Matthew Quick — Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen

Matthew Quick - Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen16.Mai 2018

Der ame­ri­ka­ni­sche Autor Mat­thew Quick, der vor allem durch sein ers­tes Buch “Sil­ver Linings” (Ver­fil­mung mit Jen­ni­fer Lawrence) bekannt wur­de, hat einen neu­en Jugend­ro­man geschrie­ben: “Schild­krö­ten­we­ge oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen”. Ein Auf­ruf zu mehr Indi­vi­dua­li­tät und über den Mut, sei­nen eige­nen Weg zu gehen und auch mal gegen den Strom zu schwim­men, aber eben­so über den Preis die­ses Anders­seins. Sehr unter­halt­sam und mit viel Klug­heit erzählt. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­sen.

Das Leben der jun­gen Nanet­te wird völ­lig auf den Kopf gestellt, als ihr Lieb­lings­leh­rer Mr Gra­ves ihr zu Weih­nach­ten ein Buch schenkt: “Es war ein Taschen­buch mit dem Titel Der Kau­gum­mi-Kil­ler, ein Roman von Nigel Boo­ker. Der Rücken der zer­fle­der­ten Aus­ga­be wur­de von Kle­be­band zusam­men­ge­hal­ten, die Sei­ten waren ziem­lich ver­gilbt.[…] “Ich habe das Buch gele­sen, als ich in dei­nem Alter war, und es hat mein Leben ver­än­dert”, erklär­te Mr Gra­ves.” (Zitat S.10) “Der Kau­gum­mi-Kil­ler” erzählt die Geschich­te eines Jun­gen, der sich in ein Mäd­chen ver­liebt, das einer Schild­krö­te (namens “der unpro­duk­ti­ve Ted”) ihre Sor­gen erzählt. Zunächst ist sie sau­er, weil er sie heim­lich belauscht hat, doch dann füh­ren sie ein wun­der­ba­res Gespräch mit­ein­an­der, in dem ihnen klar wird, dass sie bei­de den gro­ßen Wunsch haben ehr­lich zu sein und aus allem ein­fach aus­zusteMatthew Quick - Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machenigen. Doch nach ihrem Unter­hal­tung, hat der Jun­ge ver­ges­sen sie nach ihrem Namen zu fra­gen. Und das Mäd­chen hat ihn gebe­ten ihrer Zwil­lings­schwes­ter nie­mals von ihren Sor­gen zu erzäh­len. Und jetzt weiß er nicht, mit wel­cher der bei­den iden­tisch aus­se­hen­den Schwes­tern er gespro­chen hat. Das zieht ihn in einen tie­fen, inne­ren Kon­flikt. Mona­te­lang ver­sucht der Jun­ge einen Aus­weg aus die­ser Bre­douil­le zu fin­den. Bis er schließ­lich eine der bei­den Schwes­tern auf den Abschluss­ball ein­lädt. Aber wäh­rend er schon mit sei­nem Smo­king dort­hin unter­wegs ist, wird ihm klar, dass die Gefrag­te unmög­lich die Rich­ti­ge sein kann, da Ehr­lich­keit und Echt­heit nicht unbe­dingt für die Ver­klei­dung durch Smo­king und Abend­kleid spre­chen und er kehrt wie­der zurück zum Ort ihres Ken­nen­ler­nens, in der Hoff­nung sie dort zu fin­den. Er trifft auf ein paar Kin­der, die die eben jene Schild­krö­te auf den Kopf gedreht haben und mit Stö­cken ärgern. Da flippt er aus und stürzt sich auf eines der Kin­der. Nach gehö­ri­gem, anschlie­ßen­den Ärger mit dem Vater die­ses Kin­des, der ihm vor­wirft sich an einem halb so gro­ßen Kind zu ver­ge­hen und ihn fragt, war­um er mit sei­nem Smo­king eigent­lich nicht auf sei­nem Abschluss­ball sei, reicht es dem Jun­gen völ­lig. Er zieht sei­nen Smo­king aus und schwimmt in den Fluss hin­ein“Jetzt weiß ich, unpro­duk­ti­ver Ted, war­um du den gan­zen Tag auf die­sem Stein hockst und nichts tust. Mir reicht’s. Ich wird jetzt auch für immer und ewig in die­sem Fluss trei­ben.” (Zitat S.17)Matthew Quick - Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen Damit endet das Buch, das mitt­ler­wei­le zum Kult­ro­man gewor­den ist und die unter­schied­lichs­ten Theo­ri­en über die Aus­sa­ge der Geschich­te hat ent­ste­hen las­sen. Über das Buch unter­hält sich Nanet­te anschlie­ßend nicht nur mit ihrem Leh­rer — sie ist total begeis­tert von “Der Kau­gum­mi-Kil­ler” — son­dern auf Anra­ten von Mr. Gra­ves trifft sie sich sogar mit dem Autor Nigel Boo­ker. Der dis­ku­tiert zwar nicht sehr ger­ne über sein Buch mit ihr, bie­tet ihr aber sei­ne Freund­schaft an und wird bald wie ein Groß­va­ter für sie. Durch ihn lernt Nanet­te auch Alex ken­nen, der eben­so ein gro­ßer Fan des Buches ist: Er “…war groß und kräf­tig, aber das stand ihm gut. Er hat­te vol­le Haa­re, leuch­ten­de Augen und ein sym­pa­thi­sches Lächeln. Was mir an ihm beson­ders gefiel, war die Tat­sa­che, dass er sehr authen­tisch wirk­te. Er schien sich kein biss­chen zu ver­stel­len.” (Zitat S.56) Nanet­te und Alex ver­ste­hen sich rich­tig gut. Denn eben­falls Nanet­te lei­det dar­un­ter immer die Erwar­tun­gen ande­rer zu erfül­len. Auch sie sehnt sich danach “aus­zu­stei­gen”. Wie der Jun­ge aus dem Buch. Das hat vor allem mit ihren Eltern zu tun: “Sie sorg­ten dafür, dass ich eine der bes­ten Schu­len weit und breit besuch­te. Sie haben mich nie irgend­wie aus­ge­nutzt und mich stets ermu­tigt, das zu tun, was ich ihrer Mei­nung nach gern tun wür­de, aber genau das war das Pro­blem. Matthew Quick - Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machenDenn eigent­lich woll­te ich gar nicht das tun, was ich als ihre Toch­ter eben tat, nur habe ich ihnen das nie gesagt.” (Zitat S.37) Nanet­te spielt Fuß­ball und ist dar­in sogar sehr erfolg­reich. Mühe­los könn­te sie ein Sti­pen­di­um erlan­gen und eine Kar­rie­re machen. Doch eigent­lich will sie das gar nicht. Und so beschließt sie eines Tages end­lich mal das zu machen, was sie will. Sie hängt ihre Fuß­ball­kar­rie­re an den Haken und steigt aus dem Ver­ein aus. Das bringt uner­war­tet eine Lawi­ne ins Rol­le…

