Meredith Russo — Birthday: Eine Liebesgeschichte

Kasimira19.Februar 2021

Die ame­ri­ka­ni­sche Autorin Mer­edith Rus­so, die selbst trans­gen­der ist und seit eini­gen Jah­ren als Frau lebt, hat mit “Bir­th­day: Eine Lie­bes­ge­schich­te” einen äußerst raf­fi­niert kom­po­nier­ten Com­ing-of-Age-Roman geschrie­ben. Er stellt die Freund­schaft zwei­er Teen­ager in den Mit­tel­punkt, die sich immer mehr zu ver­än­dern beginnt, als einer der bei­den Jungs sich als Mäd­chen zu füh­len beginnt, sich aber nicht traut die­ses Geheim­nis zu offen­ba­ren. Ein Buch über die Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät, der eige­nen Sexua­li­tät und über den Mut, den es braucht um zu sich selbst zu ste­hen. Ein außer­ge­wöhn­lich berüh­ren­des, mit viel Fein­ge­fühl erzähl­tes Werk. Eine emo­tio­na­le Ach­ter­bahn der Gefüh­le — eine Freund­schafts­ge­schich­te, eine Lie­bes­ge­schich­te, eine Fami­li­en­ge­schich­te und so viel mehr. Die­se Autorin soll­te man sich defi­ni­tiv mer­ken! Lese­tipp. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und für Erwachsene.

The­be. Ten­nes­se. Der 13-jäh­ri­ge Mor­gan hat ein Geheim­nis. Ein unheim­lich gro­ßes, bei­na­he unaus­sprech­li­ches, erdrü­cken­des Geheim­nis. Schon seit eini­ger Zeit über­legt er es sei­nem bes­ten Freund Eric zu erzäh­len. Als sie ihren 13.Geburtstag zusam­men fei­ern und mit ihren Fami­li­en im Schwimm­bad abhän­gen, ist er kurz davor ihm die Wahr­heit zu geste­hen: “Wenn Eric wie­der oben ist, sage ich es ihm. Zehn Sekun­den. Ich sage ihm, dass ich eigent­lich ein Mäd­chen bin und es als Jun­ge nicht mehr aus­hal­ten kann. Dass ich jeden Tag das Gefühl habe,Kasimira ein wenig mehr zu ster­ben.” (Zitat aus “Bir­th­day: Eine Lie­bes­ge­schich­te” S.10). Eric und Mor­gan sind bes­te Freun­de. Sie ken­nen sich seit ihrer Geburt. Sind am glei­chen Tag auf die Welt gekom­men. Ihre Eltern haben sich damals im Kran­ken­haus ken­nen­ge­lernt, als es mit­ten im Herbst einen Schnee­sturm gab und sie für ein paar Tage im dort fest­sa­ßen. “Im Lau­fe die­ser drei Herbst­ta­ge kamen Eric und ich auf die Welt und unse­re Eltern — unse­re Fami­li­en — wur­den Freun­de fürs Leben. Seit­dem machen wir alles zusam­men. Ein gemein­sa­mer Geburts­tag wur­de ein gemein­sa­mes Leben. Lan­ge waren wir mit Erics Fami­lie enger ver­bun­den als mit unse­ren eige­nen Onkeln, Tan­ten, Cou­si­nen und Cou­sins.” (Zitat S.14) Doch Mor­gan schafft es nicht, er kann Eric ein­fach nicht die Wahr­heit sagen. Auch sei­nem Vater nicht, mit dem er in einem Wohn­wa­gen­park lebt, seit sei­ne Mut­ter vor zwei Jah­ren an Krebs gestor­ben ist und sie die alte Woh­nung auf­ge­ge­ben haben. Ebenso
Kasimiradas Foot­ball­spie­len hat Mor­gan auf­ge­ge­ben. Es passt nicht mehr zu ihm. Zu sei­nem Gefühl im fal­schen Kör­per zu sein. Eigent­lich ein Mäd­chen zu sein. “Ich habe ver­sucht, es für mich zu behal­ten. Jeden Tag nimmt das läh­men­de Gefühl zu, füh­le ich mich mehr wie ein Mons­ter und habe Angst, in den Spie­gel zu schau­en. Er zeigt mir deut­lich, dass ich mich in einen gro­ßen, behaar­ten Mann ver­wan­de­le, etwas, das nie­mals rück­gän­gig gemacht wer­den kann.” (Zitat S.10) Eric ahnt, dass sein Freund etwas vor ihm ver­birgt. Er ist stil­ler, zurück­hal­ten­der gewor­den. Er ver­mu­tet, dass er schwul sein könn­te. Dass es viel­leicht das ist, was ihn so ver­schlos­sen macht. “Für mich ist Mor­gan ein­fach Mor­gan, wie er es immer gewe­sen ist, nur trau­ri­ger und mit jedem Tag distan­zier­ter. Wenn er schwul ist, dann wäre es doch bestimmt gut für ihn zu hören, dass es okay ist. Aber wenn er es nicht ist und ich ihn unab­sicht­lich krän­ke? Ich habe ein­fach das Bedürf­nis, ihm zu sagen, dass alles gut wird, egal, was es ist. (Zitat S.49) Eric, der das Klim­pern auf der Gitar­re liebt, Kasimiraspielt eben­falls Foot­ball. Wird dazu getrie­ben immer bes­ser zu wer­den, vor allem von sei­nem stren­gen Vater, der einen enor­men Druck auf ihn aus­übt. An ihrem 14.Geburtstag, den sie wie immer zusam­men ver­brin­gen, ist Eric ein wenig betrun­ken. Ver­liert sei­ne Bril­le. Sieht Mor­gan mit sei­nen lan­gen Haa­ren wirk­lich fast wie ein Mäd­chen aus? Uner­war­tet kom­men Eric und Mor­gan sich an die­sem Abend näher. Das ver­än­dert alles…

Das Cover ist so sim­pel wie ein­drucks­voll gestal­tet — macht neu­gie­rig, da man sich unter der Kom­bi­na­ti­on Geburts­tag und Lie­bes­ge­schich­te nicht wirk­lich viel vor­stel­len kann. Doch betrach­tet man Mer­edith Rus­sos Roman im Gesamt­werk, ist ihre Erzähl­art bril­lant gewählt. Sie berich­tet über das Leben zwei­er Teen­ager in der jewei­li­gen Ich-Per­spek­ti­ve in einem Zeit­raum von sechs Jah­ren und greift dabei immer nur einen ein­zi­gen Tag her­aus — den Geburts­tag Kasimiravon Eric und Mor­gan. In sechs Tei­len, die jeder für sich mit einer abge­bil­de­ten Ker­ze und der Zahl des jewei­li­gen Geburts­tags begin­nen, wer­den die bei­den — ange­fan­gen mit 13 Jah­ren — schließ­lich 18 Jah­re alt. In sich abwech­seln­den Per­spek­ti­ven erzählt jeder von den Erleb­nis­sen an die­sem Tag. Die Spra­che in “Bir­th­day: Eine Lie­bes­ge­schich­te” ist meist ein­fach, doch teils sehr lite­ra­risch, wie man schon am ers­ten Satz des Romans merkt: “Ich hal­te den Atem an, wäh­rend ich zwi­schen wabern­dem Son­nen­licht und dem Dun­kel­blau der Tie­fe schwe­be. Ich rude­re mit den Armen und pad­de­le mit den Füßen, trä­ge wie Gezei­ten­strö­mung. Ich bin noch nicht bereit, wie­der nach oben zu kom­men, weil mich an der Ober­flä­che zu vie­les erwar­tet. Ande­rer­seits weiß ich, dass ich mich nicht ewig trei­ben las­sen kann.” (Zitat S.9) Was aber beson­ders bemer­kens­wert in dem Buch ist, ist die Dar­stel­lung der Cha­rak­te­re. So ein­fühl­sam, so authen­tisch — die Gefühls­welt vor allem von Mor­gan in Wor­te zu Kasimirafas­sen, das ist Mer­edith Rus­so — die auf­grund eige­ner Erfah­run­gen sicher­lich weiß, wovon sie schreibt — sehr gelun­gen. Die wider­sprüch­li­chen Gefüh­le, die er durch­lebt, die Zer­ris­sen­heit, aber auch die Ein­sam­keit sind unheim­lich gut getrof­fen: “Es gibt kei­ne Mög­lich­keit, sich bes­ser zu füh­len, außer als Frau zu leben. Doch das könn­te ich nicht aus­hal­ten. Viel­leicht weil ich die Mög­lich­keit nicht ertra­gen kann, Dads und Erics Respekt zu ver­li­ren. […] Ich spü­re mit abso­lu­ter Klar­heit, dass die­se Sache mich umbrin­gen wird. Ich schreie aus vol­lem Hals los, weil ich nicht weiß, an wen ich mich wen­den soll. Was soll ich denn nun machen?” (Zitat S.161) Auch Trau­er ist in dem Roman ein gro­ßes The­ma, da Mor­gan an jedem Geburts­tag eine Video­bot­schaft oder einen Brief sei­ner ver­stor­be­nen Mut­ter erhält, wel­che die­se vor ihrem Tod bereits vor­be­rei­te­te. Gera­de mit “mein Sohn” oder “Jun­ge” ange­spro­chen oder ange­schrie­ben zu wer­den, trifft Mor­gan über die Maßen: Mein wah­res Ich hat sie nicht gekannt und nun ist sie für immer fort. KasimiraAls sie starb, hielt sie mich für ihren Sohn und, außer wenn es den Him­mel wirk­lich geben soll­te, wer­de ich in die­sem letz­ten, ent­setz­li­chen, unend­li­chen Augen­blick für immer ihr Sohn sein.” (Zitat S.61) Die Wand­lung der Prot­ago­nis­ten zu erle­ben, liest sich ziem­lich ergrei­fend, jedes Jahr staunt man bereits über deren Ent­wick­lung, die Ver­än­de­run­gen, die inner­halb eines Jah­res pas­siert sind und ver­folgt gespannt mit, was sich in der Zwi­schen­zeit alles ereig­net hat. Auch klei­ne­re Rück­blen­den oder Erin­ne­run­gen an ver­gan­ge­ne Erleb­nis­se durch­zie­hen den Text. Zuwei­len möch­te man sich man­che For­mu­lie­run­gen am liebs­ten anstrei­chen, so tref­fend und bild­haft gewählt sind sie: “Ich fra­ge mich, wie es in Mor­gans Herz aus­sieht im Ver­gleich zu mei­nem. Leer ist bestimmt nicht das rich­ti­ge Wort, aller­dings ist es das ers­te, was mir in den Sinn kommt. Mini­ma­lis­tisch viel­leicht. Viel­leicht ist es mehr wie bei Yin und Yang und sein Herz ist ein dunk­ler, küh­ler Raum nach einem hei­ßen, anstren­gen­den Tag.” (Zitat S.174) “Bir­th­day: Eine Lie­bes­ge­schich­te” ver­langt dem Leser eini­ges ab, fes­selt, begeis­tert und ist hoch­gra­dig emo­tio­nal. Eine außer­ge­wöhn­li­che Geschich­te, die man kaum zur Sei­te legen möch­te und hin­sicht­lich dem The­ma der Diver­si­tät ein wich­ti­ges Zei­chen setzt.

