M.A. Bennett — Sieben: Spiel ohne Regeln

Kasimira10.Juni 2020

“Sie­ben” ist ein neu­er Thril­ler der bri­ti­schen Autorin mit den ita­lie­ni­schen Wur­zeln M.A. Ben­nett (aus­ge­schrie­ben Mari­na Fio­ra­to). Über einen Jugend­li­chen, der jah­re­lang von sei­nen Mit­schü­lern gemobbt wur­de und bei einem Flug­zeug­ab­sturz mit genau jenen Schü­lern auf einer ver­las­se­nen Insel lan­det. Doch dann keh­ren sich die Ver­hält­nis­se plötz­lich um. Eine aben­teu­er­li­che und span­nen­de Geschich­te über Grup­pen­dy­na­mi­ken, Macht und den Kampf ums Über­le­ben. Eine moder­ne Ver­si­on von “Herr der Flie­gen”. Toll beson­ders für Jungs. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Der 16-jäh­ri­ge Lin­coln, benannt nach dem ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten, hat eine 3‑jährige Tor­tur hin­ter sich. Er, der Sohn zwei­er Wis­sen­schaft­ler, die an einer Uni­ver­si­tät in Oxford dozie­ren, hat­te in sei­ner Kind­heit bis­her das Glück gehabt, von sei­nen Eltern zu Hau­se Schul­un­ter­richt zu bekom­men. “Das war das Tol­le dar­an, zu Hau­se unter­rich­tet zu wer­den. Es gab kei­ne Struk­tur. Wenn ich gera­de dabei war, etwas im Gar­ten zu erfin­den, lie­ßen sie mich ein­fach machen, bis es dun­kel war, dass ich nichts mehr erken­nen konn­te. Wenn ich in ein Buch ver­sun­ken war, das mich inter­es­sier­te, lie­ßen sie mich wei­ter­le­sen” (Zitat aus “Sie­ben: Spiel ohne Regeln” S.16) Doch dann — als Lin­coln 13 Jah­re alt war — ent­schie­den sei­ne Eltern, dass er nun doch bes­ser zur Schu­le gehen soll­te. Um sozia­le Kon­tak­te ein­zu­ge­hen und eine noch bes­se­re Aus­bil­dung zu bekom­men. “Und dann sag­te mein Dad etwas, an das ichKasimira in Zukunft noch sehr oft den­ken soll­te: “Nie­mand ist eine Insel ganz für sich allein” (Zitat S.19) Aber anstatt Anschluss zu erhal­ten, lan­det er auf einer Pri­vat­schu­le, auf der vor allem Sport im Vor­der­grund steht und die mit manch unge­wöhn­li­chen Tra­di­tio­nen auf­war­tet. So hat man zu Beginn einen Lauf in einem qua­dra­ti­schen Feld zu bestehen, der über die Ein­ord­nung in die Schul­hier­ar­chie ent­schei­det. Je län­ger man dafür braucht, des­to tie­fer fällt man sozu­sa­gen. Lin­coln hin­ge­gen ver­sagt hier­bei völ­lig, als er stol­pert und die schlech­tes­te Zeit aller Zei­ten ablie­fert. Ab sofort ist der abso­lu­te Außen­sei­ter, wird wie ein Skla­ve zuwei­len behan­delt und muss stän­dig Boten­gän­ge für ande­re Schü­ler erle­di­gen, vor allem für den schul­bes­ten Läu­fer Loam. Doch zu Hau­se will er von dem Mob­bing nichts erzäh­len. “Es war der ein­zi­ge Ort, an dem ich mich wie der wich­tigs­te Mensch fühl­te, nicht wie der letz­te. Mein Zuhau­se war mei­ne Flucht vor Skla­ve­rei und Unter­drü­ckung.” (Zitat S.58) Lin­coln will dafür aber frü­her von der Schu­le abge­hen. Nach drei Jah­ren las­sen sich sei­ne Eltern auf einem Deal ein: wenn er das Som­mer­camp der Schu­le noch mit­macht, darf er danach eben die­sen KasimiraOrt des Hor­rors ver­las­sen. Nicht gerech­net hat Lin­coln jedoch damit, dass das Flug­zeug, das sie dort hin­bringt, abstür­zen und er auf einer klei­nen, tro­pi­schen Insel wie­der erwa­chen wür­de: “Ich blick­te mich um. Ich war auf einer bil­der­buch­ar­ti­gen Spon­geBob-Insel gelan­det, mit Pal­men, tür­kis­far­be­nem Meer und blau­em Him­mel. Eine gol­de­ne Son­ne brann­te von oben auf mich her­un­ter.” (Zitat S.8) Zunächst ist er begeis­tert die­sen Ort der Stil­le für sich ganz allein zu haben. Eine Insel, auf der er der ein­zi­ge Über­le­ben­de ist. “In dem Moment hät­te ich Angst bekom­men sol­len. Aber ich bekam kei­ne. Fehl­an­zei­ge. Statt­des­sen führ­te ich einen klei­nen Freun­den­tanz auf […]. Mei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den waren tot. Sie waren alle tot. Und das war ein Grund zum Fei­ern.”  (Zitat S.10) Aber sei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den haben über­lebt. Alle sechs. Dar­un­ter auch Loam. Doch aus­ge­rech­net auf die­ser Insel ist Lin­colns Nerd-Wis­sen plötz­lich gefragt und die Macht­ver­hält­nis­se schei­nen sich rasch umzu­dre­hen… kann das gut ausgehen?