Was ich an Mat­thew Quicks Bücher mag, ist die gewis­se Leich­tig­keit, mit der er sei­ne Geschich­ten erzählt. Er ver­packt erns­te The­men auf unter­halt­sa­me, erfri­schen­de Art und Wei­se und mit einer Spra­che und einem Schreib­stil, die den Ton der Jugend­li­chen trifft. Mit Esprit, Authen­ti­zi­tät und einer gewis­sen Por­ti­on Charme und Undurch­schau­bar­keit lässt er sei­ne Cha­rak­te­re agie­ren. Bewegt sei­ne Leser dazu sich mit Nanet­tes Leben aus­ein­an­der­zu­set­zen. Und mit dem eige­nen. So lässt er vor allem Nigel Boo­ker gegen­über Nanet­te ein paar klu­ge Sät­ze for­mu­lie­ren: “Du bist nicht dazu ver­pflich­tet, so zu wer­den wie dei­ne Eltern. Du kannst den Kreis­lauf durch­bre­chen. Du kannst diejMatthew Quick - Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu macheneni­ge sein, die du sein willst. Doch dafür musst du einen gewis­sen Preis bezah­len. Dei­ne Eltern und vie­le ande­re wer­den dich dafür bestra­fen, dass du beschließt, du selbst zu sein, statt so zu wer­den wie sie. Das ist der Preis dei­ner Frei­heit.” (Zitat S.29ff) Unab­hän­gig zu sein, nicht die aus­ge­tre­te­nen Wege der ande­ren zu gehen, son­dern sei­nen eige­nen, neu­en Weg ein­zu­schla­gen, dazu ruft Mat­thew Quick mit sei­ner Geschich­te, die durch­ge­hend aus Nanet­tes Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt wird, auf. “Ich den­ke, […] dass wir viel Gutes im Leben ver­pas­sen, wenn wir uns zu sehr nach den Vor­stel­lun­gen ande­rer Leu­te rich­ten.” (Zitat S.64) Eine tol­le Bot­schaft, die er in sei­nen Roman ver­packt. Die Men­schen, die es nicht schaf­fen aus ihrer Kom­fort­zo­ne zu ent­flie­hen, ver­gleicht er mit Men­schen in einem Käfig: “Die Tür des Käfigs steht offen, aber die meis­ten schre­cken davor zurück, ihn zu ver­las­sen […]. Doch sobald du dich nur weni­ge Schrit­te von dei­nem Käfig ent­fernt hast, kön­nen sie dich nicht mehr errei­chen. Des­halb ver­su­chen sie, dich vor­her auf­zu­hal­ten. Und ich ver­ra­te dir noch ein Geheim­nis: Sie haben viel zu viel Angst, um dir zu fol­gen. Sie lie­ben näm­lich ihren eige­nen Käfig.” (Zitat S.30) Jedoch hat die Indi­vi­dua­li­tät manch­mal auch ihren Preis, das erfährt der Leser vor allem gegen Ende des Buches. Hier ver­än­dert sich inter­es­san­ter­wei­se der Blick­win­kel der Prot­ago­nis­tin und Ich-Erzäh­le­rin Nanet­te zu einer per­so­na­len Erzähl­wei­se. Nanet­te spricht — auf Anra­ten ihrer The­ra­peu­tin — von sich selbst in der drit­ten Per­son. Das schafft eine gewis­se Distanz beim Leser, wirkt etwas befremd­lich, ist aber eben­so ein beson­de­res Stil­mit­tel, um die Ent­wick­lung der Haupt­fi­gur und ihre Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät dar­stel­len.

