Lucy Adlington — Das rote Band der Hoffnung

Kasimira4.Oktober 2021

Das rote Band der Hoff­nung” von der bri­ti­schen Autorin Lucy Adling­ton ist ein Roman über den Holo­caust. Die Geschich­te eines jun­gen, jüdi­schen Mäd­chens, das ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz kommt und durch ihr hand­werk­li­ches Talent Arbeit in einer Nähe­rei erhält. Wird ihr Traum eines Tages einen eige­nen Mode­la­den zu eröff­nen nun uner­füll­bar blei­ben? Ein har­ter Kampf ums Über­le­ben beginnt. Denn erst ein­mal muss sie Ausch­witz über­ste­hen. Ein Buch über Träu­me, über Zusam­men­halt und Freund­schaft, über Mensch­lich­keit in Zei­ten des Schre­ckens und die Hoff­nung, die man nie­mals ver­lie­ren darf. Authen­tisch, sen­si­bel und äußerst berüh­rend erzählt. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Das Nähen hat die 14-jäh­ri­ge Ella von ihrer Groß­mutter gelernt, bei der sie auf­ge­wach­sen ist. Schö­ne Erin­ne­run­gen hat sie an ihre gemein­sa­me Arbeit in der Näh­stu­be. Doch nun ist der Krieg auch in ihre Stadt gekom­men und man hat sie mit­ge­nom­men. Weil sie Jüdin ist. Ella lan­det im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz-Bir­ken­au. Doch sie hat Glück. Nach den ers­ten drei Wochen vol­ler Grau­en bekommt sieKasimira einen Job in der Nähe­rei. “Ich hat­te es geschafft. In die Näh­werk­statt, auch hoch­tra­bend als Maß­schnei­de­rei bezeich­net. Mei­ne Vor­stel­lung vom Him­mel. Als ich hör­te, dass hier ein Job frei war, wuss­te ich sofort, dass ich ihn haben muss­te.” (Zitat aus “Das rote Band der Hoff­nung” S.8) Denn Ella hat Talent. Sie schafft es sich unter Beweis zu stel­len und ein grü­nes, sei­de­nes Kleid zu nähen, das bei einer Kun­din namens Car­la, einer der Auf­se­he­rin­nen, äußerst gut ankommt. Auch wenn es die stren­ge Auf­se­he­rin Mina ist, die es als ihr Werk aus­gibt. Mina, die hart durch­greift, aber ihr gewis­ser­ma­ßen auch Tipps gibt, in dem har­ten KZ-All­tag zu über­le­ben: “Hör auf mei­nen Rat, Schul­mäd­chen — ver­giss dei­ne Fami­lie. Ver­giss alles, was da drau­ßen ist. Hier gibt es nur eine Sache, die zählt auf der Welt, und das bist du selbst. Wenn du nicht wei­ter­weißt, dann stell dir eine Fra­ge: Was wür­de Mina tun? Das wird dir hel­fen.” (Zitat KasimiraS.47ff) Aber glück­li­cher­wei­se lernt Ella in der Nähe­rei auch Rose ken­nen. Das Mäd­chen, das so toll sti­cken kann, das groß­zü­gig und selbst­los ist. Das die wun­der­bars­ten Geschich­ten zu erzäh­len weiß und aus rei­chem Hau­se kommt. “Ich bin Rose”, flüs­ter­te sie. Ihren Namen statt einer Num­mer zu hören, war so, als wür­de man das Band lösen, das die Ver­pa­ckung eines wert­vol­len Geschenks zusam­men­hielt.” (Zitat S.27) Gemein­sam ver­su­chen die Zwei das alles  zu über­ste­hen. Malen sich ihre Träu­me aus, von einem eige­nen Mode­la­den und einem roten Band, das Rose Ella schenkt und das sie zusam­men an einen Baum bin­den wol­len, als Zei­chen der Hoff­nung und der Frei­heit, wenn sie das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger eines Tages ver­las­sen wer­den. “Uns gibt es doch immer noch, auch wenn sie uns unse­re Schu­he, Klei­dung und Bücher weg­ge­nom­men  haben. Wir müs­sen so leben­dig wie mög­lich blei­ben, wie Ger­da gesagt hat. Weißt du, was Kasimiraich mei­ne?” Roses Blick fla­cker­te nicht. “Wir wer­den leben”, sag­te sie.” (Zitat S.124) Doch dann wird Rose eines Tages krank…

