Melissa C. Hill — Evermind: Sie kennt dich

19.Oktober 2025

“Ever­mind: Sie kennt dich” ist ein dys­to­pi­scher Roman der deut­schen Autorin Melis­sa C.Hill, die in eine Welt in der Zukunft ent­führt, in der die Men­schen einer künst­li­chen Intel­li­genz erlaubt haben, das Steu­er zu über­neh­men. Um den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels und einer zer­stör­ten Erde zu ent­ge­hen, hat die KI die Men­schen in den Unter­grund zie­hen las­sen und kon­trol­liert und orga­ni­siert den All­tag. Unter­halb von New York bei­spiels­wei­se in der “City” lebt die 16-jäh­ri­ge Livia, die MAM, die Stim­me der KI, voll­kom­men ver­traut. Sie ist für­sorg­lich, auf­merk­sam und immer für sie da. Prüft ihre Vital­wer­te, berech­net, was sie essen und wel­chen Beruf sie erler­nen soll. Doch als Livia anfängt als Kran­ken­pfle­ge­rin zu arbei­ten und sie den unnah­ba­ren Cas­si­an ken­nen­lernt, kom­men ihr all­mäh­lich Zwei­fel. Kann es sein, dass MAM doch nicht alles rich­tig macht? Bald stößt sie auf noch mehr erschre­cken­de Wahr­hei­ten… Eine wirk­lich gelun­ge­ne Dys­to­pie! Melis­sa C.Hill ver­steht es ein­fach rich­tig gut zu unter­hal­ten. Lang­wei­le? Fehl­an­zei­ge. Die Geschich­te die­ser äußerst fas­zi­nie­ren­den und gut durch­dach­ten Welt zieht defi­ni­tiv in den Bann. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Eine Welt in der Zukunft. Eine KI, die nur “MAM” genannt wird, hat die Fäden in der Hand. Dazu haben sich damals unzäh­li­ge Regie­run­gen per Ver­trag ent­schie­den. Denn nur die KI allein hät­te sogar Welt­krie­ge ver­hin­dern kön­nen. Sie ist so hoch ent­wi­ckelt, dass sie nur das Bes­te für die Men­schen errech­net. Des­halb leben die Men­schen jetzt unter der Erde. “Bei einer Exkur­si­on ins Atri­um hat man uns erzählt, dass MAM eine beson­ders platz­spa­ren­de Bau­wei­se kon­zi­piert hat, wodurch hier mehr Men­schen pro Qua­drat­me­ter leben kön­nen als es im alten New York, das über uns liegt, der Fall war. Opti­miert zu bau­en und zu leben war not­wen­dig, weil so vie­le Men­schen wie mög­lich in die unter­ir­di­schen Städ­te pas­sen soll­ten. Einen Platz dar­in woll­ten natür­lich die meis­ten haben. Ich hät­te mich auch für die City ent­schie­den, denn die Alter­na­ti­ve war der nahe­zu siche­re Tod an der Erd­ober­flä­che.” (Zitat aus “Ever­mind: Sie kennt dich” S.23) Unter­halb von New York in der “City” lebt auch die 16-jäh­ri­ge Livia. Per Mikro­fon kann sich MAM jeder­zeit zu ihr schal­ten und mit ihr spre­chen. Für ihr täg­li­ches Wohl­be­fin­den und ihren gere­gel­ten All­tag sor­gen. “Du soll­test etwas früh­stü­cken”, stellt MAMs melo­diö­se Stim­me nun fest. “Dein Blut­zu­cker beträgt 69mg/dl. Dein Ruhe­puls ist im Augen­blick gleich erhöht. 82 Schlä­ge pro Minu­te. Alle ande­ren Wer­te befin­den sich im Norm­be­reich. Aller­dings war dei­ne Schlaf­qua­li­tät ver­gangene Nacht man­gel­haft. Du warst unru­hig. […] In letz­ter Zeit kam das häu­fig vor”, bemerkt MAM. “Sechs Mal in den ver­gan­ge­nen drei Wochen. Möch­test du die genau­en Daten ein­se­hen?” (Zitat S.12) MAM hat ein­fach alles im Griff. Orga­ni­siert das unter­ir­di­sche Zusam­men­le­ben aufs Genau­es­te. Livia ist nun mit 16 Jah­ren “voll­jäh­rig” gewor­den und darf als Do-it einen Beruf ergrei­fen. Die­ser wird selbst­ver­ständ­lich von MAM anhand ihrer Berech­nun­gen aus­ge­wählt. Livia soll ins Depart­ment N, wie Nur­se. Sie wird Kran­ken­pfle­ge­tä­tig­kei­ten nach­ge­hen. “Es ist Abnei­gung auf den ers­ten Blick. Ich habe Depart­ment N kaum betre­ten, da wer­de ich von Erin­ne­run­gen an Check-ups und die Anspan­nung beim War­ten auf die Ergeb­nis­se über­spült. Das hier war noch nie mein Lieb­lings­platz in der City, und er wird es auch jetzt nicht wer­den.” (Zitat S.34) Hier kommt Livia das ers­te Mal ins Grü­beln. Kann es sein, dass die KI doch einen Feh­ler gemacht hat? Weil sie sich hier so gar nicht wohl­fühlt? Doch dann lernt Livia nicht nur Cas­si­an näher ken­nen, der ihr Din­ge ver­rät, die sie nie­mals geahnt hät­te und sie bekommt eine neue Pati­en­tin, die Livia noch von frü­her kennt: Mathea, die einen Schlag­an­fall hat­te und nur noch wenig spre­chen kann. Mathea hat sich damals in der Care­grup­pe, als sie noch klei­ner war, unter ande­rem auch um Livia geküm­mert. Hat ihre Fan­ta­sie beflü­gelt, als sie die Kin­der Geschich­ten erzäh­len ließ. Zwei Wahr­hei­ten und eine Lüge, hieß das Spiel, das sie frü­her oft gespielt haben. “Als Kind habe ich es geliebt, mir Geschich­ten aus­zu­den­ken.” (Zitat S.16) Nun erzählt Livia Mathea eine Geschich­te, jedes Mal, wenn sie sie sieht. Aber dann ist Mathea plötz­lich ent­las­sen wor­den, obwohl es ihr doch eigent­lich nicht wirk­lich bes­ser ging. LIvia ist völ­lig durch den Wind. Sie hat ihr doch noch nicht mal das Ende ihrer Geschich­te ver­ra­ten. Als sie die­se in ein Notiz­pro­gramm schrei­ben möch­te, um sie ihr dann zukom­men zu las­sen, beginnt MAM irgend­wann zu meckern. Ihre “Geschich­te” passt in kei­ne Notiz, ist viel zu lang. Also möch­te Livia meh­re­re Notitz-Sei­ten öff­nen. Und darf dies nicht. “Es tut mir leid. Dazu bist du nicht befugt. Von Men­schen ver­fass­te Tex­te sind nicht sicher. Im Upper Age wur­den von Men­schen geschrie­be­ne Tex­te für Pro­pa­gan­da und zum Trans­port kri­mi­nel­len Gedan­ken­guts benutzt. Ich kann nicht garan­tie­ren, dass dein Text frei von uner­wünsch­ten und gefähr­li­chen The­men ist. Aber ich kann einen siche­ren Text für dich gene­rie­ren. Ohne Ras­sis­mus, Ableis­mus, Sexis­mus” (Zitat S.126ff) Dann kommt es sogar noch schlim­mer, plötz­lich wird Livia degra­diert und von einer Level-2-Do-it, die sie war, zu einer Lever-1-Do-it her­un­ter­ge­stuft. Muss umzie­hen und kann ihre Freun­de nur noch in vir­tu­el­len Simu­la­tio­nen besu­chen. Das gefällt Livia gar nicht und all­mäh­lich beginnt sie das gan­ze Sys­tem und vor allem MAM zu hinterfragen…

