Die französische Autorin Marion Brunet ist in Deutschland bisher kaum bekannt. Nun hat sie 2025 die weltweit höchstdotierte Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur, quasi den Nobelpreis für Jugendliteratur erhalten — den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis. Daraufhin wurde auch ein erstes Buch von ihr ins Deutsche übersetzt: “Zwischen Ebbe und Wut”. Ein Thriller, der aber durch viele Rückblenden und seine Erzählart, eher als Roman gelten könnte. Ein Segeltörn. Eine Woche allein unterwegs. Eine Clique von Jugendlichen, die in der Bretagne starten und nach Irland segeln wollen. Fünf Freunde — und am Ende: eine Leiche, die im Wasser treibt. Ich-Erzählerin Emma erinnert sich zurück, an ihre Freundschaft, an ungelöste Konflikte und kommt der Wahrheit langsam immer näher, während um sie herum ein Sturm einsetzt und sie alle an ihre Grenzen treibt und ums Überleben kämpfen lässt… Ein intensiv erzähltes Buch, das sich Zeit nimmt für die Entwicklung der Charaktere und das feine Zusammenspiel freundschaftlicher Verflechtungen und dabei ganz ohne Effekthascherei auskommt. Mit einer besonderen Sprache und einer leisen, unterschwelligen Spannung, die sich langsam steigert. Für Jugendliche ab 14 Jahren und interessierte Erwachsene.
Kurz vor ihrem Abitur haben sie es geschafft — durch gute Noten in der Schule und viel Überzeugungsarbeit — die Clique um den charismatischen Clarence darf mit dem Boot von Élises Großeltern für eine Woche segeln gehen. Clarence ist 17 Jahre alt, so wie auch Élise, Sam und Emma. Er ist der Mittelpunkt der Clique, die Sonne, um die sich alles dreht. Ihr Anführer. Emma kennt ihn schon seit sie 11 Jahre alt ist. Sie ist heimlich in ihn verliebt, auch wenn ihr Großvater
sie vor Clarence gewarnt hat. “Vor dem nimm dich besser in Acht, Emma. Er wirkt stark, aber das ist nur heiße Luft. Dahinter zittert er. Und du, du machst ihn zu wichtig. Dabei bist du viel stärker als er.” (Zitat aus “Zwischen Ebbe und Wut” S.57) Nun ist auch Victor, Clarence neuer Stiefbruder, von ihm in die Clique integriert worden, auch wenn er nicht segeln kann. Clarence fand ihn cool, also ist er dabei. Auch er sticht mit ihnen in See. Doch dann taucht plötzlich eine Leiche im Wasser auf. Es ist ausgerechnet Clarence. “Clarence’ Tod macht uns sprachlos. Clarence’ Tod lässt alles verschwimmen. Das Bild stoppt, danach das Nichts, wie am Ende einer Filmrolle, die im weiterdrehenden Projektor scheppert. Was passiert ist, ist unbegreiflich im Moment. Und niemand kann zurückspulen.” (Zitat S.22) Der Kontakt zur Küstenwache reißt ab und ein Unwetter zieht auf. Ein wirklich starker Sturm, der alles durcheinanderwirbelt und sie ums Überleben kämpfen lässt. Und wer von ihnen hat Clarence umgebracht?
Das Cover sieht sehr schön aus, aber das eigentlich Brilliante ist der Titel. Die Wortspielerei greift auch inhaltlich. Erzählt wird das Buch durchgehend aus Emmas Sicht in der Ich-Perspektive. Das Buch wird als Thriller angekündigt, wirkt in der Lektüre jedoch eher wie ein Roman mit starkem Fokus auf Figuren und Beziehungen. Statt klassischer Spannung stehen viele Rückblenden im Vordergrund, die die Entstehung der Freundschaft und die Vergangenheit der Figuren beleuchten. Die Charaktere gehen in die Tiefe, vor allem die von Clarence und Emma. “Ich arbeite schon lange daran, härter zu wirken, als ich bin, denn lieber weine ich im Inneren, als aller Welt das Gesicht eines nassen Kätzchens zu zeigen. Das ist nicht leicht, denn exakt so fühle ich mich, wenn irgendetwas scheiße läuft oder mich mitnimmt. Aber nasse Kätzchen fahren nicht zur See. Nasse Kätzchen trotzen nicht den Wellen. Nasse Kätzchen ersaufen.” (Zitat S.36) Ihre Verbindung wird sehr eng beleuchtet. Ihre Beziehung zueinander ist toxisch und das wird der Erzählerin im Laufe des Buches auch immer mehr bewusst. “Clarence strahlte, und in seiner Nähe zu bleiben, ließ auch mich leuchten. Dass er für uns alle entschied, dass sein Wort stets schwerer wog
als unseres, störte mich damals nicht. In meinen Augen war er stark, dazu talentiert, und mit ihm zusammen zu sein, gab mir eine Bedeutung, die ich zuvor nicht gehabt hatte. Gegen Ende unserer Kindheit hatte Clarence eine Macht, die keinem von uns bewusst war. Eine besondere und zugleich trügerische Macht. Uns schöner zu machen, als wir waren, und sich besser zu machen, als er war.” (Zitat S.21) Emma begreift schließlich, warum ihr Großvater sie vor Clarence gewarnt hat. “Trotz des Sturms, der unmittelbaren Angst und Sorge muss ich darüber nachdenken — um es klar und deutlich zu sagen: Clarence hat mir, als er noch lebte, nicht nur gutgetan.” (Zitat S.45) Alle Figuren eint ebenso (mit Ausnahme von Viktor), dass sie vom Meer angezogen werden, dass sie das Segeln lieben und anders als ihre Eltern sein wollen. Nicht in der Fischerei oder in einer Fabrik arbeiten wollen, sondern von etwas Besserem träumen. “Doch wo manch andere ihre Zukunft im Landesinneren sahen, ab durch die öde Mitte in die Hauptstadt, hatten wir eher das Meer vor Augen. Unser Anderswo begann
dort, am Strand, zwischen den Felsen, im Angesicht des mondbestimmten Kommens und Gehens, das in seiner Stärke die Gezeiten am Granit unserer Häuser lecken ließ.” (Zitat S.35) Die Sprache in “Zwischen Ebbe und Wut” ist sehr ansprechend und auf besonderem Niveau. Teils werden auch viele Segeldetails und sehr viel Vokabular mit in die Geschichte eingebunden. “Ich rufe über die Windböen hinweg, um Élise das Kommando zu geben, das Segel zu fieren, weil wir zu stark krängen. […] Élise gibt Schot, und das Boot kommt wieder in ein beruhigendes Gleichgewicht.” (Zitat S.28) Das Buch ist kein typischer Thriller, in dem es darum geht, Spannung herauszuarbeiten à la “der Täter ist noch unter uns, jederzeit könnte noch etwas passieren”, sondern eher ein behutsames auf den Grund gehen, von dem was war. Die ständigen Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, vor allem die Rückblenden in die Kindheit, in das Aufwachsen der Jugendlichen, in ihr Beziehungsgeflecht, nimmt leider viel Spannung wieder weg. Es ist mehr ein Nachspüren nach dem, was war. Hier werden sämtliche Details erwähnt. Dass Emmas Elter
n geschieden sind. Warum ihr Großvater eine Hand verloren hat. Wie sie Clarence kennenlernte. Wie er sie an ihrem 15.Geburtstag enttäuschte. Das ist durchaus alles interessant und unterhaltsam geschrieben, nimmt aber Tempo raus, was schade ist. Erst gegen Ende, wenn sich die Handlungsstränge aus Gegenwart und Vergangenheit allmählich wieder eineinander annähern, und gewisse Dinge in der Gegenwart passieren, wird es wieder fesselnder. Dennoch klingt das Buch passend aus und hallt nach.
Bibliografische Angaben:Verlag: Rotfuchs ISBN: 978-3-7571-0258-6 Erscheinungsdatum: 29.April 2026 Einbandart: Hardcover Preis: 18,90€ Seitenzahl: 224 Übersetzer*in: Maren Partzsch, Carolin Farbmacher Originaltitel: "Plein gris" Originalverlag: Pocket Jeunesse Französisches Originalcover:
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Verlag: Rotfuchs
ISBN: 978-3-7571-0258-6
Erscheinungsdatum: 29.April 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,90€
Seitenzahl: 224
Übersetzer*in: Maren Partzsch, Carolin Farbmacher
Originaltitel: "Plein gris"
Originalverlag: Pocket Jeunesse
Französisches Originalcover:
