“Du wolltest es doch” von der irischen Autorin Louise O’Neill wurde mehrfach ausgezeichnet und stand in Irland einige Zeit auf Platz 1 der Bestsellerliste. Der Roman — der gleichzeitig ein Beitrag zur #metoo-Debatte ist — stellt ein Mädchen in den Vordergrund, das Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde. Selbst schuld oder nicht? Die Geschichte verlangt dem Leser emotional einiges ab. Und sie regt zum Nachdenken an. Heftig. Bewegend. Wichtig! Nun neu als Taschenbuch erschienen. Für Jugendliche ab 16 Jahren und Erwachsene.
Die 18-jährige Emma ist wunderschön. Und das weiß sie. Nicht nur, weil sie es von ihrer Mutter fast jeden Morgen gesagt bekommt, sondern weil sie vor allem vom männlichen Geschlecht stets besondere Bestätigung bekommt. Weil sie jeden, den sie will, einfach haben kann. Auf einer Party, die sie mit ihren drei besten Freundinnen Ali, Maggie und Jamie besucht, will sie Jack herumkriegen. Und kündigt dies bereits vorher im Kreis ihrer Freundinnen an. “Du gehst aber nicht so zur Party, oder?”, sagt er. Ich streiche über mein neues Kleid. Es ist schwarz, mit einem Ausschnitt bis zum Nabel und sehr, sehr kurz.” (Zitat S.72) Doch, das tut Emma, entgegen des Kommentars ihres Bruders. Sie weiß, wie
man die Blicke auf sich zieht. Und trotzdem schafft es tatsächlich ein jüngeres Mädchen ins Interesse ihres Auserwählten zu rücken, setzt sich einfach auf Jacks Schoß und stiehlt Emma die Show. Um Jack eifersüchtig zu machen, bändelt sie deshalb kurzerhand mit dem viel älteren Paul an und entführt ihn bald darauf in ein Schlafzimmer. Emma schläft mit ihm, obwohl sie es eigentlich gar nicht wollte. Lässt sich vorführen vor Paul und den Jungs, die er kurz danach ins Zimmer lässt. Angeben will er mit ihr. Und dann gleich auf eine nächste Party weiterziehen. Aber zuvor soll noch etwas eingeschmissen werden. Ein paar Pillen sind schnell gefunden: “Dylan kichert, als wäre er sich hundertprozentig sicher, dass Emma O’Donovan niemals irgendwelche Pillen einschmeißen würde, nicht mal welche aus der Apotheke. […] Ich habe es so satt, dass alle in diesem beschissenen Kaff sich einbilden, sie würden mich kennen. Also nehme ich die Tablette, schlucke sie ohne Wasser und muss würgen, weil sie so bitter schmeckt. “Alles klar…” Ich grinse Dylan an. “Hat gerade jemand was von einer anderen Party gesagt?” (Zitat S.122ff) Was danach folgt, daran erinnert sich Emma nicht mehr. Sie erwacht am Tag darauf mit Sonnenbrand auf der Haut und blauen Flecken zwischen den Beinen nachmittags im Vorgarten ihrer Familie. Und mit einem ordentlichen Schädel. Was ist
passiert? Emma hat keine Ahnung. Und warum meldet sich keine ihrer Freundinnen bei ihr? Warum reagiert niemand auf ihre Anrufe? In der Schule wird sie auf einmal ausgegrenzt und es wird über sie getuschelt. Nicht einmal ihre Freundinnen wollen mehr etwas mit ihr zu tun haben: “Du bist echt ekelhaft, weißt du das? Vier Typen in einer Nacht? Hast du auch nur einen Funken Selbstrespekt, Emma?” Ich stehe da wie erstarrt und warte darauf, dass irgendjemand mich verteidigt. Ali ist komplett verrückt geworden, oder? Aber um mich herum bleiben alle still.” (Zitat S.141) Und dann sieht Emma schließlich die Fotos, die überall im Netz kursieren…
Das Cover von “Du wolltest es doch” ist brillant inszeniert. Hier spiegelt sich der Inhalt perfekt und vor allem auf einem Blick aussagekräftig wider. Sogar die Bettlaken mit dem Rosenmotiv, die in der entscheidenden Szene eine Rolle spielen, werden abgebildet. Der Roman ist in zwei großen Teilen und aus Emmas Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben. Es gibt ein “Letztes Jahr” und ein “Dieses Jahr”. Im letzten Jahr lernt man Emma kennen, wie sie sich verhält, in ihrer Familie, bei ihren Freundinnen, in der Schule. “Ich muss die ganze Zeit lächeln und nett sein und so tun, als würde ich mich für die Probleme der and
