Marisha Pessl — Niemalswelt

Kasimira22.März 2019

Nie­mals­welt” ist der neue Roman der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Mari­sha Pes­sl. Nach dem Erfolg ihres bereits vor Ver­öf­fent­li­chung hoch gehan­del­tes Manu­skripts “Die all­täg­li­che Phy­sik des Unglücks” und ihrem Nach­fol­ger “Die ame­ri­ka­ni­sche Nacht” ist dies ihr ers­tes Jugend­buch. Dass sie zuvor für Erwach­se­ne schrieb, das merkt man. Mit Anspruch, lite­ra­ri­scher Qua­li­tät und einem fas­zi­nie­ren­den Plot wickelt sie ihre Leser um den Fin­ger. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Es ist nun fast ein Jahr her, seit Bea­tri­ce, genannt Bee, von ihren ehe­mals bes­ten Freun­den gehört hat. Gera­de hat sie ihr ers­tes Jahr am Col­le­ge zu Ende gebracht, da tru­delt eine SMS von Whit­ley ein, die sie zu ihrem Geburts­tag in das Haus ihrer ver­reis­ten Eltern nach Win­croft, Rho­de Island, ein­lädt. Wenn ich heu­te Abend nicht auf­kreuz­te, wür­den mei­ne alten Freun­de ihr Wochen­en­de in Win­croft ver­brin­gen (oder auch nicht), und das wäre es dann. Damit wür­de ich dem alten Spiel­zeug­se­gel­boot aus mei­ner Kind­heit den letz­ten Schub­ser ver­pas­sen, der es end­gül­tig hin­aus in die Mit­te des Sees trei­ben wür­de, weit weg vom Ufer, für immer außer Reich­wei­te. Dann wür­de ich nie her­aus­fin­den, was mit Jim pas­siert war.” (Zitat S.22) Denn es war Jims Tod, der alles ver­än­dert hat. Jim, mit dem Bee zusam­men war. Des­sen Tod bis heu­te ungKasimiraeklärt ist. Nahe des Inter­nats, in das sie gin­gen, befand sich ein Stein­bruch mit einem tie­fen See. Und genau dort haben sie ihn tot auf­ge­fun­den. Ertrun­ken. Ein Unfall? Ein Mord? Ein Selbst­mord? Das Rät­sel konn­te nie gelöst wer­den. Jetzt kehrt Bee erst­mals zurück und beschließt das Wie­der­se­hen zu nut­zen, um ihre frü­he­ren Freun­de auf den Zahn zu füh­len. “Damals in Dar­row waren sie mei­ne Fami­lie gewe­sen. Sie waren die ers­ten rich­ti­gen Freun­de, die ich je gehabt hat­te, eine Hand­voll Leu­te, die so leben­dig und loy­al waren, dass ich über mein Glück staun­te wie ein Kind, das in eine gro­ße Dynas­tie hin­ein­ge­bo­ren wor­den war. Wir waren eine Cli­que, ein Geheim­club, um den uns alle Schü­ler in Dar­row benei­de­ten” (Zitat S.33) Doch ehe Bee dazu kommt über Jim zu reden, geschieht ihnen allen etwas Selt­sa­mes: Auf dem Rück­weg von einem Kon­zert, das sie gemein­sam besucht haben, sto­ßen sie bei­na­he mit einem Abschlepp­wa­gen zusam­men. Und wie­der ange­kom­men im Haus von Whit­leys Eltern klin­gelt plötz­lich ein alter Mann an ihrer Türe, der Unfass­ba­res behaup­tet: Ihr seid alle bei­na­he tot. Fest­ge­hal­ten in einem Raum zwi­schen Leben und Tod. Für euch hat die Zeit einen Sprung bekom­men, wie ein Schall­plat­te, und bil­det jetzt eine geschlos­se­ne Poten­zia­li­täts­schlei­fe, eine Art Wache in der soge­nann­ten KasimiraNie­mals­welt.” (Zitat S.43) Die Freun­de kom­men nicht umhin, den Mann als einen Ver­rück­ten abzu­stem­peln. Einen Irren, einen Ver­tre­ter irgend­ei­ner abstru­sen Reli­gi­on. Vor allem, als er ihnen Fol­gen­des ver­kün­det: Jeder von euch muss in den letz­ten drei Minu­ten jeder Zeit­schlei­fe der Nie­mals­welt-Wache abstim­men. Ihr müsst einen von euch aus­wäh­len, der über­le­ben soll. Die­ser eine wird ins Leben zurück­keh­ren. Die ande­ren wer­den in den wah­ren Tod über­ge­hen, ein dau­er­haf­ter und gänz­lich unbe­kann­ter Zustand. Die Ent­schei­dung muss ein­stim­mig sein, mit höchs­tens einer Gegen­stim­me. Nur einer von euch kann leben.” (Zitat S.45) Aber mys­te­riö­ser­wei­se ist der Mann auf kei­nem der Über­wa­chungs­bän­der, die sie sich hin­ter­her angu­cken, zu sehen. Und als die Fünf am nächs­ten Mor­gen erwa­chen, wie­der­holt sich der Tag tat­säch­lich noch ein­mal! Nach­dem alle ver­zwei­fel­ten Ver­su­che an eine rie­sen­gro­ße Ver­schwö­rung, an einen Feh­ler bei der Datums­gren­ze oder an einen raf­fi­nier­ten Streich zu glau­ben, aus dem Weg geräumt sind, müs­sen die Jugend­li­chen sich ein­ge­ste­hen, dass der alte Mann wirk­lich Recht hat. Sie sind in eine Zeit­schlei­fe hin­ein­ge­ra­ten. “Jedes Mal wach­ten wir wie­der genau zur sel­ben Zeit genau am sel­ben Ort auf. Wir waren Songs in End­los­schlei­fe, Flie­gen in einem Ein­mach­glas, Schreie in einem Can­yon, deren Echo nie ver­hallt.” (Zitat S.82) Also begin­nen sie abzu­stim­men. Und kom­men doch zu kei­ner Ver­än­de­rung, wie ihnen der alte Mann, der immer maKasimiral wie­der auf­taucht, mit­teilt: Ihr seid zu kei­nem gül­ti­gen Ergeb­nis gekom­men”, sag­te der Wäch­ter. Wir stimm­ten alle für uns selbst. Und ich konn­te mir nicht vor­stel­len, dass es irgend­wann anders sein wür­de.” (Zitat S.85) Was sol­len sie also tun? Wäh­rend zunächst jeder sei­nen gan­ze eige­nen Weg geht, um mit der Situa­ti­on fer­tig­zu­wer­den und den immer glei­chen Tag zu ver­brin­gen, wird ihnen schließ­lich klar, dass die Lösung in allem in Jims Tod lie­gen muss. Die Fünf fan­gen an, nach­zu­for­schen, was an sei­nem Todes­tag wirk­lich geschah. Und sto­ßen rasch auf ein Wes­pen­nest. Denn jeder von ihnen hat damals nicht mit offe­nen Kar­ten gespielt…

Das Cover von “Nie­mals­welt” ist gran­di­os, mit Schim­mer­ef­fekt und gestal­te­risch wirk­lich ein Hin­gu­cker! Schon der Klap­pen­text, auch wenn er bereits viel ver­rät, lockt und macht neu­gie­rig auf die­se beson­de­re Geschich­te, die durch­ge­hend aus Bees Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt wird. Der Plot offen­bart ein inter­es­san­tes Gedan­ken­ex­pe­ri­ment. Was, wäre, wenn? Wenn man selbst tat­säch­lich in eine Zeit­schlei­fe gera­ten wür­de? “Ich wür­de für immer hieKasimirar fest­sit­zen. Hier in der Nie­mals­welt, wo ich nie­mals alt wer­den wür­de. Nie­mals eine Fami­lie haben wür­de. Nie­mals jeman­den lie­ben wür­de.” (Zitat S.89) Wie jede Per­son mit ihrem Schick­sal umgeht, ist fas­zi­nie­rend zu lesen. Wäh­rend der Ein­stieg ins Buch sehr fes­selnd ist, muss man an man­chen Stel­len jedoch auch sehr gedul­dig beim Lesen sein. Mari­sha Pes­sl zeich­net ein inten­si­ves und unglaub­lich authen­ti­sches Per­so­nen­por­trät. Offen­bart vie­le Details, so dass man den Roman gut ein zwei­tes Mal lesen könn­te, um auch allen Tief­gang und die gan­ze inhalt­li­che, erzäh­le­ri­sche Raf­fi­nes­se zu erfas­sen. Der größ­te Span­nungs­an­teil umfasst wohl das Geheim­nis um Jims Tod, wel­ches die Prot­ago­nis­tin fast fort­wäh­rend beglei­tet: Jims Tod war wie ein Erd­be­ben gewe­sen, das gan­ze Städ­te ver­schlang. Obwohl ich das ver­gan­ge­ne Jahr in der Gewiss­heit ver­bracht hat­te, dass mei­ne Freun­de mehr dar­über wuss­ten, als sie mir sag­ten, war mir auch klar gewe­sen, dass die Wahr­heit mit jedem Tag, der ver­ging, wei­ter in die Fer­ne rück­te.” (Zitat S.34) Wäh­rend man­che Tei­le des Buches ein­fach nur unter­halt­sam zu lesen, aber nicht immer 100%ig packend sind, so ist es jedoch eine Qua­li­tät der Autorin, die beson­ders in den Vor­der­grund rückt — und das ist ihr erzäh­le­ri­sches Kön­nen. Sie ver­wen­det vor allem sehr bild­haf­te Ver­glei­che, die unty­pisch und anders sind und gera­de des­halb irgend­wie fas­zi­nie­rend: “…der unver­mit­tel­te Blick auf einen Hafen, in dem sich gro­ße wei­ße Segel­boo­te zusam­men­dräng­ten wie ein Her­de hung­ri­ger Ein­hör­ner” (KasimiraZitat S.22)  oder “…denn ich wuss­te, wenn ich auch nur einen Moment zöger­te, wür­de ich die Ner­ven ver­lie­ren. Ich wür­de zurück auf den Mee­res­bo­den sin­ken wie ein ver­lo­re­ner Stie­fel, der sich in einer Hum­mer­fal­le ver­fan­gen hat­te.” (Zitat S.24) Man­che Bil­der sind jedoch so rea­lis­tisch und gut gewählt, dass man genau nach­emp­fin­den kann, was die Autorin aus­drü­cken woll­te: Wann kommt es?, frag­te ich mich ner­vös. Wann reden wir über Jim? […] Natür­lich dach­ten sie an ihn. Wie könn­te es anders sein? Trotz­dem war er wie der ver­schlos­se­ne Schup­pen auf dem ver­fal­le­nen Anwe­sen, zu dem sich nie­mand hin­trau­te, ganz zu schwei­gen davon, durch die schmut­zi­gen Schei­ben hin­ein­zu­se­hen.” (Zitat S.52) Die Voka­bu­lar­wahl ist sehr sel­ten etwas geho­ben, wenn sie Aus­drü­cke wie “tran­skri­bie­ren” oder “Fisi­ma­ten­ten” ver­wen­det und zu Beginn stol­pert man auf eini­ge eher unbe­kann­te­re Per­so­nen­an­spie­lun­gen. Dann aber trifft man auch wie­der auf Sät­ze voll uner­war­te­ter Klug­heit: “Lie­be ist ein scheu­er Vogel […] Und wir sind Vogel­be­ob­ach­ter, die ihr gan­zes Leben damit zubrin­gen, nach einer sel­te­nen rot gefie­der­ten Wach­tel Aus­schau zu hal­ten, die ein­mal irgend­wo in Japan in einem Kirsch­baum gesich­tet wur­de.” (Zitat S.50) Das Ende ist über­ra­schend, aber nach­voll­zieh­bar und pas­send.

Fazit: Eine (schon etwas) anspruchs­vol­le­re Geschich­te, auf die man sich ein­las­sen muss, die aber mit viel Tief­gang und sprach­li­cher Qua­li­tät glänzt.

Dir gefällt Mari­sha Pes­sls Art zu erzäh­len? Dann greif even­tu­ell noch zu ihren (für Erwach­se­ne) bereits erwähn­ten Büchern: “Die all­täg­li­che Phy­sik des Unglücks” und “Die ame­ri­ka­ni­sche Nacht”. Wor­an ich aLesealternativenls inhalt­li­che Alter­na­ti­ve zu “Nie­mals­welt” hin­sicht­lich der Zeit­schlei­fe sofort den­ken muss­te, ist “Wenn du stirbst, zieht dein gan­zes Leben an dir vor­bei, sagen sie” von Lau­ren Oli­ver. Hier erlebt ein Mäd­chen einen Tag auch immer wie­der von Neu­em. Sel­bi­ges “Und täg­lich grüßt das Mur­mel­tier”-Prin­zip fin­dest du in “Eine Woche vol­ler Mon­ta­ge” von Jes­si­ca Bro­dy. Ähn­li­ches pas­siert den Prot­ago­nis­tin­nen in “Zoes Vier­und­zwan­zig-Stun­den-Zau­ber” von Dana Rein­hardt und “Girl rel­oa­ded” von Chris­ti­an K.L. Fischer. Gut vor­stel­len könn­te ich mir eben­so “Won­der­land” von Chris­ti­na Stein vor­stel­len, in wel­chem ein paar Jugend­li­chen von Unbe­kann­ten gefan­gen genom­men wer­den und ent­schei­den müs­sen, wer von ihnen als nächs­tes ster­ben muss. Span­nend, hef­tig und erst ab 16 Jah­ren. Jugend­li­che, die nach län­ge­rer Zeit auf­ein­an­der tref­fen und sich ihrer gemein­sa­men Ver­gan­gen­heit stel­len müs­sen, das erlebst du zudem in dem fes­seln­den Thril­ler “Die Müh­le” von Eli­sa­beth Herr­mann und in dem eben­falls gran­dio­sen “Lin­na singt” von Bet­ti­na Belitz.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58400-7
Erscheinungsdatum: 22.März 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€ 
Seitenzahl: 384 
Übersetzer: Claudia Feldmann
Originaltitel: "Neverworld Wake" 
Originalverlag: Delacorte Press

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira











Trailer zum Buch (auf Englisch):
 
Marisha Pessl im Interview (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Originalcover: Homepage von Marisha Pessl

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