Lucy van Smit — The Hurting: Als du mich gestohlen hast

Kasimira28.Februar 2019

The Hur­ting: Als du mich gestoh­len hast” ist das ers­te Buch der bri­ti­schen Dreh­buch­au­torin, Künst­le­rin und Autorin Lucy van Smit. Hier­für wur­de sie mit dem Bath Children’s Novel Award aus­ge­zeich­net. Eine Geschich­te, die ins glet­scher­rei­che und land­schaft­lich fas­zi­nie­ren­de Nor­we­gen ent­führt. In eine Fami­lie, in der seit der Krebs­er­kran­kung eines Mäd­chens nichts mehr rich­tig funk­tio­niert und einer Schwes­ter, die sich danach sehnt aus­zu­bre­chen und ihren eige­nen Träu­men zu fol­gen. Als sie sich in einen Jun­gen ver­liebt, von dem eine unheil­vol­le Gefahr aus­geht, droht ihr Leben aus den Fugen zu bre­chen. Beklem­mend. Inten­siv. Geheim­nis­voll. Ein uner­war­te­tes Buch, sprach­ge­wal­tig und fes­selnd. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne, die außer­ge­wöhn­li­che Geschich­ten lie­ben.

Elea­nor, genannt Nell, ist mit ihrem Vater und ihrer Schwes­ter in Nor­we­gen gelan­det. Und nicht gera­de glück­lich dar­über. “Es hilft auch nicht, dass die nor­we­gi­schen Ber­ge so über­ir­disch per­fekt wir­ken, so mani­kürt und ein­ge­fro­ren, als hät­ten sie sich ihre Schön­heit boto­xen las­sen. […] Mir ist hier alles zu schön. Zu per­fekt. Mit mei­nem Mist pas­se ich ein­fach nicht hier­her. (Zitat aus “The Hur­ting: Als du mich gestoh­len hast” S.14) Frü­her haben sie in Man­ches­ter gewohnt. Doch seit Nells Mut­ter die Fami­lie ver­las­sen hat und ihre älte­re Schwes­ter Har­per an einer sel­te­nen Art von Leuk­ämie erkrankt ist, ist alles
Kasimiraanders gewor­den. “Mein Vater ist schnel­ler auf hun­dert­ach­zig als ein Renn­fah­rer. Wahr­schein­lich ist er auch nicht glück­li­cher als ich, dass wir in Nor­we­gen sind, aber wir müs­sen alle Opfer brin­gen, damit Har­per wie­der gesund wird. Unser alter Arzt mein­te, in Nor­we­gen gäbe es die bes­ten The­ra­pien, und bevor ich bis drei zäh­len konn­te, hat­te mein Vater mich von der Schu­le ange­mel­det und wir lan­de­ten hier.” (Zitat S.16) Jetzt sind Nells Träu­me in wei­te Fer­ne gerückt. Eigent­lich möch­te sie Song­wri­te­rin wer­den, schreibt pau­sen­los Lied­tex­te. Ihr bes­ter Freund Dom hat sie zu einem Vor­spie­len ange­mel­det und sogar einen Flug gebucht, damit sie zurück nach Eng­land kann, um die­sen wich­ti­gen Ter­min wahr­zu­neh­men und even­tu­ell an einer Musik­schu­le ange­nom­men zu wer­den. Doch ihr Vater hält von all­dem nichts. Von Kran­ken­häu­sern und Kran­ken­schwes­tern eben­so wenig. Und so ist es Nell, die ihrer Schwes­ter immer die Medi­ka­men­te ver­ab­rei­chen muss. “Dad hat die Wän­de mit vier­zig Groß­auf­nah­men des Turi­ner Grab­tuchs tape­ziert, vier­zig­mal Jesus’ Kasimiraver­schwom­me­nes Gesicht. Und das klei­ne Haus war schon eng, bevor Jesus ein­ge­zo­gen ist. Aber Dad geht kein Risi­ko ein, bis Har­per gesund ist. (Zitat S.16ff) Und das ist momen­tan alles, was zählt. Also haut Nell ein­fach ab, um zum Flug­ha­fen zu fah­ren. Um ein­mal ihren Träu­men nach­zu­ge­hen und nicht immer nur für ihre Schwes­ter da zu sein. In einem Kauf­haus trifft sie auf Lukas, den Jun­gen mit der beson­de­ren Aus­strah­lung und dem über­gro­ßen Man­tel: Er wirkt irgend­wie inten­siv. Dun­kel. Unge­zähmt. Als wäre er direkt aus der Wild­nis gekom­men und in sei­nem blau­grau­en Fell­man­tel in einem Schuh­ge­schäft gelan­det. […] Und dann starrt er mich an. Grü­ne Augen. Meer und Glas­scher­ben. Ich will weg­se­hen, aber je mehr ich mich anstren­ge, des­to fes­ter star­re ich zurück. Der Rest der Welt ver­schwin­det. Nur er und ich.” (Zitat S.32) Sie fühlt eine Ver­bin­dung zu ihm, die sie sich nicht erklä­ren kann und er hilft ihr, als sie des Dieb­stahls bezich­tigt wird, aus dem Kauf­haus zu flüch­ten. Will sie sogar auf Schleich­we­gen zum Flug­ha­fen brin­gen. “Wir Kasimirareden und reden, über Gott und die Welt, und ich habe das Gefühl, zwi­schen uns ist was, das summt und uns mit schil­lern­den Fäden zusam­men­hält, die so stark sind, dass ich sie kör­per­lich spü­ren kann.” (Zitat S.43) Doch dann ist ihr Pass weg und ihr Geld­beu­tel und Nell muss wie­der nach Hau­se zurück. Lukas fährt sie mit sei­nem Motor­rad. Und sie tref­fen sich wie­der. Auch wenn Nells Vater das natür­lich nie­mals erlau­ben wür­de: “Dad darf nie erfah­ren, dass ich mit einem Jun­gen unter­wegs war. In unserm Haus herrscht ein unge­schrie­be­nes Gesetz. Kei­ne Jungs, bis Har­per wie­der gesund ist.” (Zitat S.55) Aber irgend­et­was scheint Lukas vor ihr zu ver­ber­gen. Er, der mit Wöl­fen auf­ge­wach­sen ist, ehe er im Alter von sechs Jah­ren von Men­schen adop­tiert und auf­ge­zo­gen wur­de. Irgend­et­was Dunk­les umgibt ihn…