Das Cover wirkt auf­fäl­lig und pas­send gestal­tet. Der dys­to­pi­sche Roman beginnt mit einem Pro­log, der im Jahr 2044 spielt. “Noch zwei Minu­ten und fünf­zehn Sekun­den. Dax atmet tief durch. Abram mel­det sich über sein Head­set. Fragt, ob er bereit ist. Und wie er das ist. Sie wer­den nach­ein­an­der den zwölf­stel­li­gen Code ein­ge­ben und den Vor­gang anschlie­ßend mit ihren Stim­men veri­fi­zie­ren. Erst dann wird das Mul­ti­pur­po­se Arti­fi­cal Mind voll­um­fäng­lich den Betrieb auf­neh­men. Zwan­zig Sekun­den. Der akus­ti­sche Count­down star­tet.” (Zitat S.10) Die KI wird gestar­tet. Der Haupt­teil spielt 213 Jah­re spä­ter, also im Jahr 2257, was man sich anhand fol­gen­der Text­stel­le ablei­ten kann: “Ihr seid pri­vi­le­giert. Ihr alle. Nicht auf­grund eurer eige­nen Ver­diens­te, son­dern weil eure Vorfahr*innen sich vor zwei­hun­dert­drei­zehn Jah­ren dazu ent­schie­den haben, mei­nem Urteil Glau­ben zu schen­ken, dass die Erd­ober­flä­che nicht mehr lan­ge bewohn­bar sein wür­de. Sie sind mei­ner Ein­la­dung gefolgt und haben unter mei­ner Anlei­tung Städ­te wie die­se in den Unter­grund gebaut” (Zitat S.27) Das Set­ting ist äußerst fas­zi­nie­rend. Die Welt, in die man ein­tau­chen darf, sehr detail­liert beschrie­ben und gut durch­dacht. Auch das vor­her­schen­de Klas­sen­sys­tem ist pas­send dar­ge­stellt (aus­führ­li­che Infos, die jedoch Spoi­ler ent­hal­ten, fin­det man noch im Anhang). “Ever­mind: Sie sieht dich” the­ma­ti­siert die All­mäch­tig­keit der KI, Kon­trol­le und Über­wa­chung. Ein All­tag, der für Livia völ­lig nor­mal ist. “Kof­fe­in und Stim­mungs­auf­hel­ler […]. Wir bekom­men immer genau das, was unser Kör­per MAMs Berech­nun­gen zufol­ge brau­chen. Die exak­te Nähr­stoff­men­ge, alle Vit­ami­ne, Mine­ral­stof­fe und bei Bedarf auch Medi­ka­men­te.” (Zitat S.57) Sie fühlt sich ver­sorgt und ver­stan­den. Bis sie anfängt, zu zwei­feln. Denn es ist die Mensch­lichkeit, die eine Maschi­ne nicht leis­ten kann. “Wenn ich sie fra­gen wür­de, könn­te sie mir in Sekun­den­schnel­le die Top-5-Lösungs­stra­te­gien berech­nen. Nur habe ich als Kind schon lie­ber in Mathe­as war­men, wei­chen Armen geweint, wenn etwas nicht gut gelau­fen ist, anstatt mir Lösungs­vor­schlä­ge durch­rech­nen zu las­sen.” (Zitat S.74) Livia macht in dem Buch eine glaub­haf­te Wand­lung durch. Wird zu einer selbst­be­wuss­ten, jun­gen Frau, die über sich hin­aus­wächst und eigen­stän­dig zu den­ken lernt. Eine gro­ße Stär­ke der Geschich­te ist die durch­gän­gig hoch gehal­te­ne Span­nungs­kur­ze. Eigent­lich pas­siert immer irgend­was und man folgt Livia und ihren Erleb­nis­sen sehr auf­merk­sam. Will eigent­lich stän­dig wis­sen, wie es wei­ter­geht. Auch das Ende ist ein Rausch vol­ler Adre­na­lin und höchst span­nend, auch wenn ich man­che “Gedan­ken­gän­ge” der KI nicht immer nach­voll­zie­hen konn­te (war­um sie es so weit über­haupt hat kom­men lassen).

