Louise O’Neill — Du wolltest es doch

Louise O'Neill - Du wolltest es doch28.Juli 2018

Du woll­test es doch” von der iri­schen Autorin Loui­se O’Neill wur­de mehr­fach aus­ge­zeich­net und stand in Irland eini­ge Zeit auf Platz 1 der Best­sel­ler­lis­te. Der Roman — der gleich­zei­tig ein Bei­trag zur #metoo-Debat­te ist — stellt ein Mäd­chen in den Vor­der­grund, das Opfer eines sexu­el­len Über­griffs wur­de. Selbst schuld oder nicht? Die Geschich­te ver­langt dem Leser emo­tio­nal eini­ges ab. Und sie regt zum Nach­den­ken an. Hef­tig. Bewe­gend. Wich­tig! Für Jugend­li­che ab 16 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Die 18-jäh­ri­ge Emma ist wun­der­schön. Und das weiß sie. Nicht nur, weil sie es von ihrer Mut­ter fast jeden Mor­gen gesagt bekommt, son­dern weil sie vor allem vom männ­li­chen Geschlecht stets beson­de­re Bestä­ti­gung bekommt. Weil sie jeden, den sie will, ein­fach haben kann. Auf einer Par­ty, die sie mit ihren drei bes­ten Freun­din­nen Ali, Mag­gie und Jamie besucht, will sie Jack her­um­krie­gen. Und kün­digt dies bereits vor­her im Kreis ihrer Freun­din­nen an. “Du gehst aber nicht so zur Par­ty, oder?”, sagt er. Ich strei­che über mein neu­es Kleid. Es ist schwarz, mit einem Aus­schnitt bis zum Nabel und sehr, sehr kurz.” (Zitat S.72) Doch, das tut Emma, ent­ge­gen des Kom­men­tars ihres Bru­ders. Sie weiß, wieLouise O'Neill - Du wolltest es doch man die Bli­cke auf sich zieht. Und trotz­dem schafft es tat­säch­lich ein jün­ge­res Mäd­chen ins Inter­es­se ihres Aus­er­wähl­ten zu rücken, setzt sich ein­fach auf Jacks Schoß und stiehlt Emma die Show. Um Jack eifer­süch­tig zu machen, bän­delt sie des­halb kur­zer­hand mit dem viel älte­ren Paul an und ent­führt ihn bald dar­auf in ein Schlaf­zim­mer. Emma schläft mit ihm, obwohl sie es eigent­lich gar nicht woll­te. Lässt sich vor­füh­ren vor Paul und den Jungs, die er kurz danach ins Zim­mer lässt. Ange­ben will er mit ihr. Und dann gleich auf eine nächs­te Par­ty wei­ter­zie­hen. Aber zuvor soll noch etwas ein­ge­schmis­sen wer­den. Ein paar Pil­len sind schnell gefun­den: “Dyl­an kichert, als wäre er sich hun­dert­pro­zen­tig sicher, dass Emma O’Donovan nie­mals irgend­wel­che Pil­len ein­schmei­ßen wür­de, nicht mal wel­che aus der Apo­the­ke. […] Ich habe es so satt, dass alle in die­sem beschis­se­nen Kaff sich ein­bil­den, sie wür­den mich ken­nen. Also neh­me ich die Tablet­te, schlu­cke sie ohne Was­ser und muss wür­gen, weil sie so bit­ter schmeckt. “Alles klar…” Ich grin­se Dyl­an an. “Hat gera­de jemand was von einer ande­ren Par­ty gesagt?” (Zitat S.122ff) Was danach folgt, dar­an erin­nert sich Emma nicht mehr. Sie erwacht am Tag dar­auf mit Son­nen­brand auf der Haut und blau­en Fle­cken zwi­schen den Bei­nen nach­mit­tags im Vor­gar­ten ihrer Fami­lie. Und mit einem ordent­li­chen Schä­del. Was istLouise O'Neill - Du wolltest es doch pas­siert? Emma hat kei­ne Ahnung. Und war­um mel­det sich kei­ne ihrer Freun­din­nen bei ihr? War­um reagiert nie­mand auf ihre Anru­fe? In der Schu­le wird sie auf ein­mal aus­ge­grenzt und es wird über sie getu­schelt. Nicht ein­mal ihre Freun­din­nen wol­len mehr etwas mit ihr zu tun haben: “Du bist echt ekel­haft, weißt du das? Vier Typen in einer Nacht? Hast du auch nur einen Fun­ken Selbstre­spekt, Emma?” Ich ste­he da wie erstarrt und war­te dar­auf, dass irgend­je­mand mich ver­tei­digt. Ali ist kom­plett ver­rückt gewor­den, oder? Aber um mich her­um blei­ben alle still.” (Zitat S.141) Und dann sieht Emma schließ­lich die Fotos, die über­all im Netz kur­sie­ren…

Das Cover von “Du woll­test es doch” ist bril­lant insze­niert. Hier spie­gelt sich der Inhalt per­fekt und vor allem auf einem Blick aus­sa­ge­kräf­tig wie­der. Sogar die Bett­la­ken mit dem Rosen­mo­tiv, die in der ent­schei­den­den Sze­ne eine Rol­le spie­len, wer­den abge­bil­det. Der Roman ist in zwei gro­ßen Tei­len und aus Emmas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Es gibt ein “Letz­tes Jahr” und ein “Die­ses Jahr”. Im letz­ten Jahr lernt man Emma ken­nen, wie sie sich ver­hält, in ihrer Fami­lie, bei ihren Freun­din­nen, in der Schu­le. “Ich muss die gan­ze Zeit lächeln und nett sein und so tun, als wür­de ich mich für die Pro­ble­me der andLouise O'Neill - Du wolltest es docheren inter­es­sie­ren, weil sonst alle sagen wür­den, dass ich eine ein­ge­bil­de­te Zicke bin. Das kann sich kei­ner vor­stel­len, wie anstren­gend es ist, sich den gan­zen Tag so zusam­men­rei­ßen zu müs­sen.” (Zitat S.19) Ihre Freund­schaft zu den ande­ren drei Mäd­chen wirkt sehr ober­fläch­lich, ist teil­wei­se von Neid durch­drun­gen (auf den Reich­tum der einen) oder schlägt sich in abfäl­li­gen Bemer­kun­gen wie­der, als eine der Freun­din­nen sich bei­spiels­wei­se unbe­dingt einen Mini Coo­per kau­fen möch­te: “Ist euch auch schon auf­ge­fal­len, dass man in letz­ter Zeit über­all nur noch Mini Coo­pers sieht?”, höre ich mich sagen. “Inzwi­schen hat gefühlt echt jeder einen.” (Zitat S.22) Emma ist ein­ge­bil­det, arro­gant und berech­nend. Mit der Geschich­te und der Haupt­fi­gur warm zu wer­den, das fand ich zu Beginn ein wenig schwie­rig, gera­de weil sie so unsym­pa­thisch erscheint. Daher muss­te ich mich am Anfang ein wenig durch die Sei­ten kämp­fen. Das Blatt wen­det sich jedoch, als es zu besag­ter Par­ty­nacht kommt, die tat­säch­lich nicht im Detail geschil­dert wird, son­dern nur im Nach­gang durch das Anschau­en der Fotos rekon­stru­iert wird. Was dort zu sehen ist, das ist hef­tig. Daher ist die Alters­emp­feh­lung des Ver­lags (ab 16 Jah­ren) auf jeden Fall gerecht­fer­tigt. Für Emma ändert sich dar­auf­hin das gan­ze Leben. Sie wird zur Aus­sät­zi­gen. “Im Unter­richt kann ich mich auf die Leh­rer kon­zen­trie­ren und die ande­ren sind still, kei­ne kann SchlaLouise O'Neill - Du wolltest es dochmpe, Lüg­ne­rin, Hure, Nut­te, Dreck­stück flüs­tern, solan­ge ein Leh­rer da ist. Aber sobald es zum Ende der Stun­de gongt […] wer­de ich ange­rem­pelt, wer­den mei­ne Bücher vom Tisch gefegt… wird geflüs­tert. Um mich her­um nur noch lei­ses Zischen und Rau­nen. Schlam­pe, Lüg­ne­rin, Hure, Nut­te, Dreck­stück… (Zitat S.147) Als die Schu­le die Poli­zei ein­schal­tet, eine Gerichts­ver­hand­lung bevor­steht und die Medi­en sich förm­lich um ihre Geschich­te rei­ßen, fühlt sich Emma auch als Zer­stö­re­rin der Zukunft (die der Jun­gen und die ihrer Fami­lie). Sie hält sich selbst für schul­dig. Ihre Zwie­späl­tig­keit, ihre schmerz­vol­le Art sich selbst zu betrach­ten und ihre Emp­fin­dun­gen in Bezug auf jene Nacht wer­den äußerst ver­dich­tet und mit pas­sen­den Ein­schü­ben erzählt. Inten­siv. Gekonnt und äußerst bewe­gend: “Die Wän­de stür­zen in sich zusam­men. Alles fällt aus­ein­an­der. (Ent­blöß­tes Fleisch.) (Gespreiz­te Bei­ne.) Mein Kör­per gehört mir nicht mehr. Sie haben über­all ihre Namen drauf­ge­stem­pelt.” (Zitat S.170) Und auch wenn man­ches nur bruch­stück­haft nach und nach erwähnt wird, ist es schwer sich dem Sog der Geschich­te zu ent­zie­hen. Zurück bleibt ein Gefühl von Zer­bro­chen­heit, Ernüch­te­rung und Schwer­mut. In einem Nach­wort geht die Autorin noch deut­li­cher auf ihr Buch ein und ruft dazu auf, mehr über The­men wie Ver­ge­wal­ti­gung und sLouise O'Neill - Du wolltest es dochexu­el­le Über­grif­fe zu spre­chen: “Über all das müs­sen wir spre­chen, und dann müs­sen wir noch ein­mal dar­über spre­chen und immer wei­ter dar­über spre­chen, bis sämt­li­che Emmas die­ser Welt sich ver­stan­den füh­len. Bis sie spü­ren, dass wir ihnen glau­ben. (Zitat S.360). Nach einer Dank­sa­gung der Autorin folgt noch ein Nach­wort zur deut­schen Aus­ga­be von der Autorin Danie­la Chme­lik, die auch auf die recht­li­che Situa­ti­on in Deutsch­land ein­geht und eben­so deut­li­che Wor­te fin­det: “Die Zeit des Weg­se­hens und Schwei­gens sind vor­bei. Betrun­ken­heit, Gefall­freun­de und kur­ze Röcke sind kei­ne Grün­de für Ver­ge­wal­ti­gun­gen. In kei­ner Wei­se for­dert mein Kör­per dazu auf, beläs­tigt zu wer­den! Mei­ne Gren­zen sind jeder­zeit zu akzep­tie­ren. Empört euch!” (Zitat S.365ff)

