Manuela Inusa — Morgen und die Ewigkeit danach

Kasimira15.April 2021

Mor­gen und die Ewig­keit danach” ist der ers­te in einem gro­ßen Publi­kums­ver­lag erschei­nen­de Jugend­ro­man der deut­schen Best­sel­ler­au­torin Manue­la Inu­sa, die beson­ders mit ihrer “Vale­rie Lane”-Rei­he für Erwach­se­ne bekannt wur­de. Die Geschich­te eines Mäd­chens, die nach einem Sui­zid­ver­such in einer Kli­nik lan­det und auf­ge­hört hat zu spre­chen. Die Begeg­nung mit einem Jun­gen, der mehr­mals ver­sucht hat sich das Leben zu neh­men, gibt ihr neue Hoff­nung. Ein schmerz­vol­ler, aber sehr sen­si­bel und gefühl­voll erzähl­ter Roman, der sei­ne Prot­ago­nis­ten ernst nimmt. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 16-jäh­ri­ge Natha­lie hat ver­sucht sich das Leben zu neh­men. Mit Schlaf­ta­blet­ten. Doch sie wur­de recht­zei­tig gefun­den und ist jetzt in einer psych­ia­tri­schen Kli­nik gelan­det. Seit fünf­und­neun­zig Tagen hat sie kein Wort mehr gespro­chen. “Ich kann nicht. Wenn ich rede, wür­de ich mich viel­leicht wie ein leben­di­ges Wesen füh­len, und das will ich nicht. Inner­lich tot, das will ich sein. Ich habe nichts ande­res ver­dient. Ich bin tot seit dem Abend, an dem mein klei­ner Bru­der Hen­ry starb. An dem ich ihn ster­ben sah.” (Zitat aus “Mor­gen und die Ewig­keit danach” S.13) Ihre zwei bes­ten Freun­de, ihre Mut­ter, ihr Stief­va­ter, ihr leib­li­cher Vater, kei­ner kommt mehr an sie her­an. Denn ihr klei­ner Bru­der Hen­ryKasimira war alles für Natha­lie. “Alles, was mein klei­ner Bru­der macht, ist für mich der Ham­mer. Er ist der Ham­mer. Er ist der größ­te Schatz auf Erden. Ich neh­me das Bild in die Hand und betrach­te es genau­er. Es zeigt gel­be Farb­klek­se. “Das sind Ster­ne, Nat­ty. Für dich.” Ganz stolz blickt er zu mir hoch, ein rie­si­ges Strah­len im Gesicht.” (Zitat S.28) Des­halb macht das Leben auch nun kei­nen Sinn mehr. Egal, was ihre The­ra­peu­tin zu ihr sagt und wel­che Schreib­auf­ga­be sie Natha­lie auf­gibt. Es macht alles kei­nen Sinn mehr. Wie soll sie jemals wie­der glück­lich sein, wenn Hen­ry nicht mehr da ist? Außer­dem gibt sie sich die Schuld an sei­nem Tod. In der Kli­nik nimmt Natha­lie eher wider­wil­lig an den the­ra­peu­ti­schen Ange­bo­ten teil. Macht nur das, was sie unbe­dingt muss. Dies ändert sich plötz­lich, als ein Neu­er in die Ein­rich­tung kommt: “Er ist ziem­lich groß, hat dunk­les Haar und trägt einen dun­kel­blau­en Hoo­die. Die ande­ren Typen habe ich nie wei­ter beach­tet, Kasimiraaber der Neue hat irgend­was an sich, das mein Inter­es­se weckt. […] Er hat etwas in sei­nen Augen, das mir bekannt vor­kommt. Ich sehe das Glei­che, wenn ich in den Spie­gel bli­cke. Eine Lee­re, die man nicht beschrei­ben kann — er ist mir auf Anhieb sym­pa­thisch.” (Zitat S.34) Lucas kommt Natha­lie uner­war­tet näher, schafft es sogar, sie all­mäh­lich zum Spre­chen zu bewe­gen. Doch auch er hat ein gewal­ti­ges Päck­chen zu tragen…

Das Cover ist pas­send und schön gestal­tet. Der Titel klingt ein wenig kit­schig, funk­tio­niert aber für die Ziel­grup­pe sicher­lich. Der Roman ist durch­ge­hend aus Natha­lies Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Manue­la Inu­as ver­wen­det eine sehr flüs­si­ge Spra­che, teils kur­ze Sät­ze, eine ein­fa­che, gut zu lesen­de Wort­wahl. Die Kapi­tel wer­den von Zita­ten aus Natha­lies Schreib­auf­ga­ben ein­ge­lei­tet, wie zum Bei­spiel: “Ich mag die Lee­re. Ich fin­de es gut, nichts zu füh­len. Wer nichts fühlt, kann nicht ver­letzt wer­den. Wer nicht ver­letzt wird, erfährt kei­nen Schmerz. Ich habe genug Schmer­zen für ein gan­zes Leben ertra­gen.” (Zitat S.61) Auch schreibt sie eine Art Tage­buch, wel­ches in einem ande­ren Schrift­bild abge­druckt wird, das immer wie­der zeit­wei­se ein­ge­blen­det wird. In kur­si­ver Schrift las­sen sich Erin­ne­run­gen an frü­her vom Haupt­text abgren­zen. Auch Tex­te über den Wer­de­gang von berühm­ten oder unbe­kann­te­ren Selbst­mör­dern von Lucas wer­den immer wie­der ein­ge­scho­ben. Die Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen Natha­lie und Lucas wird sehr behut­sam beschrie­ben. Man merkt wie bei­de von ihren eige­nen Pro­ble­men gefan­gen sind und Schwie­rig­kei­ten haben sich auf­ein­an­der ein­zu­las­sen, beson­ders Natha­lie. Gera­de die­sen Gefühls­wirr­warr hat die Autorin gut getrof­fen: “Mit sei­nen grü­nen Augen sieht er mich unun­ter­bro­chen an, in mir krib­belt alles. Ich kann es nicht auf­hal­ten. Und das Schlimms­te ist, es gefällt mir sogar. Was soll der Mist? Das passt doch nicht zu mei­ner Ich-has­se-alles-und-jeden-und‑aKasimiram‑meis­ten-mich-selbst-Ein­stel­lung! Ich will mich nicht gut füh­len. Ich will ihn nicht gut fin­den. Ich will das alles nicht!” (Zitat S.38) “Mor­gen und die Ewig­keit danach” ist jedoch — und des­sen muss man sich als Leser bewusst sein — eine sehr schmerz­haf­te Geschich­te, eine inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit der Sehn­sucht nach dem Tod. Ein Buch, das an die Sub­stanz geht:  “Irgend­wann wer­de ich es schaf­fen.” Mein Herz bricht. Ich will nicht, dass er es schafft. “Willst du denn wirk­lich tot sein?”, fra­ge ich. “Ich will nicht mehr leben. Also ist das die ein­zi­ge Lösung”, ist alles, was er sagt. Da hat er wohl recht.” (Zitat S.94) Eine Geschich­te, die trä­nen­reich und sehr bewe­gend sein kann. Und den­noch Mut macht. Das Ende — sehr pas­send. Im Anhang fin­det man noch Adres­sen, an die man sich in Not­si­tua­tio­nen wen­den kann.

Mor­gen und die Ewig­keit danach” ist — schaut man sich die Home­page der Autorin genau­er an — tat­säch­lich nicht der ers­te Jugend­ro­man der Autorin, aber zumin­dest der ers­te, der in einem gro­ßen Publi­kums­ver­lag erschienLesealternativenen ist. Zuvor schrieb sie außer ihren zahl­rei­chen Roma­nen für Erwach­se­ne noch die Jugend­bü­cher “Scheiß­le­ben!” (2012)  und “Der Club der Ein­zel­kin­der” (2013). Eine pas­sen­de Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Mor­gen und die Ewig­keit danach” ist “Alles so leicht” von Meg Has­ton, an das sich sofort den­ken muss­te. Die Prot­ago­nis­tin lan­det eben­falls in einer Kli­nik, weil sie sich das Leben neh­men woll­te und sich schul­dig am Tod des Bru­ders fühlt. Hier kommt aller­dings noch die Pro­ble­ma­tik einer Ess­stö­rung hin­zu. Zwar nicht in einer Kli­nik spielt “Wenn du mich küsst” von Julia­na Stone, aber es setzt sich eben­falls mit dem Tod des Bru­ders aus­ein­an­der und war­tet mit einer sehr roman­ti­schen Lie­bes­ge­schich­te auf. Sui­zid und Lie­be? Das fin­dest du äußerst berüh­rend in die­sen Büchern: “Mein Herz und ande­re schwar­ze Löcher” von Jas­mi­ne War­ga, “Sur­vi­ve: Wenn der Schnee mein Herz berührt” von Alex Morel und “Atme nicht” von Jen­ni­fer R.Hubbard. Sehr gut könn­te ich mir auch die Novi­tät “Mari­lu” von Tania Wit­te vor­stel­len oder das sprach­lich bril­lant erzähl­te “Die Stil­le mei­ner Wor­te” von Ava Reed (hier spricht die Haupt­fi­gur eben­falls nicht, aller­dings ohne Lie­bes­ge­schich­te). Eine neue Lie­be nach dem Tod einer engen Bezugs­per­son, das fin­dest zu zudem in der Neu­erschei­nung “All this time: Lie­ben heißt unend­lich sein” von Rachel Lip­pin­cott und Mikki Daugh­try.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Cbt
ISBN: 978-3-570-31380-0
Erscheinungsdatum: 13.April 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 13,00€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimira auf Instagram:

Kasimira

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.