Dir gefällt Mer­edith Rus­sos Erzähl­stil? Dann lies unbe­dingt noch ihren teil­wei­se auto­bio­gra­fi­schen Debüt­ro­man “Als ich Aman­da wur­de”, der in den USA zu einem der ers­ten Roma­ne zum The­ma Trans­gen­der zählt. Die­sel­be The­ma­tik greift auLesealternativench die Neu­erschei­nung “Mein Bru­der heißt Jes­si­ca” von John Boy­ne auf. Aller­dings erzählt aus der Per­spek­ti­ve des jün­ge­ren Bru­ders. Her­aus­ra­gend ist eben­so “Geor­ge” von Alex Gino, aus der Sicht eines Jun­gen erzählt, der sich als Mäd­chen fühlt. Die glei­che Per­spek­ti­ve erlebst du in “Zusam­men wer­den wir leuch­ten” von Lisa Wil­liam­son. Genau anders her­um ist es in “Jen­ny mit O” von Karen-Sus­an Fes­sel. Zum The­ma Inter­se­xua­li­tät gibt es eben­so einen Titel der­sel­ben Autorin“Lie­be macht anders” und von Chris­ti­ne Fehér: “Weil ich so bin”Gut könn­te ich mir auch “Bus 57” von Dash­ka Sla­ter und “Und mit­ten­drin ich” von Ami Polon­sky vor­stel­len. Und in “Mei­ne Mut­ter, sein Exmann und ich” von T.A.Wegberg möch­te die Mut­ter des Prot­ago­nis­ten zum Mann wer­den. Ein trans­se­xu­el­les Mäd­chen taucht als Neben­fi­gur übri­gens auch in dem gran­di­os geschrie­be­nen “Clean” von Trans­frau Juno Daw­son auf. Oder freue dich auch die Neu­erschei­nung, die im April her­aus­kom­men wird von Mar­nie Schae­fers “A new sea­son: My Lon­don dream”. Zwei Geschich­ten, die in Zeit­sprün­gen erzählt wer­den, sind zum Bei­spiel “Nächs­tes Jahr am sel­ben Tag” von Col­le­en Hoo­ver und “Zwei an einem Tag” von David Nichol­ls

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-0973-2
Erscheinungsdatum: 13.Januar 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 16,95€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: Anne Brauner, Susanne Klein
Originaltitel: "Birthday
Originalverlag: MacMillan Publishers

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira











Trailer zum Buch (auf Englisch):

Kasimira auf Instagram:

Kasimira

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

-------------------------------------------------------------
Amerikanisches Cover: Homepage von MacMillan Publishers

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner