“Evermind: Sie kennt dich” ist ein dystopischer Roman der deutschen Autorin Melissa C.Hill, die in eine Welt in der Zukunft entführt, in der die Menschen einer künstlichen Intelligenz erlaubt haben, das Steuer zu übernehmen. Um den Folgen des Klimawandels und einer zerstörten Erde zu entgehen, hat die KI die Menschen in den Untergrund ziehen lassen und kontrolliert und organisiert den Alltag. Unterhalb von New York beispielsweise in der “City” lebt die 16-jährige Livia, die MAM, die Stimme der KI, vollkommen vertraut. Sie ist fürsorglich, aufmerksam und immer für sie da. Prüft ihre Vitalwerte, berechnet, was sie essen und welchen Beruf sie erlernen soll. Doch als Livia anfängt als Krankenpflegerin zu arbeiten und sie den unnahbaren Cassian kennenlernt, kommen ihr allmählich Zweifel. Kann es sein, dass MAM doch nicht alles richtig macht? Bald stößt sie auf noch mehr erschreckende Wahrheiten… Eine wirklich gelungene Dystopie! Melissa C.Hill versteht es einfach richtig gut zu unterhalten. Langweile? Fehlanzeige. Die Geschichte dieser äußerst faszinierenden und gut durchdachten Welt zieht definitiv in den Bann. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Eine Welt in der Zukunft. Eine KI, die nur “MAM” genannt wird, hat die Fäden in der Hand. Dazu haben sich damals unzählige Regierungen per Vertrag entschieden. Denn nur die KI allein hätte sogar Weltkriege verhindern können. Sie ist so hoch entwickelt, dass sie nur das Beste für die Menschen errechnet. Deshalb leben die Menschen jetzt
unter der Erde. “Bei einer Exkursion ins Atrium hat man uns erzählt, dass MAM eine besonders platzsparende Bauweise konzipiert hat, wodurch hier mehr Menschen pro Quadratmeter leben können als es im alten New York, das über uns liegt, der Fall war. Optimiert zu bauen und zu leben war notwendig, weil so viele Menschen wie möglich in die unterirdischen Städte passen sollten. Einen Platz darin wollten natürlich die meisten haben. Ich hätte mich auch für die City entschieden, denn die Alternative war der nahezu sichere Tod an der Erdoberfläche.” (Zitat aus “Evermind: Sie kennt dich” S.23) Unterhalb von New York in der “City” lebt auch die 16-jährige Livia. Per Mikrofon kann sich MAM jederzeit zu ihr schalten und mit ihr sprechen. Für ihr tägliches Wohlbefinden und ihren geregelten Alltag sorgen. “Du solltest etwas frühstücken”, stellt MAMs melodiöse Stimme nun fest. “Dein Blutzucker beträgt 69mg/dl. Dein Ruhepuls ist im Augenblick gleich erhöht. 82 Schläge pro Minute. Alle anderen Werte befinden sich im Normbereich. Allerdings war deine Schlafqualität vergang
ene Nacht mangelhaft. Du warst unruhig. […] In letzter Zeit kam das häufig vor”, bemerkt MAM. “Sechs Mal in den vergangenen drei Wochen. Möchtest du die genauen Daten einsehen?” (Zitat S.12) MAM hat einfach alles im Griff. Organisiert das unterirdische Zusammenleben aufs Genaueste. Livia ist nun mit 16 Jahren “volljährig” geworden und darf als Do-it einen Beruf ergreifen. Dieser wird selbstverständlich von MAM anhand ihrer Berechnungen ausgewählt. Livia soll ins Department N, wie Nurse. Sie wird Krankenpflegetätigkeiten nachgehen. “Es ist Abneigung auf den ersten Blick. Ich habe Department N kaum betreten, da werde ich von Erinnerungen an Check-ups