Maureen Johnson — Ellingham Academy: Was geschah mit Alice?

Kasimira8.Februar 2019

Die ame­ri­ka­ni­sche Autorin Mau­re­en John­son legt mit “Elling­ham Aca­de­my: Was geschah mit Ali­ce?” den ers­ten Band einer geplan­ten Tri­lo­gie vor. Eine Mischung aus Inter­nats­ro­man und moder­ner Detek­tiv­ge­schich­te. Über einen Kri­mi­nal­fall, der seit über 80 Jah­ren unge­löst geblie­ben ist und an dem sich ein jun­ges Mäd­chen nun ver­su­chen möch­te. Äußerst unter­halt­sam und span­nend erzählt. Per­fek­tes Lese­fut­ter für ange­hen­de Detek­ti­ve und sol­che, die es wer­den möch­ten;-) Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 16-jäh­ri­ge Ste­pha­nie Bell, genannt Ste­vie, ist ein gro­ßer Fan von Sher­lock Hol­mes und Aga­tha Chris­tie. Am liebs­ten möch­te sie selbst irgend­wann ein­mal Detek­ti­vin wer­den! Und zudem hat sie noch einen ganz beson­de­ren Wunsch: “Sie woll­te ein­mal in ihrem Leben eine Lei­che fin­den. Natür­lich woll­te sie nie­man­den ermor­den — nichts lag ihr fer­ner. Sie woll­te ledig­lich die­je­ni­ge sein, die her­aus­fand, wie die Lei­che zu einer gewor­den war.” (Zitat aus “Elling­ham Aca­de­my: Was geschah mit Ali­ce?” S.51) Auf­grund ihrer Lie­be zur Kri­mi­no­lo­gie, die an ihrer Schu­le so recht nie­mand nach­voll­zie­hen kann, schreibt Ste­vie — mehr im Scherz, als mit Ernst­haf­tig­keit — eine auf­sat­zähn­li­che Bewer­bung an die Elling­ham Aca­de­my. Eine Pri­vat­schu­le in den Ber­gen Ver­monts, weit abge­le­gen von der mensch­li­chen Zivi­li­sa­ti­on, die ein gewis­ser Albert Elling­ham vor vie­len, vie­len Jah­ren gegrün­det hat­te. Eher er selbst ver­starb. Sei­ne Toch­ter und sei­ne FraKasimirau sind damals ent­führt wor­den und nie­mand hat das Ver­bre­chen je auf­klä­ren kön­nen. Auch eine Schü­le­rin in Ste­vies Alter kam damals zu Tode. “Die Mor­de waren vor Jahr­zehn­ten pas­siert. Unzäh­li­ge Leu­te hat­ten sich an der Auf­klä­rung ver­sucht. Nicht mal dem FBI war es gelun­gen. Pro­fes­sio­nel­le (und unpro­fes­sio­nel­le) Ermitt­ler waren rei­hen­wei­se geschei­tert. Tau­sen­de von Men­schen waren über die Jah­re davon beses­sen gewe­sen. Elling­ham selbst, ein Genie, hat­te her­aus­fin­den wol­len, was genau damals gesche­hen war, und war dabei ums Leben gekom­men. Den Elling­ham-Fall lös­te man nicht mal schnell neben­bei.” (Zitat S.129) Doch genau das hat Ste­vie vor und ist umso erstaun­ter, als sie doch tat­säch­lich das Bewer­bungs­ver­fah­ren besteht und als Schü­le­rin in das Inter­nat ein­ge­la­den wird. Denn auf die Elling­ham Aca­de­my kom­men nur ganz beson­de­re Per­sön­lich­kei­ten: “Fast ein Jahr­hun­dert lang hat­te das Insti­tut krea­ti­ve Genies, Quer­den­ker und Weg­be­rei­ter gro­ßer Neue­run­gen her­vor­ge­bracht. Dabei gab es kei­ne Bewer­bungs­for­mu­la­re, kei­ne Lis­te mit Anfor­de­run­gen und kei­ner­lei Instruk­tio­nen…[…] Man muss­te ein­fach an die Tür klop­fen. Auf eine ganz bestimm­te, kor­rek­te Art und Wei­se, über die einem nie­mand näher Aus­kunft gab. Sie such­ten nach dem gewis­sen Etwas.” (Zitat S.32) Nur 50 Schü­ler wer­den jedes Jahr ein­ge­la­den; es gibt nur zwei Jahr­gän­ge und kei­ner­lei Schul­ge­büh­ren. Ist man erst ein­mal angKasimiraenom­men wor­den, ist sozu­sa­gen alles inklu­si­ve. Rasch fin­det Ste­vie Freun­de und fühlt sich immer woh­ler auf dem Inter­nat, das mit außer­ge­wöhn­li­chen Lehr­me­tho­den lockt. Doch dann über­schla­gen sich bald die Ereig­nis­se und Ste­vie erhält tat­säch­lich eine Lei­che… was ist pas­siert? Und wie hän­gen die aktu­el­len Gescheh­nis­se mit denen vor über 80 Jah­ren zusam­men? Immer tie­fer beginnt Ste­vie zu gra­ben…

