Lucinde Hutzenlaub — Ich bin V wie Vincent

8.September 2019

Die deut­sche Autorin Lucin­de Hutzen­laub hat mit “Ich bin V wie Vin­cent” einen Roman geschrie­ben, der sich auf bewe­gen­de Art und Wei­se mit dem The­ma Mob­bing aus­ein­an­der­setzt. Ein Jun­ge, der nach einem Umzug als Neu­er in der Klas­se zum Außen­sei­ter wird und durch eine beson­de­re Metho­de es schafft auf die­se Miss­stän­de auf­merk­sam zu machen. Ein wich­ti­ges Buch, das Mut macht, zu sich selbst zu ste­hen, den Mund auf­zu­ma­chen und sich nicht unter­krie­gen zu las­sen! Unter­halt­sam und mit­rei­ßend geschrie­ben. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Der 16-jäh­ri­ge Milo ist nicht wirk­lich glück­lich dar­über mit sei­ner Fami­lie von Nami­bia, wo er auf eine deut­sche Schu­le gegan­gen ist, nun gleich ganz nach Deutsch­land zu zie­hen. Doch sein Vater hat sei­nen Job als Inge­nieur ver­lo­ren und jetzt steht ein beruf­li­cher Neu­an­fang bevor. Milo ver­misst sei­ne Freun­de, das regel­mä­ßi­ge Bas­ket­ball­spie­len unter der Son­ne Afri­kas und über­haupt hat er sich das Leben hier ganz anders vor­ge­stellt. Denn in der Schu­le trifft er auf Max. Max, der in sei­ne Klas­se geht und ihm den Schul­all­tag bald zur Höl­le macht. “Oh Gott. In was war er da nur rein­ge­ra­ten? Eines war auf jeden Fall völ­lig klar: Sie hat­ten Kasimiranicht ein­fach nur einen schlech­ten Start gehabt. Max such­te regel­recht jeman­den, den er quä­len konn­te. Am liebs­ten vor Publi­kum. Und anschei­nend hat­te er in Milo die­sen jemand gefun­den.” (Zitat aus “V wie Vin­cent” S.25) In jeder frei­en Minu­te sucht Max eine Gele­gen­heit um ihn fer­tig­zu­ma­chen. Sich mög­lichst unsicht­bar zu machen, ist bald Milos ein­zi­ger Weg, um mit all dem umzu­ge­hen. Doch auch sein klei­ner Bru­der Carl ist unglück­lich. Zieht sich völ­lig zurück und ist oft schlecht gelaunt: “Ich fin­de es hier zum Kot­zen. Ich fin­de die Schu­le zum Kot­zen. Und weißt du was? Dich fin­de ich am aller­meis­ten zum Kot­zen. Die­ses weich­ge­spül­te >Wir krie­gen das schon irgend­wie hin, Carl…< Ich kann es nicht mehr hören! Was willst du denn machen? Wie Super­man alles zum Guten wen­den?” (Zitat S.19) Ein­zig Nike, ein Mäd­chen aus sei­ner Klas­se, ist bald noch ein Licht­blick in Milos Leben. Sie scheint sich sogar für ihn zu inter­es­sie­ren. Und bald ver­ab­re­den sie sich zu einem ers­ten Tref­fen. Aber eben­falls Max ist an Nike inter­es­siert und tut alles, um Milo in die Que­re zu kom­men. Bald hat die­ser genug von den all­täg­li­chen Rei­be­rei­en und star­tet eine unge­wöhn­li­che Akti­on auf You­tube…