KasimiraThe Hur­ting: Als du mich gestoh­len hast”, des­sen Cover fast etwas schlicht wirkt (im Ver­gleich zum Eng­li­schen, sie­he unten) star­tet mit einem Pro­log, der sehr geheim­nis­voll her­über­kommt und vie­le Infor­ma­tio­nen lie­fert, die man zunächst noch nicht wirk­lich ein­ord­nen kann. Nell scheint auf der Flucht zu sein. Sie soll ein Baby ent­führt haben. Sie trägt eine Kame­ra bei sich, auf der Bewei­se sind? Und dreht ein Video mit fol­gen­dem Text: “Wenn ihr das seht, bin ich tot. Seid nicht sau­er. Für mich ist es viel schlim­mer. Hört genau zu. Ich ster­be, damit ein Kind leben kann, aber nur, wenn ihr genau auf­passt.” (Zitat S.11) Was ist pas­siert? War­um will sie jeman­den auf­hal­ten? Und wen? Die Bedro­hung ist nicht wirk­lich greif­bar und dadurch umso dra­ma­ti­scher. Dann setzt der Haupt­teil ein. Drei Mona­te zuvor. Bis man sich ein genau­es Bild von den Umstän­den machen kann, auf die man nun trifft, dau­ert es ein paar Sei­ten. Es wer­den vie­le Andeu­tun­gen gemacht und Infor­ma­tio­nen ohne genaue­re Erklä­run­gen prä­sen­tiert, die sich dann aber nach und nach erschlie­ßen. Was mir beim Lesen neben der sehr schö­nen Spra­che beson­ders gut gefal­len hat, sind die Kasimirafacet­ten­rei­chen, mehr­schich­ti­gen Cha­rak­te­re. Der Vater, der einer­seits zu viel trinkt, ande­rer­seits aber auch einer beson­de­ren Beru­fung glaubt nach­ge­hen zu kön­nen: “Mein Vater klebt noch ein Jesus­bild an die Wand. Haupt­be­ruf­lich arbei­tet er auf einer Bohr­in­sel, aber neben­bei hat er sich selbst zum Hei­ler ernannt, und je mehr er säuft, des­to mehr sieht er aus wie ein reli­giö­ser Spin­ner.” (Zitat S.18) Lukas, der undurch­schau­bar wirkt und zwei Sei­ten in sich zu tra­gen scheint: “Sein schwar­zes Haar riecht nach Lager­feu­er, Wild­nis und teu­rer Sei­fe. Sein Gesicht kann in einem Moment vor Lachen sprü­hen, im nächs­ten wer­den sei­ne Augen dun­kel […] Irgend­wie wirkt er gleich­zei­tig reich, und als hät­te er seit Wochen nichts geges­sen” (Zitat S.36) Die Zwie­späl­tig­keit der Cha­rak­te­re ist jedoch beson­ders bei den Schwes­tern Nell und Har­per über die Maßen gut getrof­fen. Nell, die alles für ihre Schwes­ter tun wür­de, jedoch sich zugleich auch nach Frei­heit und dem Nach­ge­hen ihrer Träu­me sehnt. “Dad hat recht, ich begrei­fe es ein­fach nicht. Jetzt nimmt sie das blaue Kopf­tuch ab und kratzt sich den kah­len Schä­del. Mit ihrer Glat­ze kriegt sie alles von Dad. Und ich ste­he dane­ben wie eine Ego­sau, weil ich mehr vom Leben will. […] Was ist mit mir?, will ich fra­gen. Was ist mit mei­nen Träu­men? Aber ich ken­ne die Ant­wort. In mei­ner Fami­lie gibt es kein ich. (Zitat S.22) Schuld­ge­füh­le und das schlech­te KasimiraGewis­sen pla­gen sie. Darf sie an ihre Träu­me glau­ben und ihnen nach­ge­hen, wenn es ihrer Schwes­ter so schlecht geht? Vor allem da Har­per teil­wei­se rich­tig gemein zu ihr ist: Hält sich nicht an Ver­spre­chen, ver­petzt Nell bei ihrem Vater und ist pat­zig. “Har­per ver­sucht zwar ein guter Mensch zu sein, aber sie muss sich dafür ziem­lich anstren­gen. Nett­sein ist ein­fach nicht ihr Ding. Und ohne Haa­re ist sie noch fie­ser gewor­den. […] Als sie ihr zum ers­ten Mal aus­ge­fal­len sind, habe ich ihr erlaubt, mir auch den Kopf zu rasie­ren. Für eine bit­ter­sü­ße Wei­le saßen wir gleich aus. Zwei außer­ir­di­sche Bow­ling­ku­geln. Aber dann wuch­sen mei­ne Haa­re nach, und das hat mir mei­ne Schwes­ter nie ver­zie­hen.” (Zitat S.25) Wie genau die­se Bezie­hung skiz­ziert ist, das liest sich beson­ders berüh­rend und authen­tisch. Gera­de weil die Gefüh­le der Schwes­tern so viel­schich­tig sind: “Har­per hasst mich nicht”, sage ich kläg­lich. “Sie liebt mich. Es ist kom­pli­ziert. Sie hasst nur, wie sehr sie mich Kasimirabraucht.” (Zitat S.86) Der Roman ist durch­gän­gig aus Nells Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Nur ein paar Mal wech­selt die Per­spek­ti­ve zu Lukas und gibt einen Blick frei auf einen Teil sei­ner Gedan­ken und Hand­lun­gen, die äußerst erschre­ckend sind. Denn Nells ver­lo­re­ne Geld­bör­se und ihren Pass, die hat kein unbe­kann­ter Dieb geklaut — die hat er! “Er ver­brennt ihren bri­ti­schen Pass, Sei­te für Sei­te, lässt das Feu­er­zeug zün­geln. An den Flug, den sie ver­säumt, ver­schwen­det er kei­nen Gedan­ken. […] Er betrach­tet die Spie­ge­lung ihres roten Haars, die Angst in ihrem eng­li­schen Stadt-Gesicht. Das hat sei­nem Rudel am meis­ten Spaß gemacht: zu beob­ach­ten, wie die Beu­te unter Druck reagiert. Wie leicht gibt sie auf?” (Zitat S.48) Was für ein Spiel spielt er mit ihr? Was hat er vor? Wie viel “Wolf” steckt noch in ihm? Der Roman, der in man­chen Ele­men­ten einem Thril­ler gleicht, liest sich dra­ma­tisch und fes­selnd. Auch wenn die Prot­ago­nis­tin zeit­wei­se etwas naiv erscheint, so möch­te man das Buch vor allem am Ende kaum aus den Hän­den legen!

