Martina Wildner — Letizia und der unheimliche Fluch

10.September 2026

“Leti­zia und der unheim­li­che Fluch” von der deut­schen Autorin Mar­ti­na Wild­ner ist ein (Grusel-)Roman, der an einen ober­ita­lie­ni­schen See ent­führt, wo Wil­ma mit ihrer Fami­lie für die Dau­er eines archäo­lo­gi­schen For­schungs­auf­trags ihrer Eltern in einer etwas ver­fal­le­nen Vil­la lebt. Dort trifft sie auch auf Leti­zia, die Groß­nich­te ihrer Ver­mie­te­rin, die schein­bar von einem Fluch befal­len ist. Sie wird nie älter als 15 Jah­re alt wer­den, denn alle erst­ge­bo­re­nen Fünf­zehn­jäh­ri­gen in ihrer Fami­lie sind aus den ver­schie­dens­ten Grün­den gestor­ben. Ist das wirk­lich ein Fluch? Wil­ma beginnt der Fami­li­en­ge­schich­te von Leti­zia auf den Grund zu gehen… Ein Roman, der zwar unter­halt­sam und auch ein wenig gru­se­lig ist, aber irgend­wie hin­ter sei­nen Mög­lich­kei­ten zurück­bleibt. Aber am bes­ten selbst lesen und eine eige­ne Mei­nung bil­den! Für Jugend­li­che ab 10 Jahren.

Wil­ma, ihr klei­ner Bru­der Eugen und ihre Eltern, die als Alter­tums­for­scher arbei­ten, zie­hen für einen neu­en Auf­trag nach Ita­li­en. An einen ober­ita­lie­ni­schen See. Sie mie­ten eine etwas mor­bi­de Vil­la von der Fami­lie Lom­bro­so. Eine Vil­la, in der es son­der­ba­re Gemäl­de gibt und Wil­ma zuwei­len eine Stim­me zu hören glaubt, die “Böööö­se!” ruft. Dann lernt sie Leti­zia ken­nen, die Groß­nich­te ihrer Ver­mie­te­rin. “Leti­zia kam aus dem Nebel. Der graue, feuch­te und schein­bar undurch­dring­li­che Dunst hat­te sich am 2.November über den ita­lie­ni­schen Bil­der­buch­see gelegt, an dem wir wohn­ten.” (Zitat aus “Leti­zia und der unheim­li­che Fluch” S.5) Die bei­den Mäd­chen freun­den sich ein wenig mit­ein­an­der an. Leti­zia ist manch­mal etwas selt­sam. Sie behaup­tet bald zu ster­ben. Als Wil­ma genau­er nach­hakt, erfährt sie sogar, dass ein Fluch auf der Fami­lie lie­gen soll. “Es ist ein­fach so: Alle Lom­bro­sos sind böse.” “Aber…”, ver­such­te ich ein­zu­wen­den. “Man muss nicht böse sein. Kei­ner zwingt einen dazu.” “Es ist ver­erbt. Und des­we­gen las­tet auch ein Fluch auf uns”, sag­te Leti­zia. “Wir sind zu böse. Dar­um voll­endet kei­ne Erst­ge­bo­re­ne jeder Fami­lie in direk­ter Linie das fünf­zehn­te Lebens­jahr. Sechs Mäd­chen muss­ten schon ster­ben. Ich bin die Nächs­te und Letz­te.” (Zitat S.45) Leti­zia lebt jetzt bei ihrer Groß­tan­te, bei der sie sogar ein eige­nes Zim­mer hat. Die Lom­bro­so meint den Fluch umkeh­ren zu kön­nen. Dies ist ihr näm­lich schon ein­mal geglückt. “Irgend­wie ist es ihr näm­lich gelun­gen, den Fluch umzulei­ten. Dum­mer­wei­se auf ihre um fünf Minu­ten jün­ge­re Zwil­lings­schwes­ter Gan­dol­fa.” (Zitat S.63) Ihre Schwes­ter ist auf einer Gar­ten­fei­er an einem blu­ti­gen Steak erstickt und gestor­ben. Wil­ma inter­es­siert sich sehr für die Fami­li­en­ge­schich­te der Lom­bro­sos. “Wer hat euch eigent­lich ver­flucht?”, frag­te ich schließ­lich. “Das weiß nie­mand so ganz genau”, sag­te Leti­zia seuf­zend. “Wir wis­sen nur, dass es mit Ser­a­fi­na begann. Dass es sich über­haupt um einen Fluch han­delt, wur­de auch erst mit der Zeit klar, etwa seit Igna­zia im Jahr 1939 gestor­ben war. Sie schlug vor Wut einen Spie­gel ein, eine Scher­be ver­letz­te die Schlag­ader und sie ver­blu­te­te.” (Zitat S.64) Bald beginnt Wil­ma selbst Nach­for­schun­gen anzustellen…

