Marlies Slegers — 16x zum Himmel und zurück

Kasimira11.Februar 2022

16x zum Him­mel und zurück” ist ein Kin­der­buch und eine Neu­erschei­nung der nie­der­län­di­schen Autorin Mar­lies Sle­gers. Sie erzählt die Geschich­te eines Jun­gen, der ein Jahr nach dem Tod sei­nes Vaters von genau die­sem eine Kis­te vol­ler Bot­schaf­ten und Auf­ga­ben, die er zu erfül­len hat, erhält. Etwas, das sein gan­zes Leben auf den Kopf stel­len wird. Ein bezau­bern­der, herz­er­wär­men­der Roman, der sich zwar mit erns­ten The­men wie Tod und dem Ster­ben all­ge­mein aus­ein­an­der­setzt, aber auch mit einer char­man­ten Leich­tig­keit und von einem ganz beson­de­ren Prot­ago­nis­ten erzählt wird, des­sen Art ein­fach berührt. Ein Wohl­fühl­buch und ein Lese­ereig­nis, das man defi­ni­tiv nicht ver­pas­sen soll­te! Für Jugend­li­che ab 10 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Pel­le ist 12 Jah­re alt. Und lebt mit sei­ner Mut­ter nun allein. “Men­schen ster­ben nur ein­mal, und mein Vater ist da kei­ne Aus­nah­me. Seit einem Jahr ist er nicht mehr da.” (Zitat aus “16x zum Him­mel und zurück” S.7) Er hat­te Krebs. Ohne ihn ist das Leben viel trau­ri­ger gewor­den. “Am liebs­ten wäre ich unsicht­bar. Dann wür­de mich nie­mand fra­gen, ob ich bei die­sem Thea­ter­stück mit­ma­chen möch­te. Dann wür­de mich nie­mand die gan­ze Zeit löchern, ob es mir gut geht. Und wie es Mama geht.” (Zitat S.12) Denn seit Papas Tod ist sei­ne Mut­ter manch­mal auch nicht mehr rich­tig anwe­send. Unter­nimmt kaum mehr etwas, außer zu Kasimiraarbei­ten “und starrt nur matt auf den Fern­se­her, an die Wand, in ihren kal­ten Tee oder ein­fach ins Nichts.” (Zitat S.12ff). Sogar das Kla­vier, auf dem Pel­les Vater und er selbst immer gespielt haben, hat sie ver­kauft, weil es sie zu stark an ihren Mann erin­nert. Dabei konn­te Pel­le, der hoch­be­gabt ist, bereits nach eini­gem Male zuhö­ren ein Lied aus­wen­dig spie­len. Auch sonst hat er sich mit sei­ner Trau­rig­keit sehr zusam­men­ge­ris­sen. Immer, wenn er wei­nen woll­te, dach­te er an all die Din­ge, die er aus sei­nen Büchern gelernt hat: “Beim Begräb­nis mei­nes Vaters habe ich den gan­zen Zeit­strahl der Dino­sau­ri­er aus­wen­dig auf­ge­sagt, und wäh­rend des lan­gen War­tens im Kran­ken­haus, wenn Papa behan­delt wur­de, ver­such­te ich die ver­schie­de­nen Stern­sys­te­me auf­zu­zäh­len. Als sie mir sag­ten, dass mein Vater krank sei, dach­te ich dar­an, wie viel Schlaf Ele­fan­ten brau­chen und wie Amei­sen eine Stadt unter Sand bau­en kön­nen” (Zitat S.45) Umso erstaun­ter ist Pel­le, als sei­ne Mut­ter ihm ein Jahr nach dem Tod sei­nes Vaters plötz­lich einen Schuh­kar­ton von sei­nem Vater über­reicht. Mit klei­nen ein­ge­pack­ten Din­gen und num­me­rier­ten Brie­fen und Bot­schaf­ten an ihn. Er soll nicht mehr als einen Zet­tel pro Woche lesen und kann so lan­ge eine Pau­se dazwi­schen machen, wie er möch­te, soll die Zet­tel aber unbe­dingt in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge lesen und jede Auf­ga­be, die dar­in steht, erfül­len. Zunächst ist Pel­le äußerst skep­tisch, doch dann lässt er sich auf das Kasimirageplan­te Aben­teu­er sei­nes Vaters ein. Das bringt sein Leben und das sei­ner Mut­ter ziem­lich durcheinander…

