Die amerikanische Autorin Maureen Johnson legt mit “Ellingham Academy: Was geschah mit Alice?” den ersten Band einer geplanten Trilogie vor. Eine Mischung aus Internatsroman und moderner Detektivgeschichte. Über einen Kriminalfall, der seit über 80 Jahren ungelöst geblieben ist und an dem sich ein junges Mädchen nun versuchen möchte. Äußerst unterhaltsam und spannend erzählt. Perfektes Lesefutter für angehende Detektive und solche, die es werden möchten;-) Für Jugendliche ab 12 Jahren und interessierte Erwachsene.
Die 16-jährige Stephanie Bell, genannt Stevie, ist ein großer Fan von Sherlock Holmes und Agatha Christie. Am liebsten möchte sie selbst irgendwann einmal Detektivin werden! Und zudem hat sie noch einen ganz besonderen Wunsch: “Sie wollte einmal in ihrem Leben eine Leiche finden. Natürlich wollte sie niemanden ermorden — nichts lag ihr ferner. Sie wollte lediglich diejenige sein, die herausfand, wie die Leiche zu einer geworden war.” (Zitat aus “Ellingham Academy: Was geschah mit Alice?” S.51) Aufgrund ihrer Liebe zur Kriminologie, die an ihrer Schule so recht niemand nachvollziehen kann, schreibt Stevie — mehr im Scherz, als mit Ernsthaftigkeit — eine aufsatzähnliche Bewerbung an die Ellingham Academy. Eine Privatschule in den Bergen Vermonts, weit abgelegen von der menschlichen Zivilisation, die ein gewisser Albert Ellingham vor vielen, vielen Jahren gegründet hatte. Eher er selbst verstarb. Seine Tochter und seine Fra
u sind damals entführt worden und niemand hat das Verbrechen je aufklären können. Auch eine Schülerin in Stevies Alter kam damals zu Tode. “Die Morde waren vor Jahrzehnten passiert. Unzählige Leute hatten sich an der Aufklärung versucht. Nicht mal dem FBI war es gelungen. Professionelle (und unprofessionelle) Ermittler waren reihenweise gescheitert. Tausende von Menschen waren über die Jahre davon besessen gewesen. Ellingham selbst, ein Genie, hatte herausfinden wollen, was genau damals geschehen war, und war dabei ums Leben gekommen. Den Ellingham-Fall löste man nicht mal schnell nebenbei.” (Zitat S.129) Doch genau das hat Stevie vor und ist umso erstaunter, als sie doch tatsächlich das Bewerbungsverfahren besteht und als Schülerin in das Internat eingeladen wird. Denn auf die Ellingham Academy kommen nur ganz besondere Persönlichkeiten: “Fast ein Jahrhundert lang hatte das Institut kreative Genies, Querdenker und Wegbereiter großer Neuerungen hervorgebracht. Dabei gab es keine Bewerbungsformulare, keine Liste mit Anforderungen und keinerlei Instruktionen…[…] Man musste einfach an die Tür klopfen. Auf eine ganz bestimmte, korrekte Art und Weise, über die einem niemand näher Auskunft gab. Sie suchten nach dem gewissen Etwas.” (Zitat S.32) Nur 50 Schüler werden jedes Jahr eingeladen; es gibt nur zwei Jahrgänge und keinerlei Schulgebühren. Ist man erst einmal ang
enommen worden, ist sozusagen alles inklusive. Rasch findet Stevie Freunde und fühlt sich immer wohler auf dem Internat, das mit außergewöhnlichen Lehrmethoden lockt. Doch dann überschlagen sich bald die Ereignisse und Stevie erhält tatsächlich eine Leiche… was ist passiert? Und wie hängen die aktuellen Geschehnisse mit denen vor über 80 Jahren zusammen? Immer tiefer beginnt Stevie zu graben…
“Ellingham Academy: Was geschah mit Alice?” beginnt mit einem faszinierenden Vorwort: “Für alle, die schon immer davon geträumt haben, eine Leiche in der Bibliothek zu finden”. Direkt danach folgen nicht nur ein Übersichtsplan über das Gelände der Ellingham Academy mit all ihren Häusern, Statuen und der parkähnlichen Anlage, sondern auch der Drohbrief eines Unbekannten, der am 8.April 1936 auf dem Ellingham-Anwesen eingegangen ist, abgedruckt in typischen, aus Zeitungen und Zeitschriften ausgeschnitten, einzelnen Buchstaben. Der Spannungsroman selbst besteht aus einem Geflecht von Vergangenheit und Gegenwart. Kapitel ohne Datumsangaben kennzeichnen die aktuellen Erlebnisse der Protagonistin Stevie, die in personaler Erzählweise berichtet. Und Kapitel mit Datumsangaben erzählen — aus unterschiedlichen Perspektiven — die Ereignisse von damals, als sich die Entführung ereignete. Hier kommen — neben Albert Ellingham — unmittelbar am Geschehen beteiligte Personen direkt zu Wort, wie zum Beispiel Dolores Epstein, die eine neue Schülerin der Ellingham Academy war und vom Täter niedergeschlagen wurde, oder Robert Mackenzi
e, Ellinghams Privatsekretär oder George Marsh, der lange Zeit bei der Polizei gearbeitet hat und ein guter Freund von Ellingham war. Ebenso werden Einschübe aus Ermittlungsakten mit abgedruckt, wie Verhörprotokolle oder Zeitungsberichte. Dieser Wechsel ist unheimlich faszinierend und erzeugt jede Menge Spannung. Auch der Einstieg in die Geschichte — Dolores Geschichte, wie sie neu an der Schule aufgenommen wird, beispielsweise — liest sich total flüssig und interessant. Die Sprache ist einfach und von einer zuweilen feinen, angenehmen Ironie durchdrungen. Und Stevie als Charakter, mit ihrem besonderen Spürsinn (da hätte ich mir manchmal noch etwas mehr gewünscht!), aber auch ihren Ecken und Kanten, ihren teils sozialen Unfähigkeiten, ihrer Panikstörung, sticht über die Maße hervor. Man begleitet sie gerne auf ihrer Spurensuche, in ihrem Alltag auf dem Internat mit den vereinzelt schrägen Figuren (wie z.B. die exzentrische Ellie oder dem berühmten Hayes). Das Setting des Internats und Albert Ellinghams außergewöhnlicher Persönlichkeit haben mir auch sehr gut gefallen: “Es gibt nichts Ernsteres im Leben als ein Spiel” war eine von Ellinghams vielen Parolen. Darum hatten die Schüler unbeschränkten Zugang zu Brettspielen und das ganz neue Monopoly war verpflichtend für Schüler, Gäste und Personal. Jeder musste mindestens eine Partie pro Woche spielen und seit Neustem wurden sogar monatliche Turniere abgehalten. So lebte es sich in der Welt von Alber
t Ellingham.” (Zitat S.48ff) Ein Mann, der das Lernen als ein Spiel betrachtete und auf seinem Grundstück sogar diverse Tunnel, Geheimgänge, Fensterattrappen oder Türen, die nirgendwo hinführten, einbauen ließ. “… all die kleinen architektonischen Spielereien, die Albert Ellingham über alles liebte und die seine Partys so berühmt-berüchtigt machten. Es heißt, dass nicht einmal er selbst alle Geheimgänge und verborgenen Orte kannte, sondern lediglich den zahlreichen Architekten aufgetragen hatte, ein paar nette Überraschungen einzubauen.” (Zitat S.25) Auch eine kleine Liebesgeschichte ist ein dem Buch enthalten. Das Ende ist definitiv offen und fast schon ein wenig zu rasch abgeschlossen, ehe man sich über manche Entwicklungen und Lösungen genauer klar werden kann. Und es macht definitiv neugierig auf den zweiten Teil!
Fazit: Ein gelungener Auftakt! Ein Buch, das ich wirklich sehr gerne gelesen habe.
Dir gefällt der Erzählstil von Maureen Johnson? 2005 erschien im Deutschen “Schwestern für immer” von ihr. Fesselnd fand ich auch “Der Teufel in ihr” (2008), das später im Taschenbuch dann in “Teuflisch” umbenannt wurde (2011). Zusammen mit John Green und Lauren Myracle veröffentlichte sie 2012 “Tage wie diese”. Danach erschien ihre “Die Schatten von Valoria”-Reihe: “Die Schatten von London” (Band 1, 2014), “Die Schatten von London: In Memoriam” (Band 2, 2015) und “Die Schatten von London: In Aeternum” (Band 3, 2015). Gemeinsam mit Cassandra Clare schri
eb sie ebenfalls “Die Chroniken des Magnus Bane” (2014) und “Die Legenden der Schattenjäger-Akademie” (2016). Inhaltliche Alternativen zu “Ellingham Academy: Was geschah mit Alice?” gesucht? Sofort musste ich an die gewiefte Ermittlerin Ruby Redfort denken, die wirklich richtig cool ist: “Ruby Redfort: Gefährlicher als Gold” (Band 1), “Ruby Redfort: Kälter als das Meer” (Band 2), “Ruby Redfort: Schneller als Feuer” (Band 3), “Ruby Redfort: Dunkler als die Nacht” (Band 4), “Ruby Redfort: Giftiger als Schlangen” (Band 5) und “Ruby Redfort: Tödlicher als Verrat” (Band 6). Oder lies die “Ein Fall für Wells & Wong”-Reihe von Robin Stevens: “Mord ist nichts für junge Damen” (Band 1), “Teestunde mit Todesfall” (Band 2), “Mord erster Klasse” (Band 3), “Feuerwerk mit Todesfolge” (Band 4) und “Mord unterm Mistelzweig” (Band 5). Sherlock Holmes-Fan? Hier könntest du noch die bekannte “Young Sherlock Holmes”-Reihe von Andrew Lane oder die “My dear Sherlock”-Reihe von Heather Petty lesen. In Frage kommen könnte für dich ebenso die “Jackaby”-Reihe von William Ritter oder die “Holmes und ich”-Reihe von Brittany Cavallaro — oder aber auch die erfolgreiche “Flavia de Luce”-Reihe von Alan Bradley. Interessanterweise gibt es 2019 einige Neuerscheinungen von Detektivgeschichten à la Miss Marple/Sherlock Holmes: “Agatha Oddly — Das Verbrechen wartet nicht” von Lena Jones, “Eine Leiche zum Tee” von Alexandra Fischer-Hunold (schön!) und “Der Fall des verschwundenen Lords: Ein Enola-Holmes-Krimi” von Nancy Springer.
Bibliografische Angaben:Verlag: Loewe ISBN: 978-3-743-20206-1 Erscheinungsdatum: 11.Februar 2019 Einbandart: Hardcover Preis: 18,95€ Seitenzahl: 464 Übersetzer: Sandra Knuffinke, Jessika Komina Originaltitel: "Truly, devious" Originalverlag: Harper Collins Amerikanisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)
------------------------------------------ Amerikanisches Originalcover: Homepage von Maureen Johnson

Verlag: Loewe
ISBN: 978-3-743-20206-1
Erscheinungsdatum: 11.Februar 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,95€
Seitenzahl: 464
Übersetzer: Sandra Knuffinke, Jessika Komina
Originaltitel: "Truly, devious"
Originalverlag: Harper Collins
Amerikanisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):
Wann kommt der zweit Teil raus?
Hallo Felix,
in der aktuellen Vorschau vom Loewe Verlag, die die Herbstnovitäten ankündigt, ist noch von keinem Teil 2 die Rede. Im Englischen ist er im Januar 2019 erschienen und heißt “The Vanishing Stair”. Falls du also gut Englisch kannst, greif zu! Für die deutsche Übersetzung rechne ich mit dem Frühjahr 2020.
Lg Kasimira