Michael Sieben — Das Jahr in der Box

Kasimira3.Mai 2020

Das Jahr in der Box” ist der zwei­te Roman des deut­schen Autoren Micha­el Sie­ben. Eine Geschich­te über einen Jun­gen, der sich durch die Gegen­stän­de einer lan­ge ver­schlos­se­nen Kis­te an die tur­bu­len­ten Gescheh­nis­se des ver­gan­ge­nen Jah­res erin­nert. Freund­schaft, Mob­bing und der Tod eines Mit­schü­lers im Vor­der­grund. Ruhig, unauf­dring­lich, locker und gleich­zei­tig inten­siv erzählt. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Der 16-jäh­ri­ge Paul muss schon wie­der umzie­hen. “Zum drit­ten Mal inner­halb von zwei Jah­ren. Nach­dem Bil­le den Sil­be­rei­sen abser­viert hat, sind wir in einen Plat­ten­bau in Ber­lin-Lich­ten­berg gezo­gen, dann hier­her in Opas Haus, nach Wicker im Wicker­land. Und jetzt, knapp drei­zehn Mona­te spä­ter, der nächs­te Umzug, zwei Stra­ßen wei­ter ins Neu­bau­ge­biet.” (Zitat aus “Das Jahr in der Box” S.8) Und so fällt Paul, als er sei­ne Sachen für den Umzug packt, die Box in die Hän­de, die ganz hin­ten in sei­nem Schrank ver­bor­gen war. Sie ist aus Holz, hat Grif­fe an den Sei­ten und war wohl rechtKasimira teu­er. Sei­ne Mut­ter Bil­le hat sie ihm vor zwei Jah­ren zum Geburts­tag geschenkt. Damit er dar­in Din­ge auf­be­wah­ren kann — was für eine komi­sche Geschenk­idee. Aber Paul hat tat­säch­lich etwas dort hin­ein­ge­legt. Und nun hat er Angst die Kis­te zu öff­nen. “Wenn ich sie auf­ma­che, bleibt mir bestimmt wie­der die Luft weg. Das ist jedes Mal wie ein Tritt in die Magen­gru­be.” (Zitat S.7) Denn dar­in befin­den sich Sachen, die ihn an das letz­te Jahr erin­nern. An alles, was pas­siert ist. Wes­halb er sogar beim Psy­cho­lo­gen war. Paul hat seit Mona­ten nicht mehr in die Box geschaut, hat es zwei, drei Mal ver­sucht, aber es ist ihm nicht gelun­gen. Doch nun fängt er an sich damit aus­ein­an­der­zu­set­zen. Sich zu erin­nern. An das Mob­bing, an Wie­land und die ande­ren, die ihn fer­tig gemacht haben: “Wie­land ist der hin­ter­häl­ti­ge, fie­se Typ, der genau weiß, wie er dich tref­fen kann. Der qua­si einen sieb­ten Sinn für dei­ne Schwä­chen hat. Glotz dage­gen ist ein­fach nur aggro. Wie­lands Pit­bull nen­nen ihn man­che und das passt wirk­lich wie die Faust aufs Auge.” (Zitat S.36) Schon an sei­nem ers­ten Schul­tag, als Paul sich neben Wie­land set­zen muss­te, geriet er mit dem KasimiraKlas­sen­lieb­ling und Sohn eines ver­mö­gen­den Braue­rei­be­sit­zers anein­an­der. Seit­dem wird er stän­dig schi­ka­niert. Ein por­no­gra­fi­sches Video, das ihn angeb­lich zei­gen soll, wird ver­brei­tet und er wird von allen nur noch “Por­no-Paul” genannt. Ihm wird sei­ne Son­nen­bril­le weg­ge­nom­men und nicht mehr zurück­ge­ge­ben. Er wird geschla­gen. Und man legt ihm — der Vege­ta­ri­er ist — Fleisch in den Ruck­sack oder zer­stört sei­ne Schul­sa­chen. Paul freun­det sich mit dem Außen­sei­ter Meh­met und dem selbst­be­wuss­ten Ein­zel­gän­ger Ken an. Aber auch das ändert nichts dar­an, dass im Lau­fe des Jah­res ein Mit­schü­ler sein Leben ver­lie­ren und Paul die­se Bil­der nie wie­der ver­ges­sen wird…

