Mel Wallis de Vries — Wer sich umdreht oder lacht…

Kasimira5.Mai 2019

Wer sich umdreht oder lacht…” ist das neu­es­te Buch der nie­der­län­di­schen Autorin Mel Wal­lis de Vries. Ein Psy­cho­thril­ler nach alt bekann­tem Mus­ter — eine Lei­che nach der ande­ren taucht auf. Ein Seri­en­mör­der ist unter­wegs in Ams­ter­dam! Und er ver­öf­fent­licht Vide­os auf sozia­len Platt­for­men von den letz­ten Momen­ten der Opfer. Mit­rei­ßend und höchst span­nend. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne, die Thril­ler lie­ben, die man mal so zwi­schen­durch schön run­ter­le­sen kann!

Man­dys Leben steht gera­de völ­lig Kopf. Ihre Mut­ter hat Bauch­spei­chel­drü­sen­krebs und ist wie­der im Kran­ken­haus, wo eine neue Ope­ra­ti­on ansteht. Wäh­rend sie ihre Freun­din­nen benei­det, die nach der Schu­le unbe­schwert zusam­men weg­ge­hen und Spaß haben, kann sie nur täg­lich ins Kran­ken­haus fah­ren, um ihre Mut­ter zu besu­chen, und zu hof­fen, dass dies­mal alles bes­ser wird. Mit ihrer Schwes­ter ver­steht Man­dy sich auch nicht mehr so wie frü­her. Doch dann erschüt­tert eine Mord­se­rieKasimira ganz Ams­ter­dam“O mein Gott, weiß du das denn noch gar nicht?” Die Augen des Mäd­chens wei­ten sich. “Das ist so was von hef­tig. […] Ges­tern Abend wur­de ein Mäd­chen ermor­det! Im Von­del­park!” “Ha-ha, lus­tig”, sagt Puck. “Nein, in echt, es steht auch auf der Web­site von De Tele­graaf. Sie ging aufs Ber­la­ge-Gym­na­si­um.” Aus irgend­ei­nem Grund schlägt mir das Herz plötz­lich bis zum Hals. Das ande­re Mäd­chen dreht sich jetzt auch um. “Es heißt, sie war kom­plett nackt, als man sie gefun­den hat.” (Zitat aus “Wer sich umdreht oder lacht” S.41) Immer sind es jun­ge Mäd­chen unge­fähr in Man­dys Alter, die tot auf­ge­fun­den wer­den. Und die letz­ten Minu­ten vor ihrem Tod wur­den vom Mör­der per Video fest­ge­hal­ten. Auf Snap­chat, Insta­gram, You­tube oder Whats­App — der Täter teilt die­se grau­en­vol­len Momen­te mit den sozia­len Netz­wer­ken des jewei­li­gen Mäd­chens. All­mäh­lich bekommt Man­dy es mit der Angst zu tun. Was, wenn auch sie in Gefahr ist?

KasimiraMel Wal­lis de Vries Thril­ler sind im Grun­de ganz ein­fach gestrickt — man neh­me eine Grup­pe X (hier: Ams­ter­da­mer Schü­le­rin­nen) und las­se nach und nach eini­ge dar­aus ver­schwin­den. Auf­tau­chen­de Lei­chen. Die gro­ße Fra­ge nach dem Täter, der nach einer Lis­te vor­zu­ge­hen scheint und des­sen Beweg­grün­den. Doch auch gera­de wenn das Sche­ma in ihren Psy­cho­thril­lern ähn­lich erscheint und die Cha­rak­te­re sich eher auf nicht beson­ders tief­grün­di­gem Niveau bewe­gen, so schafft die nie­der­län­di­sche Autorin jedoch eines ganz her­vor­ra­gend — ihre Leser zu fes­seln und zu unter­hal­ten! Völ­lig mühe­los fliegt man über die Sei­ten. Die Spra­che ist ein­fach und schlicht. Da ist nichts Kom­pli­zier­tes oder Hoch­ge­sto­che­nes. Da wird man sofort in dem Bann geso­gen und will nur wis­sen, wie all das aus­ge­hen mag. Was mir an die­sem Buch im Ver­gleich zu ihrem letz­ten (“Mäd­chen, Mäd­chen, tot bist du”) bes­ser gefal­len hat, ist dass es einen durch­ge­hen­den Hand­lungs­strang einer Prot­ago­nis­tin gibt, eine, die nicht sofort ermor­det wird, und man sich wie­der auf die neue Lebens­ge­schich­te einer neu­en Figur ein­las­sen muss. Zwar bekom­men die Opfer in “Wer sich umdreht Kasimiraoder lacht…” kur­ze eige­ne Kapi­tel, ehe sie getö­tet wer­den, aber der rote Faden, der liegt bei Man­dy. Und auch wenn man an man­chen Stel­len denkt — ah, ich weiß, wer der Täter ist, so wird man schnell eines Bes­se­ren belehrt und merkt rasch — die Autorin macht es einem nicht so leicht. Sie streut ganz geschickt ein paar Spu­ren, um dann doch noch ein Ass aus dem Ärmel zu schüt­teln. Vor allem in sub­ti­len Klei­nig­kei­ten Hor­ror zu erzeu­gen, das gelingt Mel Wal­lis de Vries immer wie­der: “Ich klap­pe mein Dach­fens­ter wie­der zu und schlep­pe mei­ne Tasche die Trep­pen run­ter in den Kor­ri­dor, an der Küche vor­bei… Ich blei­be ste­hen. Erst glau­be ich, dass ich mich täu­sche. Aber dann erin­ne­re ich mich wie­der, dass ich die Küchen­tür zuge­macht habe, bevor ich nach oben gegan­gen bin. Hun­dert Pro­zent sicher. War­um steht sie dann jetzt sperr­an­gel­weit offen?” (Zitat S.58) An man­chen Stel­len hat man buch­stäb­lich das Gefühl, sie genießt es mit ihren Lesern zu spie­len: “Wo bin ich? Das ist mein ers­ter Gedan­ke, als ich die Augen öff­ne. Es ist warm und drü­ckend, ich Kasimirakann mei­ne Bei­ne nicht bewe­gen, als wäre ich gefes­selt. Erst nach eini­gen Sekun­den wird mir klar, dass ich ein­fach in mei­nem Bett lie­ge und dass sich das Laken wie eine Zwangs­ja­cke um mei­ne Bei­ne gewi­ckelt hat.” (Zitat S.128) Wäh­rend gra­fisch beson­ders dar­ge­stell­te Chat­tex­te den Erzähl­fluss auf­lo­ckern, so gibt es den­noch ein The­ma in “Wer sich umdreht oder lacht…” das alles ande­re als locker ist: das The­ma einer schwe­ren Erkran­kung einer nahe­ste­hen­den Per­son und der Umgang damit. Wohl eines der Kern­the­men der Autorin (in ihrem Vor­gän­ger­buch hat­te die Mut­ter einer Figur eben­falls (Brust-) Krebs). Die Mor­de wer­den teil­wei­se schon recht hef­tig und scho­nungs­los beschrie­ben, man soll­te als Leser hier schon etwas abkön­nen. Auch eine sexu­el­le Situa­ti­on wird aus­führ­li­cher dar­ge­stellt. Das Ende — war für mich eine Über­ra­schung und irgend­wie viel zu schnell vor­bei;-)