Fazit: Schräg, ein biss­chen abge­fah­ren, anders — aber gelun­gen!

Du magst Mat­thew Quick? Dann lies noch sei­ne ande­ren Bücher: “Sil­ver Linings” (2013, für Erwach­se­ne), Hap­py bir­th­day, Leo­nard Peacook” (2014, für Jugendliche,toll! ), “Die Sache mit dem Glück” (2014,Lesealternativen für Erwach­se­ne), “Good­bye Bell­mont” (2015, für Jugend­li­che), “Flug­stun­den” (2016, für Erwach­se­ne) und “Anstand” (2017, für Erwach­se­ne). Ein Buch, das eine gro­ße Rol­le in einem Roman spielt? Das fin­dest du in “Und du kommst auch drin vor” von Ali­na Bron­sky. Auch mal gegen den Strom zu schwim­men und nicht immer die Erwar­tun­gen ande­rer erfül­len, die­se Erfah­rung machen auch die Haupt­fi­gu­ren in fol­gen­den Büchern: “Car­pe diem” von Autumn Corn­well (schö­ne Unter­hal­tung), “Die Liga der Guten” von Rüdi­ger Bertram (außer­ge­wöhn­lich), “Dein eines, wil­des, kost­ba­res Leben” von Jes­si Kir­by (toll!) und “Wohin dei­ne Flos­sen dich tra­gen” von Kate Gor­don. Bücher, die manch­mal ein biss­chen schräg und anders sein kön­nen, schreibt eben­so der Autor Kevin Brooks. Lies zum Bei­spiel “Born sca­red” oder “Iboy” von ihm.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-76204-5
Erscheinungsdatum: 29.März 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,95€ 
Seitenzahl: 304 
Übersetzer: Knut Krüger
Originaltitel: "Every exquisite thing"
Originalverlag: Headline Publishing Group

Amerikanisches Originalcover:
Matthew Quick - Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen











Das Cover des "Kaugummi-Killers":
Matthew Quick - Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen











Trailer zum Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Headline Publishing
Cover von "Der Kaugummi-Killer": Homepage von Matthew Quick

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