Das Cover wirkt fas­zi­nie­rend. Die dar­in ein­ge­ar­bei­te­ten Gegen­stän­de sind bereits sol­che, die in dem Roman eine Rol­le spie­len. Die Grund­idee des Buches — anhand eini­ger Gegen­stän­de eine Geschich­te zu erzäh­len — ist sehr gelun­gen und bie­tet einen schö­nen roten Faden beim Lesen an: “In mei­nem Zim­mer starrt mich die Box mit auf­ge­klapp­tem Deckel an. Davor lie­gen, ordent­lich auf­ge­reiht, Kens Mes­ser, die Kino­ti­ckets, das rote Band, das iPho­ne, die Ray Ban, der Thea­ter-Fly­er, die Mentos-Dose, die Flint-Geschich­te, der Bier­de­ckel und die Spei­se­kar­te. Die TKasimiraodes­an­zei­ge ist noch in der Box. (Zitat S.62) Die Bedeu­tung all jener Gegen­stän­de wird nach und nach ent­hüllt. Der Roman ist durch­ge­hend aus Pauls Sicht geschrie­ben, in einer eher jugend­sprach­li­chen Art erzählt. Wech­selt zwi­schen Kapi­teln, die die Gegen­stän­de beti­teln und Rück­blen­den aus der Ver­gan­gen­heit ent­hal­ten und Kapi­teln, die die Über­schrift “Heu­te” tra­gen. Letz­te­re spie­len nicht nur in der Gegen­wart, son­dern sind (lei­der) nicht ganz klar abge­grenzt und las­sen immer wie­der Erin­ne­run­gen des Ich-Erzäh­lers auf­kom­men. Ein sti­lis­ti­sches Mit­tel, das Micha­el Sie­ben auch in sei­nem ver­gan­ge­nen Roman benutzt hat, ist wört­li­che Rede nur mit Auf­zäh­lungs­zei­chen zu kenn­zeich­nen. Dar­an muss man sich manch­mal erst etwas gewöh­nen. Dadurch sind jedoch “schnel­le­re” Dia­lo­ge mög­lich. Aber er ver­wen­det das Stil­mit­tel nicht in jedem Kapi­tel. Jene Kapi­tel, die nicht mit “Heu­te” gekenn­zeich­net sind, sind in ganz nor­ma­ler, wört­li­cher Rede geschrie­ben. Paul ist ein Cha­rak­ter mit Ecken und Kan­ten. Ist Vege­ta­ri­er und schreibt heim­lich Super­hel­den­ge­schich­ten. Nennt sei­ne Mut­ter nur “Bil­le” und kennt den gesam­ten U‑Bahn-Lini­en­plan von Ber­lin aus­wen­dig. Neben den Schwer­punkthe­men Mob­bing und Freund­schaft, fin­det sich zudem die Sehn­sucht nach einer Kasimiraers­ten Lie­be in “Das Jahr in der Box”, als Paul Mara eines Nachts ken­nen­lernt und dar­auf­hin ver­sucht sie wie­der­zu­fin­den. Ich wür­de nicht behaup­ten, dass der Roman in einem sehr hohen Erzähl­tem­po geschrie­ben ist. Oft­mals wird sich auch auf die klei­nen Din­ge kon­zen­triert. Doch dadurch wird der Ein­druck von Pauls Erleb­nis­sen umso inten­si­ver. Und irgend­wie will man als Leser dann doch wis­sen, was sich hin­ter manch einer Andeu­tung ver­birgt: “Irgend­wann muss ich rein­schau­en, da kom­me ich nicht drum rum. Das bin ich Mar­ko schul­dig.” (Zitat S.10) War­um ist Mar­ko gestor­ben? In wel­cher Ver­bin­dung stand Paul zu ihm? Und was wird nun sein, nach­dem er mit den Gegen­stän­den aus der Kis­te abge­schlos­sen hat? Kann er das über­haupt — jemals damit abschlie­ßen? Die­se Fra­gen beglei­ten den Leser bis zum Ende. Auf­grund der über­schau­ba­ren Län­ge des Buches und der inter­es­san­ten Grund­idee eig­net sich “Das Jahr in der Box” auch sehr gut für eine Buch­vor­stel­lung oder als Klas­sen­lek­tü­re. Das tem­po­rei­che Ende offen­bart eine raf­fi­nier­te Über­ra­schung. Wenn man auf­merk­sam liest, kommt man selbst drauf;-)

Dir gefällt “Das Jahr in der Box”? Dann lies noch Micha­el Sie­bens ers­ten Roman, der völ­lig unab­hän­gig von deLesealternativenm hier bespro­che­nen Titel zu lesen ist und eben­falls eine Freund­schaft stark in den Vor­der­grund stellt: “Pondero­sa”, vor Kur­zem neu als Taschen­buch erschie­nen. Wor­an ich inhalt­lich gese­hen sofort den­ken muss­te, ist “Trü­ge­risch” von Megan Miran­da. Dies ist zwar ein Thril­ler, aber hier ste­hen auch Kis­ten im Mit­tel­punkt, in die ein jun­ges Mäd­chen Gegen­stän­de hin­ein­packt, als sie das Zim­mer ihres ver­stor­be­nen (Ex-)Freundes aus­räu­men soll. Jeder Gegen­stand eine Erin­ne­rung an die Ver­gan­gen­heit. Ein sehr gelun­ge­nes Buch! Eine been­de­te Bezie­hung, die anhand von Gegen­stän­den erzählt wird, ist zudem “43 Grün­de, war­um es AUS ist” von Dani­el Hand­ler. Oder lies das bekann­te “Tote Mäd­chen lügen nicht” von Jay Asher. Hier erin­nert sich ein Jun­ge anhand von Kas­set­ten an ein nun totes Mäd­chen. Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit wer­den hier auch geschickt mit­ein­an­der ver­knüpft. Mob­bing inter­es­siert dich? Eine schö­ne Neu­erschei­nung hier­zu ist “Nils geht” von Gabi Kres­leh­ner. Ande­re Titel zum The­ma Mob­bing fin­dest du hier.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58396-3
Erscheinungsdatum: 5.März 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 251
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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