Fazit: Die­se Geschich­te wird man so schnell nicht ver­ges­sen! 

Eine nicht ganz so hef­ti­ge Geschich­te über einen sexu­el­len Über­griff in einem Feri­en­camp, fin­dest du in “Drei fast per­fek­te Wochen” von Chris­ti­na Ebertz. Auf einer Par­ty ver­ge­wal­tigt wor­den zu sein, das behan­deln fol­gen­de zwei Rome­ne: “Almost” von Anne Eli­ot (sehr bewe­gend, hier feh­len dLesealternativener Prot­ago­nis­tin eben­falls die Erin­ne­run­gen) und “Sprich” von Lau­rie Hal­se Ander­son. Oder lies “Ent­schei­de dich!” von Anni­ka Thor, in wel­chem es auch zu einem Über­griff meh­re­rer Per­so­nen auf ein Mäd­chen kommt. Zwei Bücher für rei­fe­re Leser, die sich sehr inten­siv mit dem The­ma Missbrauch/Vergewaltigung aus­ein­an­der­set­zen, sind: “Bro­ken: Der Moment, in dem du fällst” von Tab­i­tha Suzu­ma (wahn­sin­nig ergrei­fend und emo­tio­nal, ab 15 Jah­ren) und “Aidan: Sün­de. Lie­be. Lüge. Schuld.” von Bren­dan Kie­ly (hef­tig, ab 16 Jah­ren!). Ein hef­ti­ges Buch ist auch “Hass gefällt mir” von Johan­na Nils­son, in dem ein Mäd­chen zu einer sexu­el­len Hand­lung in Anwe­sen­heit meh­re­rer Per­so­nen gezwun­gen wird, was gefilmt und anschlie­ßend im Netz ver­brei­tet wird. Was mit einem Men­schen pas­siert, der ver­ge­wal­tigt wor­den ist, das zeigt “Zer­bro­chen” von Susan Shaw auf sehr ein­dring­li­che Wei­se. Zwei etwas älte­re Bücher, aber sehr gute Alter­na­ti­ven zu “Du woll­test es doch” sind “Kur­zer Rock” von Chris­ti­na Wahl­dén und “Eigent­lich ist gar nichts pas­siert” von Nor­ma Mazer. Ein aktu­el­le­rer Bei­trag zur #Metoo-Debat­te ist “#Fing­erweg von Susan­ne Fül­scher. Oder lies den Kurz­ge­schich­ten­band “Sag­te sie. 17 Erzäh­lun­gen über Sex und Macht” von Lina Muzur.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58386-4
Erscheinungsdatum: 25.Juli 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€ 
Seitenzahl: 368 
Übersetzer: Katarina Ganslandt
Originaltitel: "Asking for it" 
Originalverlag: Quercus Publishing

Irisches Originalcover: 
Louise O'Neill - Du wolltest es doch












Trailer zum Buch (auf Englisch):
 Kasimiras Bewertung: 

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Irisches Cover: Homepage von Quercus Publishing

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