Marisa Reichardt — Immunity

Kasimira17.November 2021

Die Idee zu dem über­ra­schend bri­san­ten Roman “Immu­ni­ty: Dein Leben, dei­ne Ent­schei­dung” kam der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Mari­sa Rei­chardt bereits 2018 — noch vor Coro­na — doch auch wenn das Buch, das die­ses Jahr sowohl im Ame­ri­ka­ni­schen, als auch im Deut­schen nun erschie­nen ist, sich mit Masern beschäf­tigt, könn­ten die The­men Imp­fen, Soli­da­ri­tät und Selbst­be­stim­mung einer Jugend­li­chen über ihren eige­nen Kör­per nicht aktu­el­ler sein. Im Mit­tel­punkt ein jun­ges Mäd­chen, das in einer alter­na­tiv leben­den Fami­lie auf­wächst und sich mit Masern infi­ziert. Da sie nicht geimpft ist, hat dies uner­war­te­te Fol­gen und so beschließt sie letzt­end­lich gegen ihre Eltern vor Gericht zu zie­hen, um sich ihr Recht, sich imp­fen zu las­sen, zu erkämp­fen. Das ers­te Jugend­buch zu die­ser The­ma­tik über­haupt! Ein äußerst mit­rei­ßen­der, bewe­gen­der, nach­denk­lich machen­der Roman, eine Fami­li­en- , Lie­bes- und eine über­zeu­gen­de Com­ing-of-Age-Geschich­te. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und Erwachsene.

Juni­per ist 16. Mit ihren Eltern und ihren bei­den jün­ge­ren Geschwis­tern Pop­py und Sequoia ist sie in das geerb­te Haus der ver­stor­be­nen Groß­mutter gezo­gen. Ihre Eltern füh­ren ein hip­pie­ähn­li­ches, alter­na­ti­ves Leben. Ihr Vater arbei­tet zu Hau­se als Lek­tor und ihre Mut­ter ver­kauft selbst getrock­ne­te Kräu­ter und äthe­ri­sche Öle auf dem Wochen­markt. Zur Schu­le gehen, das dür­fen die Kin­der nicht. Auch geimpft sind sie nicht, weil ihre Eltern eine kla­re Ein­stel­lung haben: “Wir ent­schei­den, was in die Kör­per und in die Köp­fe unse­rer Kin­der kommt.” (Zitat aus “Immu­ni­ty” S.13) Im Haus­halt der Fami­lie muss alles bio­lo­gisch abbau­bar sein. Und Impf­stof­fe sind Gift für den Kör­per. “Bei uns ist alles Bio: vom Deo über das Essen bis hin zu unse­rem Wasch­mit­tel und den Möbeln. Unge­heu­er wich­tig, ich weiß. Aber man kann es auch über­trei­ben. Wenn es um ihre Über­zeu­gun­gen geht, sind mei­ne Eltern abso­lut fana­tisch.” (Zitat S.12) Dabei fehlt vor allem Juni­per, der ältes­ten der Geschwis­ter, der Kon­takt zu Gleich­alt­ri­gen. Doch auf die Schu­le, die gegen­über liegt, dürf­te sie ohne Imp­fung gar nicht gehen. Doch dann wird Juni­per plötz­lich schwer krank und weil sich ihre Mut­ter nicht mehr zu hel­fen weiß, bringt sie sie zu einem Arzt. Ein Arzt, der sie sofort der Pra­xis ver­weist, weil sie Masern hat, hoch­an­steckKasimiraend ist und eigent­lich geimpft sein soll­te. Mit einer Lun­gen­ent­zün­dung lan­det Juni­per schließ­lich im Kran­ken­haus. Dort redet ein Arzt ihren Eltern ordent­lich ins Gewis­sen: “Heut­zu­ta­ge haben wir es jedoch mit Eltern wie Ihnen zu tun, die den­ken, ihre Kin­der sind geschützt, weil ande­re Eltern das für sie erle­di­gen. Aber so läuft das nicht. Nicht alle sind geschützt. Nicht alle kön­nen geimpft wer­den. Indem Sie ihr Kind nicht imp­fen, gefähr­den Sie nicht nur sein eige­nes Leben, son­dern auch das von Men­schen, die Sie gar nicht ken­nen.” (Zitat S.38) Aber jeg­li­che Kri­tik prallt an ihren Eltern ab. Auch als Pop­py und Sequioa eben­falls erkran­ken und die gesam­te Fami­lie das Haus hüten muss: Die Masern sind hoch­an­ste­ckend. Daher muss ich Sie und Ihre Fami­lie bit­ten, min­des­tens ein­und­zwan­zig Tage zu Hau­se in Qua­ran­tä­ne zu blei­ben”, erklärt sie. “Wenn jemand nicht immun ist, bestKasimiraeht eine neun­zig­pro­zen­ti­ge Wahr­schein­lich­keit, dass er sich ansteckt, sobald er mit dem Virus in Kon­takt kommt.” (Zitat S.41) Erst jetzt beginnt Juni­per sich mit die­ser The­ma­tik rund um das Imp­fen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Denn es kommt her­aus, dass ein Baby, mit dem sie auf dem Wochen­markt kurz Kon­takt hat­te, und das zu jung war, um sich imp­fen zu las­sen, sich von ihr eben­falls mit Masern ange­steckt hat. Und dass das Baby nun gestor­ben ist. Etwas, das hät­te ver­hin­dert wer­den kön­nen, wenn Juni­per geimpft gewe­sen wäre. Doch ihre Eltern sind nach wie vor gegen die Imp­fung. Also beschließt Juni­per sich einen Anwalt zu suchen. “Die Masern hät­ten mich umbrin­gen kön­nen. Polio kann es immer noch. Weil ich vor­her noch nie ernst­haft krank war, habe ich mir dar­über noch kei­ne Gedan­ken gemacht. Aber nach die­ser Erfah­rung wür­de ich, wenn es nach mir gin­ge, die Imp­fung wäh­len. War­um kann es Kasimiranicht nach mir gehen? Ich bin sechs­zehn. Ich bin die­je­ni­ge, die den Rest ihres Lebens in die­sem Kör­per ver­brin­gen muss. War­um soll­ten mei­ne Eltern dar­über ent­schei­den, was mit ihm pas­siert?” (Zitat S.45) Not­falls wird sie gegen ihre Eltern vor Gericht zie­hen. Das stellt ihre Fami­lie auf eine gro­ße Belastungsprobe…

Das Cover von “Immu­ni­ty: Dein Leben, dei­ne Ent­schei­dung” sieht sehr schön und fas­zi­nie­rend aus. Doch die Far­ben­f­röh­lich­keit täuscht - in dem Roman steckt eine explo­si­ve The­ma­tik, die gera­de in aktu­el­len (Corona-)Zeiten für ordent­lich Gesprächs­stoff sor­gen wird. Wäh­rend sich Jugend­li­che in Deutsch­land bereits ab 12 Jah­ren ohne Ein­wil­li­gung der Eltern bei­spiels­wei­se gegen Coro­na imp­fen las­sen dür­fen, solan­ge sie die nöti­ge Ein­sichts­fä­hig­keit haben, ist dies im Buch, das in Ame­ri­ka spielt, anders: Die durch­gän­gi­ge Ich‑EKasimirarzäh­le­rin Juni­per ist erst mit 18 Jah­ren berech­tigt selbst Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Vor­her braucht sie die Ein­ver­ständ­nis­er­klä­rung ihrer Eltern, wel­che die­se ihr nicht geben wol­len — ein Kern­punkt der Geschich­te: “Ihr sagt mir, ich soll die Welt mit ande­ren Augen betrach­ten. Für mich und mei­ne Über­zeu­gun­gen ein­ste­hen. Aber wenn ich Din­ge anders sehe als ihr, könnt ihr nicht damit umge­hen. In Wirk­lich­keit wollt ihr gar nicht, dass ich ein eige­ner Mensch mit eige­nen Vor­stel­lun­gen bin. Ihr wollt ein­fach nur, dass ich so wer­de wie ihr.” (Zitat S.91) Die Autorin schafft es hier­bei äußerst gut, die Balan­ce zwi­schen fami­liä­ren Zusam­men­halt und Dis­kre­panz bezüg­lich der medi­zi­ni­schen Ent­schei­dung zu hal­ten. Denn trotz allem ist Juni­per mit ihrer Fami­lie eng ver­bun­den, will aber eben auch Ver­ant­wor­tung für sich und ande­re über­neh­men. Und sie möch­te zur Schu­le gehKasimiraen, möch­te ein Stück Nor­ma­li­tät in ihrem All­tag, der so anders ist, wie der von Gleich­alt­ri­gen: “Ich mag mei­ne Mut­ter und mei­nen Vater mit all ihren Macken. Ehr­lich. Aber manch­mal wäre ich trotz­dem gern wie alle ande­ren.” (Zitat S.15) Die­sen All­tag mit­zu­er­le­ben liest sich zu Beginn höchst inter­es­sant, wenn man bei­spiels­wei­se erfährt, dass sie kein Han­dy haben darf (wegen mög­li­cher Seh­nen­schei­den­ent­zün­dung und der Strah­lung, die Krebs aus­lö­sen könn­te) und kei­nen Fern­se­her. Dass ihr Deo aus Tapio­ka­mehl und Kokos­öl ist und angeb­lich genau­so gut funk­tio­niert, aber ein­fach nur komisch riecht. Auch eine Lie­bes­ge­schich­te ist in “Immu­ni­ty: Dein Leben, dei­ne Ent­schei­dung” mit ein­ge­bun­den. Denn als Juni­per Nico ken­nen­lernt, holt sie auf gewis­se Wei­se man­che Din­ge, die sie zuvor nie tun durf­te, nacKasimirah. Isst das ers­te Mal ein “indus­tri­ell gefer­tig­tes” Stück Piz­za, besucht einen Film­abend oder lässt sich von der Ener­gie und Begeis­te­rung auf einem Foot­ball­spiel mit­rei­ßen. Mit­rei­ßend wird es vor allem, als her­aus­kommt, dass Juni­per das Mäd­chen ist, wel­ches das ver­stor­be­ne Baby ange­steckt hat und sich ein Foto ihrer Fami­lie im Inter­net ver­brei­tet. Plötz­lich wer­den auch ihre Eltern mit der The­ma­tik rund um das Imp­fen kon­fron­tiert, wer­den in der Öffent­lich­keit erkannt und an den Pran­ger gestellt. Als Juni­per dann beschließt gegen ihre Eltern vor Gericht zu zie­hen, wird es noch fes­seln­der, wobei die eigent­li­che Sze­ne tat­säch­lich erst ganz zum Schluss kommt. Das Ende ist pas­send, den­noch fast ein wenig schnell abge­han­delt, da hät­te ich mir noch ein paar mehr Ereig­nis­se hin­sicht­lich der sich ent­wi­ckeln­den Bezie­hung zu ihrer Fami­lie gewünscht. Da hät­te man an ande­rer Stel­le kür­zen und sich lie­ber dar­auf noch etwas kon­zen­trie­ren können.

Im Deut­schen ist “Immu­ni­ty: Dein Leben, dei­ne Ent­schei­dung” tat­säch­lich das ers­te Buch von Mari­sa Rei­chardt, das über­setzt wur­de. Im Eng­li­schen gibt es von ihr noch “Under­wa­ter” und “Afters­hocks”Zum ThLesealternativenema Imp­fen ist mir bis­her kei­ne Lese­al­ter­na­ti­ve expli­zit für Jugend­li­che bekannt. Mit dem The­ma Coro­na hat sich der deut­sche Autor Mar­tin Schäub­le in “Clean­land” auf höchst fas­zi­nie­ren­de Wei­se aus­ein­an­der­ge­setzt. Mit­ver­ant­wort­lich dafür, dass sich ein (Hunde-)Virus in ihrer Gegend ver­brei­tet ist auch die Prot­ago­nis­tin in “Der Hund, der die Welt ret­tet” von Ross Wel­ford (für etwas jün­ge­re Leser). Wie sich eine Infek­ti­on in einer Klein­stadt aus­brei­tet, davon kannst du zudem in “Schlamm” von Lou­is Sachar lesen. Zwei sehr emp­feh­lens­wer­te Lie­bes­ge­schich­ten, die (ande­re) erns­te The­ma­ti­ken und die Fami­lie in den Mit­tel­punkt stel­len, sind außer­dem “You are (not) safe here” von Kyrie McCau­ley und “Jetzt ist alles, was wir haben” von Amy Giles. Viel­leicht könn­ten dich auch die­se Sek­ten-Roma­ne inter­es­sie­ren, die über Fami­li­en berich­ten, die in völ­lig ande­ren Wel­ten leben und deren Prot­ago­nis­ten dar­aus aus­zu­bre­chen ver­su­chen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Moon Notes
ISBN: 978-396976-023-9
Erscheinungsdatum: 6.November 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 352
Übersetzer: Rita Gravert
Originaltitel: "A shot at normal"
Originalverlag: Farror Strauss & Giroux

Amerikanisches Originalcover: 
Kasimira











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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Marisa Reichardt

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