Lou Allori — Rotes Licht, grünes Licht: Wie weit würdest du gehen?

Kasimira3.Oktober 2022

Die fran­zö­si­sche Autorin Lou All­ori hat den Roman “Rotes Licht, grü­nes Licht: Wie weit wür­dest du gehen?” geschrie­ben, in Anleh­nung an die Erfolgs­se­rie Squid Game”eine Art Fan­fic­tion. Ein Jun­ge, der aus Geld­pro­ble­men her­aus an einem Spiel teil­nimmt, das mit einer gro­ßen Sum­me Geld lockt. Alle Teil­neh­mer tre­ten in ein­fa­chen Kin­der­spie­len gegen­ein­an­der an. Was sie jedoch nicht wis­sen, wer ver­liert, schei­det nicht nur aus dem Spiel aus, son­dern bezahlt auch mit dem Leben. Hef­tig und bru­tal. Soli­de erzählt — die Jugend­buch­ver­si­on mit ande­ren Spie­len als in der Serie, bleibt frü­hes­tens ab 16 Jah­ren emp­foh­len und für Erwach­se­ne, die nicht gera­de zart besai­tet sind.

Frank­reich. Will geht auf eine her­vor­ra­gen­de Uni­ver­si­tät. “Die Uni ist renom­miert. Sie ist die bes­te des Lan­des, und Stu­die­ren­de aus der gan­zen Welt rei­ßen sich dar­um, hier ihren Abschluss zu machen” (Zitat aus “Rotes Licht, grü­nes Licht: Wie weit wür­dest du gehen?” S.9) Er stu­diert dort BWL. Ist im zwei­ten Jahr. Doch er gehört nicht wirk­lich dazu. Wird von den ande­ren, meist rei­chen Stu­den­ten nicht akzep­tiert: “Wir­re brau­ne Locken, Aknen­ar­ben im Gesicht, […] blas­se Haut. Ein Spar­gel­tar­zan[…]. Mei­ne Kom­mi­li­to­nen ver­glei­chen sich mit mir und füh­len sich plötz­lich stark, gut aus­se­hend und wahr­schein­lich noch rei­cher, als sie es ohne­hin schon sind. Ihnen genügt ein Blick, um zu wis­sen, dass wir nicht in der­sel­ben Liga spie­len. Dass sie mich zer­drü­cken kön­nen wie ein läs­ti­ges Insekt.” (Zitat S.10) Will jobbt in einem Café und führt am Wochen­en­de Hun­de aus. Auch sei­ne Mut­ter hat meh­re­re Jobs. Sie ist allein­er­zie­hend und Will hat außer ihr kei­neKasimiraUnter­stüt­zung. Trotz­dem reicht das Geld hin­ten und vor­ne nicht. Die Stu­di­en­ge­büh­ren sind unheim­lich teu­er. Das ers­te Jahr hat sei­ne Mut­ter noch zusam­men­be­kom­men, für das zwei­te reicht es schon nicht mehr ganz, dabei sind es ins­ge­samt fünf Jah­re, die Will stu­die­ren wird. “Ich soll in unse­rer Fami­lie der Ers­te sein, der eine Hoch­schul­aus­bil­dung bekommt. Dafür hat sie sich den Rücken als Putz­frau, die Augen als Ände­rungs­schnei­de­rin und die Hän­de als all­abend­li­che Spül­kraft beim Ita­lie­ner ums Eck kaputt gemacht. Nur weil sie sich für mich auf­ge­op­fert hat, kann ich hier stu­die­ren.” (Zitat S.9) Will hat Angst mit sei­ner Mut­ter dar­über zu spre­chen. Sie hat alles für ihn getan und wenn er nicht wei­ter­ma­chen kann, dann waren zwei Jah­re Stu­di­en­ge­büh­ren umsonst. Er hat heim­lich einen Kre­dit