Das Cover passt her­vor­ra­gend zum Inhalt der Geschich­te, sogar der Hund, der im Buch eine Rol­le spielt, ist dar­auf gezeich­net und vor allem die Brie­fe, die die wich­tigs­te Bedeu­tung in “16x zum Him­mel und zurück” haben. Die Grund­idee mit den Auf­ga­ben, die nach dem Tod eines gelieb­ten Men­schen zu erfül­len sind, ist nicht wirk­lich etwas Neu­es (sie­he “Wie viel Leben passt in eine Tüte?”), aber hier trifft sie auf einen Prot­ago­nis­ten, der wirk­lich außer­ge­wöhn­lich ist und den man sofort in sein (Leser-)Herz schließt! Mit sei­ner alt­klu­gen Art lässt er so man­chen bemer­kens­wer­ten Spruch von sich: “Der Tod gehört nun ein­mal dazu, sagt Mama immer. Kein Grund zur Angst. Ich habe auch kei­ne Angst, aber ich fin­de Ster­ben total blöd, weil es einem das Leben ver­dirbt.” (Zitat S.8) Pel­le ist hocKasimirahbe­gabt. Kann sich eben­so wie sein Vater Sachen ein­prä­gen, die er nur ein­mal gese­hen hat. In der Grund­schu­le hät­te er bereits eine Klas­se über­sprin­gen kön­nen. Weil er ab so klein und schmäch­tig ist, hat man sich dann doch dage­gen ent­schie­den. Von sei­nem Vater hat Pel­le gelernt, dass man nicht weint, son­dern die Zäh­ne zusam­men­beißt. Der wie­der­um hat­te dies von sei­nem Vater gelernt. Und so tau­chen eini­ge Stel­len in dem Buch auf, in denen Pel­le eigent­lich wei­nen will, dann aber krampf­haft an etwas Ande­res denkt und den Leser somit mit eini­gem uner­war­te­ten Wis­sen unter­hält: “Ich auch!, will ich schrei­en. Ich ver­mis­se ihn auch. Du bist nicht die Ein­zi­ge! Als er starb, bist du auch gestor­ben, und ich habe euch bei­de ver­lo­ren! Aber dann den­ke ich an Wühl­mäu­se. Wie ihr Fell je nach Jah­res­zeit die Far­be ändert. Und dar­an wie Giraf­fen schla­fen: Sie legen sich hin, dre­hen den Hals in eine Schlau­fe und las­sen den KopKasimiraf auf ihrem Kör­per ruhen.” (Zitat S.78) Sei­ne Gefüh­le nicht zei­gen zu dür­fen, ein­fach abzu­blen­den und sich mit etwas Bana­lem aus­ein­an­der­zu­set­zen, ist Pel­les Metho­de gewor­den, mit allem umzu­ge­hen. Nicht mal auf der Beer­di­gung sei­nes Vaters hat er geweint. Doch kann das auf Dau­er gut gehen? Muss man sei­ne Trau­rig­keit wirk­lich unter­drü­cken? Das The­ma Tod nimmt natür­lich in dem Buch einen zen­tra­len Schwer­punkt ein. Dies merkt man vor allem zu Beginn, da es genau das ist, mit dem sich Pel­le die gan­ze Zeit beschäf­tigt: “Im ver­gan­ge­nen Jahr habe ich ziem­lich viel über den Tod und unse­ren Umgang mit ihm gelernt. Lau­ter Sachen, die ich lie­ber nicht gewusst hät­te. Dass sich eine Lei­che kalt und steif anfühlt, zum Bei­spiel. Dass es ein wenig anfängt zu rie­chen, und dass jemand, der tot ist, plötz­lich so klein wirkt.” (Zitat S.16) Er bringt dem Leser auf unauf­dring­li­che Wei­se näher, was er über Sit­ten ande­rer Län­der weiß. Dass man in Chi­na zum Bei­spiel Opfer­ga­ben aus Papier ver­brennt oder dass man in Mexi­ko vie­le Ker­zen anzün­det, damit der Tote sei­nen KasimiraWeg zurück nach Hau­se fin­det. Und natür­lich ist “16x zum Him­mel und zurück” ein trau­ri­ges Buch, das Pel­le mit sei­ner spe­zi­el­len Art die Din­ge zu sehen, aber zu etwas ganz Beson­de­rem macht:Es fühlt sich an, als säßen Mama und ich in einem Kokon. Du weißt schon, wie Rau­pen. Bloß sind die im Durch­schnitt elf Tage in ihrem Kokon gefan­gen. Dann wer­den sie zu Schmet­ter­lin­gen. […] Ich war­te schon eine gan­ze Wei­le, bis wir uns wie­der ent­pup­pen. Aber Mama mag ihren Kokon, glau­be ich, und sie webt ihn dicker und dicker. Manch­mal ersti­cke ich fast. Du fehlst mir.” (Zitat S.41) Doch gleich­zei­tig ist es auch eine Geschich­te, das vol­ler tol­ler Ein­fäl­le steckt, das Pel­le mit den Auf­ga­ben sei­nes Vaters aus sei­ner Kom­fort­zo­ne lockt und auch so vie­le Momen­te bereit­hält, in denen man ein­fach nur herz­haft lachen kann. Mar­lies Sle­gers nimmt die Sor­gen, Ängs­te und auch die Trau­rig­keit ihres Prot­ago­nis­ten ernst. Lässt auch The­men wie eine sich ver­än­dern­de Freund­schaft und Eifer­sucht in die Geschich­te miKasimirat ein­flie­ßen: “So wie Eva “wir” sagt, klingt es, als wären sie und Stoß schon total lan­ge zusam­men. Ich weiß nicht, wie ich hier­auf reagie­ren soll. Ich habe immer gedacht, dass Eva und ich ein “Wir” sind — oder das auf jeden Fall eines Tages sein wür­den. (Zitat S.58), aber auch die Tat­sa­che, dass Pel­les Mut­ter plötz­lich auf der Suche nach einem neu­en Part­ner zu sein scheint, die ihm erst mal etwas befremd­lich vor­kommt. “16x zum Him­mel und zurück” ist in sich ein­fach rund her­um gelun­gen. Mit der rich­ti­gen Por­ti­on Tief­gang und einer Haupt­fi­gur, die man so schnell nicht ver­ges­sen wird. Das Ende ist pas­send und berüh­rend, auch wenn ich geste­hen muss, dass ich schon irgend­wie gewusst hät­te, was in den rest­li­chen Bot­schaf­ten stand;-)

