Lise Villadesen — Sowas wie Sommer, sowas wie Glück

Kasimira27.März 2022

Sowas wie Som­mer, so was wie Glück” ist der ers­te Roman, der von der däni­schen Schrift­stel­le­rin Lise Vil­lad­sen ins Deut­sche über­setzt wur­de. Die Autorin, die für ihre Bücher über beson­de­re Fami­li­en­struk­tu­ren und psy­chi­sche Pro­ble­me bekannt ist, setzt auch in die­ser Geschich­te ein jun­ges Mäd­chen in den Mit­tel­punkt, deren älte­re Schwes­ter unter Ängs­ten und Erschöp­fungs­zu­stän­den lei­det und die das gan­ze Fami­li­en­le­ben dadurch auf den Kopf stellt. Denn kann man das Erwach­sen­wer­den, die ers­te gro­ße Lie­be genie­ßen, wenn es jemand Ande­rem schlecht geht? Der schma­le Grat zwi­schen Selbst­auf­ga­be, Für­sor­ge und der Sehn­sucht, unbe­schwert und glück­lich zu sein — Lise Vil­lad­sen hat die­sen sehr gut getrof­fen. Mit fein­füh­li­ger und äußerst sen­si­bler Art gelingt es ihr das kom­ple­xe Geflecht einer Fami­lie zu beschrei­ben, die ins Strau­cheln gera­ten ist. Berüh­rend und nach­denk­lich machend. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 17-jäh­ri­ge Astrid plant mit ihrem bes­ten Freund Jonas eine Inter­rail-Tour. Dar­auf freut sie sich schon sehr. Doch nicht immer kann sie ihre Vor­freu­de auf die Rei­se genie­ßen. Denn oft geht es ihrer gro­ßen Schwes­ter Ceci­lie sehr schlecht. “Im Moment braucht mei­ne Schwes­ter mich beson­ders. Manch­mal kommt es mir so vor, als könn­te ich sie bes­ser spü­ren als mich selbst. Als wäre ihr Kör­per ein Magnet, der mei­nen anzieht.” (Zitat aus “Sowas wie Som­mer, sowas wie Glück” S.8) Ceci­lie, die 19 ist, lei­det schon seit vier Jah­ren immer wie­der an Ängs­ten und Erschöp­fungs­zu­stän­den. Ange­fan­gen hat es mit Bauch­schmer­zen. Sie waren schon bei den unter­schied­lichs­ten KasimiraÄrz­ten. Vie­les traut sie sich nicht mehr zu. Kann manch­mal gar nicht zur Schu­le gehen oder bekommt dort Panik­at­ta­cken und flüch­tet dann auf die Toi­let­te, wo sie Astrid eine Nach­richt schickt. Ich bekom­me… kei­ne… kei­ne… Luft.” Ceci­lie atmet in kur­zen Stö­ßen. “Soll ich Mama anru­fen?” “Ich weiß… nicht.” “Okay. Willst du lie­ber…” Sie beißt sich auf den Knö­chel. Ich kann ihr fast anse­hen, wie sie sich im Kopf die Wor­te vor­spricht, von denen sie mir mal erzählt hat: >Nicht kot­zen, nicht umkip­pen, kei­ne Sze­ne machen.<” (Zitat S.13) Ein Arzt sprach von einer Win­ter­de­pres­si­on. Doch Ceci­lies Zustand wur­de nicht bes­ser. Vor allem die bevor­ste­hen­den Abschluss­prü­fun­gen machen ihr stark zu schaf­fen. “An den meis­ten Tagen war Ceci­lie ein­fach wie aus­ge­knipst, wenn sie aus der Schu­le kam, wur­de zu einem schwar­zen Bild­schirm im Ruhe­zu­stand, mach­te nichts ande­res, als in ihrem Zim­mer zu lie­gen, zu schla­fen und noch mehr zu schla­fen” (Zitat S.19) Astrid ist immer für ihre Schwes­ter da. Küm­mert sich um sie, wenn es ihr schlecht geht. Doch dann kommt sie Kristoff­er näher. Der Jun­ge, der vor sie­ben Jah­ren weg­ge­zo­gen ist und deren Nach­barn sie frü­her waren und mit dem sie sich immer gut Kasimiraver­stan­den hat­ten. Der nun wie­der auf ihre Schu­le geht. “Ich fand schon immer, dass er beson­ders wirkt, mit den dunk­len Haa­ren, die er von sei­nem grön­län­di­schen Vater geerbt hat, und den dun­kel­blau­en Augen, die er von sei­ner Mut­ter hat. Es ist bloß ein Jam­mer, wie sehr er aus­strahlt, dass er ganz genau weiß, wie gut er aus­sieht. (Zitat S.15) Kristoff­er fragt nach Ceci­lie. Will wis­sen, was mit ihr los ist. Und irgend­wie fin­det Astrid ihn auch ganz nett, auch wenn sie sich so man­che Wort­ge­fech­te lie­fern. All­mäh­lich kommt sie ihm näher, ent­wi­ckelt Gefüh­le für ihm. Doch darf es ihr gut gehen, darf sie glück­lich sein, wenn es ihrer Schwes­ter schlecht geht?

Das Cover hat etwas sehr Leich­tes, Ver­träum­tes an sich, wirkt wun­der­schön, auch wenn man nicht wirk­lich ahnt, dass sich eine erns­te The­ma­tik hin­ter dem Buch­de­ckel ver­birgt. Der Roman ist durch­ge­hend aus Astrids Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Im Mit­tel­punkt ste­hen die zwei Schwes­tern, die ein enger Zusam­men­halt mit­ein­an­der ver­bin­det. Die Ängs­te von Ceci­lie wer­den sehr authen­tisch dargKasimiraestellt, die Sor­ge, die Astrid erfüllt, wenn sie ihre Schwes­ter lei­den sieht: “Das Wei­nen mei­ner Schwes­ter ist ein feuch­ter, schwe­rer Sumpf, in dem ich fest­ste­cke, und ich ertra­ge den Gedan­ken nicht, dass sie heu­te nicht dabei ist. Dass sie ihren letz­ten Schul­tag ver­passt. Was wird sie sonst noch ver­pas­sen? Das ist etwas, wor­über ich in letz­ter Zeit immer öfter nach­den­ke. Wie das Leben mei­ner Schwes­ter wohl sein wird. Ob es über­haupt etwas sein wird.” (Zitat S.42ff) Die Spra­che in “Sowas wie Som­mer, sowas wie Glück” ist ein­fach und sehr flüs­sig. Es ist kein Roman der gro­ßen Gescheh­nis­se, eine stil­le, lei­se Geschich­te, die sich sehr auf Zwi­schen­tö­ne und Gefüh­le kon­zen­triert, aber den­noch sei­ne Leser unwei­ger­lich in einen Bann zieht. Man möch­te mehr erfah­ren über die­se Mäd­chen, über ihr Schick­sal und merkt gleich­zei­tig, dass sich das Ver­hält­nis zwi­schen ihnen all­mäh­lich ver­än­dert. Dass das Erwach­sen­wer­den und das Seh­nen nach Frei­heit und Unbe­schwert­heit einen Keil zwi­schen sie treibt und auch eine gewis­se Abhän­gig­keit von­ein­an­der ent­stan­den ist, die all­mäh­lich von der Haupt­prot­ago­nis­tin in Fra­ge gestellt wird: “Was denn?” “Ach, nichts. Ich fühl mich nur so gebor­gen.” Sie bohrt die Nase in mei­nen Ober­arm. “Gera­de jetzt, in die­sem Augen­blick. So rich­tig gebor­gen.” Mei­ne KasimiraBrust schmerzt, als sie das sagt. Wie eine klei­ne sum­men­de Bie­ne, die unter die Blu­se krab­belt und zusticht. “Das ist gut”, sage ich, aber ich weiß nicht, ob das stimmt, und ich weiß nicht, war­um ich das den­ke.” (Zitat S.58) Gera­de die wider­sprüch­li­chen Emp­fin­dun­gen von Astrid ver­steht die Autorin äußerst gut in Wor­te zu fas­sen, ver­wen­det stim­mungs­vol­le Bil­der und beschreibt das kom­ple­xe Fami­li­en­gefü­ge, bei dem auch ihre Eltern gro­ße Antei­le spie­len, auf sehr sen­si­ble Art und Wei­se: “Und dann will ich sie so fest schüt­teln, dass ihre Zäh­ne auf­ein­an­der­schla­gen, und ich will sie fra­gen, ob sie nicht kapiert, wie sinn­los ihr Ver­hal­ten ist und wie lächer­lich. Ob sie nicht ver­steht, dass sie alles kaputt macht, wenn sie so dasitzt und die Stim­mung aus­strahlt, die sie aus­strahlt.” (Zitat S.68) Dass Hil­fe not­wen­dig ist, auch für die gesam­te Fami­lie, ist offen­sicht­lich und wird am Ende des Buches deut­lich ange­spro­chen. Hier hät­te ich mir noch ein paar mehr Infor­ma­tio­nen gewünscht, wie genau es mit Ceci­lia wei­ter­geht, das war fast ein biss­chen zu offen. Eben­falls ein paar Hilfs­an­ge­bo­te für Jugend­li­che, die sich in ähn­li­chen Situa­tio­nen befin­den — in einem Anhang — wären sinn­voll gewe­sen. Den­noch ist das Ende rea­lis­tisch gestal­tet und lässt zudem das Auf- und Ab der sich ent­wi­ckeln­den Lie­bes­ge­schich­te pas­send ausklingen.

Zwei Roma­ne, an die ich als Lese­al­ter­na­ti­ve sofort den­ken muss­te, sind “Es geht ja bloß um den Rest mei­nes Lebens” von Anne Hoff­mann und “Alles. Nichts. Und ganz viel dazwi­schen” von Ava Reed. Wei­te­re Bücher, in denen Panik­at­ta­cken eine Rol­le spie­len, sind “Ver­rückt vor Angst” von der Rea­li­ty-Viel­schrei­be­rin Jana Frey, “Klip­pen sprin­gen” von Clai­re Zorn (bewe­gend), “Schau mir in die Augen, Audrey” von Sophie Kin­sel­la und Fol­low me back” von A.V. Gei­gerEin Jun­ge, der das Lesealternativen
Haus auf­grund von Ängs­ten schon seit lan­ger Zeit nicht mehr ver­las­sen hat
, das fin­dest du in “Hoch­gra­dig unlo­gi­sches Ver­hal­ten” von John Corey Wha­ley und in dem bril­lan­ten “Born sca­red” von Kevin Brooks. Sehr gelun­gen fand ich zudem “Mein Som­mer auf dem Mond” von Adria­na Popes­cu, in wel­chem sich ein paar Jugend­li­che in einer psych­ia­tri­schen Ein­rich­tung ihren Pro­ble­men stel­len müs­sen (u.a. auch ein Mäd­chen mit einer Angst­stö­rung). Einen Hei­lungs­weg gehen, das tun eben­so die Haupt­fi­gu­ren in dem gelun­ge­nen “Clean” von Juno Daw­son. Psy­chi­sche Aus­nah­me­zu­stän­de auf sehr ein­fühl­sa­me Art und Wei­se beschrei­ben, das kann zudem natür­lich Best­sel­ler­au­tor John Green in “Schlaft gut, ihr fie­sen Gedan­ken”wel­ches neben Ängs­ten eben­so Zwän­ge the­ma­ti­siert. Ein Buch, an das ich beim Lesen von “Sowas wie Som­mer, sowas wie Glück” auch sofort den­ken muss­te, ist “Graue Wol­ken im Kopf” von Julia­ne Breinlin dem die Prot­ago­nis­tin zunächst nicht wirk­lich ver­steht, was mit ihr plötz­lich los ist und schließ­lich die Dia­gno­se Depres­si­on erhält. Roma­ne über Depres­sio­nen gibt es im Jugend­buch eini­ge. Eine weib­li­che Haupt­fi­gur, der dies pas­siert, erlebst du in “Schwar­ze Zeit” von Jana Frey (sehr flüs­sig geschrie­ben), in “Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolit­zer und in “Mein Herz und ande­re schwar­ze Löcher” von Jas­mi­ne War­ga. Einen männ­li­chen Prot­ago­nis­ten fin­dest du in “Eine echt ver­rück­te Sto­ry” von Ned Viz­zi­ni“Allein unter Schild­krö­ten” von Marit Kal­d­hol (sehr hef­tig!) und “Das hier ist kein Tage­buch” von Erna Sas­sen (zwei Mal nomi­niert für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis 2016). 

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Dressler
ISBN: 978-3-7512-0189-6
Erscheinungsdatum: 8.März 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Meike Blatzheim
Originaltitel: "Kvantespring"
Originalverlag: Gyldendal

Dänisches Originalcover:
Kasimira




Kasimira auf Instagram:

Kasimira

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

---------------------------------------------
Dänisches Cover: Homepage von Gyldendal

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.