Das Cover ist sehr pas­send gestal­tet, ver­deut­licht auf den ers­ten Blick bereits, welch his­to­ri­scher Kon­text sich dahin­ter ver­birgt. Erzählt wird der Roman durch­ge­hend aus Ellas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve. Inter­es­san­ter­wei­se ist das Buch in meh­re­re Tei­le ein­ge­teilt, die jeweils mit einer Far­be beti­telt wer­den. “Grün”, “Rot”, “Grau”, “Weiss” und “Rosa”. Genau die­se Far­ben spie­len in den jewei­li­gen Tei­len immer eine beson­de­re Rol­le in Bezug auf ein Klei­dungs­stück, was sehr raf­fi­niert gemacht ist. Denn neben den Schre­cken des Holo­causts sind es vor allem die Klei­dung und das Nähen, die in “Das rote Band der Hoff­nung” eine Haupt­rol­le spie­len. Denn das Nähen hilft der sym­pa­thi­schen Prot­ago­nis­tin Ella gewis­ser­ma­ßen zu über­le­ben: “Jede Sekun­de Kasimiramei­ner ers­ten drei Wochen war ein ein­zi­ger Hor­ror gewe­sen. […] Jetzt, in der Näh­werk­statt, fühl­te ich mich plötz­lich wie­der wie ein Mensch. […] Ich muss­te mich nur auf das Hier und Jetzt kon­zen­trie­ren. Dann konn­te ich mir ein­re­den, dass nichts auf der Welt exis­tier­te als das Kleid, das ich für mei­ne Kun­din Car­la anfer­tig­te.” (Zitat S.17) Es ist eine Flucht vor dem Unaus­sprech­li­chen. Vor dem Leid und den täg­li­chen Qua­len. Vor den Hun­gers­nö­ten und der Gewalt. Denn natür­lich spart der Roman auch das Furcht­ba­re nicht aus: “Als ich zum ers­ten Mal den Aus­druck hör­te, dass Men­schen durch den Schorn­stein gin­gen, dach­te ich, es wür­den Leu­te dort hoch­ge­schickt, um sie zu fegen und sau­ber zu machen. Doch so gern ich auch wei­ter­hin dar­an geglaubt hät­te, es gab ein­fach zu viel Rauch und zu viel Asche.” (Zitat S.64) Doch er zeigt auch, wie wich­tig es ist, trotz­dem mensch­lich zu blei­ben. Sich für ande­re eiKasimiranzu­set­zen, so wie es Rose und Ella für­ein­an­der tun. Denn die Schat­tie­run­gen der Mensch­lich­keit kön­nen höchst unter­schied­lich sein, die­se Erfah­rung macht vor allem Ella. Wäh­rend ihre Kun­din Car­la mal höchst zuvor­kom­mend und groß­zü­gig ist, kann sie im nächs­ten Augen­blick schon wie­der bru­tal und hart ihr gegen­über sein: “Die Leu­te waren nicht so sim­pel, wie es den Anschein hat­te. Bestan­den nicht nur aus einer ein­zi­gen Eigen­schaft — wie pure Wol­le oder Sei­de. Sie bestan­den viel­mehr aus einem gemisch­ten Gewe­be, das sich aus vie­len Stof­fen und kom­pli­zier­ten Mus­tern zusam­men­setz­te.” (Zitat S.189) Der sprach­li­che, aber auch der inhalt­li­che Bezug zur Klei­dung ist Lucy Adling­ton sehr gut gelun­gen. Die­sen lässt sie an unter­schied­li­chen Stel­len immer wie­der ein­flie­ßen. “Sie sag­ten, wir wür­den unse­re Klei­dung nach dem Duschen wie­der­be­kom­men, Das war gelo­gen. Wir beka­men unför­mi­ge blau-weiß gestreif­te Kit­tel. So lie­fen wir umher wie panischKasimirae Zebras. Wir waren kei­ne Men­schen mehr, son­dern nur noch Num­mern. Sie taten mit uns, was sie woll­ten. Mir soll also nie­mand erzäh­len, dass Klei­dung nichts bedeu­tet.” (Zitat S.34) Denn mit der Sträf­lings­klei­dung sind kei­ne Unter­schie­de zwi­schen den Insas­sen mehr zu erken­nen. Kei­ne Berufs­klei­dung mehr erkenn­bar, kein Sta­tus und kein Reich­tum. Sie sind alle gleich. Fas­zi­nie­rend sind zudem die vie­len Ver­glei­che zu Tier­we­sen, die Ella in der Geschich­te nutzt. Jede Per­son, die sie ken­nen­lernt, setzt sie einem Tier gleich. Da gibt es Zebras oder Bären oder Hyä­nen oder Eich­hörn­chen und Hun­de. Etwas bemüht wirk­ten die Über­lei­tun­gen zu Lebens­mit­teln oder Tie­ren am Anfang der Geschich­te: “Mit ihrer mes­ser­schar­fen Nase hät­te man Käse schnei­den kön­nen. Ich habe Käse immer gemocht. Die brö­se­li­gen Sor­ten, die.…” (Zitat S.8) und “Sie war schon älter — bestimmt Mit­te zwan­zig — und so schreck­haft wie ein Kanin­chen. Aus Kanin­chen mach­te man gute Hand­schu­he.” (Zitat S.9) Die­se zei­gen jedoch wie Kasimirasehr Ella durch ihr stän­di­ges Ver­glei­chen oder Abschwei­fen gewillt ist, nicht alles Graue in ihren All­tag ein­drin­gen zu las­sen. Dass das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ihrer Fan­ta­sie nichts anha­ben kann und ihrem Eifer, die Welt mit ihren eige­nen Augen zu sehen. Die Sze­ne mit dem rosa Kleid am Ende ist äußerst berüh­rend zu lesen und zeigt erneut: “So grau­sam Bir­ken­au auch war, so konn­te es Lie­be und Groß­zü­gig­keit unter den Men­schen doch nicht voll­kom­men aus­rot­ten.” (Zitat S.269). Das Ende hält noch eine Über­ra­schung bereit, die aller­dings nicht unbe­dingt nötig gewe­sen wäre, aber für die Ziel­grup­pe jugend­li­cher Leser den­noch passt.

