“Als die Welt uns gehörte” ist der neueste Roman der britischen Autorin Liz Kessler, die vor allem durch ihre “Emily Windsnap”-Reihe bekannt wurde. Dass die Schriftstellerin aber auch ernste Thematiken mit Bravour umzusetzen vermag, beweist sie in diesem Buch und erzählt die Geschichte dreier Jugendlicher, die durch den beginnenden Krieg auseinandergerissen werden. Ein Roman über den Holocaust, über (jüdische und nicht-jüdische) Jugendliche, die in dieser Zeit erwachsen werden, über Zusammenhalt und Freundschaft in Zeiten des Schreckens. Das wohl persönlichste Buch der Autorin, die in Teilen die Lebensgeschichte ihrer eigenen Familie verarbeitet, die während des Krieges und nur durch einen Zufall nach Großbritannien fliehen konnte. Eindringlich, bewegend und mit einer sehr klaren Sprache erzählt. Ideal um sich als Einstieg mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Hervorragend auch als Klassenlektüre oder für eine Buchvorstellung geeignet. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Österreich. Seit ihrer Einschulung sind sie die besten Freunde: Leo, Elsa und Max. Zu seinem Geburtstag darf sich Leo etwas wünschen und verbringt mit seinem Vater und seinen beiden besten Freunden einen Tag im Prater, dem Vergnügungspark Wiens. Zusammen fahren sie sogar Riesenrad, ein einmaliges Erlebnis für die Freunde. “Es war mein neunter Geburtstag und der schönste Tag meines Lebens, der allerschönste.” (Zitat aus “Als die Welt uns gehörte” S.13) Sie haben ungemein viel Spaß und lernen durch Zufall ein britisches Ehepaar kennen, als Leo versehentlich stolpert und
von diesem aufgefangen wird. “Papa ließ sich neben dem Paar nieder; und ehe ich wieder ganz bei Max und Elsa war, unterhielt er sich schon angeregt mit den beiden. So war er nun mal. Er konnte sich mit jedem unterhalten, selbst mit Leuten, die eine andere Sprache sprachen! Jeder liebte meinen Vater.” (Zitat S.19) Leos Vater lädt das Ehepaar sogar auf ein Stück Sachertorte zu ihnen nach Hause ein. Ein rundherum gelungener Tag, den die Freunde niemals mehr vergessen werden. “Die Jungen strecken beide eine Hand aus, und ich tue es ihnen nach, und wir umfassen uns und versprechen, immer und ewig alles gemeinsam zu machen, komme, was wolle.” (Zitat S.34) Denn die Zeiten ändern sich bald. Erst langsam, dann immer deutlicher. Plötzlich scheint es Max’ Vater etwas auszumachen, dass sein Sohn mit Leo und Elsa befreundet ist. Er lästert auch über Leos Vater, der ja eigentlich so beliebt ist. “Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er mich sah!”, hörte er seinen Vater sagen, Er hält sich für so eine große Nummer. […] Dabei hat er nicht mal ein Auto! Dann kann er auch nicht so großartig sein, wie er einen denken lässt. Das zeigt doch, wie sie sind, alle miteinander. Geben vor, etwas Besonderes zu sein, während sie eigentlich was ganz anderes sind. Lügner, alle zusammen. Hinterhältige, fiese, dreckige, verkommene…” (Zitat S.35) Dann
darf Max gar nicht mehr mit Elsa und Leo spielen. Weil die beiden Juden sind. Auch Elsa hört ihre Eltern des Öfteren miteinander flüstern. Schließlich sagen ihre Eltern auf einmal zu ihr, dass sie in die Tschechoslowakei umziehen müssen, weil es angeblich in Wien für sie nicht mehr sicher ist. Die Freunde beschließen trotzdem per Brief miteinander in Kontakt zu bleiben. Doch die Lage spitzt sich immer mehr zu, auch Leo wird in der Schule zunehmend anders behandelt. Bis der Direktor eine neue Anordnung macht: “Ihr Juden könnt von Glück sagen, überhaupt an dieser Schule lernen zu dürfen”, schrie er so laut, dass ich mir die Ohren zuhalten musste. “Von nun an werdet ihr zu spüren bekommen, dass ihr einer minderen Rasse angehört. Ihr sitzt in den Klassenräumen und in der Aula abgesondert, in den hinteren Reihen. […] Der Rest von euch darf nichts mehr mit ihnen zu tun haben.” (Zitat S.67) Während das Leben für Leo und auch für Elsa immer schwieriger wird, zieht Max mit seinem Vater nach München. Letzterer ist beruflich ziemlich
aufgestiegen und sogar SS-Obersturmführer geworden. Max wird Teil des Jungvolks der Hitlerjugend. Traut sich kaum mehr seinen Freunden zu schreiben. Und Leo, dessen Vater festgenommen wurde, versucht mit seiner Mutter verzweifelt das Land zu verlassen, was erst durch einen großen Zufall möglich wird. Werden die Drei sich jemals wiedersehen?