Das Cover ist sehr schön getrof­fen. Fasst die wich­tigs­ten Ele­men­te der Geschich­te ein, eben­so wie der Titel. Der Roman spielt in Ita­li­en, sorgt für eine gewis­se Atmosphä­re, aber anders als erwar­tet: “Im letz­ten Som­mer waren wir in die Nähe einer Aus­gra­bungs­stät­te an einem ober­ita­lie­ni­schen See gezo­gen. Das klingt erst mal sehr roman­tisch, nach Wein­ber­gen, alten Bur­gen, ele­gan­ten See­bä­dern, nach Schwim­men im grün­blau­en Was­ser, nach Son­ne und Wär­me. Das ist der Som­mer. Aber auch in Ita­li­en gibt es den Win­ter, und der bedeu­tet hier: Nebel, Nebel, Nebel.” (Zitat S.6ff) In “Leti­zia und der unheim­li­che Fluch” ist es vor allem kalt, neb­lig und zuwei­len auch ein wenig düs­ter. Selt­sa­me Geräu­sche und dazu noch ein Fluch sor­gen für eine unheil­vol­le Stim­mung. Erzählt wird das Buch durch­ge­hend aus Wil­mas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve. Zuwei­len schleicht sich auch ein etwas humor­vol­ler Unter­ton in die Geschich­te. “Plötz­lich hör­ten wir ein Rum­peln. “Das kommt von oben.” Mama deu­te­te mit dem Fin­ger in Rich­tung Decke. “Ein Ein­bre­cher!”, rief Eugen. “Quatsch”, sag­te Papa und stieg sehr mutig die Trep­pe hin­auf. Wir folg­ten ihm. Eugen mutig, ich mit­tel­mu­tig, Mama am unmu­tigs­ten.” (Zitat S.40) Vor allem die Eltern fand ich sehr erfri­schend. Die ita­lie­ni­sche Mama, die alles immer ganz schwarz sieht, und der deut­sche Papa mit sei­ner posi­ti­ven Art. Lei­der hat­te ich ins­ge­samt das Gefühl, dass der Roman sein Poten­ti­al nicht völ­lig aus­schöpft. Es fehl­te die Span­nung, obwohl der Plot an sich gelun­gen war. Auch war es schwie­rig eine Ver­bin­dung zu den Prot­ago­nis­tin­nen auf­zu­bau­en. “Ich an dei­ner Stel­le wür­de mich vor den Lom­bro­sos in Acht neh­men. Sie sind wie eine Kra­ke, der sei­ne vie­len lan­gen Arme nach allen Sei­ten aus­streckt und ver­schlingt, was er krie­gen kann.” “Aber Leti­zia ist anders”, sag­te ich, obwohl ich an das Wort Kra­ke in Zusam­men­hang der Lom­bro­sos selbst schon ein­mal gedacht hat­te. “Sie ist nett und wir sind befreun­det.” Der Händ­ler run­zel­te die Stirn. “Mir ist nicht bekannt, dass ein Mit­glied der Fami­lie Lom­bro­so zu einem Gefühl wie Freund­schaft fähig ist.” (Zitat S.84ff) Auch die Stel­le, als ein ver­letz­ter Hund erschos­sen wird, fand ich etwas hef­tig. Vor allem der Umgang damit, als sei dies völ­lig gewöhn­lich. “Als ich hin­ein­schlüpf­te, hör­te ich den Schuss. Bis dahin hat­te ich geglaubt, das alles sei nur Gere­de. Ich hat­te geglaubt, dass die Lom­bro­so nur ihre Auto­schlüs­sel holen gehen woll­te und dann mit Cida zum Tier­arzt fah­ren wür­de, ja, das hat­te ich geglaubt. “So jetzt ist er erlöst”, sag­te Leti­zia, schlüpf­te in ihre ele­gan­ten Pan­ti­nen und stieg lang­sam die Trep­pe hoch. Ich schlurf­te mit mei­nen Filz­pan­tof­feln hin­ter­her. “Es wird nur schwie­rig, sie zu begra­ben, wenn die Erde gefro­ren ist”, sag­te sie” (Zitat S.143) Das Ende bie­tet zwar eine Teil­auf­lö­sung, hin­ter­lässt aber einen faden Bei­geschmack, da letzt­lich alles wie­der hin­fäl­lig wird.

Mar­ti­na Wild­ner hat eine gan­ze Rei­he an Büchern ver­öf­fent­licht. Hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: „Lie­be Isol­de!“ (2003, ab 12), „Jede Men­ge Stern­schnup­pen“ (2003, ab 11), „Michel­les Feh­ler“ (2006, ab 13), „Murus“ (2008, ab 11), „SIX“ (2008, ab 13), „Grenz­laLesealternativennd“ (2009, ab 14), „Cora und Fred – Ein Zwil­ling kommt sel­ten allein“ (2010, ab 9), „Irgend­was stimmt nicht“ (2012, ab 11), „Köni­gin des Sprung­turms“ (2013, ab 11, Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis 2014!), „Der Him­mel über dem Platz“ (2021, ab 11), „Moritz, King Kong und der Regen­tanz“ (2023, ab 9) und „Zu schnell für die­se Welt“ (2025, ab 11). Etwas schau­ri­ger wird es bei „Fins­te­rer Som­mer“ (2016, ab 11) und der drei­tei­li­gen Rei­he rund um Hen­drik, Eddi und Ida: „Das schau­ri­ge Haus“ (2011, ab 11, nomi­niert für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis 2012), „Die unheim­li­che Krä­he am See“ (2017, ab 10) und „Die­ser ver­fluch­te Baum“ (2019, ab 11). Dich inter­es­sie­ren gru­se­li­ge Bücher, die an einem See oder in Ita­li­en spie­len? Dann greif zu “Laqua — Der Fluch der schwar­zen Gon­del” von Nina Bla­zon oder “Stel­la Mont­go­me­ry und der schau­ri­ge See von Worm­wood Mire” von Judith Ros­sell. Etwas neu­er wäre noch “Die Pup­pe: Spiel mit ihr, wenn du dich traust” von Hol­ly Black. Sehr emp­feh­len kann ich auch die schön gru­se­li­ge und span­nend erzähl­te “Gän­se­haut in Hove­nä­set”-Rei­he von Kris­ti­na Ohls­son: “Flam­men­rad” (Band 1) und “Ster­nen­grab” (Band 2), die aber auch unab­hän­gig von­ein­an­der gele­sen wer­den können.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg 
ISBN: 978-3-407-79057-6
Erscheinungsdatum: 16.Juli 2026
Einbandart: Hardcover
Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 208


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Kasimiras Bewertung:

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(3,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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