Fazit: “The Hur­ting: Als du mich gestoh­len hast” ist ein viel­schich­ti­ger, tief­grün­di­ger Roman. Über­ra­schend, anders und hef­tig.

LesealternativenVon der Stim­mung her hat mich das Buch irgend­wie ein biss­chen an den “Mär­chen­er­zäh­ler” von Anto­nia Michae­lis erin­nert, in dem eben­falls eine Lie­bes­ge­schich­te beschrie­ben wird mit einem Jun­gen, der etwas Unheil­vol­les zu ver­ber­gen hat. Etwas Dunk­les an sich haben auch die Prot­ago­nis­tin in “In einer Som­mer­nacht wie die­ser” von Tan­ja Heit­mann und in “Die Tie­fen dei­nes Her­zens” von Ant­je Szil­lat, wel­ches sehr atmo­sphä­risch beschrie­ben ist. Ein wenig muss­te ich eben­so an das schon etwas älte­re “Ich wünsch­te, ich könn­te dich has­sen” von Lucy Chris­to­pher den­ken. Viel­leicht könn­te auch “Lili­en­blut” von Eli­sa­beth Herr­mann etwas für dich sein. Oder hin­sicht­lich der Krebs­ge­schich­te und der Bezie­hung der bei­den Schwes­tern viel­leicht auch “Alle mei­ne Leben” von Sarah Wylie.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Chicken House
ISBN: 978-3-551-52112-5
Erscheinungsdatum: 28.Februar 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€ 
Seitenzahl: 368 
Übersetzer: Sophie Zeitz
Originaltitel: "The hurting"
Originalverlag: The Chicken House

Britisches Originalcover:
Kasimira











Ein kurzer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Britisches Cover: Homepage von Lucy van Smit

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