Luc Blanvillain — Tagebuch eines Möchtegern-Versagers

Luc Blanvillain Tagebuch eines Möchtegern-Versagers15.März 2017

Tage­buch eines Möch­te­gern-Ver­sa­gers” von dem fran­zö­si­schen Autoren Luc Blan­vil­lain ist ein Roman über einen hoch­in­tel­li­gen­ten Jun­gen, der einen höchst unge­wöhn­li­chen Weg wählt, um mehr Frei­raum von sei­nen Eltern zu bekom­men. Ein Kata­stro­phen­be­richt der beson­de­ren Art. Für alle Fans von “Greg’s Tage­buch” und den Lesern von Marie-Aude Murail. Eine bezau­bern­de Geschich­te mit der rich­ti­gen Mischung aus Ernst­haf­tig­keit und Humor. Klas­se! Für Jugend­li­che ab 10 Jah­ren (ins­be­son­de­re Jungs, die nicht so ger­ne lesen).

Der 12-jäh­ri­ge Nils ist ein über­aus schlau­er Jun­ge: “Die Art Schü­ler, dem die ande­ren — vor allem mei­ne gro­ße Schwes­ter — am liebs­ten eine rein­hau­en wür­den. Ein Noten­durch­schnitt von 1,1. Nicht 1,0, damit man mir nicht wirk­lich eine rein­haut. Die Art von Schü­ler, die bei einer Klas­sen­ar­beit sofort anfängt, in einem Zug die Ant­wort run­ter­zu­krit­zeln, eine hal­be Stun­de vor­her abgibt und sich ein Buch aus der Biblio­thek holen darf, um die Zeit tot­zu­schla­gen, bis die ande­ren end­lich fer­tig sind.” (Zitat S.6) Freun­de hat Nils nicht wirk­lich. Jetzt nach den Som­mer­fe­ri­en soll er auf eine neue Schu­le, die eher sei­nen Fer­tig­kei­ten ent­spricht. Fer­tig­kei­ten, die er nicht nur durch Wis­sen und Intel­li­genz, son­dern vor allem dem enor­men Leis­tungs­druck sei­ner Eltern zu ver­dan­ken hat. Sein Vater ist Biblio­the­kar und für sei­ne sprach­lich-lite­ra­ri­schen Talen­te ver­ant­wort­lich. Sei­ne Mut­ter, die als Inge­nieu­rin arbei­tet, für sei­ne mathe­ma­ti­schen Fähig­kei­ten. Schon von klein auf haben sie ihn zu Höchst­leis­tun­gen ange­spornt. Im Gegen­satz zu Luc Blanvillain Tagebuch eines Möchtegern-Versagerssei­ner älte­ren Schwes­ter Heloi­se, die bereits eine Klas­se wie­der­ho­len muss­te und bei der die elter­li­chen Tech­ni­ken zur För­de­rung noch nicht ganz so aus­ge­reift waren. Bei Nils wur­den sie zur Per­fek­ti­on gebracht: “Sie las­sen mich nie in Ruhe. Seit mei­ner Geburt wird mir alles erklärt, was mir unter die Augen kommt. Man erläu­tert mir das Gewicht, die Geschwin­dig­keit, die Wort­her­kunft, das Jagd­re­vier oder die che­mi­sche Zusam­men­set­zung. Als ich klein war, durf­te ich, wenn ich mir weh getan hat­te, nicht ein­fach wei­nen, son­dern muss­te drei Syn­ony­me für das Wort Schmerz nen­nen. Ich habe schnell auf­ge­hört zu jam­mern.” (Zitat S.8) Nils darf daher kei­ne Com­pu­ter­spie­le spie­len, kein Fern­se­hen schau­en und soll am bes­ten pau­sen­los ler­nen. Doch damit ist jetzt Schluss! Denn der Jun­ge hat einen Plan ent­wi­ckelt: “Also habe ich mir vor­ge­nom­men, ein Ver­sa­ger zu wer­den. So lan­ge, wie es sein muss, wer­de ich ein Faul­pelz sein. Klar, die­se Ver­wand­lung muss sich schritt­wei­se voll­zie­hen. Nie­mand darf mer­ken, dass ich simu­lie­re.” (Zitat S.8) Um sei­ne Fort­schrit­te zu doku­men­tie­ren, beginnt Nils damit ein Tage­buch zu schrei­ben. Dar­in erzählt er unter ande­rem auch von Mona, die er in der neu­en Klas­se ken­nen­lernt, und die ihm sofort sym­pa­thisch ist. Und von Engel­bert, dem blö­den Luc Blanvillain Tagebuch eines Möchtegern-VersagersOber­stre­ber, den er natür­lich locker aus­ste­chen wür­de, wenn Nils sein wah­res intel­li­gen­tes Ich raus­hän­gen las­sen wür­de. Doch das hält er jetzt zurück und erzielt damit unvor­her­seh­ba­re Effek­te. Plötz­lich ist sogar die fie­se Schwes­ter lieb, die Eltern machen ihm uner­war­te­te Zuge­ständ­nis­se (na ja, sie schi­cken ihn auch zur Psy­cho­lo­gin). Aber es geht ihm auf ein­mal viel bes­ser, als vor­her. Sogar Mona kommt er näher, die ihm “Nach­hil­fe” gibt. Doch als ein Rechen­wett­be­werb ansteht, bei dem der groß­kot­zi­ge Engel­bert unbe­dingt gewin­nen will und Nils Tage­buch auf ein­mal in die fal­schen Hän­de gerät, über­schla­gen sich die Ereig­nis­se…

