Martin Schäuble — Sein Reich

Kasimira23.Juli 2020

Der deut­sche Autor und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Mar­tin Schäub­le hat mit “Sein Reich” nicht nur einen hoch­bri­san­ten und wich­ti­gen, auf­klä­ren­den Roman geschrie­ben, son­dern zugleich das ers­te Jugend­buch zu die­sem The­ma über­haupt auf den Markt gebracht: über Reichs­bür­ger. Ein Jun­ge, der eigent­lich nur die Som­mer­fe­ri­en bei sei­nem bis­her unbe­kann­ten Vater ver­brin­gen möch­te und mit die­ser Grup­pie­rung kon­fron­tiert wird. Flott erzählt, unter­halt­sam und infor­ma­tiv. Für Jugend­li­che — ins­be­son­de­re Jungs — ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Stutt­gart. Der letz­te Schul­tag vor den Feri­en star­tet nicht gera­de so, wie der 15-jäh­ri­ge Juri sich das vor­ge­stellt hat. Der Bus, mit dem er fah­ren woll­te, kommt nicht, weil gestreikt wird. Und als er nach sei­nem Schul­buch grei­fen will, stößt er in sei­nem Ruck­sack plötz­lich auf etwas ganz Ande­res: “Moment. Da sind kei­ne Bücher in mei­nem Ruck­sack. Nichts, nur Zei­tungs­pa­pier. Was soll das? Ich hole ein Bün­del her­aus, und es fühlt sich hart an. Ich wick­le eine lee­re Fla­sche aus dem Papier. Oettin­ger Export, Hau­kes Lieb­lings­mar­ke. Ver­mut­lich lau­fe ich gera­de rot an, zumin­dest trans­for­miert mein Blut zu Lava.” (Zitat aus “Sein Reich” S.12) Hau­ke ist Mamas neu­er Freund, der stän­dig betrun­ken ist. Aber der Letz­te, namens Peter, war auch nicht bes­ser: “Peter hat­te einenKasimiraschwar­zen 3er Maz­da. Er hat­te extrem viel Zeit, und er war mor­gens nüch­tern. Hau­ke, der neue Peter, hat kein Auto, nie Zeit und ist immer betrun­ken. Immer­hin schlägt uns Hau­ke nicht. Genau das war näm­lich das Pro­blem bei Peter.” (Zitat S.10) Als Juris Klas­sen­leh­rer dann auch noch die Welt­kar­te her­aus­holt und jeden Schü­ler befragt, wohin er in den Som­mer­fe­ri­en ver­rei­sen wird, um den Koh­len­stoff­di­oxid­wert zu berech­nen, ist das Maß voll. Denn Juri ist der ein­zi­ge Schü­ler, der nir­gend­wo hin­fährt. Der zu Hau­se blei­ben wird. Bei sei­ner Mut­ter und dem üblen Hau­ke, der sich nach sei­nen Eska­pa­den nicht ein­mal mehr dar­an erin­nert, was er getan hat. Und auch wenn Hau­ke sich für die Bier­fla­schen in sei­nem Ruck­sack ent­schul­digt, so steht für Juri fest: er kann in den Feri­en unmög­lich daheim blei­ben. Da sei­ne Mut­ter kein Geld hat und Hau­ke auch nicht wirk­lich (“Der hat ande­re Aus­ga­ben.” (S.17)), beschließt Juri schließ­lich sei­nen Vater im Schwarz­wald zu besu­chen. Vor zehn Jah­ren — da war Juri 5 — stan­den er und sei­ne Mut­ter das letz­te KasimiraMal vor sei­ner Türe, und da hat er nicht auf­ge­macht. Des­halb kün­digt sich Juri dies­mal auch gar nicht erst an und hofft ein­fach, das sein Vater sich ver­än­dert hat. Son­der­lich begeis­tert scheint die­ser erst mal nicht zu sein, aber Juri darf blei­ben. Er freut sich auf einen Som­mer mit aller­lei Akti­vi­tä­ten — Angeln, Model­flie­ger­bau­en mit sei­nem Vater. Doch die­ser ist irgend­wie ein biss­chen komisch. Was sind das für selt­sa­me Kis­ten, die er in sei­nem Kel­ler bun­kert? War­um sind da so vie­le unge­öff­ne­te Brie­fe? Und war­um glaubt sein Vater, dass es die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gar nicht gibt? Dass die Mond­lan­dung ein Fake war? Unwei­ger­lich kommt Juri der Wahr­heit näher, aber da ist es auch schon fast zu spät…