Elling­ham Aca­de­my: Was geschah mit Ali­ce?” beginnt mit einem fas­zi­nie­ren­den Vor­wort: “Für alle, die schon immer davon geträumt haben, eine Lei­che in der Biblio­thek zu fin­den”. Direkt danach fol­gen nicht nur ein Über­sichts­plan über das Gelän­de der Elling­ham Aca­de­my mit all ihren Häu­sern, Sta­tu­en und der park­ähn­li­chen Anla­ge, son­dern auch der Droh­brief eines Unbe­kann­ten, der am 8.April 1936 auf dem Elling­ham-Anwe­sen ein­ge­gan­gen ist, abge­druckt in typi­schen, aus Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten aus­ge­schnit­ten, ein­zel­nen Buch­sta­ben. Der Span­nungs­ro­man selbst besteht aus einem Geflecht von Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart. Kapi­tel ohne Datums­an­ga­ben kenn­zeich­nen die aktu­el­len Erleb­nis­se der Prot­ago­nis­tin Ste­vie, die in per­so­na­ler Erzähl­wei­se berich­tet. Und Kapi­tel mit Datums­an­ga­ben erzäh­len — aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven — die Ereig­nis­se von damals, als sich die Ent­füh­rung ereig­ne­te. Hier kom­men — neben Albert Elling­ham — unmit­tel­bar am Gesche­hen betei­lig­te Per­so­nen direkt zu Wort, wie zum Bei­spiel Dolo­res Epstein, die eine neue Schü­le­rin der Elling­ham Aca­de­my war und vom Täter nie­der­ge­schla­gen wur­de, oder Robert Macken­ziKasimirae, Elling­hams Pri­vat­se­kre­tär oder Geor­ge Marsh, der lan­ge Zeit bei der Poli­zei gear­bei­tet hat und ein guter Freund von Elling­ham war. Eben­so wer­den Ein­schü­be aus Ermitt­lungs­ak­ten mit abge­druckt, wie Ver­hör­pro­to­kol­le oder Zei­tungs­be­rich­te. Die­ser Wech­sel ist unheim­lich fas­zi­nie­rend und erzeugt jede Men­ge Span­nung. Auch der Ein­stieg in die Geschich­te — Dolo­res Geschich­te, wie sie neu an der Schu­le auf­ge­nom­men wird, bei­spiels­wei­se — liest sich total flüs­sig und inter­es­sant. Die Spra­che ist ein­fach und von einer zuwei­len fei­nen, ange­neh­men Iro­nie durch­drun­gen. Und Ste­vie als Cha­rak­ter, mit ihrem beson­de­ren Spür­sinn (da hät­te ich mir manch­mal noch etwas mehr gewünscht!), aber auch ihren Ecken und Kan­ten, ihren teils sozia­len Unfä­hig­kei­ten, ihrer Panik­stö­rung, sticht über die Maße her­vor. Man beglei­tet sie ger­ne auf ihrer Spu­ren­su­che, in ihrem All­tag auf dem Inter­nat mit den ver­ein­zelt schrä­gen Figu­ren (wie z.B. die exzen­tri­sche Ellie oder dem berühm­ten Hayes). Das Set­ting des Inter­nats und Albert Elling­hams außer­ge­wöhn­li­cher Per­sön­lich­keit haben mir auch sehr gut gefal­len: Es gibt nichts Erns­te­res im Leben als ein Spiel” war eine von Elling­hams vie­len Paro­len. Dar­um hat­ten die Schü­ler unbe­schränk­ten Zugang zu Brett­spie­len und das ganz neue Mono­po­ly war ver­pflich­tend für Schü­ler, Gäs­te und Per­so­nal. Jeder muss­te min­des­tens eine Par­tie pro Woche spie­len und seit Neus­tem wur­den sogar monat­li­che Tur­nie­re abge­hal­ten. So leb­te es sich in der Welt von AlberKasimirat Elling­ham.” (Zitat S.48ff) Ein Mann, der das Ler­nen als ein Spiel betrach­te­te und auf sei­nem Grund­stück sogar diver­se Tun­nel, Geheim­gän­ge, Fens­ter­at­trap­pen oder Türen, die nir­gend­wo hin­führ­ten, ein­bau­en ließ. “… all die klei­nen archi­tek­to­ni­schen Spie­le­rei­en, die Albert Elling­ham über alles lieb­te und die sei­ne Par­tys so berühmt-berüch­tigt mach­ten. Es heißt, dass nicht ein­mal er selbst alle Geheim­gän­ge und ver­bor­ge­nen Orte kann­te, son­dern ledig­lich den zahl­rei­chen Archi­tek­ten auf­ge­tra­gen hat­te, ein paar net­te Über­ra­schun­gen ein­zu­bau­en.” (Zitat S.25) Auch eine klei­ne Lie­bes­ge­schich­te ist ein dem Buch ent­hal­ten. Das Ende ist defi­ni­tiv offen und fast schon ein wenig zu rasch abge­schlos­sen, ehe man sich über man­che Ent­wick­lun­gen und Lösun­gen genau­er klar wer­den kann. Und es macht defi­ni­tiv neu­gie­rig auf den zwei­ten Teil!