Das bildhübsche Cover von “Als die Welt uns gehörte” lässt trotz des Riesenrads die Bedrohung im Hintergrund durch die Flugzeuge und des Krieges bereits erahnen. Den Roman widmet die Autorin ihrem Vater, ihren Großeltern und den zwei Personen, die dieser als Kind im Riesenrad kennengelernt hat. Dies ist die große Parallele zu Liz Kesslers Geschichte, welche sie auch im Vorwort näher erläutert, in welchem zudem noch ein Brief jenes britischen Paares abgedruckt ist. “Mein Vater war acht Jahre alt, als er 1939 mit seinen Eltern Frank und Annie Kessler die von den Nazis besetzte Tschechoslowakai verließ. […] Der Auslöser für ihre Flucht war ein Brief eines britischen Paares, das sie fünf Jahre zuvor kenneng
elernt hatten.” (Zitat S.7) Dieser Bekanntschaft hatte sie es zu verdanken, dass das Leben ihrer Familie gerettet wurde und sie diesen Roman heute so schreiben kann, denn das britische Paar bürgte für ihre Familie, weswegen diese das Land verlassen durfte. Weiterhin gibt die Autorin im Vorwort Folgendes an: “Leos Bericht ist der Teil, der auf der Geschichte meines Vaters basiert […] Elsas Geschichte ist daraus entstanden, dass ich mich immer wieder gefragt habe, was meiner Familie ohne diesen unglaublichen Glücksfall hätte passieren können. Und die Geschichte von Max ist mein Versuch, zu ergründen, wie so viele normale Menschen Teil eines dermaßen brutalen, schlimmen und entsetzlichen Regimes hatten werden können.” (Zitat S.7) Wobei ich es — aus Spoilergründen — fast besser gefunden hätte, das Vorwort am Ende des Buches in ein Nachwort zu verwandeln, das nimmt der Geschichte doch einiges vorweg. Der Roman ist in drei Sichtweisen erzählt: Leo, Elsa und Max. Faszinierend ist hierbei, dass Max’ und Leos Sicht in der Vergangenheitsform
geschrieben sind, Elsas in der Gegenwart (warum habe ich noch nicht ganz durchschaut, vielleicht zu besseren Abgrenzung?) Außerdem sind Elsas und Leos Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben sind, Max’ allerdings in personaler Erzählweise. Letzterer entfernt sich am meisten von der Freundschaft der dreien, daher passt diese Distanz eigentlich ganz gut. Max, der sich früher schon zu schwach und eher als Außenseiter gefühlt hat, in der Schule manchmal auch gehänselt wurde, entdeckt durch die Teilnahme am Jungvolk der Hitlerjugend nämlich für sich ganz neue Möglichkeiten: “Bald entdeckte er, dass ihm sogar strenge Regeln gefielen. […] Man musste nicht selbst nachdenken, man musste nur genau das machen, was angeordnet wurde, dann war alles bestens. Dann erhielt man Lob und Anerkennung. Und das machte süchtig. Je mehr Max davon bekam, desto mehr fieberte er danach. Und desto seltener dachte er an seine alten Freunde.” (Zitat S.91) Plötzlich gehörte er dazu, war Teil von etwas Größerem. Dass seine Freunde Juden sin
