Die französische Autorin Lou Allori hat den Roman “Rotes Licht, grünes Licht: Wie weit würdest du gehen?” geschrieben, in Anlehnung an die Erfolgsserie “Squid Game”, eine Art Fanfiction. Ein Junge, der aus Geldproblemen heraus an einem Spiel teilnimmt, das mit einer großen Summe Geld lockt. Alle Teilnehmer treten in einfachen Kinderspielen gegeneinander an. Was sie jedoch nicht wissen, wer verliert, scheidet nicht nur aus dem Spiel aus, sondern bezahlt auch mit dem Leben. Heftig und brutal. Solide erzählt — die Jugendbuchversion mit anderen Spielen als in der Serie, bleibt frühestens ab 16 Jahren empfohlen und für Erwachsene, die nicht gerade zart besaitet sind.
Frankreich. Will geht auf eine hervorragende Universität. “Die Uni ist renommiert. Sie ist die beste des Landes, und Studierende aus der ganzen Welt reißen sich darum, hier ihren Abschluss zu machen” (Zitat aus “Rotes Licht, grünes Licht: Wie weit würdest du gehen?” S.9) Er studiert dort BWL. Ist im zweiten Jahr. Doch er gehört nicht wirklich dazu. Wird von den anderen, meist reichen Studenten nicht akzeptiert: “Wirre braune Locken, Aknenarben im Gesicht, […] blasse Haut. Ein Spargeltarzan[…]. Meine Kommilitonen vergleichen sich mit mir und fühlen sich plötzlich stark, gut aussehend und wahrscheinlich noch reicher, als sie es ohnehin schon sind. Ihnen genügt ein Blick, um zu wissen, dass wir nicht in derselben Liga spielen. Dass sie mich zerdrücken können wie ein lästiges Insekt.” (Zitat S.10) Will jobbt in einem Café und führt am Wochenende Hunde aus. Auch seine Mutter hat mehrere Jobs. Sie ist alleinerziehend und Will hat außer ihr keine
Unterstützung. Trotzdem reicht das Geld hinten und vorne nicht. Die Studiengebühren sind unheimlich teuer. Das erste Jahr hat seine Mutter noch zusammenbekommen, für das zweite reicht es schon nicht mehr ganz, dabei sind es insgesamt fünf Jahre, die Will studieren wird. “Ich soll in unserer Familie der Erste sein, der eine Hochschulausbildung bekommt. Dafür hat sie sich den Rücken als Putzfrau, die Augen als Änderungsschneiderin und die Hände als allabendliche Spülkraft beim Italiener ums Eck kaputt gemacht. Nur weil sie sich für mich aufgeopfert hat, kann ich hier studieren.” (Zitat S.9) Will hat Angst mit seiner Mutter darüber zu sprechen. Sie hat alles für ihn getan und wenn er nicht weitermachen kann, dann waren zwei Jahre Studiengebühren umsonst. Er hat heimlich einen Kredit beantragt. Doch als dieser abgelehnt wird, ist er völlig niedergeschlagen. Bis ihm plötzlich ein Mann, der ihm im
Café auch bereits aufgefallen ist, weil er eine seltsamen Abnäher an seinem Hemd mit einem Affe trug, auf einer Party eine Visitenkarte zusteckt. “Das hier hat mir das Leben gerettet”, erklärt er, als ich die Hand danach ausstrecke. “Anders hätte ich mein Studium niemals abschließen und danach meinen Traumjob finden können. […] Auch du hast ein Anrecht auf das Beste vom Besten. Du hast es verdient. Ein Anruf unter dieser Nummer, und die Welt liegt dir zu Füßen.” (Zitat S.29ff) Offenbar weiß der Fremde genau, wie es finanziell um Will bestellt ist. Also ruft er dort an. Als eine Stimme fragt, ob er mitspielen will, sagt er schließlich zu. Wird an einem vereinbarten Ort von einem Transporter abgeholt und betäubt. Als er erwacht, ist er ziemlich desorientiert. “Ich befinde mich in einer riesigen grauen Halle, die zu
einem Schlafsaal der untersten Preiskategorie umfunktioniert wurde. […] Die Personen darin sind genauso benebelt wie ich. Überall sehe ich verständnislose Gesichter. Wo bin ich? Was passiert hier?” (Zitat S.38) Die anderen sind ebenfalls Studenten, alle aus seiner Uni. Ein paar vermumte Gestalten erklären ihnen die Spielregeln: “Sie sind freiwillig hier. Als Sie uns anriefen, haben Sie aus freien Stücken ihre Teilnahme erklärt. Im Laufe einer Woche werden Sie nun bei verschiedenen Spielen antreten. Jedes Mal, wenn Sie gewinnen, erhöht sich die Summe im Jackpot.” (Zitat S.43) Begeisterung wird in den Teilnehmern geweckt. Alle können das Geld gebrauchen. Jeder unterschreibt einen Vertrag. Jeder unterschreibt die Regeln: “1.)Teilnehmer dürfen ein Spiel nicht vorzeitig beenden 2.) Teilnehmer, die sich weigern zu spielen, werden