KasimiraV wie Vin­cent” macht mit einem schlich­ten, aber doch irgend­wie auf­fäl­li­gen Cover auf sich neu­gie­rig. Der Roman ist in einer sehr ein­fa­chen, kla­ren Spra­che geschrie­ben und auch gera­de für Wenig­le­ser bes­tens geeig­net. Die Geschich­te wird nicht nur in der Ich-Per­spek­ti­ve aus Milos Sicht erzählt, son­dern eben­so Nike bekommt ihren eige­nen Blick­win­kel. Das The­ma Mob­bing ist ein nicht weg zu den­ken­des Motiv in Jugend­bü­chern und auch in Schu­len. Irgend­wo ist immer ein Außen­sei­ter gefun­den, ein ver­meint­lich “Schwä­che­rer”, der zum Opfer wird. Grün­de dafür sind viel­schich­tig oder auch nicht, wie “V wie Vin­cent” rasch ver­deut­licht. Denn Mob­bing, das kann jeden tref­fen: “War­um pas­sier­te das hier? Wie konn­te es sein, dass ein Typ, egal wie groß und stark er war, eine sol­che Macht über ande­re besaß? Dass er einen Men­schen, den er und über­haupt nie­mand in der Klas­se kann­te, in die Ecke drän­gen und fer­tig­ma­chen konn­te? Ohne Grund, ohne Zweck — ein­fach nur aus purer Lust am Quä­len?” (Zitat S.26) Wie Vin­cent sich ver­än­dert, wie er lust­los und sich immer mehr macht­los fühlt, das schil­dert Lucin­de Hutzen­laub sehr rea­lis­tisch. Wenn­gleich auch zwei Sze­nen etwas Kasimiraaffek­tiert wir­ken (als sie ihm um den Hals fällt, nur weil sie eine Ver­ab­re­dung tref­fen & der ers­te Kuss), ver­zeiht man dies der Autorin ger­ne, denn sie unter­hält ein­fach gut — die Geschich­te reißt von Beginn an mit und lässt einen ban­gen und mit­fie­bern. Milo, der mit Zweit­na­men Vin­cent heißt, und den Film “V wie Ven­det­ta” über alles liebt, in dem ein Typ namens V gegen Unge­rech­tig­keit kämpft  nennt sich kur­zer­hand “V wie Vin­cent” und star­tet einen You­Tube-Kanal, in dem er — mit einer Mas­ke anony­mi­siert — dazu auf­ruft nicht mehr alles hin­zu­neh­men und mutig zu sein: “Er woll­te nicht mehr die Klap­pe hal­ten und zuse­hen, wie sich jeder Ein­zel­ne in sei­nem Leben selbst belog — er selbst ein­ge­schlos­sen. Er woll­te spre­chen. Über sich. Über ande­re. Und dar­über, dass es völ­lig bescheu­ert war, immer nur durch­zu­hal­ten.” (Zitat S.110) Das, was Milo sagt, zieht eine uner­war­te­te Wel­le nach sich und weckt Hoff­nung. Lässt einen an das Gute und an eine bes­se­re Welt glau­ben und gleich­zei­tig damit hadern, ob es Milo tat­säch­lich gelingt unbe­scha­det aus der gan­zen Sache her­aus­zu­kom­men. Eine klu­ge, wich­ti­ge, wert­vol­le Geschich­te mit einer posi­ti­ven Bot­schaft — Kasimiranäm­lich der, ehr­lich zu sein, an sich selbst zu glau­ben, sei­ne Stim­me zu erhe­ben und nie­mals auf­zu­ge­ben. Am Ende, das mit einem emo­tio­na­len Gän­se­haut-Moment auf­war­tet, hät­te ich mir noch ein paar mehr Infor­ma­tio­nen gewünscht. Wie es mit Max wei­ter­geht, ob sein Han­deln Kon­se­quen­zen fol­gen lässt, was aus Milos Fami­lie wird. Ein biss­chen zu schnell ist das Buch dann doch zu Ende und bleibt zu sehr an der Ober­flä­che. In einem Nach­wort erzählt Lucin­de Hutzen­laub wie eige­ne Kind­heits­er­fah­run­gen mit Mob­bing sie über die­ses­The­ma haben schrei­ben las­sen und sie gibt auch mehr Infor­ma­tio­nen über “V wie Ven­det­ta”, den Film, der immer wie­der in Zita­ten Ein­zug in den Roman fin­det.

Dir gefällt Lucin­de Hutzen­laubs Erzähl­stil? Dann lies noch “Melo­nen­eis-Som­mer” (ab 11) oder ihr neu­es BucLesealternativen
“Lil­lis ver­flix­tes Gedan­ken­cha­os: Oder der Tag, an dem alles wahr wur­de” (ab 9). Eine sehr gute Lese­al­ter­na­ti­ve zu “V wie Vin­cent” ist “Moxie. Zeit, zurück­zu­schla­gen” von Jen­ni­fer Mathieu. Ler­nen zu sich selbst zu ste­hen und mutig zu sein? Das fin­dest du auch in die­sen zwei sehr gelun­ge­nen Roma­nen: “Ben Flet­chers total genia­le Maschen” von T.S.Easton und “Die Bal­la­de von der gebro­che­nen Nase” von Arne Svin­gen. Für Gerech­tig­keit auf unge­wöhn­li­che Wei­se kämp­fen eben­so die Prot­ago­nis­ten in “33 Cent um ein Leben zu ret­ten” von Lou­is Jen­sen und “Ein Ort wie die­ser” von Marie-Aude Murail. Sehr toll fand ich zudem “This song will save your life” von Lei­la ‑Sales und den Geheim­tipp “Jes­si­cas Geist” von Andrew Nor­ris. Einen ganz unge­wöhn­li­chen Weg mit Mob­bing umzu­ge­hen, ergreift die Haupt­per­son in “Die Liga der Guten” von Rüdi­ger Bertram. “Wund
er” von Raquel J. Pala­cio lohnt sich außer­dem!

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Planet! (Thienemann)
ISBN: 978-3-522-50629-8
Erscheinungsdatum: 15.August 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 13,00€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Videos zum Buch:

Kasimiras Bewertung:

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