eren interessieren, weil sonst alle sagen würden, dass ich eine eingebildete Zicke bin. Das kann sich keiner vorstellen, wie anstrengend es ist, sich den ganzen Tag so zusammenreißen zu müssen.” (Zitat S.19) Ihre Freundschaft zu den anderen drei Mädchen wirkt sehr oberflächlich, ist teilweise von Neid durchdrungen (auf den Reichtum der einen) oder schlägt sich in abfälligen Bemerkungen wieder, als eine der Freundinnen sich beispielsweise unbedingt einen Mini Cooper kaufen möchte: “Ist euch auch schon aufgefallen, dass man in letzter Zeit überall nur noch Mini Coopers sieht?”, höre ich mich sagen. “Inzwischen hat gefühlt echt jeder einen.” (Zitat S.22) Emma ist eingebildet, arrogant und berechnend. Mit der Geschichte und der Hauptfigur warm zu werden, das fand ich zu Beginn ein wenig schwierig, gerade weil sie so unsympathisch erscheint. Daher musste ich mich am Anfang ein wenig durch die Seiten kämpfen. Das Blatt wendet sich jedoch, als es zu besagter Partynacht kommt, die tatsächlich nicht im Detail geschildert wird, sondern nur im Nachgang durch das Anschauen der Fotos rekonstruiert wird. Was dort zu sehen ist, das ist heftig. Daher ist die Altersempfehlung des Verlags (ab 16 Jahren) auf jeden Fall gerechtfertigt. Für Emma ändert sich daraufhin das ganze Leben. Sie wird zur Aussätzigen. “Im Unterricht kann ich mich auf die Lehrer konzentrieren und die anderen sind still, keine kann Schla
mpe, Lügnerin, Hure, Nutte, Dreckstück flüstern, solange ein Lehrer da ist. Aber sobald es zum Ende der Stunde gongt […] werde ich angerempelt, werden meine Bücher vom Tisch gefegt… wird geflüstert. Um mich herum nur noch leises Zischen und Raunen. Schlampe, Lügnerin, Hure, Nutte, Dreckstück…” (Zitat S.147) Als die Schule die Polizei einschaltet, eine Gerichtsverhandlung bevorsteht und die Medien sich förmlich um ihre Geschichte reißen, fühlt sich Emma auch als Zerstörerin der Zukunft (die der Jungen und die ihrer Familie). Sie hält sich selbst für schuldig. Ihre Zwiespältigkeit, ihre schmerzvolle Art sich selbst zu betrachten und ihre Empfindungen in Bezug auf jene Nacht werden äußerst verdichtet und mit passenden Einschüben erzählt. Intensiv. Gekonnt und äußerst bewegend: “Die Wände stürzen in sich zusammen. Alles fällt auseinander. (Entblößtes Fleisch.) (Gespreizte Beine.) Mein Körper gehört mir nicht mehr. Sie haben überall ihre Namen draufgestempelt.” (Zitat S.170) Und auch wenn manches nur bruchstückhaft nach und nach erwähnt wird, ist es schwer sich dem Sog der Geschichte zu entziehen. Zurück bleibt ein Gefühl von Zerbrochenheit, Ernüchterung und Schwermut. In einem Nachwort geht die Autorin noch deutlicher auf ihr Buch ein und ruft dazu auf, mehr über Themen wie Vergewaltigung und s
exuelle Übergriffe zu sprechen: “Über all das müssen wir sprechen, und dann müssen wir noch einmal darüber sprechen und immer weiter darüber sprechen, bis sämtliche Emmas dieser Welt sich verstanden fühlen. Bis sie spüren, dass wir ihnen glauben.” (Zitat S.360). Nach einer Danksagung der Autorin folgt noch ein Nachwort zur deutschen Ausgabe von der Autorin Daniela Chmelik, die auch auf die rechtliche Situation in Deutschland eingeht und ebenso deutliche Worte findet: “Die Zeit des Wegsehens und Schweigens sind vorbei. Betrunkenheit, Gefallfreunde und kurze Röcke sind keine Gründe für Vergewaltigungen. In keiner Weise fordert mein Körper dazu auf, belästigt zu werden! Meine Grenzen sind jederzeit zu akzeptieren. Empört euch!” (Zitat S.365ff)
Fazit: Diese Geschichte wird man so schnell nicht vergessen!
