“Die verborgenen Bilder” ist ein Roman der deutschen Autorin Maja Ilisch. Ein Umzug, der nicht sein müsste. Nach der Trennung ihrer Eltern ist die 12-jährige Friederike, genannt Frieke, äußerst frustriert. Muss sie doch das geliebte Elternhaus verlassen. Aber in der neuen Wohnung entdecken sie unter der Tapete einige faszinierende Zeichnungen. Bald findet Frieke heraus, dass wenn sie diese berührt, sie in die Vergangenheit reisen kann — in das Zimmer jenes gleichaltrigen Mädchens, das die Gesichter gezeichnet hat. Eine Freundschaft über Zeitgrenzen hinweg entsteht. Frieke fühlt sich wohl in ihrer idyllischen Zweitfamilie, in der sie bedingungslos und herzlich aufgenommen wird, wann immer sie zu Besuch ist. Doch es ist das Jahr 1928 und bald merkt Frieke, dass die Idylle trügt… Ein sehr wichtiger Roman, der Jugendlichen die NS-Zeit näherbringt, aber auch die Gefahren und Auswirkungen bis in die heutige Zeit thematisiert. Bewegend, mitreißend und sehr unterhaltsam geschrieben. Auch ideal als Klassenlektüre oder für eine Buchvorstellung. Für Jugendliche ab 10 Jahren und interessierte Erwachsene.
Die Welt der 12-jährigen Frederike, genannt Frieke, steht plötzlich Kopf, als ihre Eltern sich trennen. Ihr Vater ist ausgezogen. Hat eine neue Beziehung. Noch dazu mit einem Mann. Frieke versteht es nicht. Fühlt sich verraten und verletzt. Mit ihrem Vater will sie vorerst nichts mehr zu tun haben. Dann müssen sie auch noch
aus ihrem Elternhaus ausziehen. “Das Haus gehört zur Hälfte Papa. Ich habe nicht genug Geld, um ihm seine Hälfte abzukaufen, und er nicht für meine. Wir müssen es verkaufen. Es tut mir leid, Frieke!” (Zitat aus “Die verborgenen Bilder” S.17). Die neue Wohnung gefällt Frieke gar nicht. Zuletzt hat eine alte Frau darin gewohnt, über siebzig Jahre lang hat sie in der Wohnung gelebt. So lange hat schon niemand mehr etwas darin renoviert. Doch als hinter den alten Tapeten, die sie abmachen, plötzlich Zeichnungen auftauchen, ist Frieke ganz angetan. “Die Wand war voller Zeichnungen, in Bleistift, direkt auf den gelb gestrichenen Putz gemalt. Die meisten Bilder zeigten Menschen — Mädchen- und Frauenköpfe im Profil, ein Mann mit einem seltsamen Hut, eine Straßenszene, in der die Leute nur grob angedeutet waren.” (Zitat S.30ff) Die Zeichnungen sind ungefähr auf ihrer Augenhöhe. Hat vielleicht jemand Gleichaltriges zuvor in dem Zimmer gewohnt? Frieke beschließt sofort, dass dies ihr Zimmer werden wird. Auf einmal ist der Umzug doch nicht ganz so schlimm wie gedacht. “Und auch wenn Frieke keine Ahnung hatte, wer diese Bilder gemalt hatte, fühlte sie sofort eine seltsame Art von Verbundenheit. […] Etwas knisterte in
Friekes Kopf, ganz kurz nur. Gedanken. Fantasie. Neugier. Plötzlich wollte sie mehr wissen über das Haus, über seine Bewohner. Plötzlich war es nicht mehr schlimm, dass vor ihnen jemand anderes hier gewohnt hatte.” (Zitat S.31) Aber dann findet Frieke noch etwas heraus. Denn wenn sie mit den Fingern über die Zeichnungen streicht, dann spürt sie etwas. “Noch einmal fuhr Frieke mit dem Finger über das gezeichnete Gesicht, als wollte sie der Frau ihr lockiges Haar nach hinten kämmen — und es war, als hörte sie eine Stimme aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit, die zu ihr hinüberwehte. Ein Wort nur, ein Name, aber er setzte sich fest hinter Friekes Stirn und schlug dort Wurzeln: “Gerda.”” (Zitat S.49) Eines Tages zieht es sie wirklich komplett in eine andere Zeit. In ihr Zimmer, das auf einmal ganz anders aussieht, aber im Jahr 1928. Dort trifft sie auf Ilsabeth. Zunächst kann diese sie noch nicht sehen, Frieke kommt sich vor wie ein Geist, der nur beobachten kann. Auch ist sie nur für wenige Momente in dieser anderen Welt. Doch dann kann Ilsabeth sie wahrnehmen und zwischen den beiden entsteht eine Freundschaft über Zeitgrenzen hinweg.
Frieke fühlt sich sofort wohl in Ilsabeths Familie. Himmelt ihren älteren Bruder Eduard ein wenig an, macht mit Ilsabeth die Stadt, die völlig anders aussieht, unsicher und genießt es eine neue beste Freudin zu haben. Aber was sind das für fremdenfeindliche Äußerungen, die Ilsabeth, aber auch vor allem Eduard, zuweilen machen? Was haben sie denn gegen Juden? Frieke beschließt vorsichtig zu sein, sich zurückzuhalten. Doch ist das richtig?
Das Cover ist überaus faszinierend und passend gemacht. Der sich verändernde Schriftzug des Titels deutet bereits den historischen Kontext der Geschichte an. Schon mit dem ersten Satz ist man mitten im Geschehen. “Junihitze lag in der Luft und der Geruch nach alter Frau.” (Zitat S.5) Frieke und ihre Mutter schauen sich gerade die Wohnung an, in die sie bald darauf ziehen werden. Dass Frieke äußerst unwillig dort einzieht und mit der Gesamtsituation ziemlich unglücklich ist, daraus macht sie keinen Hehl. Der Roman ist durchgängig aus ihrer Sicht in personaler Erzählweise geschrieben. Eine Figur, in die man sich gut einfühlen kann, die jedoch ihre Ecken und Kanten hat und besonders mit der Trennung ihrer Eltern, aber auch dem neuen Freund ihres
Vaters, hadert. Als Andreas eine Tasse beim Umzug beschädigt, ist sie außer sich. “Er hat das nicht mit Absicht gemacht, das weißt du.” Frieke biss sich auf die Lippe. “Die Tasse ist egal”, log sie. Sie zitterte — sie hätte jemanden gebraucht, der sie in den Arm nahm, und jetzt schlug sich selbst ihre Mutter auf Andreas’ Seite. “Die Tasse kann man kitten. Unsere Familie nicht.” (Zitat S.44) Maja Ilisch behandelt diese Themen sehr einfühlsam. Lässt ihre Protagonistin ihre eigenen Erfahrungen und Fehler machen, aber auch reifen und Verantwortung übernehmen. Die Grundidee mit der Zeitreise — dem Tor zu einer anderen Welt — ist sehr gelungen und für Frieke eine Flucht aus ihrem Alltag. “Und dann war es vorbei. Eben noch standen sie da und hielten sich an den Händen, dann war Frieke wieder in ihrer eigenen Zeit. Sie hatte immer noch die Wärme des anderen Mädchens an ihren Fingern, und eine Aufregung in ihrem Herzen, wie sie sie noch nie gespürt hatte.” (Zitat S.114) Und doch gibt Frieke vieles auf, weil sie immer mehr Zeit in der Vergangenheit verbringt. Mit ihrer besten Freundin Marie unternimmt sie gar nichts mehr. Ihren Vater will sie auch nicht sehen. Weil die Zeit, die in de
r Vergangenheit vergeht, in der Gegenwart nur ein Wimpernschlag ist, sind Friekes Tage unheimlich lang und sie wird immer übermüdeter. Ihre Noten in der Schule werden schlechter, ihre Augenringe dunkler. Bald spricht sie sogar schon eine Lehrerin darauf an. Während der erste Teil des Buches sich hauptsächlich in der Gegenwart abspielt (und nur sporadisch in der Vergangenheit) und vor allem die Familienprobleme thematisiert (dies hätte zuweilen etwas straffer erzählt werden können), steigert sich die Spannung dann allmählich. Frieke kann immer längere Zeiten in der Vergangenheit verbringen und man fiebert förmlich mit ihr mit, was sie dort alles erlebt und entdeckt. Dann kommen die Schattenseiten der NS-Zeit langsam zum Vorschein. Frieke muss sich entscheiden, muss Verantwortung übernehmen und Zivilcourage zeigen. Dies liest sich äußerst fesselnd und mitreißend. Klärt Jugendliche ganz unaufdringlich über die NS-Zeit auf und führt auch die Schrecken, die bis in die heutige Zeit hineinreichen, deutlich vor Augen. Das Ende ist passend und zeigt, wie man selbst aktiv werden kann.
Für Erwachsene hat Maja Ilisch noch andere Bücher geschrieben: “Die Spiegel von Kettlewood Hall” und die
“Neraval-Sage”-Trilogie: “Das gefälschte Siegel” (Band 1), “Das gefälschte Herz” (Band 2) und “Das gefälschte Land” (Band 3). Für Jugendliche schrieb die Autorin “Unten” (ein außergewöhnliches Gedankenexperiment, interessant und faszinierend erzählt; über den Mut aus festen Strukturen auszubrechen und sich auf das Unbekannte einzulassen) und “Die vierte Wand” (ein philosophisches Gedankenexperiment, das zum Nachdenken anregt; das die Grenzen der Vorstellungskraft auslotet und sehr unterhaltsam zu lesen ist). Als Lesealternative könnte ich mir auch sehr gut “Die Goldene Schreibmaschine” von Carsten Henn vorstellen, das einige Parallelen zu dem hier vorgestellten Buch hat. Ein bisschen Fantastik mit dem Thema Nationalsozialismus verknüpft ebenso der amerikanische Autor Neal Shusterman in seiner Graphic Novel und Kurzgeschichtensammlung “Fenster in der Nacht: Geschichten der Hoffnung”. Noch mehr Romane zum Thema Holocaust, die ich empfehlen kann, findest du hier.
Bibliografische Angaben:Verlag: Oetinger ISBN: 978-3-7512-0748-5 Erscheinungsdatum: 12.Februar 2026 Einbandart: Hardcover Preis: 16,00€ Seitenzahl: 304 Übersetzer*in: - Illustrator*in:
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Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7512-0748-5
Erscheinungsdatum: 12.Februar 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 304
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