Dir gefällt der Erzähl­stil von Mel Wal­lis de Vries? Dann greif noch zu ihren vor­he­ri­gen Psy­cho­thril­lern (chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert): “Töd­li­che Freund­schaft” (2010), “Eis­kal­te Küs­se” (2010), “Frem­de Nähe” (2011), “Da waren’s nur noch Zwei” (2015), “Schnick, schnack, tot” (2016), “Mäd­chen ver­sen­ken” (2018) und “Mäd­chen, Mäd­chen, tot bist du” (2018). Gut könn­te ich mir auch als Lese­al­ter­na­ti­ve “Die Müh­le” von Eli­sa­beth Herr­mann vor­stel­len, das zudem sehr gut kon­stru­iert ist. Auf der Lis­te eines Seri­en­mör­der ste­hen? Das pas­siert den Prot­ago­nis­ten in “Ohne mich kannst du nicht leben” voLesealternativenn Hei­ke Schwandt und “Schön, schö­ner, tot” von Roxan­ne St.Claire. Eine gute Alter­na­ti­ve ist sicher­lich eben­so “Stirb lei­se, mein Engel” von Andre­as Götz. Ande­re Seri­en­mör­der sind in fol­gen­den Titeln unter­wegs: “Dorn­rös­chen­tot” von Chris­ti­ne Féret-Fleu­ry (flott erzählt) und “Near­ly dead. Am Ende stirbst du” von Elle Cosi­ma­no. Äußerst gelun­gen fand ich “Body­fin­der: Das Echo der Toten” von Kim­ber­ly Der­ting und “Shadow­lands” von Kate Bri­an (sehr fes­selnd). Auch span­nend ist “Bis du mir gehörst” von Melis­sa Marr, das zudem aus inter­es­san­ten Per­spek­ti­ven erzählt wird. Eine rich­tig gute Lese­al­ter­na­ti­ve ist außer­dem JEMAND ist in dei­nem Haus” von Ste­pha­nie Per­kins. Eine wei­te­re nie­der­län­di­sche Psy­cho­thril­ler-Schrei­be­rin ist die bekann­te Mir­jam Mous (lies z.B. “Cra­zy Games: Der per­fek­te Tag, der in der Höl­le endet” oder “Last Exit: Das Spiel fängt gera­de erst an”). Rich­tig gut her­un­ter­le­sen lässt sich auch die schon etwas älte­re “Dark Vil­la­ge”-Rei­he von Kje­til John­sen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: ONE
ISBN: 978-3-8466-0081-8
Erscheinungsdatum: 29.März 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 12,00€ 
Seitenzahl: 240 
Übersetzer: Verena Kiefer
Originaltitel: "Pijn" 
Originalverlag: Vbk Media

Niederländisches Originalcover: 
Kasimira












Niederländischer Trailer zum Buch:  

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

-----------------------------------------
Niederländisches Cover: Homepage von Mel Wallis de Vries

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.