Eine nicht ganz so heftige Geschichte über einen sexuellen Übergriff in einem Feriencamp, findest du in “Drei fast perfekte Wochen” von Christina Ebertz. Auf einer Party vergewaltigt worden zu sein, das behandeln folgende zwei Romane: “Almost” von Anne Eliot (sehr bewegend, hier fehlen d
er Protagonistin ebenfalls die Erinnerungen) und “Sprich” von Laurie Halse Anderson. Oder lies “Entscheide dich!” von Annika Thor, in welchem es auch zu einem Übergriff mehrerer Personen auf ein Mädchen kommt. Zwei Bücher für reifere Leser, die sich sehr intensiv mit dem Thema Missbrauch/Vergewaltigung auseinandersetzen, sind: “Broken: Der Moment, in dem du fällst” von Tabitha Suzuma (wahnsinnig ergreifend und emotional, ab 15 Jahren) und “Aidan: Sünde. Liebe. Lüge. Schuld.” von Brendan Kiely (heftig, ab 16 Jahren!). Ein heftiges Buch ist auch “Hass gefällt mir” von Johanna Nilsson, in dem ein Mädchen zu einer sexuellen Handlung in Anwesenheit mehrerer Personen gezwungen wird, was gefilmt und anschließend im Netz verbreitet wird. Was mit einem Menschen passiert, der vergewaltigt worden ist, das zeigt “Zerbrochen” von Susan Shaw auf sehr eindringliche Weise. Zwei etwas ältere Bücher, aber sehr gute Alternativen zu “Du wolltest es doch” sind “Kurzer Rock” von Christina Wahldén und “Eigentlich ist gar nichts passiert” von Norma Mazer. Ein aktuellerer Beitrag zur #Metoo-Debatte ist “#Fingerweg” von Susanne Fülscher. Oder lies den Kurzgeschichtenband “Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht” von Lina Muzur.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-31893-0 Erscheinungsdatum: 3.August 2020 Einbandart: Taschenbuch Preis: 8,99€ Seitenzahl: 368 Übersetzer: Katarina Ganslandt Originaltitel: "Asking for it" Originalverlag: Quercus Publishing Irisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):
Kasimira auf Instagram:
Kasimiras Bewertung:
(4 von 5 möglichen Punkten)
---------------------------------------- Irisches Cover: Homepage von Quercus Publishing

Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-31893-0
Erscheinungsdatum: 3.August 2020
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 8,99€
Seitenzahl: 368
Übersetzer: Katarina Ganslandt
Originaltitel: "Asking for it"
Originalverlag: Quercus Publishing
Irisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):

1. Danke. hab morgen ne präsentation darüber und hab keinen plan
2. ich finds toll wie das buch mit Frettchen als punkten benotet wird
Hallo Leonie,
dann wünsche ich dir viel Erfolg bei deiner Präsentation;-) Hast dir ein tolles Buch dafür ausgesucht!
Dankeschön. Warum Schulnoten vergeben, wenn man auch ein Frettchen haben kann*g*
Liebe Grüße
Kasimira