d, das verdrängt er und will es nicht wahrhaben. Der Roman ist in mehrere Teile und Jahre unterteilt. Beginnt 1936 und geht bis 1945. Dann kommt noch ein Extrateil, der 2021 spielt. Eine Freundschaftsgeschichte vor dem Hintergrund des Holocausts zu schildern, das ist Liz Kessler sehr gut gelungen. Sie verwendet eine sehr leichte, einfache Sprache. Schildert zunächst alltägliche Situationen, deutet aber die Gefahr, die unterschwellig immer größer wird, immer mehr an. Während die Jugendlichen zunächst manche Dinge einfach noch nicht begreifen oder gar erfassen können, versuchen sich zunächst vieles auch wegzuschieben oder nicht auszusprechen: “Ich überlegte, ob ich ihnen erzählen sollte, was Elsa berichtet hatte, aber ich hatte Angst es laut auszusprechen, denn dann würde es wirklich werden. Wenn ich es nicht wiederhole, wenn ich nicht mehr daran dachte, konnte ich mir vielleicht einreden, dass es doch nicht so war.” (Zitat S.54ff) Doch dann gibt es immer wieder Szenen, die das Schlimme nicht mehr leugnen lassen. Als Leo seinen Vater beispielsweise zufällig auf der Straße sie
ht, wie er von Männern in Uniform erniedrigt wird: “Drei Männer knieten mit ausgestreckten Armen am Boden in Schlammpfützen. Ich brauchte eine Weile, um zu erkennen, dass sie das Pflaster schrubbten. Und noch etwas länger dauerte es, bis ich sah, dass einer der Männer mein Vater war.” (Zitat S.76) Liz Kessler verzichtet auf brutale Schilderungen, auch wenn viel Schlimmes das passiert ist, natürlich nicht ausgeblendet werden kann. Daher hätte ich der Altersangabe des Verlags von ab 12 Jahren auf fast zugestimmt, wäre eine besondere Szene am Ende nicht aufgetaucht. Diese ist äußerst heftig und dann doch besser aufgehoben bei reiferen Jugendlichen ab 14 Jahren.
Fazit: Ein bemerkenswertes Buch, das jene Zeit jungen Lesern hervorragend näher bringt und verständlich macht!
Du magst Liz Kesslers Erzählstil? Ihre anderen Bücher findest du hier. Dich interessiert das Thema Holocaust? Sehr empfehlenswert sind diese Romane: “Der Junge im gestreiften Pyjama” und “Der Junge auf dem Berg” von John Boyne, “28 Tage” von David Safier, “Das rote Band der Hoffnung” von Lucy Adlington (ebenfalls eine tolle Freundschaftsgeschichte), “Ich habe den Todesengel überlebt” von Eva Mozes Kor/Lisa Rojany und “Der Klang der Hoffnung” von Suzy Zail. Mehr Bücher zum Holocaust findest du in diesem Special.
Bibliografische Angaben:Verlag: Fischer ISBN: 978-3-7373-4256-8 Erscheinungsdatum: 25.Mai 2022 Einbandart: Hardcover Preis: 17,00€ Seitenzahl: 304 Übersetzer: Eva Riekert Originaltitel: "When the World was Ours" Originalverlag: Simon & Schuster Britisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):
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-------------------------------------------- Britisches Cover: Homepage von Simon & Schuster

Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-7373-4256-8
Erscheinungsdatum: 25.Mai 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 304
Übersetzer: Eva Riekert
Originaltitel: "When the World was Ours"
Originalverlag: Simon & Schuster
Britisches Originalcover:
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