eliminiert 3.) Stimmt die Mehrzahl der Teilnehmer zu, können die Spiele abgebrochen werden” (Zitat S.46) Als sie gefragt werden, ob noch jemand freiwillig vorher aussteigen möchte, geht niemand. Und dann startet das erste Spiel: in einem Art künstlichen Wald, in dem sich die eine Hälfte verstecken muss und die andere jagen muss. Die Waffen der Jäger sehen täuschend echt aus. Doch dann stellt sich heraus, dass sie wirklich ECHT sind! “Irgendwann hören die Schüsse auf. Stille kehrt ein, unterbrochen nur von Schluchzern, Panikattacken und ersticktem Weinen. Dann ertönt das Knarzen der sich öffnenden Tore. Niemand lacht mehr. Niemand hofft mehr. Die Hälfte der Spieler fehlt.” (Zitat S.62) Jetzt geht der Kampf ums Überleben los…
Das pinke Cover gefällt mir nicht ganz so gut, mit der Kombination zu rot und grün. Auch der Titel ist (wenn man den Film nicht kennt) unverständlich, weil er in keinem Bezug zum Buch steht. Hier ist der französische Originaltitel besser gewählt, der heißt “Jacques a dit: “Meure” (Jacques sagt, stirb). Dieser Titel bezieht sich auf ein Spiel, das in dem Roman gespielt werden muss (im Deutschen heißt es “Simon sagt”). Der Titel “Rotes Licht, grünes Licht” bezieht sich lediglich auf den Film, in dem eines dieser Spiele so genannt wird. Die Spiele in dem Roman sind allerdings völlig andere wie im Film, aber auch allesamt Kinderspiele. “Rotes Licht, grünes Licht: Wie weit würdest du gehen?” wird durchgehend aus Wills Sicht in der Ich-Perspektive erzählt, wechselt erst ganz zum Schluss einmal die Sichtweise. Das jugendliche Setting mit der Universität ist gut arrangiert, auch wenn die Anfangsszene
in dem Café mit den reichen Studenten etwas sehr klischeebeladen wirkt. Die Geschichte ist sehr flüssig und in einfacher Sprache geschrieben. Zunächst scheint alles ganz toll zu sein, das geheimnisvolle Spiel für Will die Chance aus dem Sumpf seiner hohen Studiengebühren auszubrechen. Doch schnell wird er eines Besseren belehrt: “Die roboterhafte Stimme will mir nicht aus dem Kopf: Wird ein Gejagter gefunden, scheidet er aus. Es war nie geplant, uns friedlich wieder nach Hause gehen zu lassen. Ausscheiden bedeutet sterben. Teilnehmer dürfen ein Spiel nicht vorzeitig beenden. Wir haben unterschrieben, dass wir an einem Blutbad teilnehmen. Disneyland entpuppt sich als Hölle.” (Zitat S.59). Dann geht es im Prinzip nur noch ums Überleben. Dass jedoch zwei Mal die Abstimmung, das Spiel zu beenden, aus den angebrachten Gründen, nicht gelingt, fand ich auch nur bedingt unrealistisch. Aber natürlich müssen — um die Spannung des Buches aufrechtzuerhalten — die Spiele fortgesetzt werden. Dass diese Kinderspiele letzten Endes keine Spiele mehr sind, sondern den Tod von Menschen zur
Folge haben, dessen muss man sich bewusst sein. Dass der Roman (tödliche) Gewalt in den Mittelpunkt setzt. Dass selbst Hauptfiguren infolgedessen abstumpfen und irgendwann selbst auch töten, um zu überleben. “Der Sand im gegnerischen Kerker ist rot vor Blut. Wie fallen gelassene Puppen mit offenen Mündern und leerem Blick liegen zehn Leichen teils über- und untereinander. Meine Wut verpufft, als schlüpfe ich aus einer Rolle, die ich nur gespielt habe. Ich fühle mich leer.” (Zitat S.113) Ein heftiges Buch, bei dem man einiges vertragen sollte. Das Ende lässt einen irgendwie unwissend und ahnungslos zurück, weil es leider nicht mehr genügend Antworten liefert. Eine Fortsetzung der Netflix-Serie ist jedoch anscheinend für 2024 geplant.
Ein Buch, an das sich sofort denken musste, und das auch etwas heftiger ist, ist der Thriller “Wonderland” von Christina Stein. Ebenso die “Die Tribute von Panem”-Reihe von Suzanne Collins könnte ich mir als Lesealternative gut vorstellen. Du magst Bücher, in denen es um Spiele geht? Dann greif unbedingt mal zu “Panic: Wer Angst hat, ist raus” von Lauren Oliver, “Gotcha!” von Shelley Hrdlitschka, “Secret Game” von Stefanie Hasse und “Matchbox Boy” von Alice Gabathuler. Oder vielleicht “Nerve: Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen” von Jeanne Ryan oder “Erebos” und “Erebos2” von Ursula Poznanski.
Bibliografische Angaben:Verlag: Loewe ISBN: 978-3-7432-1473-6 Erscheinungsdatum: 20.Juli 2022 Einbandart: Broschur Preis: 12,95€ Seitenzahl: 192 Übersetzer: Hanna Reibert Originaltitel: "Jacques a dit <meure>" Originalverlag: 404 Editions Französisches Originalcover:
Hörprobe zum Buch:
Kasimiras Bewertung:
(3,5 von 5 möglichen Punkten)
------------------------------------------ Französisches Cover: Hompepage von 404 Editions

Verlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1473-6
Erscheinungsdatum: 20.Juli 2022
Einbandart: Broschur
Preis: 12,95€
Seitenzahl: 192
Übersetzer: Hanna Reibert
Originaltitel: "Jacques a dit <meure>"
Originalverlag: 404 Editions
Französisches Originalcover:
Hörprobe zum Buch: