“Sommernachtserwachen” ist der neueste Roman der preisgekrönten, amerikanisch-britischen Autorin Meg Rosoff. Sie schildert die Geschichte eines Sommers in einem Haus am Meer. Eine Familie, eine scheinbare Idylle, ein Traum von Freiheit und alltäglichen Freizeitbeschäftigungen, der jäh durchbrochen wird, als der bildhübsche, attraktive Kit auftaucht und nicht nur der unscheinbaren Protagonistin, sondern auch ihrer jüngeren Schwester den Kopf verdreht. Von einer Erzählerin, die das Skizzieren von Persönlichkeiten, Stimmungen und Arrangieren von Handlungssträngen meisterhaft beherrscht. Keine Null-acht-fünfzehn-Sommergeschichte. Nicht nur für Jugendliche ab 14 Jahren, sondern auch für Erwachsene.
Ihr Ururgroßvater hat es als kleine Sommerresidenz gebaut. Das Haus am Meer. “Es ist zugig, hat keine Wärmedämmung, und die Rohrleitungen frieren zu, wenn man im November nicht das Wasser ablässt und Frostschutzmittel in die Toilette kippt, aber wir lieben jeden Turm, jeden Erker, jedes seltsam geformte Fenster und sogar die kurze Treppe, die in einem Schrank endet.” (Zitat aus “Sommernachtserwachen” S.18). Jeden Sommer verbringen sie dort am Meer. Die namenlose Ich-Erzählerin, ihre schöne Schwester Mattie, ihre pferdeversessene Schwester Tamsin, ihr Bruder Alex, der am liebsten die Natur und vor allem Fledermäuse beobachtet und ihre Eltern. Mit von der Partie sind außerdem die Cousine des Vaters: Hope und ihr Verlobter Malcom. Am Ende des Sommers wollen die beiden heiraten, nur eine kleine Feier ist geplant. Alles gerät jedoch ein wenig aus den Fugen, als
Hopes Patentante, eine berühmte Filmemacherin, ihre beiden Söhne bei ihnen ablädt. Auch sie werden die Ferien hier verbringen. Hugo und Kit. Der eine eher in sich gekehrt und nichts besonders hübsch. Der andere Mittelpunkt sämtlichen Geschehens und scheinbar mit allen guten Genen ausgestattet: “Aber Kit Godden war von einem anderen Kaliber — strahlende Haut, dickes, kastanienbraunes Haar, durchwirkt von goldenen Strähnen, goldgesprenkelte Augen -, eine Art goldene griechische Statue der Jugend.” (Zitat S.44) Mattie verliebt sich augenblicklich in ihn und bändelt bald darauf mit ihm an. Doch ebenso die Protagonistin wird von Kit irgendwie angezogen: “Über ihre Schulter hinweg fiel Kits Blick auf mich. Eigentlich lasse ich mir nie etwas anmerken, aber ich sah sofort, dass er sofort sah, dass ich… Sagen wir einfach, dass mir sein Blick wie ein Schnappmesser zwischen die Rippen gli
tt.” (Zitat S.47) Was ist das nur zwischen ihnen beiden? Und warum ist Hugo immer so abweisend allen gegenüber? Bald ziehen dunkle Wolken in ihrem Ferienparadies auf und der Sommer droht auf ein Fiasko zuzusteuern…
Das gräuliche Cover macht es bereits deutlich, eine locker-flockige, heitere Gute-Laune-Geschichte ist “Sommernachtserwachen” nicht wirklich. Es ist vielmehr das Psychogramm einer Familie. Das Geflecht alltäglicher Ferienbeschäftigungen — wie Segeln, Tennis spielen und reiten gehen — kratzt jedoch nur an der Oberfläche. Das, was sich zwischen den Zeilen abspielt, das ist viel tiefgründiger. Da gibt es Anspielungen auf Shakespeare, da werden Charaktere nuanciert ausgeleuchtet und getroffen und eine leichte, unaufdringliche Ironie schleicht sich in den Lesefluss: “Mattie, bis vor einem Jahr noch ohne Busen und kein besonderer Blickfang, hat sich in letzter Zeit in eine sechszehn
Jahre alte Sexgöttin verwandelt, inzwischen trägt sie ein leichtes Sommerkleid und Gummistiefel, in denen sie am Strand entlangschwebt, weil sie ihr Leben für einen einzigen langen Instagram-Post hält. Im Augenblick stellt sie sich vor, dass sie romantisch und umwerfend aussieht, was leider auch stimmt.” (Zitat S.14) Meg Rosoff ist eine begnadete Erzählerin. Auch wenn handlungstechnisch manchmal nicht viel passiert, so merkt man einfach, dass diese Autorin ihr Handwerk versteht. Sie spannt einen gelungenen Erzählrahmen, deutet in der Einleitung bereits an, was passieren wird, um ihre Leser am Ende dennoch zu überraschen. An manchen Stellen hat man keine Ahnung, auf was das Ganze zusteuern wird. Dennoch liegt ein Hauch Tragik in der Luft: “Wäre Kit auf eine mühelose Sommereroberung aus gewesen, dann wäre Mattie bestens geeignet gewesen. Doch es war von Anfang an schwer zu sagen, was Kit eigentlich wollte. Genau das machte die Sache so unglaublich spannend. Jedenfalls für mich.” (Zitat S.66ff) Der Roman endet mit einem Paukenschlag, der nachdenklich zurücklässt.
Dir gefällt Meg Rosoffs Erzählstil? Dann lies unbedingt noch ihre anderen Bücher: „So lebe ich jetzt“ ist das wohl bekannteste von ihr, für das sie auch zahlreiche Preise erhalten h
at. Sehr gut gefallen hat mir „Davon, frei zu sein“, die Geschichte eines Mädchens, dem viele Stolpersteine in den Weg gelegt werden und das dennoch das Glück findet. Weitere Titel von ihr sind “Damals, das Meer”, “Oh. Mein. Gott” (für Erwachsene), “Das wunderbare Leben des Jonathan Trefoil” (für Erwachsene, erschien auch unter dem Titel “Wahrscheinlich Liebe”) und “Was wäre wenn” (schräg!). Sehr schön von ihr ist auch “Was ich weiß von dir”. Eine Sommergeschichte über das Erwachsenwerden? Hier musste ich sofort an die “Der Sommer, als ich schön wurde”-Trilogie von Jenny Han denken, die eine passende Alternative zu “Sommernachtserwachen” ist. Oder aber “Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt.” von der norwegischen Autorin Hilde Kvalvaag. Eine Familiengeschichte, die ebenso sehr facettenreich und gelungen erzählt ist, ist “Vielleicht sogar wir alle” von Marie-Aude Murail.
Bibliografische Angaben:Verlag: Fischer ISBN: 978-3-7373-4251-3 Erscheinungsdatum: 28.Juli 2021 Einbandart: Hardcover Preis: 15,00€ Seitenzahl: 256 Übersetzer: Brigitte Jakobeit Originaltitel: "The great Godden" Originalverlag: Bloomsbury Amerikanisches Originalcover:
Die Autorin liest aus ihrem Buch (auf Englisch):
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(4,5 von 5 möglichen Punkten)
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Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-7373-4251-3
Erscheinungsdatum: 28.Juli 2021
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Brigitte Jakobeit
Originaltitel: "The great Godden"
Originalverlag: Bloomsbury
Amerikanisches Originalcover:
Die Autorin liest aus ihrem Buch (auf Englisch):