Fazit: Ein gelun­ge­ner Auf­takt! Ein Buch, das ich wirk­lich sehr ger­ne gele­sen habe.

Dir gefällt der Erzähl­stil von Mau­re­en John­son? 2005 erschien im Deut­schen “Schwes­tern für immer” von ihr. Fes­selnd fand ich auch “Der Teu­fel in ihr” (2008), das spä­ter im Taschen­buch dann in “Teuf­lisch” umbe­nannt wur­de (2011). Zusam­men mit John Green und Lau­ren Myra­cle ver­öf­fent­lich­te sie 2012 “Tage wie die­se”. Danach erschien ihre “Die Schat­ten von Valo­ria”-Rei­he: “Die Schat­ten von Lon­don” (Band 1, 2014), “Die Schat­ten von Lon­don: In Memo­ri­am” (Band 2, 2015) und Die Schat­ten von Lon­don: In Aeter­num” (Band 3, 2015). Gemein­sam mit Cas­san­dra Cla­re schriLesealternativeneb sie eben­falls “Die Chro­ni­ken des Magnus Bane” (2014) und “Die Legen­den der Schat­ten­jä­ger-Aka­de­mie” (2016). Inhalt­li­che Alter­na­ti­ven zu “Elling­ham Aca­de­my: Was geschah mit Ali­ce?” gesucht? Sofort muss­te ich an die gewief­te Ermitt­le­rin Ruby Red­fort den­ken, die wirk­lich rich­tig cool ist: “Ruby Red­fort: Gefähr­li­cher als Gold” (Band 1), “Ruby Red­fort: Käl­ter als das Meer” (Band 2), “Ruby Red­fort: Schnel­ler als Feu­er” (Band 3), “Ruby Red­fort: Dunk­ler als die Nacht” (Band 4), “Ruby Red­fort: Gif­ti­ger als Schlan­gen” (Band 5) und “Ruby Red­fort: Töd­li­cher als Ver­rat” (Band 6). Oder lies die “Ein Fall für Wells & Wong”-Rei­he von Robin Ste­vens: “Mord ist nichts für jun­ge Damen” (Band 1), “Tee­stun­de mit Todes­fall” (Band 2), “Mord ers­ter Klas­se” (Band 3), “Feu­er­werk mit Todes­fol­ge” (Band 4) und “Mord unterm Mis­tel­zweig” (Band 5). Sher­lock Hol­mes-Fan? Hier könn­test du noch die bekann­te “Young Sher­lock Hol­mes”-Rei­he von Andrew Lane oder die “My dear Sher­lock”-Rei­he von Hea­ther Pet­ty lesen. In Fra­ge kom­men könn­te für dich eben­so die “Jacka­by”-Rei­he von Wil­liam Rit­ter oder die “Hol­mes und ich”-Rei­he von Britt­a­ny Cavall­aro — oder aber auch die erfolg­rei­che “Fla­via de Luce”-Rei­he von Alan Brad­ley. Inter­es­san­ter­wei­se gibt es 2019 eini­ge Neu­erschei­nun­gen von Detek­tiv­ge­schich­ten à la Miss Marple/Sherlock Hol­mes: “Aga­tha Oddly — Das Ver­bre­chen war­tet nicht” von Lena Jones, “Eine Lei­che zum Tee” von Alex­an­dra Fischer-Hunold und “Der Fall des ver­schwun­de­nen Lords: Ein Eno­la-Hol­mes-Kri­mi” von Nan­cy Sprin­ger. 

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-743-20206-1
Erscheinungsdatum: 11.Februar 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,95€ 
Seitenzahl: 464 
Übersetzer: Sandra Knuffinke, Jessika Komina
Originaltitel: "Truly, devious"
Originalverlag: Harper Collins

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira











Trailer zum Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Originalcover: Homepage von Maureen Johnson

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