Dir gefällt der Erzähl­stil von Melis­sa C.Hill? Gemein­sam mit Anja Sta­por schrieb sie noch drei sehr span­nen­de und emp­feh­lens­wer­te Thril­ler: “Lupus Noc­tis” (gefiel mir bis­her am bes­ten), “Tris­tan Mor­ta­lis” und “Vil­la Obscu­ra”. Im Februrar 2026 darfst du dich auch noch auf LesealternativenMelis­sa C.Hills neu­es Buch “Shadow Run­ner: Auf­bruch ins Reich der Schat­ten” freu­en (Teil 1 einer Rei­he, ab 10). Unter ihrem Geburts­na­men Melis­sa C.Feurer ver­öf­fent­lich­te sie außer­dem noch eini­ge wei­te­re Jugend­bü­cher, die du hier fin­dest. Ein dys­to­pi­scher Thril­ler als Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Ever­mind: Sie kennt dich”,  an den ich sofort den­ken muss­te, ist “God­land: Dein ewi­ges Leben hat einen Preis” von Mar­tin Schäub­le, der eben­falls sehr gelun­gen ist. Gut könn­te ich mir auch “Cryp­tos” von Ursu­la Pozn­an­ski vor­stel­len (hier flüch­ten sich die Men­schen eben­falls ins vir­tu­el­le Wel­ten, da die Erde weit­ge­hend zer­stört ist) und die Bücher von David Moi­tet (“New Earth Pro­ject: Töd­li­che Hoff­nung” und “RC 2722: Gefähr­li­che Frei­heit”). Etwas neu­er und mit eini­ge Par­al­le­len wäre zudem “The Hive: Wenn die Köni­gin fällt” von Anna Febru­ary. Auch das schon etwas älte­re “Vront: Was ist die Wahr­heit?” von Yves Gre­vet könn­te etwas für dich sein oder  “Data Leaks: Wer macht die Wahr­heit?” (Band 1) und “Data Leaks: Wer kennt dei­ne Gedan­ken?” (Band 2) von Mir­jam Mous.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7512-0526-9
Erscheinungsdatum: 9.Oktober 2025
Einbandart: Broschur
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 448

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Kasimiras Bewertung:

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