“Niemalswelt” ist der Roman der amerikanischen Autorin Marisha Pessl. Nach dem Erfolg ihres bereits vor Veröffentlichung hoch gehandeltes Manuskripts “Die alltägliche Physik des Unglücks” und ihrem Nachfolger “Die amerikanische Nacht” ist dies ihr erstes Jugendbuch. Dass sie zuvor für Erwachsene schrieb, das merkt man. Mit Anspruch, literarischer Qualität und einem faszinierenden Plot wickelt sie ihre Leser um den Finger. Jetzt neu als Taschenbuch erschienen. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Es ist nun fast ein Jahr her, seit Beatrice, genannt Bee, von ihren ehemals besten Freunden gehört hat. Gerade hat sie ihr erstes Jahr am College zu Ende gebracht, da trudelt eine SMS von Whitley ein, die sie zu ihrem Geburtstag in das Haus ihrer verreisten Eltern nach Wincroft, Rhode Island, einlädt. “Wenn ich heute Abend nicht aufkreuzte, würden meine alten Freunde ihr Wochenende in Wincroft verbringen (oder auch nicht), und das wäre es dann. Damit würde ich dem alten Spielzeugsegelboot aus meiner Kindheit den letzten Schubser verpassen, der es endgültig hinaus in die Mitte des Sees treiben würde, weit weg vom Ufer, für immer außer Reichweite. Dann würde ich nie herausfinden, was mit Jim passiert war.” (Zitat S.22) Denn es war Jims Tod, der alles verändert hat. Jim, mit dem Bee zusammen war. Dessen Tod bis heute ungeklärt ist. Nahe des Internats, in das sie gingen, befand sich ein Steinbruch mit einem tiefen See. Und genau dort haben sie ihn tot aufgefunden. Ertrunken. Ein Unfall? Ein Mord? Ein Selbstmord? Das Rätsel konnte nie gelöst werden. Jetzt kehrt Bee erstmals zurück und beschließt das Wiedersehen zu nutzen, um ihre früheren Freunde auf den Zahn zu fühlen. “Damals in Darrow waren sie meine Familie gewesen. Sie waren die ersten richtigen Freunde, die ich je gehabt hatte, eine Handvoll Leute, die so lebendig und loyal waren, dass ich über mein Glück staunte wie ein Kind, das in eine große Dynastie hineingeboren worden war. Wir waren eine Clique, ein Geheimclub, um den uns alle Schüler in Darrow beneideten” (Zitat S.33) Doch ehe Bee dazu kommt über Jim zu reden, geschieht ihnen allen etwas Seltsames: Auf dem Rückweg von einem Konzert, das sie gemeinsam besucht haben, stoßen sie beinahe mit einem Abschleppwagen zusammen. Und wieder angekommen im Haus von Whitleys Eltern klingelt plötzlich ein alter Mann an ihrer Türe, der Unfassbares behauptet: “Ihr seid alle beinahe tot. Festgehalten in einem Raum zwischen Leben und Tod. Für euch hat die Zeit einen Sprung bekommen, wie ein Schallplatte, und bildet jetzt eine geschlossene Potenzialitätsschleife, eine Art Wache in der sogenannten
Niemalswelt.” (Zitat S.43) Die Freunde kommen nicht umhin, den Mann als einen Verrückten abzustempeln. Einen Irren, einen Vertreter irgendeiner abstrusen Religion. Vor allem, als er ihnen Folgendes verkündet: “Jeder von euch muss in den letzten drei Minuten jeder Zeitschleife der Niemalswelt-Wache abstimmen. Ihr müsst einen von euch auswählen, der überleben soll. Dieser eine wird ins Leben zurückkehren. Die anderen werden in den wahren Tod übergehen, ein dauerhafter und gänzlich unbekannter Zustand. Die Entscheidung muss einstimmig sein, mit höchstens einer Gegenstimme. Nur einer von euch kann leben.” (Zitat S.45) Aber mysteriöserweise ist der Mann auf keinem der Überwachungsbänder, die sie sich hinterher angucken, zu sehen. Und als die Fünf am nächsten Morgen erwachen, wiederholt sich der Tag tatsächlich noch einmal! Nachdem alle verzweifelten Versuche an eine riesengroße Verschwörung, an einen Fehler bei der Datumsgrenze oder an einen raffinierten Streich zu glauben, aus dem Weg geräumt sind, müssen die Jugendlichen sich eingestehen, dass der alte Mann wirklich Recht hat. Sie sind in eine Zeitschleife hineingeraten. “Jedes Mal wachten wir wieder genau zur selben Zeit genau am selben Ort auf. Wir waren Songs in Endlosschleife, Fliegen in einem Einmachglas, Schreie in einem Canyon, deren Echo nie verhallt.” (Zitat S.82) Also beginnen sie abzustimmen. Und kommen doch zu keiner Veränderung, wie ihnen der alte Mann, der immer ma
l wieder auftaucht, mitteilt: “Ihr seid zu keinem gültigen Ergebnis gekommen”, sagte der Wächter. Wir stimmten alle für uns selbst. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es irgendwann anders sein würde.” (Zitat S.85) Was sollen sie also tun? Während zunächst jeder seinen ganze eigenen Weg geht, um mit der Situation fertigzuwerden und den immer gleichen Tag zu verbringen, wird ihnen schließlich klar, dass die Lösung in allem in Jims Tod liegen muss. Die Fünf fangen an, nachzuforschen, was an seinem Todestag wirklich geschah. Und stoßen rasch auf ein Wespennest. Denn jeder von ihnen hat damals nicht mit offenen Karten gespielt…
Das Cover von “Niemalswelt” ist grandios (sowohl TB als auch HC-Ausgabe, siehe unten) und gestalterisch wirklich ein Hingucker! Schon der Klappentext, auch wenn er bereits viel verrät, lockt und macht neugierig auf diese besondere Geschichte, die durchgehend aus Bees Sicht in der Ich-Perspektive erzählt wird. Der Plot offenbart ein interessantes Gedankenexperiment. Was, wäre, wenn? Wenn man selbst tatsächlich in eine Zeitschleife geraten würde? “Ich würde für immer hie
r festsitzen. Hier in der Niemalswelt, wo ich niemals alt werden würde. Niemals eine Familie haben würde. Niemals jemanden lieben würde.” (Zitat S.89) Wie jede Person mit ihrem Schicksal umgeht, ist faszinierend zu lesen. Während der Einstieg ins Buch sehr fesselnd ist, muss man an manchen Stellen jedoch auch sehr geduldig beim Lesen sein. Marisha Pessl zeichnet ein intensives und unglaublich authentisches Personenporträt. Offenbart viele Details, so dass man den Roman gut ein zweites Mal lesen könnte, um auch allen Tiefgang und die ganze inhaltliche, erzählerische Raffinesse zu erfassen. Der größte Spannungsanteil umfasst wohl das Geheimnis um Jims Tod, welches die Protagonistin fast fortwährend begleitet: “Jims Tod war wie ein Erdbeben gewesen, das ganze Städte verschlang. Obwohl ich das vergangene Jahr in der Gewissheit verbracht hatte, dass meine Freunde mehr darüber wussten, als sie mir sagten, war mir auch klar gewesen, dass die Wahrheit mit jedem Tag, der verging, weiter in die Ferne rückte.” (Zitat S.34) Während manche Teile des Buches einfach nur unterhaltsam zu lesen, aber nicht immer 100%ig packend sind, so ist es jedoch eine Qualität der Autorin, die besonders in den Vordergrund rückt — und das ist ihr erzählerisches Können. Sie verwendet vor allem sehr bildhafte Vergleiche, die untypisch und anders sind und gerade deshalb irgendwie faszinierend: “…der unvermittelte Blick auf einen Hafen, in dem sich große weiße Segelboote zusammendrängten wie ein Herde hungriger Einhörner” (
Zitat S.22) oder “…denn ich wusste, wenn ich auch nur einen Moment zögerte, würde ich die Nerven verlieren. Ich würde zurück auf den Meeresboden sinken wie ein verlorener Stiefel, der sich in einer Hummerfalle verfangen hatte.” (Zitat S.24) Manche Bilder sind jedoch so realistisch und gut gewählt, dass man genau nachempfinden kann, was die Autorin ausdrücken wollte: “Wann kommt es?, fragte ich mich nervös. Wann reden wir über Jim? […] Natürlich dachten sie an ihn. Wie könnte es anders sein? Trotzdem war er wie der verschlossene Schuppen auf dem verfallenen Anwesen, zu dem sich niemand hintraute, ganz zu schweigen davon, durch die schmutzigen Scheiben hineinzusehen.” (Zitat S.52) Die Vokabularwahl ist sehr selten etwas gehoben, wenn sie Ausdrücke wie “transkribieren” oder “Fisimatenten” verwendet und zu Beginn stolpert man auf einige eher unbekanntere Personenanspielungen. Dann aber trifft man auch wieder auf Sätze voll unerwarteter Klugheit: “Liebe ist ein scheuer Vogel […] Und wir sind Vogelbeobachter, die ihr ganzes Leben damit zubringen, nach einer seltenen rot gefiederten Wachtel Ausschau zu halten, die einmal irgendwo in Japan in einem Kirschbaum gesichtet wurde.” (Zitat S.50) Das Ende ist überraschend, aber nachvollziehbar und passend.
Fazit: Eine (schon etwas) anspruchsvollere Geschichte, auf die man sich einlassen muss, die aber mit viel Tiefgang und sprachlicher Qualität glänzt.
Dir gefällt Marisha Pessls Art zu erzählen? Dann greif eventuell noch zu ihren (für Erwachsene) bereits erwähnten Büchern: “Die alltägliche Physik des Unglücks” und “Die amerikanische Nacht”. Woran ich a
ls inhaltliche Alternative zu “Niemalswelt” hinsichtlich der Zeitschleife sofort denken musste, ist “Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie” von Lauren Oliver. Hier erlebt ein Mädchen einen Tag auch immer wieder von Neuem. Selbiges “Und täglich grüßt das Murmeltier”-Prinzip findest du in “Eine Woche voller Montage” von Jessica Brody. Ähnliches passiert den Protagonistinnen in “Zoes Vierundzwanzig-Stunden-Zauber” von Dana Reinhardt und “Girl reloaded” von Christian K.L. Fischer. Gut vorstellen könnte ich mir ebenso “Wonderland” von Christina Stein vorstellen, in welchem ein paar Jugendlichen von Unbekannten gefangen genommen werden und entscheiden müssen, wer von ihnen als nächstes sterben muss. Spannend, heftig und erst ab 16 Jahren. Jugendliche, die nach längerer Zeit aufeinander treffen und sich ihrer gemeinsamen Vergangenheit stellen müssen, das erlebst du zudem in dem fesselnden Thriller “Die Mühle” von Elisabeth Herrmann und in dem ebenfalls grandiosen “Linna singt” von Bettina Belitz.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-31993-7 Erscheinungsdatum: 28.Juni 2021 Einbandart: Taschenbuch Preis: 8,99€ Seitenzahl: 384 Übersetzer: Claudia Feldmann Originaltitel: "Neverworld Wake" Originalverlag: Delacorte Press Deutsches Originalcover:
Amerikanisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):
Marisha Pessl im Interview (auf Englisch):
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(4 von 5 möglichen Punkten)
---------------------------------------- Amerikanisches Originalcover: Homepage von Marisha Pessl

Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-31993-7
Erscheinungsdatum: 28.Juni 2021
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 8,99€
Seitenzahl: 384
Übersetzer: Claudia Feldmann
Originaltitel: "Neverworld Wake"
Originalverlag: Delacorte Press
Deutsches Originalcover:
Amerikanisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):