KasimiraDas Cover ver­heißt bereits ein exo­ti­sches Aben­teu­er. Schaut man jedoch genau­er hin, kann man auf der Unter­sei­te der Insel die Ahnung eines Toten­kopfs erken­nen. Am Anfang wer­den sämt­li­che Per­so­nen auf­ge­lis­tet mit kur­zen Beschrei­bun­gen. Der Roman ist in acht Tei­le ein­ge­teilt und jeder ist mit einem Musik­stück beti­teln. Dies ist sehr raf­fi­niert gemacht, denn die­se Auf­ma­chung bezieht sich auf eine Radio­sen­dung namens “Desert Island Disc”, die Lin­coln mit größ­ter Lei­den­schaft hört. “Bei der Sen­dung ist jede Woche ein ande­rer Pro­mi­nen­ter zu Gast, der sich vor­stel­len soll, dass es ihn als Schiff­brü­chi­ger auf eine ein­sa­me Insel ver­schlägt.” (Zitat S.17) Der Gast soll sei­ne acht Lieb­lings­ti­tel nen­nen und war­um es aus­ge­rech­net die­se sind. Dann darf er noch ein Buch und einen Luxus­ge­gen­stand benen­nen, den er auf die Insel mit­neh­men wür­den. Auch Lin­coln, der in “Sie­ben: Spiel ohne Regeln” durch­gän­gig aus der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt, fragt sei­ne sechs Mit­schü­ler nach ihren jewei­li­gen Lieb­lings­mu­sik­stü­cken. Die Aus­wahl der­je­ni­gen fin­det man am Ende des Buches noch ein­mal auf­ge­lis­tet. Lin­colns prä­gen­de Musik­stü­cke zie­ren jedoch die Über­schrif­ten der jewei­li­gen Tei­le und kom­men auch Kasimirainhalt­lich in die­sen vor. Auch die zahl­rei­chen lite­ra­ri­schen Bezü­ge inner­halb des Romans fand ich sehr fas­zi­nie­rend. So berich­tet Lin­coln immer wie­der von Robin­so­na­de-Büchern, die er gele­sen hat und die in der jet­zi­gen Situa­ti­on nun hilf­reich sind. Der Erzähl­stil des Buches ist sehr ange­nehm und flüs­sig. Auch wenn ich die Wand­lung von Lin­coln zu Beginn etwas zu schnell und für frag­wür­dig hal­te, wird es immer span­nen­der und inter­es­san­ter das Rol­len­ge­fü­ge der Jugend­li­chen zu beob­ach­ten. Wie sich die Ver­hält­nis­se umkeh­ren und wie Lin­coln alles dafür tut, damit dies so bleibt. “Es fiel mir wie Schup­pen von den Augen und end­lich sah ich ihn so, wie er war. Die Erkennt­nis mach­te mich frei — wie einen Skla­ven, des­sen Ket­ten auf einem Amboss zer­schmet­tert wer­den. Loam war dumm. Außer­halb der Schul­hier­ar­chie und sei­ner ver­trau­ten Sport­welt hat­te er null Ahnung.” (Zitat S.112) “Sie­ben: Spiel ohne Regeln” ist aber vor allem auch ein Aben­teu­er­ro­man, der beson­ders Jungs gut gefal­len dürf­te. Und er zeigt, dass “nie­mand eine Insel ist”, dass man gemein­sam ein­fach bes­ser durchs Leben geht als allein. Das Ende hat­te ich bereits erahnt, ist aber erzäh­le­risch brillant.

LesealternativenDir hat “Sie­ben: Spiel ohne Regeln” gefal­len? Dann lies noch den ande­ren unab­hän­gig von­ein­an­der zu lesen­den Thril­ler von M.A.Bennett: “Bloo­dy Wee­kend”. Ein sehr gute, inhalt­li­che Alter­na­ti­ve ist das bereits erwähn­te “Herr der Flie­gen” von Wil­liam Gol­ding.  Oder fol­gen­de Roma­ne: “Batt­le Island” von Peter Freund, “Iso­la” von Isa­bel Abe­di“Abgrün­dig” und “Schluss­takt” von Arno Stro­bel oder “Abgrün­di­ge Geheim­nis­se” von Lind­say Gal­vin. Etwas neu­er ist “Sand­cast­le Empi­re” von Kay­la Olson oder (aber etwas dys­to­pi­scher) “The Grace Year” von Kim Lig­gett. Ein Buch, das her­vor­ra­gend die Mecha­nis­men von Macht und Grup­pen­dy­na­mi­ken in den Mit­tel­punkt stellt, ist “Staat X: Wir haben die Macht!” von Caro­lin Wahl.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60495-4
Erscheinungsdatum: 13.Mai 20120
Einbandart: Broschur
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: Bea Reiter
Originaltitel: "The Island"
Originalverlag: Hot Key Books

Britisches Originalcover: 












Trailer zum Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Britisches Cover: Homepage von Hot Key Books

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