“No place left to hide” ist der zweite Thriller der amerikanischen Autorin Megan Lally. Nach ihrem Erfolgstitel “That’s not my name” legt sie in dem unabhängig zu lesenden Titel gekonnt nach. Brooke ist reich, beliebt und steht mit ihrer Familie immer im Rampenlicht. Ihr Vater ist Richter, ihre Mutter Schuldirektorin. Die Erwartungen an sie sind hoch. Fehler darf sie sich keine erlauben. Deshalb hat sie auch niemandem von dem unbekannten Stalker erzählt, der sie schon seit einer Weile terrorisiert. Auf einer Party verfolgt er sie und ihre beste Freundin Jena auf einem abgelegenen Stück Highway mit dem Auto und setzt sie massiv unter Druck. Sie soll die Wahrheit sagen über den tödlichen Unfall ihrer Freundin Claire. Oder sie wird sterben… Genau so muss ein Thriller sein! Ich hatte schon lange kein Buch mehr in den Händen, bei dem ich pausenlos weiterlesen wollte! Atemberaubende Spannung, faszinierende Charaktere und geschickte Verflechtungen von Gegenwart und Rückblenden. Klasse! Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Brooke ist äußerst ehrgeizig und stammt aus einer wohlhabenden, angesehen Familie. Ihr Vater ist Richter, ihre Mutter Direktorin ihrer Schule. Viel Freizeit hat sie nicht. “Ich glaube, es ist das erste Mal seit einem Monat, dass ich direkt nach der Schule nach Hause fahre. Sonst hab ich immer Tanzteam, Schüler*innenrat, Prom-Planungstreffen, und dann helfe ich der Schulleiterin — meiner Mom — noch dabei, Lebensmittel für verschiedene Spendenaktionen zu sammeln, daher bin ich fast jeden Tag bis nach sieben hier.” (Zitat aus “No place left to hide” S.11) Es wird von Brooke erwartet, dass sie
nach Yale geht für ein Studium. Das Bibbern um die Annahme an dieser Universität ist groß. Denn für Brooke ist Yale vor allem eine Flucht aus ihrem bisherigen Alltag, kilometerweit weg von zu Hause. Und aus dem Psychoterror, der vor einige Monaten begonnen hat. An dem Tag, als der Ermittlungsbericht veröffentlicht wurde zu dem Tod ihrer Freundin Claire. Es war ein Unfall, das wurde festgestellt. Das scheint ein Unbekannter aber nicht so zu sehen. “Die Person will, dass ich den Vorfall vom September mein ganzes restliches Leben mit mir herumschleppe, wie kann ich auch nur daran denken, die Sache hinter mir lassen zu wollen. Anonym will, dass ich leide, und ich habe keine Ahnung, wie ich das beenden kann.” (Zitat S.21) Seit jenem Tag erhält Brooke ständig Anrufe, ohne dass die Person am anderen Ende der Leitung etwas zur ihr sagt. Aber sie hat niemandem davon erzählt, auch ihrer besten Freundin Jena und deren Freund Felix nicht. “Sie würden ausflippen, wenn sie die Wahrheit erfahren würden. Und da sie mir eh nicht helfen können, hat es keinen Sinn, sie unnötig aufzuregen.” (Zitat S.16) Außerdem will sie ihre Eltern nicht belasten. “Meine Eltern würden ausrasten, und weitere juristische Verwicklungen würden für u
nsere Familie nur zu Problemen führen, besonders für meinen Dad.” (Zitat S.26) Sie vermutet, dass es irgendjemand aus der Schule sein muss. “Bei mir zu Hause ist noch nie irgendetwas passiert - obwohl das vielleicht auch eher mit meinem Dad zu tun hat. Schließlich möchte es sich niemand mit dem nächsten Bezirksrichter von Polk County verscherzen oder riskieren, dass er seine Beziehungen zur Polizei spielen lässt, nachdem sein Haus verwüstet wurde.” (Zitat S.24) Man hat ihr außerdem die Reifen mehrmals zerstochen und Wasser und Milch in ihren Spind geschüttet. “Am schlimmsten waren die zwanzig holografischen Fick dich-Sticker auf der Heckklappe. Ich habe sechs Stunden gebraucht, um sie alle abzupulen.” (Zitat S.15ff) Einmal wurden sogar lauter rosa Zettel in der Schule überall an den Wänden aufklebt, auf denen stand, dass sie ein Monster sei. Aber hierfür hat Brooke sich vor ihren Freunden eine Ausrede einfallen lassen. Könnte der Täter Brandon, Claires Bruder, sein? Aber er verhält sich viel zu impulsiv und wäre nicht so ausdauernd. Während Brooke in den letzten Monaten stets unter dem Radar lebte und kein großes Sozialleben mehr führte, lässt sie sich am Tag, an dem die Zulassungsergebnisse von
Yale verkündet werden, von Jena überreden, doch auf eine Party zu gehen. Schließlich kommt auch Dylan, Claires Exfreund, auf den Brooke schon seit Ewigkeiten steht. Doch kaum dass sie die Party genießen kann, taucht Brandon auf und macht ihr vor allem eine Szene. Auf der darauffolgenden Heimfahrt über den kilometerlangen, einsamen Highway erhält Brooke erneut einen Anruf. Nur, dass der Unbekannte diesmal mit metallisch verzerrter Stimme spricht und sie auffordert, zu beichten. Entweder sie gibt zu, was auf der Party, bei der Claire zu Tode kam, geschehen ist oder sie wird sterben…
Der Thriller ist optisch ähnlich gestaltet wie das vorherige Buch “That’s not my name”, erzeugt Wiedererkennungswert, auch wenn die beiden Titel inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. Eine seltsame Widmung erwartet die Leser:innen zu Beginn: “Für alle, die den Schmerz kennen, von einer Freundin oder einem Freund betrogen worden zu sein. Sie haben euch nicht verdient. Haben sie noch nie. Wünscht ihnen das Schlimmste. Überfahrt sie mit dem Auto.* (*Scherz, das
wäre Mord.)” (Zitat S.5.) Das Schriftbild ist leicht bläulich, was anfangs etwas ungewohnt ist, beim Lesen dann aber bald schon nicht mehr auffällt. Toll bei “No place left to hide” ist, dass man gleich mittendrin in der Geschichte ist. Es geht spannend und unterhaltsam los und hält sich auch fortwährend. Das Buch wird in zwei Zeitebenen erzählt: “Davor” (Vergangenheit, die Ereignisse jener Party, die zu Claires Tod führten) und “Jetzt” (ebenfalls der Tag einer Party, die Brooke das erste Mal wieder seit damals besucht). Ich-Erzählerin Brooke ist gut getroffen. Ein Mädchen, das aus eine Familie aus sechs Generationen von Anwält:innen und Richter:innen stammt. “Irgendwann musst du lernen, für dich selbst einzustehen. Du sorgst dich mehr um dein Image, als dich darum zu kümmern, was gut für dich ist.” (Zitat S.80) Der familiäre Druck und die Erwartungen sind groß. Immer wieder werden Regeln aufgezählt, an die Brooke sich halten muss. “Eine Goodwin zu sein, hat viele Vorteile, aber für uns gelten auch verdammt viele Regeln. Im Gegensatz zu Jena stehen wir Goodwins nämlich immer im Rampenlicht. Unser Name ist der Grund dafür, dass m
eine Mutter so erfolgreich ist und mein Dad als Spitzenkandidat für das Richteramt in Polk County gehandelt wird.” (Zitat S.81) Dennoch schleicht sich auch ein Hauch Arroganz und viel Taffheit in ihr Verhalten. Die Dialoge — vor allem jene mit Love Interest Dylan — sind sehr flott und unterhaltsam zu lesen und sorgen für eine schönen Romanceanteil. Claire ist die Gegenspielerin, die frühere Freundin, die zur Erzfeindin wurde. Gerade die Wechsel und die Übergänge zwischen Jetzt-Zeit und Vergangenheit sind sehr raffiniert gemacht. Erst allmählich erfahren die Leser:innen, was sich damals zugetragen hat. Die Kapitel enden oft mit Cliffhanger, das beständige Weiterlesen wird dadurch nahezu unausweichlich und man möchte das Buch kaum mehr aus den Händen. Die Wendung am Ende (auch wenn ich diese schon erahnen konnte) hat es auf jeden Fall in sich!
Dir gefällt der Erzählstil von Megan Lally? Dann lies unbedingt noch ihr Debüt “That’s not my name”, das mir auc
h richtig gut gefiel. Die beiden Bücher haben nichts miteinander zu tun und sind komplett eigenständig zu lesen. Im Englischen gibt es bereits einen dritten Thriller von ihr, der hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt werden wird: “What we did to survive”. Du suchst noch Lesealternativen mit einem sehr spannenden Plottwist? Dann empfehle ich dir noch “We were liars: Solange wir lügen” von E.Lockhart oder den Thriller von Sloan Harlow: “Everything We Never Said: Liebe lässt uns böse Dinge tun”. Oder greif zu den Büchern von Holly Jackson “Five Survive” oder “The Reappearance of Rachel Price”. Absolut klasse und mit sehr, sehr überraschenden Wendungen am Ende sind auch die Thriller von Katie Kento: “Hotel Ambrosia: Du. Entkommst. Nicht” und “Missing Page: Tödliche Worte”.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-58656-8 Erscheinungsdatum: 30.April 2026 Einbandart: Broschur Preis: 17,00€ Seitenzahl: 320 Übersetzer*in: Stefanie Frida Lemke Originaltitel: "No place left to hide" Originalverlag: Sourcebooks Fire Amerikanisches Originalcover:
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(4,5 von 5 möglichen Punkten)
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Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58656-8
Erscheinungsdatum: 30.April 2026
Einbandart: Broschur
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 320
Übersetzer*in: Stefanie Frida Lemke
Originaltitel: "No place left to hide"
Originalverlag: Sourcebooks Fire
Amerikanisches Originalcover:
