Lynn Weingarten — Schöne Mädchen brennen nicht

Lynn Weingarten Schöne Mädchen brennen nicht                                                                                                                                                   9.März 2016

Schö­ne Mäd­chen bren­nen nicht” von der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Lynn Wein­gar­ten ist ein Thril­ler über einen Mord, dunk­le Geheim­nis­se und düs­te­re Abgrün­de mensch­li­cher See­len. Das Psy­cho­gramm einer Freund­schaft. Bewe­gend und geheim­nis­voll. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Als June aus den Weih­nachts­fe­ri­en zurück an die Schu­le kehrt, erhal­ten sie und die ande­ren Schü­ler der North Orchard High­school eine über­ra­schen­de Mit­tei­lung. Es ist der stell­ver­tre­ten­de Schul­lei­ter, der die­se über Laut­spre­cher ver­kün­det: “Ich habe die trau­ri­ge Pflicht, Ihnen allen eine außer­or­dent­lich betrüb­li­che Nach­richt zu über­brin­gen. Im Ver­lauf der Weih­nachts­fe­ri­en ist eine Ange­hö­ri­ge unse­rer Schul­ge­mein­schaft aus dem Leben geschie­den.” Er räus­pert sich kurz. Mir stockt der Atem. Wie allen ande­ren ver­mut­lich auch, denn es könn­te jeden von uns betref­fen. “Eine Schü­le­rin der elf­ten Klas­se, Delia Cole, ist ges­tern ver­stor­ben.” (Zitat aus “Schö­ne Mäd­chen bren­nen nicht” S.9) Vor einem Jahr war June mit Delia befreun­det gewe­sen. Sie waren bes­te Freun­din­nen. See­len­ver­wand­te. Bis etwas geschah, dass Lynn Weingarten Schöne Mädchen brennen nichtdie­ses beson­de­re Band zwi­schen ihnen zer­stör­te. Delia war ein außer­ge­wöhn­li­cher Mensch. Sie “…konn­te einem das Gefühl geben, dass man Din­ge, die man nicht hat­te, sowie­so nicht haben woll­te. Und damit konn­te sie manch­mal die gan­ze Welt ver­än­dern.” (Zitat S.17) Sie sag­te, was sie dach­te. Hat­te vor nichts Angst und war groß­zü­gig, ohne dar­aus eine gro­ße Sache zu machen. Aber manch­mal war sie auch pro­vo­zie­rend und unbe­re­chen­bar: “Bei Delia hin­ge­gen wuss­te man eigent­lich nie genau, was sie gleich sagen oder machen wür­de. Und in letz­ter Zeit war es schlim­mer gewor­den. Man wuss­te nie, ob sie gera­de die sprü­hen­de, char­man­te, von innen her­aus strah­len­de Per­son war, die bei allen so beliebt war, oder — immer öfter in letz­ter Zeit — ein Mäd­chen mit düs­te­ren Kern, das June manch­mal sogar Angst mach­te.” (Zitat S.135) Delia soll sich das Leben genom­men haben. Sie soll sich ver­brannt haben! Doch war­um? Was ist pas­siert? Auf einer pri­va­ten Trau­er­fei­er lernt June Jere­miah ken­nen, der mit Delia zusam­men war. Auch er sucht nach Ant­wor­ten. Und er glaubt, dass sei­ne Freun­din ermor­det wur­de: “Sie hat sich mit einem Hau­fen kaput­ter Leu­te her­um­ge­trie­ben. Sie hat­te vor nichts und nie­man­dem Angst. Obwohl das viel­leicht klü­ger gewe­sen wäre. Sie hät­te sich nie­mals selbst umge­bracht, aber wenn es so aus­sieht, als hät­te sie das getan…” Er unter­bricht sich. “…dann viel­leicht des­halb, weil irgend­je­mand woll­te, dass es so aus­sieht.(Zitat S.47) June beschließt her­aus­zu­fin­den, was pas­siert ist…

