Matthias Morgenroth — I can see u

Kasimira3.März 2019

Der deut­sche Jour­na­list und Autor Mat­thi­as Mor­gen­roth, der zahl­rei­che Kin­der­bü­cher ver­fasst hat, bringt mit “I can see u” sein ers­tes Jugend­buch her­aus. Eine Geschich­te über einen neu­en Mit­schü­ler, der eine Schul­kas­se mit sei­nen Tipps auf Trab hält und merk­wür­dig anders ist. Im Mit­tel­punkt ein Mäd­chen, das sich in die­sen ver­liebt und Unglaub­li­ches her­aus­fin­det. Äußerst flott und mit­rei­ßend erzählt. Mit einer inter­es­san­ten Hin­ter­grund­the­ma­tik. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und für inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 15-jäh­ri­ge Marie ist eher etwas unschein­ba­rer. Wird ger­ne über­se­hen. “Ich bin sonst nicht so eine, die den Jungs hin­ter­her­glotzt, und erst recht bin ich kei­ne von denen, denen die Jungs hin­ter­her­schau­en. Lei­der! Im Gegen­teil, ich habe meis­tens das Gefühl, her­aus­ge­rech­net zu wer­den, egal, wie bunt ich mich anzie­he und ob ich mich schmin­ke oder nicht.” (Zitat S.7) Umso über­rasch­ter ist sie, als mit­ten im Schul­jahr ein neu­er Schü­ler in ihre Klas­se kommt und sie tat­säch­lich wahr­nimmt! Er heißt Ben und hat Kasimiradun­kel­blon­de Haa­re und nimmt bereits am ers­ten Tag mehr­mals Blick­kon­takt mit ihr auf: “Er hat­te mir mit­ten ins Herz gese­hen. Klingt ver­rückt, aber so habe ich mich wirk­lich gefühlt. Als hät­te er mir ins HERZ gese­hen! Als wäre ich für ihn nicht nur eine durch­schnitt­li­che Fünf­zehn­jäh­ri­ge, die haupt­säch­lich aus Schwa­bel­fal­ten am Gür­tel, Edel­me­tall­tei­len im Mund und bescheu­er­tem Grin­sen im Gesicht besteht!” (Zitat S.8) Ben kommt in der Klas­se bei den meis­ten sehr gut an. Er schickt allen ein Foto von sich und for­dert sie dazu auf, ihm eben­falls eines von sich zu schi­cken, damit er sich ihre Namen bes­ser mer­ken kann. Er orga­ni­siert sogar Tref­fen in der Klas­se, bei denen sie zum Bei­spiel Tram­po­lin sprin­gen gehen. Immer wie­der schickt er ande­ren Links zu irgend­wel­chen Hob­bys (“Na, er woll­te gleich mei­ne Num­mer haben, und als er gemerkt hat, dass wir aus Spa­ni­en kom­men, hat er mir Lie­der aus den spa­ni­schen Charts geschickt. Süß, oder? Ich hab sofort ein paar Songs gekauft, die ich noch nicht kann­te. Voll cool.” (Zitat S.33)). Als Marie sich schließ­lich traut, ihn nach einem Date zu fra­gen, sagt Ben jedoch nur, dass er am Wochen­en­de lei­der nicht ver­füg­bar ist. Irgend­et­was ist höchst selt­sam an ihm. Bis Marie gemein­sam mit ihrem Mit­schü­ler Josh etwas gera­de­zu Unfass­ba­res über Ben her­aus­fin­det…

