Michael Sieben — Ponderosa

Michael Sieben Ponderosa24.April 2016

Pondero­sa” ist der Debüt­ro­man des deut­schen Autoren Micha­el Sie­ben, der in den Mit­tel­punkt sei­ner kurz­wei­li­gen Geschich­te drei Jugend­li­che stellt, deren Leben durch das Ver­schwin­den eines Nach­barn auf den Kopf gestellt wird. Ein Roman über das Erwach­sen­wer­den, über Freund­schaft und das sich unwei­ger­li­che Ver­än­dern die­ser. Bedacht­sam und authen­tisch erzählt. Vor allem für Jungs ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Eine klei­ne Sied­lung nahe Frank­furt. Der 15-jäh­ri­ge Kris­ti­an, genannt Kris, ist froh als nach den Oster­fe­ri­en sei­ne zwei bes­ten Freun­de end­lich wie­der zurück sind: Der coo­le Juri, den er schon seit Ewig­kei­ten kennt (er war auf Fur­te­ven­tu­ra) und Jose­phi­ne, die alle Josie nen­nen (sie war in Stutt­gart bei Freun­den). Jetzt tref­fen sie sich wie­der in “ihrer” klei­nen Hüt­te, mit dem Blick auf die Auto­bahn­brü­cke, die sich durch das Tal zieht. “Es gibt nur einen Raum mit zwei Fens­tern, bei einem ist die Schei­be zer­bro­chen, wir haben es mit Plas­tik­fo­lie und Krepp­band zuge­klebt. Über dem Ein­gang beginnt das Flach­dach zu brö­ckeln, an einer Stel­le ragt die Spit­ze eines ros­ti­gen Stahl­git­ters aus dem Beton. […] Ram­bo was here steht mit Edding an der Außen­wand, dane­ben FICKEN, knall­rot.” (Zitat aus “Pondero­sa” S.19ff) Es war Josies Idee die Hüt­te “Pondero­sa” zu nen­nen. Genau­so wie es auf dem Schild stand, das Josies ver­stor­be­ner Vater über sei­nem Schre­ber­gar­ten frü­her hän­gen hat­te. “So heißt die Ranch aus Bonan­za, hat Josie uns erklärt, kennt ihr doch, oder? Juri und ich haben genickt, kla­ro, kennt doch jeder. Zu Hau­se haben wir dann erst mal gegoo­gelt, was bit­te Michael Sieben Ponderosaschön eine Bonan­za sein soll. Eine Wes­tern­se­rie, aus den Sech­zi­gern? Ernst­haft? Also ich fand den Namen am Anfang gar nicht cool. Juri auch nicht. Aber wenn Josie mit ihrem toten Vater kommt, kannst du natür­lich nichts sagen.” (Zitat S.19) Oft zie­hen sie eine Matrat­ze aus der Hüt­te, legen sich dar­auf und schau­en in den Him­mel. Und unter­hal­ten sich. Wie zum Bei­spiel über Josies Nach­barn Mün­ze, der seit Kur­zem ver­schwun­den zu sein scheint. Nor­ma­ler­wei­se ist von neben­an immer Radio oder Fern­se­hen zu hören. Jetzt plötz­lich gar nichts mehr. Nachts hat Josie noch Geschrei und einen Streit gehört. Dann hat Mün­ze, völ­lig betrun­ken, an ihrer Türe gerüt­telt und gekratzt, als ob er das Schloss mit dem Schlüs­sel nicht trifft. Er hat­te sich in der Türe geirrt. Sich bei Josies Mut­ter ent­schul­digt und war davon­ge­zo­gen. Seit­dem hat Josie ihn nie wie­der­ge­se­hen. Er ist der Ein­zi­ge, der ihre Zeich­nun­gen sehen darf, die sie anfer­tigt. Der ein biss­chen wie ein Idol für sie ist, weil er auch Künst­ler ist. Die Drei beschlie­ßen dem nach­zu­ge­hen und stei­gen heim­lich auf Mün­zes Bal­kon, um in die Woh­nung zu sehen. Doch es ist Kris, der kur­ze Zeit spä­ter zufäl­lig auf Mün­ze trifft. Aus­ge­rech­net in der “Pondero­sa”. Der Mann scheint auf der Flucht vor jeman­dem zu sein. Als Kris Josie davon erzäh­len will, wim­melt die ihn an der Türe ab. Will ihn wegen einer Erkäl­tung nicht ein­mal kurz her­ein­las­sen. Auch Juri lässt kaum etwas von sich hören. Was ist los mit sei­nen Freun­den? Kris beschlie­ßen ihnen nichts von Mün­ze zu erzäh­len. Und dem Gan­zen allei­ne auf den Grund zu gehen…

Michael Sieben PonderosaPondero­sa” beginnt mit einem Art Pro­log, der auf Sonn­tag, den drit­ten Mai eines unbe­kann­ten Jah­res datiert ist. Durch inhalt­li­che Frag­men­te, die nach und nach zusam­men­ge­setzt wer­den müs­sen, erfährt der Leser von einer Par­ty; von einem Auto das durch eine Leit­plan­ke gerast ist; von jeman­dem, der auf der Flucht zu sein scheint; jeman­dem, der schwer ver­letzt ist; Josie, die mit Kris nicht mehr spricht; dass es mit­ten in der Nacht ist; dass Kris getrun­ken hat und fest­ge­nom­men wur­de. Dann erst setzt die eigent­li­che Geschich­te ein, die mit den Gescheh­nis­sen drei Wochen zuvor beginnt. Der Anfang ist gut gemacht, er macht neu­gie­rig auf die Hin­ter­grün­de und lässt die Hand­lung des “Haupt­teils” auf ein unwei­ger­li­ches, dra­ma­ti­sches Ende zusteu­ern. Der Roman wird durch­gän­gig aus Kris’ Per­spek­ti­ve erzählt. Die Spra­che ist locker und unkom­pli­ziert, teil­wei­se aber auch sehr jugend­sprach­lich: “Die ers­ten Tage habe ich mich so hard­core gelang­weilt, dass mir nichts ande­res übrig­ge­blie­ben ist, als mich mit Göbel zum Was­te­lands 3-Zocken zu tref­fen. […] Eigent­lich sind Göbel und ich nicht so wahn­sin­nig dicke, aber zum Dad­deln brauchst du auch nicht best fri­ends zu sein.” (Zitat S.22). Dies wirkt authen­tisch und pas­send zur Haupt­fi­gur. Die Dia­lo­ge sind nicht in Anfüh­rungs­zei­chen gesetzt, son­dern wer­den mit Gedan­ken­stri­chen ein­ge­lei­tet, was viel­leicht zunächst ein­mal unge­wohnt, aber über­sicht­lich wirkt. Das Erzähl­tem­po ist manch­mal ein wenig zäh, Micha­el Sie­ben beschreibt vie­le Details. Das Leben in einer klei­nen Sied­lung Michael Sieben Ponderosaoffen­bart er auf sehr rea­lis­ti­sche Wei­se (fast wie einer klei­nen Milieu­stu­die) aller­dings muss man dafür ein paar Län­gen in Kauf neh­men. Sehr sen­si­bel schil­dert der Autor jedoch die Ver­än­de­rung der Freund­schaft zwi­schen den Jugend­li­chen. Die Hüt­te ist zugleich Fix­punkt die­ses Zusam­men­halts: “In der Pondero­sa gibt es nur uns drei. Kei­ne emp­find­li­chen Eltern, kei­ne neu­gie­ri­gen Brü­der, […] nur uns drei. Hier kann Josie rau­chen und Juri mit dem Super-Soa­ker Jagd auf Tau­ben machen, hier kön­nen wir reden oder es sein las­sen und in der Son­ne lie­gen und Comics lesen oder Kar­ten spie­len.” (Zitat S.81) Für Kris ist die Hüt­te und das Tref­fen mit den bes­ten Freun­den wie ein Stück heim­li­che Frei­heit. Vor sei­nem Bru­der, den er nicht ver­steht oder sei­nem Vater, der ihm ner­vi­ge Auf­ga­ben zuweist. Nie­mand aus ihrer Klas­se weiß von der Hüt­te. Außer ihnen. Umso über­rasch­ter ist der Jun­ge über den Aus­spruch sei­nes bes­ten Freun­des: “Kris, jetzt hör mir mal zu: Kei­ner sagt mehr Pondero­sa. Ich nicht und Josie auch nicht. Bestimmt seit einem hal­ben Jahr nicht mehr. Oder noch län­ger. Der Name ist echt durch. Wir sind doch kei­ne zwölf mehr, oder? Wir haben gedacht, du merkst es auch irgend­wann.” (Zitat S.95) Auf ein­mal haben sich da Fron­ten gebil­det. War­um reden sie denn hin­ter sei­nem Rücken über ihn? Was hat sich zwi­schen ihnen ver­än­dert? Das zu erfah­ren liest sich am Ende recht dra­ma­tisch und auf­rei­bend.

LesealternativenFreund­schaft, die sich plötz­lich ver­än­dert, das fin­dest du auch in dem Roman “Raben­som­mer” von Eli­sa­beth Stein­kell­ner auf sehr authen­ti­sche Wei­se. Erwach­sen­wer­den, das mit Ent­täu­schun­gen ver­bun­den ist, erlebt die Prot­ago­nis­tin eben­so in “Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­nen­bril­le absetzt” von Hil­de Kval­va­ag. Ein loh­nens­wer­ter Roman, in dem ein Jun­ge lernt sei­nen eige­nen Weg zu gehen und Mut bewei­sen muss, ist “Kein ein­zi­ges Wort” von Andre­as Jung­wirth.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58346-8
Erscheinungsdatum: 18.März 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€ 
Seitenzahl: 224 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Dir gefällt die­ser Bei­trag? Dann abon­nie­re “Kasi­mi­ra” ein­fach
und erhal­te eine E-Mail
sobald ein neu­er Bei­trag erscheint!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.