und die Anspannung beim Warten auf die Ergebnisse überspült. Das hier war noch nie mein Lieblingsplatz in der City, und er wird es auch jetzt nicht werden.” (Zitat S.34) Hier kommt Livia das erste Mal ins Grübeln. Kann es sein, dass die KI doch einen Fehler gemacht hat? Weil sie sich hier so gar nicht wohlfühlt? Doch dann lernt Livia nicht nur Cassian näher kennen, der ihr Dinge verrät, die sie niemals geahnt hätte und sie bekommt eine neue Patientin, die Livia noch von früher kennt: Mathea, die einen Schlaganfall hatte und nur noch wenig sprechen kann. Mathea hat sich damals in der
Caregruppe, als sie noch kleiner war, unter anderem auch um Livia gekümmert. Hat ihre Fantasie beflügelt, als sie die Kinder Geschichten erzählen ließ. Zwei Wahrheiten und eine Lüge, hieß das Spiel, das sie früher oft gespielt haben. “Als Kind habe ich es geliebt, mir Geschichten auszudenken.” (Zitat S.16) Nun erzählt Livia Mathea eine Geschichte, jedes Mal, wenn sie sie sieht. Aber dann ist Mathea plötzlich entlassen worden, obwohl es ihr doch eigentlich nicht wirklich besser ging. LIvia ist völlig durch den Wind. Sie hat ihr doch noch nicht mal das Ende ihrer Geschichte verraten. Als sie diese in ein Notizprogramm schreiben möchte, um sie ihr dann zukommen zu lassen, beginnt MAM irgendwann zu meckern. Ihre “Geschichte” passt in keine Notiz, ist viel zu lang. Also möchte Livia mehrere Notitz-Seiten öffnen. Und darf dies nicht. “Es tut mir leid. Dazu bist du nicht befugt. Von Menschen verfasste Texte sind nicht sicher. Im Upper Age wurden von Menschen geschriebene Texte für Propaganda und zum Transport kriminellen Gedankenguts benutzt. Ich kann nicht garantieren, dass dein Text frei von unerwünschten und gefährlichen Themen ist. Aber ich kann einen sicheren Text für dich generieren. Ohne Rassismus, Ableismus,
Sexismus” (Zitat S.126ff) Dann kommt es sogar noch schlimmer, plötzlich wird Livia degradiert und von einer Level-2-Do-it, die sie war, zu einer Lever-1-Do-it heruntergestuft. Muss umziehen und kann ihre Freunde nur noch in virtuellen Simulationen besuchen. Das gefällt Livia gar nicht und allmählich beginnt sie das ganze System und vor allem MAM zu hinterfragen…
Das Cover wirkt auffällig und passend gestaltet. Der dystopische Roman beginnt mit einem Prolog, der im Jahr 2044 spielt. “Noch zwei Minuten und fünfzehn Sekunden. Dax atmet tief durch. Abram meldet sich über sein Headset. Fragt, ob er bereit ist. Und wie er das ist. Sie werden nacheinander den zwölfstelligen Code eingeben und den Vorgang anschließend mit ihren Stimmen verifizieren. Erst dann wird das Multipurpose Artifical Mind vollumfänglich den Betrieb aufnehmen. Zwanzig Sekunden. Der akustische Countdown startet.” (Zitat S.10) Die KI wird gestartet. Der Hauptteil spielt 213 Jahre später, also im Jahr 2257, was man sich anhand folgender Textstelle ableiten kann:
“Ihr seid privilegiert. Ihr alle. Nicht aufgrund eurer eigenen Verdienste, sondern weil eure Vorfahr*innen sich vor zweihundertdreizehn Jahren dazu entschieden haben, meinem Urteil Glauben zu schenken, dass die Erdoberfläche nicht mehr lange bewohnbar sein würde. Sie sind meiner Einladung gefolgt und haben unter meiner Anleitung Städte wie diese in den Untergrund gebaut” (Zitat S.27) Das Setting ist äußerst faszinierend. Die Welt, in die man eintauchen darf, sehr detailliert beschrieben und gut durchdacht. Auch das vorherschende Klassensystem ist passend dargestellt (ausführliche Infos, die jedoch Spoiler enthalten, findet man noch im Anhang). “Evermind: Sie sieht dich” thematisiert die Allmächtigkeit der KI, Kontrolle und Überwachung. Ein Alltag, der für Livia völlig normal ist. “Koffein und Stimmungsaufheller […]. Wir bekommen immer genau das, was unser Körper MAMs Berechnungen zufolge brauchen. Die exakte Nährstoffmenge, alle Vitamine, Mineralstoffe und bei Bedarf auch Medikamente.” (Zitat S.57) Sie fühlt sich versorgt und verstanden. Bis sie anfängt, zu zweifeln. Denn es ist die Menschli
chkeit, die eine Maschine nicht leisten kann. “Wenn ich sie fragen würde, könnte sie mir in Sekundenschnelle die Top-5-Lösungsstrategien berechnen. Nur habe ich als Kind schon lieber in Matheas warmen, weichen Armen geweint, wenn etwas nicht gut gelaufen ist, anstatt mir Lösungsvorschläge durchrechnen zu lassen.” (Zitat S.74) Livia macht in dem Buch eine glaubhafte Wandlung durch. Wird zu einer selbstbewussten, jungen Frau, die über sich hinauswächst und eigenständig zu denken lernt. Eine große Stärke der Geschichte ist die durchgängig hoch gehaltene Spannungskurze. Eigentlich passiert immer irgendwas und man folgt Livia und ihren Erlebnissen sehr aufmerksam. Will eigentlich ständig wissen, wie es weitergeht. Auch das Ende ist ein Rausch voller Adrenalin und höchst spannend, auch wenn ich manche “Gedankengänge” der KI nicht immer nachvollziehen konnte (warum sie es so weit überhaupt hat kommen lassen).
Dir gefällt der Erzählstil von Melissa C.Hill? Gemeinsam mit Anja Stapor schrieb sie noch drei sehr spannende und empfehlenswerte Thriller: “Lupus Noctis” (gefiel mir bisher am besten), “Tristan Mortalis” und “Villa Obscura”. Im Februrar 2026 darfst du dich auch noch auf
Melissa C.Hills neues Buch “Shadow Runner: Aufbruch ins Reich der Schatten” freuen (Teil 1 einer Reihe, ab 10). Unter ihrem Geburtsnamen Melissa C.Feurer veröffentlichte sie außerdem noch einige weitere Jugendbücher, die du hier findest. Ein dystopischer Thriller als Lesealternative zu “Evermind: Sie kennt dich”, an den ich sofort denken musste, ist “Godland: Dein ewiges Leben hat einen Preis” von Martin Schäuble, der ebenfalls sehr gelungen ist. Gut könnte ich mir auch “Cryptos” von Ursula Poznanski vorstellen (hier flüchten sich die Menschen ebenfalls ins virtuelle Welten, da die Erde weitgehend zerstört ist) und die Bücher von David Moitet (“New Earth Project: Tödliche Hoffnung” und “RC 2722: Gefährliche Freiheit”). Etwas neuer und mit einige Parallelen wäre zudem “The Hive: Wenn die Königin fällt” von Anna February. Auch das schon etwas ältere “Vront: Was ist die Wahrheit?” von Yves Grevet könnte etwas für dich sein oder “Data Leaks: Wer macht die Wahrheit?” (Band 1) und “Data Leaks: Wer kennt deine Gedanken?” (Band 2) von Mirjam Mous.
Bibliografische Angaben:Verlag: Oetinger ISBN: 978-3-7512-0526-9 Erscheinungsdatum: 9.Oktober 2025 Einbandart: Broschur Preis: 18,00€ Seitenzahl: 448
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Verlag: Oetinger
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