Marion Brunet — Zwischen Ebbe und Wut

16.Juni 2026

Die fran­zö­si­sche Autorin Mari­on Bru­net ist in Deutsch­land bis­her kaum bekannt. Nun hat sie 2025 die welt­weit höchst­do­tier­te Aus­zeich­nung für Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur, qua­si den Nobel­preis für Jugend­li­te­ra­tur erhal­ten — den Astrid-Lind­gren-Gedächt­nis-Preis. Dar­auf­hin wur­de auch ein ers­tes Buch von ihr ins Deut­sche über­setzt: “Zwi­schen Ebbe und Wut”. Ein Thril­ler, der aber durch vie­le Rück­blen­den und sei­ne Erzähl­art, eher als Roman gel­ten könn­te. Ein Segel­törn. Eine Woche allein unter­wegs. Eine Cli­que von Jugend­li­chen, die in der Bre­ta­gne star­ten und nach Irland segeln wol­len. Fünf Freun­de — und am Ende: eine Lei­che, die im Was­ser treibt. Ich-Erzäh­le­rin Emma erin­nert sich zurück, an ihre Freund­schaft, an unge­lös­te Kon­flik­te und kommt der Wahr­heit lang­sam immer näher, wäh­rend um sie her­um ein Sturm ein­setzt und sie alle an ihre Gren­zen treibt und ums Über­le­ben kämp­fen lässt… Ein inten­siv erzähl­tes Buch, das sich Zeit nimmt für die Ent­wick­lung der Cha­rak­te­re und das fei­ne Zusam­men­spiel freund­schaft­li­cher Ver­flech­tun­gen und dabei ganz ohne Effekt­ha­sche­rei aus­kommt. Mit einer beson­de­ren Spra­che und einer lei­sen, unter­schwel­li­gen Span­nung, die sich lang­sam stei­gert. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Kurz vor ihrem Abitur haben sie es geschafft — durch gute Noten in der Schu­le und viel Über­zeu­gungs­ar­beit — die Cli­que um den cha­ris­ma­ti­schen Cla­rence darf mit dem Boot von Éli­ses Groß­el­tern für eine Woche segeln gehen. Cla­rence ist 17 Jah­re alt, so wie auch Éli­se, Sam und Emma. Er ist der Mit­tel­punkt der Cli­que, die Son­ne, um die sich alles dreht. Ihr Anfüh­rer. Emma kennt ihn schon seit sie 11 Jah­re alt ist. Sie ist heim­lich in ihn ver­liebt, auch wenn ihr Groß­va­ter Kasimirasie vor Cla­rence gewarnt hat. “Vor dem nimm dich bes­ser in Acht, Emma. Er wirkt stark, aber das ist nur hei­ße Luft. Dahin­ter zit­tert er. Und du, du machst ihn zu wich­tig. Dabei bist du viel stär­ker als er.” (Zitat aus “Zwi­schen Ebbe und Wut” S.57) Nun ist auch Vic­tor, Cla­rence neu­er Stief­bru­der, von ihm in die Cli­que inte­griert wor­den, auch wenn er nicht segeln kann. Cla­rence fand ihn cool, also ist er dabei. Auch er sticht mit ihnen in See. Doch dann taucht plötz­lich eine Lei­che im Was­ser auf. Es ist aus­ge­rech­net Cla­rence. “Cla­rence’ Tod macht uns sprach­los. Cla­rence’ Tod lässt alles ver­schwim­men. Das Bild stoppt, danach das Nichts, wie am Ende einer Film­rol­le, die im wei­ter­dre­hen­den Pro­jek­tor schep­pert. Was pas­siert ist, ist unbe­greif­lich im Moment. Und nie­mand kann zurück­spu­len.” (Zitat S.22) Der Kon­takt zur Küs­ten­wa­che reißt ab und ein Unwet­ter zieht auf. Ein wirk­lich star­ker Sturm, der alles durch­ein­an­der­wir­belt und sie ums Über­le­ben kämp­fen lässt. Und wer von ihnen hat Cla­rence umgebracht?

KasimiraDas Cover sieht sehr schön aus, aber das eigent­lich Bril­li­an­te ist der Titel. Die Wort­spie­le­rei greift auch inhalt­lich. Erzählt wird das Buch durch­ge­hend aus Emmas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve. Das Buch wird als Thril­ler ange­kün­digt, wirkt in der Lek­tü­re jedoch eher wie ein Roman mit star­kem Fokus auf Figu­ren und Bezie­hun­gen. Statt klas­si­scher Span­nung ste­hen vie­le Rück­blen­den im Vor­der­grund, die die Ent­ste­hung der Freund­schaft und die Ver­gan­gen­heit der Figu­ren beleuch­ten. Die Cha­rak­te­re gehen in die Tie­fe, vor allem die von Cla­rence und Emma. “Ich arbei­te schon lan­ge dar­an, här­ter zu wir­ken, als ich bin, denn lie­ber wei­ne ich im Inne­ren, als aller Welt das Gesicht eines nas­sen Kätz­chens zu zei­gen. Das ist nicht leicht, denn exakt so füh­le ich mich, wenn irgend­et­was schei­ße läuft oder mich mit­nimmt. Aber nas­se Kätz­chen fah­ren nicht zur See. Nas­se Kätz­chen trot­zen nicht den Wel­len. Nas­se Kätz­chen ersau­fen.” (Zitat S.36) Ihre Ver­bin­dung wird sehr eng beleuch­tet. Ihre Bezie­hung zuein­an­der ist toxisch und das wird der Erzäh­le­rin im Lau­fe des Buches auch immer mehr bewusst. “Cla­rence strahl­te, und in sei­ner Nähe zu blei­ben, ließ auch mich leuch­ten. Dass er für uns alle ent­schied, dass sein Wort stets schwe­rer wog Kasimiraals unse­res, stör­te mich damals nicht. In mei­nen Augen war er stark, dazu talen­tiert, und mit ihm zusam­men zu sein, gab mir eine Bedeu­tung, die ich zuvor nicht gehabt hat­te. Gegen Ende unse­rer Kind­heit hat­te Cla­rence eine Macht, die kei­nem von uns bewusst war. Eine beson­de­re und zugleich trü­ge­ri­sche Macht. Uns schö­ner zu machen, als wir waren, und sich bes­ser zu machen, als er war.” (Zitat S.21) Emma begreift schließ­lich, war­um ihr Groß­va­ter sie vor Cla­rence gewarnt hat. “Trotz des Sturms, der unmit­tel­ba­ren Angst und Sor­ge muss ich dar­über nach­den­ken — um es klar und deut­lich zu sagen: Cla­rence hat mir, als er noch leb­te, nicht nur gut­ge­tan.” (Zitat S.45) Alle Figu­ren eint eben­so (mit Aus­nah­me von Vik­tor), dass sie vom Meer ange­zo­gen wer­den, dass sie das Segeln lie­ben und anders als ihre Eltern sein wol­len. Nicht in der Fische­rei oder in einer Fabrik arbei­ten wol­len, son­dern von etwas Bes­se­rem träu­men. “Doch wo manch ande­re ihre Zukunft im Lan­des­in­ne­ren sahen, ab durch die öde Mit­te in die Haupt­stadt, hat­ten wir eher das Meer vor Augen. Unser Anders­wo begann dort, am Strand, zwi­schen den Fel­sen, im Ange­sicht des mond­be­stimm­ten Kom­mens und Gehens, das in sei­ner Stär­ke die Gezei­ten am Gra­nit unse­rer Häu­ser lecken ließ.” (Zitat S.35) Die Spra­che in “Zwi­schen Ebbe und Wut” ist sehr anspre­chend und auf beson­de­rem Niveau. Teils wer­den auch vie­le Segel­de­tails und sehr viel Voka­bu­lar mit in die Geschich­te ein­ge­bun­den. “Ich rufe über die Wind­bö­en hin­weg, um Éli­se das Kom­man­do zu geben, das Segel zu fie­ren, weil wir zu stark krän­gen. […] Éli­se gibt Schot, und das Boot kommt wie­der in ein beru­hi­gen­des Gleich­ge­wicht.” (Zitat S.28) Das Buch ist kein typi­scher Thril­ler, in dem es dar­um geht, Span­nung her­aus­zu­ar­bei­ten à la “der Täter ist noch unter uns, jeder­zeit könn­te noch etwas pas­sie­ren”, son­dern eher ein behut­sa­mes auf den Grund gehen, von dem was war. Die stän­di­gen Wech­sel zwi­schen Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit, vor allem die Rück­blen­den in die Kind­heit, in das Auf­wach­sen der Jugend­li­chen, in ihr Bezie­hungs­ge­flecht, nimmt lei­der viel Span­nung wie­der weg. Es ist mehr ein Nach­spü­ren nach dem, was war. Hier wer­den sämt­li­che Details erwähnt. Dass Emmas Eltern geschie­den sind. War­um ihr Groß­va­ter eine Hand ver­lo­ren hat. Wie sie Cla­rence ken­nen­lern­te. Wie er sie an ihrem 15.Geburtstag ent­täusch­te. Das ist durch­aus alles inter­es­sant und unter­halt­sam geschrie­ben, nimmt aber Tem­po raus, was scha­de ist. Erst gegen Ende, wenn sich die Hand­lungs­strän­ge aus Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit all­mäh­lich wie­der ein­ein­an­der annä­hern, und gewis­se Din­ge in der Gegen­wart pas­sie­ren, wird es wie­der fes­seln­der. Den­noch klingt das Buch pas­send aus und hallt nach.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Rotfuchs
ISBN: 978-3-7571-0258-6
Erscheinungsdatum: 29.April 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,90€
Seitenzahl: 224
Übersetzer*in: Maren Partzsch, Carolin Farbmacher
Originaltitel: "Plein gris"
Originalverlag: Pocket Jeunesse

Französisches Originalcover:








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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Französisches Cover: Homepage von Pocket Jeunesse (Lisez)

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