KasimiraIch muss geste­hen, dass ich über die Hin­ter­grund­the­ma­tik des Buches — die ich aus Spoilergrün­den jetzt nicht erwäh­ne — bereits zu Anfang durch die Ver­lags­vor­schau infor­miert war, daher wuss­te ich schon wor­auf die Geschich­te hin­aus­lau­fen wür­de, was mir natür­lich einen gewis­sen Teil der Span­nung nahm. Trotz die­ses “Vor­wis­sens” war ich über­rascht, wie unheim­lich flüs­sig und fes­selnd “I can see u” geschrie­ben ist. Wäh­rend es am Anfang noch etwas kit­schig und flach wirkt (“Mir kam es vor, als sei die gan­ze Men­sa plötz­lich für Fasching geschmückt oder für Weih­nach­ten. Alles glit­zer­te, alles schien vol­ler Geheim­nis­se zu sein. Und am Nach­bar­tisch … saß der Weih­nachts­mann. Nein, bes­ser, viel bes­ser! Der Weih­nachts­mann und das Christ­kind und der Oster­ha­se ZUSAMMEN! Kann man sich so plötz­lich ver­lie­ben?” (Zitat S.17)), nimmt der Roman, der durch­ge­hend aus Maries Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben ist, bald rich­tig Fahrt auf. Die ein­zel­nen Abschnit­te sind meist nicht sehr lang und auch oft­mals mit Chat­aus­zü­gen oder Emails durch­setzt, was den Erzähl­fluss deut­lich auf­lo­ckert und einen gera­de­zu über die Sei­ten flie­gen lässt. Immer wie­der wer­den auch tech­ni­sche Details und kon­sum­ver­bes­sern­de Maß­nah­men in die Geschich­te mit ein­ge­floch­ten, die nicht nur nach Zukunfts­mu­sik, son­dern bereits nach Rea­li­tät klin­gen. So hat Maries Vater zum Bei­spiel einen digi­ta­len Assis­ten­ten in Wohn­zim­mer und Küche ein­ge­baut, der Fra­gen Kasimirabeant­wor­ten kann, wenn man ihn mit “Com­pu­ter” anspricht. Eben­so Marie und ihre Mut­ter haben sich eine neue Errun­gen­schaft gegönnt: “Wir hat­ten seit einer Woche ein Pro­be­abo bei einer Smart­shop­ping-Fir­ma. Da braucht man gar nicht mehr anzu­kli­cken, was man bestel­len will, son­dern bekommt gelie­fert, was gut zu einem passt. Das kön­nen die errech­nen, auf­grund von unse­rem sons­ti­gen Kon­sum­ver­hal­ten oder so. Die meis­ten aus mei­ner Klas­se mach­ten da mit,…” (Zitat S.22) Auf jeden Fall jede Men­ge Stoff zum Nach­den­ken und daher ist “I can see u” auch ide­al für eine Klas­sen­lek­tü­re oder als Buch­vor­stel­lung. Einen schö­nen Erzähl­rah­men bie­ten übri­gens auch Maries gele­gent­li­chen Kom­men­ta­re. Denn das Buch ent­hält sozu­sa­gen ihre Auf­zeich­nun­gen, ihre Geschich­te, die sie im Nach­hin­ein dem Leser erzählt. Und dass das Gan­ze auf etwas Unheil­vol­les zusteu­ert, erkennt man sogleich am ers­ten Absatz: “Ben?”, rufe ich noch ein­mal. Ich wie­ge die Eisen­stan­ge in der Hand. Mei­ne Waf­fe. Schwer und beru­hi­gend. Ich wer­de die Tür öff­nen, vor­sich­tig natür­lich, und wenn er mir irgend­et­was tun will, schla­ge ich ihn zu Boden.” (Zitat S.5) Was ist zuvor gesche­hen? Wie kam es zu die­ser Sze­ne? Wäh­rend Marie ihre Erleb­nis­se — in einer recht ein­fa­chen, kla­ren Spra­che — schil­dert, machen ihre Andeu­tun­gen immer neu­gie­ri­ger: “Ich fra­ge mich, ob ich etwas hät­te bemer­ken kön­nen, damals, an die­sem Diens­tag im Mai. Jetzt fin­de ich natür­lich, ich hät­te eigent­lich Kasimiraetwas bemer­ken MÜSSEN. Ich hät­te wach­sa­mer sein sol­len. Aber so ist es doch meis­tens, hin­ter­her bist du immer schlau­er.” (Zitat S.33) Vie­les kann man sich mit der Zeit zusam­men­rei­men, spürt die Bedro­hung unwei­ger­lich auf sich zura­sen. Das Ende hin­ge­gen — muss ich geste­hen — hat mir lei­der nicht sehr gut gefal­len, das war zu abrupt und vie­les, was inter­es­sant wäre, was infol­ge des­sen nun pas­sie­ren könn­te, wird nicht mehr erwähnt. Hier muss man sei­ne Vor­stel­lungs­kraft spie­len las­sen…

Fazit: Eine fas­zi­nie­ren­de, tem­po­rei­che Geschich­te mit (für mich) lei­der nicht ganz so zufrie­den stel­len­dem Aus­gang.

Die wohl bes­te inhalt­li­che Alter­na­ti­ve zu “I can see u” Lesealternativenist Face­ful: Du bist nie allein” von Rein­hold Zieg­ler, in wel­chem sich ein Mäd­chen eben­so in einen recht merk­wür­di­gen Jun­gen ver­liebt (ähn­li­che Hin­ter­grund­the­ma­tik). Eine neue Mit­schü­le­rin in der Klas­se, die eini­ges durch­ein­an­der bringt, das erlebst du zum Bei­spiel äußerst fes­selnd in “Tau­send Mal gedenk ich dein” von Hei­ke E.Schmidt oder in “Ins­ta­girl” von Annet­te Miers­wa. ACHTUNG SPOILERALARM: Gut könn­te ich mir auch die zwei­bän­di­ge Rei­he “Du kannst kei­nem trau­en” und “Ihr seid nicht allein” von Robi­son Wells vor­stel­len oder “Eden Aca­de­my: Du kannst dich nicht ver­ste­cken” von Lau­ren Mil­ler. Oder greif zu “Being” von Kevin Brooks“Boy in a White room” von Karl Ols­berg und Cloud” von Clau­dia Piet­sch­mann. Eine ähn­li­che The­ma­tik behan­deln auch die­se Jugend­bü­cher: “Echo Boy” von Matt Haig“Dark World: Der gehei­me Code” von Tobi­as Rafa­el Jun­ge (fes­selnd!) und “God’s Kit­chen” von Mar­git Rui­le.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Coppenrath
ISBN: 978-3-649-63190-3
Erscheinungsdatum: 21.Februar 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€ 
Seitenzahl: 304 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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