micha­el Wil­den­hain. Eine Geschich­te über einen Jun­gen, der zwi­schen die Fron­ten zwei­er riva­li­sie­ren­der Grup­pen von Schü­lern gerät. Thea­tra­lisch. Inhalt­lich teils äußerst befremd­lich. Anstren­gend zu lesen. Ein Buch, mit dem ich so lei­der über­haupt gar nichts anfan­gen konn­te. Für Jugend­li­che ab 15 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Gabor hat mal wie­der den Wohn­ort gewech­selt. Dies hat er nicht sei­nem ihm unbe­kann­ten Vater zu ver­dan­ken, der nur ab und zu mal eine Post­kar­te oder Geld schickt, son­dern mal wie­der sei­ner Mut­ter: “Immer war was mit einem “scheiß Typen”. Der sie, wie immer, “echt schei­ße behan­delt hat”. Immer schul­de­te sie dem Mann — “behaup­tet er, der Wich­ser” — irgend­wie irgend­wann Geld. Immer war es des­halb ange­ra­ten, die Stadt zu wech­seln. Und immer rede­te sie in den ers­ten Wochen nach dem erneu­ten Umzug von Chefs, die sie “arschig” behan­deln wür­den. Von Vor­ar­bei­tern der Putz­ko­lon­ne, “so echt not­gei­le Exem­pla­re, ehr­lich”.” (Zitat aus “Das schö­ne Leben und der schnel­le Tod” S.51). Gabor zockt am liebs­ten an sei­nem Com­pu­ter. Wäre ger­ne selbst so stark wie der unglaub­li­che
KasimiraHULK oder so geschickt wie DEUS mit sei­ner magi­schen Waf­fe. In den ver­gan­ge­nen Schu­len wur­de er meis­tens geär­gert. Oder “Gabri­el” oder “Gabi” genannt. An der neu­en Schu­le ist es erstaun­li­cher­wei­se nicht so. Kei­ner die­ser Spitz­na­men wird ver­wen­det, um sich über ihn lus­tig zu machen. Dafür gerät Gabor zwi­schen die Erz­fein­de Mozart und Luzi­us, die mit ihrem jewei­li­gen Anhang erbit­ter­te Kämp­fe gegen­ein­an­der füh­ren. In einem Mathe­du­ell vor der gan­zen Klas­se schafft Gabor gegen Luzi­us ein Unent­schie­den und ern­tet Aner­ken­nung von die­sem für sein mathe­ma­ti­sches Talent. Und stellt sich bei einem nächs­ten Gefecht zwi­schen den Erz­ri­va­len auf Luzi­us Sei­te. “Und als Gabor an des­sen Feld­her­ren­hü­gel vor­bei­rennt, hört er den Gebie­ter des Gesche­hens [Mozart], das kaja­l­um­flor­te Mas­ter­mind, mit mil­der Stim­me sagen: “Das war ganz hübsch, mein Klei­ner. Nur hast du, mein Lie­ber, das Spiel nicht Kasimirabegrif­fen. Dei­ne Ent­schei­dung war falsch.” (Zitat S.48) Hat Gabor einen Feh­ler gemacht, indem er Par­tie ergrif­fen hat? Wäh­rend er sich auch noch in die schö­ne Fee ver­liebt, beginnt Gabor lang­sam hin­ter die Hin­ter­grün­de des Kon­flik­tes zu kom­men…

Das Schöns­te an “Das schö­ne Leben und der schnel­le Tod” sind für mich das Cover und der Titel. Bei­de machen neu­gie­rig und wir­ken abseits des Main­streams. Auch der Plott an sich — liest man den Klap­pen­text — klingt wirk­lich inter­es­sant. Jedoch und jetzt kommt das gro­ße ABER, die Umset­zung hat mir per­sön­lich nicht gefal­len. Wie soll man Sym­pa­thie zu einer Figur auf­bau­en, die bereits zu Beginn nicht gera­de ins rech­te Licht gerückt wird, son­dern mit sol­chen Aus­füh­run­gen beschrie­ben wird? — “Er reckt sich, schlurft Rich­tung Bad, zieht einen Kasimiramäch­ti­gen Popel aus sei­nem rech­ten Nasen­loch und denkt: Mann, o, Mann.” (Zitat S.14) Auch das Umfeld, in dem Gabor lebt, sei­ne Schil­de­rung der Ver­hält­nis­se sei­ner Mut­ter gegen­über ihren Lieb­ha­bern — so schlimm die­se auch für ihn sein mögen — wir­ken nicht beson­ders vor­teil­haft“Was zockst du denn so an dei­nem Com­pi? Call of Duty?” Com­pi. Sol­che Idio­ten rut­schen zuhauf über sei­ne Mut­ter drü­ber, im frisch­ge­mach­ten Bett. Oder sie oben, er unten, kennt Gabor alles. Auch das alber­ne Geschrei. Ja, doch, mach’s mir, ja. “Cool, dei­ne Alte.” Das sind sie, die Wor­te des jeweils neu­es­ten Neu­en. Am Sonn­tag­vor­mit­tag mit ver­quol­le­nen Augen.” (Zitat S.61) Wäh­rend zu Beginn des Buches noch ein Pro­log ein­ge­scho­ben wird, der den Grund­kon­flikt zwi­schen Mozart und Luzi­us andeu­tet, wird nun — von einem sich dezent zurück­hal­ten­den all­wis­sen­den Erzäh­ler, der sich jedoch haupt­säch­lich auf Gabor kon­zen­triert — der Haupt­teil erzählt. KasimiraDie­ser teilt sich wie­der­um in ein “Anfang” , ein “Glück” und ein “Ende” auf. Gabor wird bereits vor Schul­be­ginn Zeu­ge einer hef­ti­gen Schlä­ge­rei zwi­schen den riva­li­sie­ren­den Gangs, die er zufäl­lig im Wald beob­ach­tet. Ein Anein­an­der­ge­ra­ten, das zudem auch recht bru­tal dar­ge­stellt wird:Der Arro­ganz­ling, eben­falls blass, wie ein Zom­bie, huscht auf den Hund zu und tritt ihm mit dem schwe­ren Schnür­stie­fel gegen den Kopf. Der Hund jault auf und schüt­telt sei­nen Hun­de­schä­del.” (Zitat S.20ff) Anschlie­ßend schmei­ßen sie sogar noch Stei­ne auf den wim­mern­den Hund, ehe der Anfüh­rer Mozart Ein­halt gebie­tet. Man­che Hand­lun­gen zwi­schen den Jugend­li­chen erschei­nen auch völ­lig absurd und nicht nach­voll­zieh­bar, gehen an Tabu­gren­zen her­an (daher auch die Alters­emp­feh­lung ab 15 Jah­ren!). Immer öfters hat man das Gefühl eines rei­nen Schau­spiels, eines völ­lig über­trie­be­nen, über­zo­ge­nen Thea­ter­stücks. KasimiraHier­zu tra­gen auch die befremd­li­chen, vers­ar­ti­gen Aus­sa­gen von Mozart bei, der sich einer äußerst unge­wohn­ten Sprach­wei­se bedient: “Nanu, nana / wen haben wir denn da — das medio­kre Män­tel­chen…” Und wie an sich selbst gerich­tet, fügt er fast flüs­ternd hin­zu: “O bun­te Welt / was schil­lerst du mir her / allein auf mich gestellt / bedarf ich dein — nie mehr.” (Zitat S.21) Die Spra­che ist anstren­gend zu lesen. Vie­le Sät­ze sind unheim­lich lang und wir­ken unge­lenk. Die Wort­wahl ist zuwei­len etwas merk­wür­dig und anti­quiert wir­kend und lässt einen beim Lesen eher stol­pern, als flüs­sig vor­an­kom­men. “Noch wäh­rend der kaja­l­um­flor­te Anfüh­rer damit beschäf­tigt ist, ein über­le­ge­nes Fei­xen auf sein Gesicht zu malen, lenkt Staub­man­tel die eisen­be­wehr­te Dame mit einer Bewe­gung der rech­ten Hand ab, greift mit der lin­ken nach dem Knüp­pel, zerrt sie zu sich her­an und stößt ihr mit der Stirn die Armie­rung tie­fer ins auf­sprin­gen­de Fleisch — KasimiraBlut auf bei­den Sei­ten.” (Zitat S.22) Manch­mal ist die Wort­wahl dann wie­der locker und fast schon zu läs­sig (“…er habe da eine rich­ti­ge brai­nig coo­le Idee.” Zitat S.187) um mit sel­ten ver­wen­de­ten Wör­tern ein­ge­lei­tet zu wer­den: “Sie steht im dus­te­ren Kor­ri­dor des ver­win­kel­ten Hau­ses von Fees grim­mer Groß­mutter…” Zitat S.187) Die­se Grat­wan­de­rung zwi­schen neu­mo­di­scher, bemüht wir­ken­der Jugend­spra­che und alt­ba­cke­ner Wort­wahl pas­sen für mich nicht wirk­lich zusam­men. Das Ende des Buches lie­fert einen klei­nen Pau­ken­schlag, der dann aber doch zu rasch aus­klingt und irgend­wie dann doch nichts­sa­gend bleibt.

Fazit: Kann ich nicht wei­ter­emp­feh­len.

Du inter­es­sierst dich noch für ande­re Jugend­bü­cher des Autoren? Er hat außer­dem fol­gen­de TiLesealternativentel ver­fasst: “Wer sich nicht wehrt” (1994), “Crash­car” (1995), “Der Augen­blick des Absprungs” (2001), “Die Schwes­tern” (2005), “Mit hei­ßem Herz” (2007), Bluts­brü­der” (2011). Zwei riva­li­sie­ren­de Grup­pen und das The­ma Rache, das fin­dest du auch in “Wir sind nicht zu fas­sen” von Kurt Dinan, das rich­tig cool und unter­halt­sam geschrie­ben ist. Ein wenig habe ich auch an “Die Regeln des Schwei­gens” von Tino Schrödl den­ken müs­sen, in dem ein Jun­ge eben­falls in etwas Uner­war­te­tes hin­ein­ge­rät. Rache nimmt auch die Prot­ago­nis­tin in der Neu­erschei­nung und dem Thril­ler mit Tief­gang “Und dann weiß jeder, was ihr getan habt” von Chris­ti­an Lin­ker, das sich zudem mit gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Hin­ter­grün­den beschäf­tigt.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-7373-5621-3
Erscheinungsdatum: 13.März 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€ 
Seitenzahl: 240 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(0,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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