Tage­buch eines Möch­te­gern-Ver­sa­gers” ist eine rich­tig schön erzähl­te Geschich­te, die ihre Leser schnell mit sich rei­ßen wird. Und sie macht vor allem eines: unheim­lich viel Spaß! Nils Erleb­nis­se, die in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben sind, mit zu ver­fol­gen — beson­ders die Scho­ckiert­heit sei­ner Eltern zu erle­ben — liest sich höchst amü­sant: “Mei­ne ers­ten Noten haben zu Hau­se eine Atom­ka­ta­stro­phe aus­ge­löst. Mei­ne Mut­ter hat sich zuver­sicht­lich mit dem Ser­ver der Schu­le ver­bun­den, das Pass­wort ein­ge­ge­ben und beim Anblick mei­ner Noten gedacht, sie hät­te sich ver­tan. […] Nach dem drit­ten VersLuc Blanvillain Tagebuch eines Möchtegern-Versagersuch star­te­te sie den Com­pu­ter neu. Aber die unwahr­schein­lich schlech­ten Noten wur­den erneut ange­zeigt. Sie dreh­te sich halb lächelnd zu mir um, zeig­te auf das Gerät und erwar­te­te zwei­fel­los die Erklä­rung, ein Virus sei schuld. Aber als ich klein­laut den Blick senk­te, fing sie an, mit den Zäh­nen zu klap­pern.” (Zitat S.17) Nils Bericht ist wie ein Tage­buch auf­ge­baut. Er beginnt am 2. Sep­tem­ber, dem Abend vor dem ers­ten Schul­tag nach den Som­mer­fe­ri­en und endet am 29.Januar. Die Ein­trä­ge sind unre­gel­mä­ßig, manch­mal sind auch ein paar zeit­li­che Pau­sen dar­in: “Ich habe so lan­ge nicht geschrie­ben, weil ich nicht den Mut hat­te, die Chro­nik mei­nes Schei­terns zu doku­men­tie­ren.” (Zitat S.81) Beson­ders die ange­neh­me Por­ti­on Selbst­iro­nie und Sar­kas­mus geben dem Buch die rich­ti­ge Wür­ze und machen aus Nils einen durch­weg sym­pa­thi­schen, unter­halt­sa­men Cha­rak­ter: “So lang­sam bekam ich Atem­not. Engel­bert warf mir aus den Augen­win­keln einen Blick zu, als ahne er etwas. Aber gut, es gab sicher­lich Situa­tio­nen, die schlim­mer waren als mei­ne. Vor zwei Tagen hat­te ich bei­spiels­wei­se mit mei­nem Vater eine Repor­ta­ge über Schlacht­hö­fe gese­hen.” (Zitat S.84ff) Man fühlt mit Nils mit, man lei­det mit ihm mit, man lacht mit ihm. Die Spra­che ist ein­fach und der Text ist nur sehr sel­ten von schwie­ri­gen Wörtern/Formulie­run­gen durch­zo­gen, wie zum Bei­spiel: “War­um ich also nun den Olymp ver­las­se und michLuc Blanvillain Tagebuch eines Möchtegern-Versagers jäh hin­ab­stür­ze in den Sumpf der Nich­tig­keit? (Ja, ich ver­wen­de sol­che Sät­ze. Und ja, ich habe nur weni­ge Freun­de.)” (Zitat S.6) und “Gerührt tät­schelt sie mir den Kopf. Zum ers­ten Mal in mei­nem Leben berührt die Hand mei­ner Schwes­ter mei­ne Epi­der­mis*, ohne einen blau­en Fleck zu hin­ter­las­sen.” (Zitat S.20) Trotz­dem hat man nie Schwie­rig­kei­ten mit­zu­kom­men und bleibt mühe­los im Text­fluss. Da der Roman nicht sehr umfang­reich ist (gera­de mal 155 Sei­ten), hat man die Lek­tü­re lei­der viel zu schnell been­det.

Fazit: Eine tol­le, wit­zi­ge Geschich­te — ein groß­ar­ti­ges Lese­ver­gnü­gen!

(* Epidermis=äußerste Haut­schicht)

Wenn dir Tage­buch-Roma­ne gefal­len, dann hast du dank des durch­schla­gen­den Erfolgs von “Greg’s Tage­buch” von Jeff Kin­ney rela­tiv viel Aus­wahl! Hier sind die bes­ten Alter­na­ti­ven: “Tom Gates”-Rei­he von Liz Pichon, “Hugo”-Rei­he voLesealternativenn Sabi­ne Zett (hier will die Haupt­per­son ger­ne ein Genie sein und setzt alles sein Ziel zu errei­chen), “Lucas & Skot­ti” von Col­lin McMa­hon (hier wol­len die Prot­ago­nis­ten cool und beliebt wer­den), “Max Crum­bly”-Rei­he von Rachel Renée Rus­sell (jetzt neu für Jungs, von der Autorin von “Dork Dia­ries”), Wie man…”-Rei­he von Pete John­son, Mein total genia­ler Dop­pel­gän­ger…”-Rei­he von M.E.Castle (hier gibt es auch ein hoch­in­tel­li­gen­tes Genie, das sich selbst klont und dadurch unge­wollt ganz vie­le Pro­ble­me schafft), “Super Nick”-Rei­he von Lin­coln Peirce und die Rick”-Rei­he von Ant­je Szil­lat. Rich­tig humor­voll und unter­halt­sam fand ich auch die Roma­ne “Ben Flet­chers total genia­le Maschen” von T.S.Easton und “Die Bal­la­de von der gebro­che­nen Nase” von Arne Svin­gen. Oder lies wie bereits erwähnt die tol­len Roma­ne von Marie-Aude Murail, einer der erfolg­reichs­ten Autorin­nen Frank­reichs! Ein paar Rezen­sio­nen fin­dest du auch hier.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-7373-4085-4
Erscheinungsdatum: 23.März 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 12,99€ 
Seitenzahl: 160 
Übersetzer: Maren Illinger
Originaltitel: "Journal d'un nul débutant"
Originalverlag: L'école des Loisirs

Französisches Originalcover:
Luc Blanvillain Tagebuch eines Möchtegern-Versagers











Der Autor erzählt und liest aus seinem Buch (auf Französisch):

Kasimiras Bewertung:

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