bean­tragt. Doch als die­ser abge­lehnt wird, ist er völ­lig nie­der­ge­schla­gen. Bis ihm plötz­lich ein Mann, der ihm im KasimiraCafé auch bereits auf­ge­fal­len ist, weil er eine selt­sa­men Abnä­her an sei­nem Hemd mit einem Affe trug, auf einer Par­ty eine Visi­ten­kar­te zusteckt. “Das hier hat mir das Leben geret­tet”, erklärt er, als ich die Hand danach aus­stre­cke. “Anders hät­te ich mein Stu­di­um nie­mals abschlie­ßen und danach mei­nen Traum­job fin­den kön­nen. […] Auch du hast ein Anrecht auf das Bes­te vom Bes­ten. Du hast es ver­dient. Ein Anruf unter die­ser Num­mer, und die Welt liegt dir zu Füßen.” (Zitat S.29ff) Offen­bar weiß der Frem­de genau, wie es finan­zi­ell um Will bestellt ist. Also ruft er dort an. Als eine Stim­me fragt, ob er mit­spie­len will, sagt er schließ­lich zu. Wird an einem ver­ein­bar­ten Ort von einem Trans­por­ter abge­holt und betäubt. Als er erwacht, ist er ziem­lich des­ori­en­tiert. “Ich befin­de mich in einer rie­si­gen grau­en Hal­le, die zu Kasimiraeinem Schlaf­saal der unters­ten Preis­ka­te­go­rie umfunk­tio­niert wur­de. […] Die Per­so­nen dar­in sind genau­so bene­belt wie ich. Über­all sehe ich ver­ständ­nis­lo­se Gesich­ter. Wo bin ich? Was pas­siert hier?” (Zitat S.38) Die ande­ren sind eben­falls Stu­den­ten, alle aus sei­ner Uni. Ein paar ver­mum­te Gestal­ten erklä­ren ihnen die Spiel­re­geln: “Sie sind frei­wil­lig hier. Als Sie uns anrie­fen, haben Sie aus frei­en Stü­cken ihre Teil­nah­me erklärt. Im Lau­fe einer Woche wer­den Sie nun bei ver­schie­de­nen Spie­len antre­ten. Jedes Mal, wenn Sie gewin­nen, erhöht sich die Sum­me im Jack­pot.” (Zitat S.43) Begeis­te­rung wird in den Teil­neh­mern geweckt. Alle kön­nen das Geld gebrau­chen. Jeder unter­schreibt einen Ver­trag. Jeder unter­schreibt die Regeln: “1.)Teilnehmer dür­fen ein Spiel nicht vor­zei­tig been­den 2.) Teil­neh­mer, die sich wei­gern zu spie­len, wer­den Kasimiraeli­mi­niert 3.) Stimmt die Mehr­zahl der Teil­neh­mer zu, kön­nen die Spie­le abge­bro­chen wer­den” (Zitat S.46) Als sie gefragt wer­den, ob noch jemand frei­wil­lig vor­her aus­stei­gen möch­te, geht nie­mand. Und dann star­tet das ers­te Spiel: in einem Art künst­li­chen Wald, in dem sich die eine Hälf­te ver­ste­cken muss und die ande­re jagen muss. Die Waf­fen der Jäger sehen täu­schend echt aus. Doch dann stellt sich her­aus, dass sie wirk­lich ECHT sind! “Irgend­wann hören die Schüs­se auf. Stil­le kehrt ein, unter­bro­chen nur von Schluch­zern, Panik­at­ta­cken und erstick­tem Wei­nen. Dann ertönt das Knar­zen der sich öff­nen­den Tore. Nie­mand lacht mehr. Nie­mand hofft mehr. Die Hälf­te der Spie­ler fehlt.” (Zitat S.62) Jetzt geht der Kampf ums Über­le­ben los…

KasimiraDas pin­ke Cover gefällt mir nicht ganz so gut, mit der Kom­bi­na­ti­on zu rot und grün. Auch der Titel ist (wenn man den Film nicht kennt) unver­ständ­lich, weil er in kei­nem Bezug zum Buch steht. Hier ist der fran­zö­si­sche Ori­gi­nal­ti­tel bes­ser gewählt, der heißt “Jac­ques a dit: “Meu­re” (Jac­ques sagt, stirb). Die­ser Titel bezieht sich auf ein Spiel, das in dem Roman gespielt wer­den muss (im Deut­schen heißt es “Simon sagt”). Der Titel “Rotes Licht, grü­nes Licht” bezieht sich ledig­lich auf den Film, in dem eines die­ser Spie­le so genannt wird. Die Spie­le in dem Roman sind aller­dings völ­lig ande­re wie im Film, aber auch alle­samt Kin­der­spie­le. “Rotes Licht, grü­nes Licht: Wie weit wür­dest du gehen?” wird durch­ge­hend aus Wills Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt, wech­selt erst ganz zum Schluss ein­mal die Sicht­wei­se. Das jugend­li­che Set­ting mit der Uni­ver­si­tät ist gut arran­giert, auch wenn die Anfangs­sze­neKasimira in dem Café mit den rei­chen Stu­den­ten etwas sehr kli­schee­be­la­den wirkt. Die Geschich­te ist sehr flüs­sig und in ein­fa­cher Spra­che geschrie­ben. Zunächst scheint alles ganz toll zu sein, das geheim­nis­vol­le Spiel für Will die Chan­ce aus dem Sumpf sei­ner hohen Stu­di­en­ge­büh­ren aus­zu­bre­chen. Doch schnell wird er eines Bes­se­ren belehrt: “Die robo­ter­haf­te Stim­me will mir nicht aus dem Kopf: Wird ein Gejag­ter gefun­den, schei­det er aus. Es war nie geplant, uns fried­lich wie­der nach Hau­se gehen zu las­sen. Aus­schei­den bedeu­tet ster­ben. Teil­neh­mer dür­fen ein Spiel nicht vor­zei­tig been­den. Wir haben unter­schrie­ben, dass wir an einem Blut­bad teil­neh­men. Dis­ney­land ent­puppt sich als Höl­le.” (Zitat S.59). Dann geht es im Prin­zip nur noch ums Über­le­ben. Dass jedoch zwei Mal die Abstim­mung, das Spiel zu been­den, aus den ange­brach­ten Grün­den, nicht gelingt, fand ich auch nur bedingt unrea­lis­tisch. Aber natür­lich müs­sen — um die Span­nung des Buches auf­recht­zu­er­hal­ten — die Spie­le fort­ge­setzt wer­den. Dass die­se Kin­der­spie­le letz­ten Endes kei­ne Spie­le mehr sind, son­dern den Tod von Men­schen zur KasimiraFol­ge haben, des­sen muss man sich bewusst sein. Dass der Roman (töd­li­che) Gewalt in den Mit­tel­punkt setzt. Dass selbst Haupt­fi­gu­ren infol­ge­des­sen abstump­fen und irgend­wann selbst auch töten, um zu über­le­ben. “Der Sand im geg­ne­ri­schen Ker­ker ist rot vor Blut. Wie fal­len gelas­se­ne Pup­pen mit offe­nen Mün­dern und lee­rem Blick lie­gen zehn Lei­chen teils über- und unter­ein­an­der. Mei­ne Wut ver­pufft, als schlüp­fe ich aus einer Rol­le, die ich nur gespielt habe. Ich füh­le mich leer.” (Zitat S.113) Ein hef­ti­ges Buch, bei dem man eini­ges ver­tra­gen soll­te. Das Ende lässt einen irgend­wie unwis­send und ahnungs­los zurück, weil es lei­der nicht mehr genü­gend Ant­wor­ten lie­fert. Eine Fort­set­zung der Net­flix-Serie ist jedoch anschei­nend für 2024 geplant.

LesealternativenEin Buch, an das sich sofort den­ken muss­te, und das auch etwas hef­ti­ger ist, ist der Thril­ler “Won­der­land” von Chris­ti­na Stein. Eben­so die “Die Tri­bu­te von Panem”-Rei­he von Suzan­ne Col­lins könn­te ich mir als Lese­al­ter­na­ti­ve gut vor­stel­len. Du magst Bücher, in denen es um Spie­le geht? Dann greif unbe­dingt mal zu “Panic: Wer Angst hat, ist raus” von Lau­ren Oli­ver, “Got­cha!” von Shel­ley Hrd­litsch­ka, “Secret Game” von Ste­fa­nie Has­se und “Match­box Boy” von Ali­ce Gaba­thuler. Oder viel­leicht Ner­ve: Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen” von Jean­ne Ryan oder “Ere­bos” und “Erebos2” von Ursu­la Poznanski.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1473-6
Erscheinungsdatum: 20.Juli 2022
Einbandart: Broschur
Preis: 12,95€
Seitenzahl: 192
Übersetzer: Hanna Reibert
Originaltitel: "Jacques a dit <meure>"
Originalverlag: 404 Editions

Französisches Originalcover:
Kasimira











Hörprobe zum Buch:

Kasimiras Bewertung:

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(3,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Französisches Cover: Hompepage von 404 Editions

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