Die per­fek­te Alter­na­ti­ve zu “16x zum Him­mel und zurück” ist das wie bereits erwähn­te “Wie viel Leben passt in eine Tüte?” von Don­na Frei­tas. DLesealternativenies ist für etwas älte­re Jugend­li­che ab 12 Jah­ren zu emp­feh­len und ein wirk­lich loh­nens­wer­tes Buch! Für Erwach­se­ne gibt es noch die Lese­al­ter­na­ti­ve PS: Ich lie­be dich” von Ceci­lia Ahern, das eine ähn­li­che The­ma­tik hat, aller­dings erst 13 Jah­re spä­ter ver­öf­fent­licht wur­de. Du magst ergrei­fen­de Kin­der­bü­cher, die etwas Posi­ti­ves, Herz­er­wär­men­des, Lebens­be­ja­hen­des in sich haben? Dann greif unbe­dingt zu “Wun­der” von Raquel J. Pala­cio, “Das Blub­bern von Glück” von Bar­ry Jons­berg und “Bird und ich und der Som­mer, in dem ich flie­gen lern­te” von Chan Crys­tal. Das The­ma Ster­ben und Tod wird auf sehr berüh­ren­de Art und und Wei­se auch in die­sen Büchern behan­delt: “Die wirk­li­che Wahr­heit” von Dan Gemein­hart und “Das Jahr, nach­dem die Welt ste­hen blieb” von Cla­re Fur­niss. Viel­leicht wäre auch das tol­le “What to say next” von Julie Bux­baum etwas für dich.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Dressler
ISBN: 978-3-7513-0030-8
Erscheinungsdatum: 8.Januar 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 240
Übersetzer: Andrea Kluitmann
Originaltitel: "Briefjes voor Pelle"
Originalverlag: Luitingh Sijthoff

Niederländisches Originalcover:
Kasimira











Die Autorin packt ihr Buch aus (auf Niederländisch):
 

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Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Niederländisches Cover: Homepage von Luitingh Sijthoff

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