Im Deut­schen ist “Das rote BLesealternativenand der Hoff­nung” lei­der bis­her das ein­zi­ge Buch, das ins Deut­sche von Lucy Adling­ton über­setzt wur­de. Ande­re eng­li­sche Titel von ihr fin­dest du hier auf ihrer Home­page. Beson­de­re Berufe/Tätigkeiten, die im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger aus­ge­übt wur­den, das fin­dest du in fol­gen­den Roma­nen: “Der Klang der Hoff­nung” von Suzy Zail (Kla­vier­spie­len, sehr bewe­gen­der Roman!) und “Der Foto­graf von Ausch­witz: Das Leben des Wil­helm Bras­se” und “Der Buch­hal­ter von Ausch­witz” von Rai­ner Engel­mann. Sehr emp­feh­lens­wert sind außer­dem “Der Jun­ge im gestreif­ten Pyja­ma” von John Boy­ne, “28 Tage” von David Safier und “Ich habe den Todes­en­gel über­lebt” von Eva Mozes Kor/Lisa Roja­ny. Mehr Bücher zum Holo­caust fin­dest du in die­sem Spe­cial.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Magellan
ISBN: 978-3-7348-5057-8
Erscheinungsdatum: 13.Juli 2021
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 336
Übersetzer: Knut Krüger
Originaltitel: "The red ribbon"
Originalverlag: Hot Key Books

Amerikanisches Originalcover: 
Kasimira











Lucy Adlington spricht über ihr Buch (auf Englisch):
 

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Lucy Adlington

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