Die amerikanische Autorin Meredith Russo, die selbst transgender ist und seit einigen Jahren als Frau lebt, hat mit “Birthday: Eine Liebesgeschichte” einen äußerst raffiniert komponierten Coming-of-Age-Roman geschrieben. Er stellt die Freundschaft zweier Teenager in den Mittelpunkt, die sich immer mehr zu verändern beginnt, als einer der beiden Jungs sich als Mädchen zu fühlen beginnt, sich aber nicht traut dieses Geheimnis zu offenbaren. Ein Buch über die Suche nach der eigenen Identität, der eigenen Sexualität und über den Mut, den es braucht um zu sich selbst zu stehen. Ein außergewöhnlich berührendes, mit viel Feingefühl erzähltes Werk. Eine emotionale Achterbahn der Gefühle — eine Freundschaftsgeschichte, eine Liebesgeschichte, eine Familiengeschichte und so viel mehr. Diese Autorin sollte man sich definitiv merken! Lesetipp. Für Jugendliche ab 14 Jahren und für Erwachsene.
Thebe. Tennesse. Der 13-jährige Morgan hat ein Geheimnis. Ein unheimlich großes, beinahe unaussprechliches, erdrückendes Geheimnis. Schon seit einiger Zeit überlegt er es seinem besten Freund Eric zu erzählen. Als sie ihren 13.Geburtstag zusammen feiern und mit ihren Familien im Schwimmbad abhängen, ist er kurz davor ihm die Wahrheit zu gestehen: “Wenn Eric wieder oben ist, sage ich es ihm. Zehn Sekunden. Ich sage ihm, dass ich eigentlich ein Mädchen bin und es als Junge nicht mehr aushalten kann. Dass ich jeden Tag das Gefühl habe,
ein wenig mehr zu sterben.” (Zitat aus “Birthday: Eine Liebesgeschichte” S.10). Eric und Morgan sind beste Freunde. Sie kennen sich seit ihrer Geburt. Sind am gleichen Tag auf die Welt gekommen. Ihre Eltern haben sich damals im Krankenhaus kennengelernt, als es mitten im Herbst einen Schneesturm gab und sie für ein paar Tage im dort festsaßen. “Im Laufe dieser drei Herbsttage kamen Eric und ich auf die Welt und unsere Eltern — unsere Familien — wurden Freunde fürs Leben. Seitdem machen wir alles zusammen. Ein gemeinsamer Geburtstag wurde ein gemeinsames Leben. Lange waren wir mit Erics Familie enger verbunden als mit unseren eigenen Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins.” (Zitat S.14) Doch Morgan schafft es nicht, er kann Eric einfach nicht die Wahrheit sagen. Auch seinem Vater nicht, mit dem er in einem Wohnwagenpark lebt, seit seine Mutter vor zwei Jahren an Krebs gestorben ist und sie die alte Wohnung aufgegeben haben. Ebenso
das Footballspielen hat Morgan aufgegeben. Es passt nicht mehr zu ihm. Zu seinem Gefühl im falschen Körper zu sein. Eigentlich ein Mädchen zu sein. “Ich habe versucht, es für mich zu behalten. Jeden Tag nimmt das lähmende Gefühl zu, fühle ich mich mehr wie ein Monster und habe Angst, in den Spiegel zu schauen. Er zeigt mir deutlich, dass ich mich in einen großen, behaarten Mann verwandele, etwas, das niemals rückgängig gemacht werden kann.” (Zitat S.10) Eric ahnt, dass sein Freund etwas vor ihm verbirgt. Er ist stiller, zurückhaltender geworden. Er vermutet, dass er schwul sein könnte. Dass es vielleicht das ist, was ihn so verschlossen macht. “Für mich ist Morgan einfach Morgan, wie er es immer gewesen ist, nur trauriger und mit jedem Tag distanzierter. Wenn er schwul ist, dann wäre es doch bestimmt gut für ihn zu hören, dass es okay ist. Aber wenn er es nicht ist und ich ihn unabsichtlich kränke? Ich habe einfach das Bedürfnis, ihm zu sagen, dass alles gut wird, egal, was es ist.” (Zitat S.49) Eric, der das Klimpern auf der Gitarre liebt,
spielt ebenfalls Football. Wird dazu getrieben immer besser zu werden, vor allem von seinem strengen Vater, der einen enormen Druck auf ihn ausübt. An ihrem 14.Geburtstag, den sie wie immer zusammen verbringen, ist Eric ein wenig betrunken. Verliert seine Brille. Sieht Morgan mit seinen langen Haaren wirklich fast wie ein Mädchen aus? Unerwartet kommen Eric und Morgan sich an diesem Abend näher. Das verändert alles…
Das Cover ist so simpel wie eindrucksvoll gestaltet — macht neugierig, da man sich unter der Kombination Geburtstag und Liebesgeschichte nicht wirklich viel vorstellen kann. Doch betrachtet man Meredith Russos Roman im Gesamtwerk, ist ihre Erzählart brillant gewählt. Sie berichtet über das Leben zweier Teenager in der jeweiligen Ich-Perspektive in einem Zeitraum von sechs Jahren und greift dabei immer nur einen einzigen Tag heraus — den Geburtstag
von Eric und Morgan. In sechs Teilen, die jeder für sich mit einer abgebildeten Kerze und der Zahl des jeweiligen Geburtstags beginnen, werden die beiden — angefangen mit 13 Jahren — schließlich 18 Jahre alt. In sich abwechselnden Perspektiven erzählt jeder von den Erlebnissen an diesem Tag. Die Sprache in “Birthday: Eine Liebesgeschichte” ist meist einfach, doch teils sehr literarisch, wie man schon am ersten Satz des Romans merkt: “Ich halte den Atem an, während ich zwischen waberndem Sonnenlicht und dem Dunkelblau der Tiefe schwebe. Ich rudere mit den Armen und paddele mit den Füßen, träge wie Gezeitenströmung. Ich bin noch nicht bereit, wieder nach oben zu kommen, weil mich an der Oberfläche zu vieles erwartet. Andererseits weiß ich, dass ich mich nicht ewig treiben lassen kann.” (Zitat S.9) Was aber besonders bemerkenswert in dem Buch ist, ist die Darstellung der Charaktere. So einfühlsam, so authentisch — die Gefühlswelt vor allem von Morgan in Worte zu
fassen, das ist Meredith Russo — die aufgrund eigener Erfahrungen sicherlich weiß, wovon sie schreibt — sehr gelungen. Die widersprüchlichen Gefühle, die er durchlebt, die Zerrissenheit, aber auch die Einsamkeit sind unheimlich gut getroffen: “Es gibt keine Möglichkeit, sich besser zu fühlen, außer als Frau zu leben. Doch das könnte ich nicht aushalten. Vielleicht weil ich die Möglichkeit nicht ertragen kann, Dads und Erics Respekt zu verliren. […] Ich spüre mit absoluter Klarheit, dass diese Sache mich umbringen wird. Ich schreie aus vollem Hals los, weil ich nicht weiß, an wen ich mich wenden soll. Was soll ich denn nun machen?” (Zitat S.161) Auch Trauer ist in dem Roman ein großes Thema, da Morgan an jedem Geburtstag eine Videobotschaft oder einen Brief seiner verstorbenen Mutter erhält, welche diese vor ihrem Tod bereits vorbereitete. Gerade mit “mein Sohn” oder “Junge” angesprochen oder angeschrieben zu werden, trifft Morgan über die Maßen: “Mein wahres Ich hat sie nicht gekannt und nun ist sie für immer fort.
Als sie starb, hielt sie mich für ihren Sohn und, außer wenn es den Himmel wirklich geben sollte, werde ich in diesem letzten, entsetzlichen, unendlichen Augenblick für immer ihr Sohn sein.” (Zitat S.61) Die Wandlung der Protagonisten zu erleben, liest sich ziemlich ergreifend, jedes Jahr staunt man bereits über deren Entwicklung, die Veränderungen, die innerhalb eines Jahres passiert sind und verfolgt gespannt mit, was sich in der Zwischenzeit alles ereignet hat. Auch kleinere Rückblenden oder Erinnerungen an vergangene Erlebnisse durchziehen den Text. Zuweilen möchte man sich manche Formulierungen am liebsten anstreichen, so treffend und bildhaft gewählt sind sie: “Ich frage mich, wie es in Morgans Herz aussieht im Vergleich zu meinem. Leer ist bestimmt nicht das richtige Wort, allerdings ist es das erste, was mir in den Sinn kommt. Minimalistisch vielleicht. Vielleicht ist es mehr wie bei Yin und Yang und sein Herz ist ein dunkler, kühler Raum nach einem heißen, anstrengenden Tag.” (Zitat S.174) “Birthday: Eine Liebesgeschichte” verlangt dem Leser einiges ab, fesselt, begeistert und ist hochgradig emotional. Eine außergewöhnliche Geschichte, die man kaum zur Seite legen möchte und hinsichtlich dem Thema der Diversität ein wichtiges Zeichen setzt.
Dir gefällt Meredith Russos Erzählstil? Dann lies unbedingt noch ihren teilweise autobiografischen Debütroman “Als ich Amanda wurde”, der in den USA zu einem der ersten Romane zum Thema Transidentität zählt. Dieselbe Thematik greift au
ch die Neuerscheinung “Mein Bruder heißt Jessica” von John Boyne auf. Allerdings erzählt aus der Perspektive des jüngeren Bruders. Herausragend ist ebenso “George” von Alex Gino, aus der Sicht eines Jungen erzählt, der sich als Mädchen fühlt. Die gleiche Perspektive erlebst du in “Zusammen werden wir leuchten” von Lisa Williamson. Genau anders herum ist es in “Jenny mit O” von Karen-Susan Fessel. Zum Thema Intersexualität gibt es ebenso einen Titel derselben Autorin: “Liebe macht anders” und von Christine Fehér: “Weil ich so bin”. Gut könnte ich mir auch “Bus 57” von Dashka Slater und “Und mittendrin ich” von Ami Polonsky vorstellen. Und in “Meine Mutter, sein Exmann und ich” von T.A.Wegberg möchte die Mutter des Protagonisten zum Mann werden. Ein Transmädchen taucht als Nebenfigur übrigens auch in dem grandios geschriebenen “Clean” von Transfrau Juno Dawson auf. Oder freue dich auch die Neuerscheinung, die im April herauskommen wird von Marnie Schaefers “A new season: My London dream”. Zwei Geschichten, die in Zeitsprüngen erzählt werden, sind zum Beispiel “Nächstes Jahr am selben Tag” von Colleen Hoover und “Zwei an einem Tag” von David Nicholls.
Bibliografische Angaben:Verlag: Loewe ISBN: 978-3-7432-0973-2 Erscheinungsdatum: 13.Januar 2021 Einbandart: Broschur Preis: 16,95€ Seitenzahl: 320 Übersetzer: Anne Brauner, Susanne Klein Originaltitel: "Birthday Originalverlag: MacMillan Publishers Amerikanisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):
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Verlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-0973-2
Erscheinungsdatum: 13.Januar 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 16,95€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: Anne Brauner, Susanne Klein
Originaltitel: "Birthday
Originalverlag: MacMillan Publishers
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