Lynn Weingarten Schöne Mädchen brennen nichtSchö­ne Mäd­chen bren­nen nicht” wird haupt­säch­lich in der Ich-Per­spek­ti­ve und aus Junes Sicht erzählt. Zwi­schen­drin gibt es immer wie­der Kapi­tel, die mit einer Zeit­an­ga­be ver­se­hen sind, wie zum Bei­spiel “Vor einem Jahr sechs Mona­ten und vier Tagen” (Zitat S.17). In die­sen wird in der per­so­na­len Erzähl­per­spek­ti­ve von Erleb­nis­sen und Situa­tio­nen berich­tet, in denen Delia und June noch befreun­det waren. So ergibt sich ein immer kom­ple­xe­res Bild ihrer Freund­schaft. Immer mehr Details set­zen sich wie ein Puz­zle lang­sam zusam­men. Zwei gro­ße Fra­gen schwe­ben über dem Buch. Zum einen, war­um Delia sich umge­bracht bezie­hungs­wei­se ermor­det wur­de, und zum ande­ren, was ihre Freund­schaft zuein­an­der zum Erlie­gen gebracht hat. Auf bei­de Ant­wor­ten steu­ert die Geschich­te unwei­ger­lich zu, wie ein Schiff, das sich auf den Hafen zube­wegt. Jedoch ein Schiff, das sich hin­sicht­lich der Span­nung nicht immer im Wel­len­gang befin­det. Mal plät­schert es ruhig vor sich hin, dann wird es wie­der von einer gro­ßen Wel­le erfasst und der Leser (samt Schiff) wer­den buch­stäb­lich mit­ge­ris­sen. Inter­es­san­te Cliff­han­ger tra­gen zu die­sem Gefühl bei: “Ich las­se den Brief sin­ken. Mein Herz wum­mert. Ich weiß nicht, was ich glau­ben, was ich davon hal­ten soll. Ich weiß nur, dass ich Ant­wor­ten brau­che, und dass von den zwei Men­schen, die sie mir geben könn­ten, nur einer noch am Leben ist…” (Zitat S.142) Ab der Mit­te des Buches gibt es eine über­ra­schen­de Wen­dung, mit der ich so nicht gerech­net hät­te, die aber sehr inter­es­sant ist. “Schö­ne Mäd­chen bren­nen nicht” wirkt zuwei­len sehr geheim­nis­voll, dann wie­der ver­wir­rend ange­sichts der Lynn Weingarten Schöne Mädchen brennen nichtunter­schied­li­chen Ver­dachts­mo­men­te, ver­schafft kurz­wei­li­ge Auf­lö­sun­gen, um dann wie­der neue Unge­reimt­hei­ten ent­ste­hen zu las­sen. Ab der Mit­te des Buches kommt eine neue Erzähl­per­spek­ti­ve hin­zu, deren teil­wei­se salop­pe Spra­che vor allem ero­ti­sche Sze­nen etwas vul­gär erschei­nen lässt. Was Lynn Wein­gar­ten jedoch sehr gut gelingt, ist die inten­si­ve Dar­stel­lung von Abgrün­den mensch­li­cher See­len, der Cha­rak­te­ri­sie­rung von Per­sön­lich­kei­ten, die weder schwarz noch weiß, son­dern irgend­wo dazwi­schen sind, die nicht immer greif­bar, die auch kaputt sind, aber vor allem eines: mensch­lich. Für mein Gefühl gab es gegen Ende des Thril­lers jedoch noch zu vie­le Fra­ge­zei­chen, die nur unzu­rei­chend beant­wor­tet wur­den, was mich ein wenig ent­täusch hat. Aber: am bes­ten sel­ber lesen;-)

Vom Titel her hat mich “Schö­ne Mäd­chen bren­nen nicht” gleich an “Tote Mäd­chen lügen nicht” von Jay Asher erin­nert.Lesealternativen Es gibt noch ein Buch, das sich die­se For­mu­lie­rung von dem bekann­ten Best­sel­ler abge­guckt hat: “Tote Mäd­chen schrei­ben kei­ne Brie­fe” von Gail GilesInhalt­li­che Ähn­lich­kei­ten gibt es hier­bei jedoch nicht. Die inhalt­li­che Alter­na­ti­ve wäre zum Bei­spiel “Wah­re Freund­schaft soll nicht wan­ken” von Gina Bla­xill, in der die bes­te Freun­din eines Mäd­chens eben­falls deren ver­meint­li­chen Selbst­mord nicht glau­ben kann und dem nach­geht. Die sel­be The­ma­tik fin­dest du in “Fros­ten­gelvon Tami­na Ber­ger (Are­na-Thril­ler), “Som­mer am Abgrund” von Jane Casey (hier ist es die Cou­si­ne) und in “Secrets:Wen Emma hass­te” von Danie­la Pusch (ers­ter Teil einer Tri­lo­gie). Hin­sicht­lich der Freund­schafts­ge­schich­te zwi­schen Delia und June hat mich der Roman auch ein wenig an “Die Wahr­heit über Ali­ce” von Rebec­ca James den­ken las­sen. Oder lies noch das ers­te Buch von Lynn Wein­gar­ten: “Mot­ten­tanz”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-5383-0
Erscheinungsdatum: 22.März 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 12,99€
Seitenzahl: 384
Übersetzer: Leo H. Strohm
Originaltitel: "Suicide notes from beautiful girls"
Originalverlag: Simon & Schuster

Amerikanisches Originalcover:
Lynn Weingarten Schöne Mädchen brennen nicht









Kasimiras Bewertung:

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Amerikanisches Cover: Homepage von Simon & Schuster

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