Das Cover ist tref­fend hin­sicht­lich Farb- und Motiv­wahl. Es wirkt klar und ohne Schnör­kel. Genau­so wie Juris Erzähl­art, des­sen Ich-Per­spek­ti­ve in “Sein Reich” durch­gän­gig ver­wen­det wird: locker, ent­spannt und mit viel süf­fi­san­ter Iro­nie. Ein Jugend­li­cher, der Kasimiraeigent­lich nur einen schö­nen Som­mer erle­ben will und dann doch auf etwas ganz Ande­res stößt. Dies offen­bart auch der Pro­log zu Beginn, als von Nebel und Blit­zen und Rauch und dem Lauf einer Pis­to­le und einer Axt und einer Blut­la­che die Rede ist. Doch in ers­ter Linie ist der Roman erst mal eine Vater-Sohn-Geschich­te, eine Som­mer-Selbst­fin­dungs­ge­schich­te: wenn Juri mit sei­nem Vater das ers­te Mal angeln geht, wenn sie gemein­sam an einem Model­flug­zeug tüf­teln oder er bei Freun­den sei­nes Vaters das Schie­ßen Pfeil und Bogen aus­pro­bie­ren darf. Dass sein Vater anders ist, das merkt Juri, aber er inter­es­siert sich nicht son­der­lich dafür: “Sind die Umschlä­ge da alle unge­öff­net? “Ja.” “Und wie­so?” “Die haben alle kei­ne Berech­ti­gung.” “Aha. Kei­ne Berech­ti­gung”, wie­der­ho­le ich. So rich­tig inter­es­siert mich das jetzt auch nicht. Ich habe Hun­ger, und dass mein Vater komisch ist, ist ja nicht die gro­ße Über­ra­schung für mich. Nichts ande­res hat mir mei­ne Mut­ter schließ­lich die letz­ten zehn Jah­re gesagt.” (Zitat S.44) Lie­ber genießt Juri den Som­mer. Küsst Kasimiraein Mäd­chen, ver­bringt sein ers­tes Mal mit einem ande­ren. Genießt auch die Zeit mit sei­nem Vater: “Das hier ist echt schön mit ihm. Auch ohne Gespräch. Und Schwei­gen ist sowie­so bes­ser, als über sein Deut­sches Reich zu spre­chen. Es bleibt näm­lich sein Reich. Ich lebe in Deutsch­land. Da kann er labern, was er will.” (Zitat S.122) Doch irgend­wann merkt Juri, dass sein Vater dabei ist, ihn in etwas hin­ein­zu­zie­hen. Dass eine Tren­nung nicht immer mög­lich ist. Hier steu­ert der Roman auf einen gro­ßen, letz­ten Span­nungs­mo­ment zu, wäh­rend er zu Beginn ein­fach gut unter­hält. Das Ende war fast ein biss­chen zu schnell, hier hät­te ich mir noch ein paar letz­te auf­klä­ren­de Infor­ma­tio­nen gewünscht.

Fazit: Ein sehr lehr­rei­ches, unter­halt­sa­mes Buch, das unauf­dring­lich daher­kommt und dann aber doch sehr ein­deu­tig und klar ist. Ein wich­ti­ges Buch — ide­al für Leser, die eine Som­mer­ge­schich­te mit Tief­gang lesen möch­ten oder einen Titel für eine Buchvorstellung/als Klas­sen­lek­tü­re suchen!

Dir gefällt Mar­tin Schäub­les Art zu erzäh­len? Dann lies noch sei­ne ande­ren Jugend­bü­cher: “End­land” (über Rechts­ex­tre­mis­mus, Radi­ka­li­sie­rung und Flücht­lings­poLesealternativenlitik in einem fik­ti­ven Deutsch­land, sehr span­nend!), “Die Scan­ner” und “Die Gescann­ten” (unter dem Psyeud­onym Robert M.Sonntag, zwei dys­to­pi­sche Roma­ne). Sach­bü­cher für Jugend­li­che von ihm sind “Die Geschich­te der Israe­lis und Paläs­ti­nen­ser” und Black Box Dschi­had”Eine Lese­al­ter­na­ti­ve über Reichs­bür­ger gibt es im Jugend­buch — wie bereits erwähnt — bis­her noch nicht, aber du kannst natür­lich noch ande­re poli­ti­sche Jugend­bü­cher von deut­schen Autoren lesen, wie zum Bei­spiel von Chris­ti­an Lin­ker (“Der Schuss”“Dschi­had Cal­ling”), von Man­fred Thei­sen (“Rot oder Blau: Du hast die Wahl”, “Angst sollt ihr haben”) oder von Caro­li­ne Wahl (“Staat X: Wir haben die Macht!” — äußerst gelun­gen!). Eine inter­es­san­te Neu­erschei­nung über Rechts­ex­tre­mis­mus ist “Wir sind die Wahr­heit” von Andre­as Götz. Gut könn­te ich mir auch den auf­klä­ren­den Roman Bis die Ster­ne zit­tern” von Johan­nes Her­wig vor­stel­len. Eine Som­mer­ge­schich­te mit Tief­gang ist auch “Hel­den­haft” von Andre­as Thamm. Den Vater erst wie­der ken­nen­ler­nen? Das fin­dest du zudem in “Der Son­ne nach” von Gabrie­le Cli­ma.

.Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-7373-4194-3
Erscheinungsdatum: 4.März 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,00€
Seitenzahl: 240
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Mehr über das Buch:

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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