“Narbenmädchen” ist der Debütroman der deutschen Autorin Lilly Bogenberger. Die 15-jährige Lara muss für vier Wochen in eine Klinik für verhaltensauffällige Jugendliche. Sie verletzt sich regelmäßig selbst, oft mit einer Rasierklinge. Auf die Therapie hat Lara gar keine Lust, macht eine Strichliste in ihrem Zimmer, wie viele Tage es noch sind, bis sie wieder abreisen kann. Aber dann lernt sie Neo, der mehrere Suizidversuche hinter sich hat, und Finn, der drogensüchtig ist, näher kennen. Die Gespräche mit den beiden helfen ihr mehr als die wenigen Therapiesitzungen. Doch ist sie bereit sich mit ihren eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen? Ein sehr eindringlich und bewegend erzählter Roman, der schonungslos Einblick in die Gedankenwelt einer Heranwachsenden gibt. Äußerst authentisch und glaubwürdig geschrieben. Für Jugendliche an 14 Jahren, die sich mit ernsten Themen auseinandersetzen möchten und interessierte Erwachsene.
Vor eineinhalb Jahren hat es angefangen. Lara, die nun fünfzehn ist, hat sich energielos gefühlt, hatte keine Lust auf irgendetwas. Ihre Tage wurden immer grauer und grauer. “Wie bei einem neuen Kleid, das man das fünfzigste Mal in die Waschmaschine schmeißt, sind die Farben in meinem Leben jeden Tag ein Stückchen mehr verwaschen. Weniger hell, weniger bunt, hin zu einer undefinierbaren Graubraunfehlfarbe, die sich über alles drüberlegt. Das Schneiden ist das Einzige, was es besser macht. Das hellrote Blut hat die seltsame Fähigkeit, als einzige grelle Farbe durch diesen beschissenen Grauschleifer durchzustechen.” (Zitat aus “Narbenmädchen” S.22) Lara hat damals angefangen
sich selbstzuverletzen. Sie schwänzte die Schule. Ihre Tage sahen immer gleich aus. “Schule schwänzen, mich schneiden, fernsehen, schneiden, schlafen und alles von vorne. Manchmal, zur Abwechslung, eine Woche in die Schule gehen oder eine Freundin treffen und mich durch zwei Stunden Small Talk quälen. Zwischendurch mal ein Gespräch mit meinem Vater oder ein Telefonat mit meiner Mutter darüber, dass alles nicht so weitergehen kann, und dann geht es zehn Minuten später doch genauso weiter.” (Zitat S.22) Jetzt haben ihre Eltern, die geschieden sind, sie in eine Kur geschickt. Vier Wochen in eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche, die psychische Probleme haben. Darauf hat Lara noch viel weniger Lust. Ihre Klingen hat sie heimlich in die Klinik geschmuggelt und im Spülkasten der Toilette ihres Dreibettzimmers versteckt. Doch dann wird sie beim Schneiden erwischt und die Chefärztin droht ihr mit dem Rausschmiss und der Einweisung in eine geschlossene Psychiatrie. Lara muss sich zusammenreißen. Aber in der Klinik hat sie das Gefühl kaum voran zu kommen. Die Therapeuten scheinen mit ihr nicht groß etwas anfangen zu können. “Alle, die hier sind, oder fast all
e, haben Probleme. Und ich eben nicht wirklich. Ich habe keinen Ex-Freund, der sich umgebracht hat. Ich habe nicht mal einen richtigen Ex-Freund. Ich habe keine Essstörung, keine klinische Diagnose, keine Worte dafür, was mit mir nicht stimmt.” (Zitat S.66) Nur mit Neo und Finn kann sie sich seltsamerweise richtig gut unterhalten. Die beiden Jungs, die ebenfalls ihre Päckchen zu tragen haben, stellen die richtigen Fragen und sind für Lara da. Doch dann geraten die Dinge eines Tages außer Kontrolle, als die Jugendlichen in die Stadt dürfen und zu viel Alkohol trinken…
Das Cover wirkt auffällig, der Titel sehr passend. Geschrieben ist “Narbenmädchen” komplett aus Laras Sicht in der Ich-Perspektive. Ein rotzig-frecher Erzählton begleitet die Protagonistin, der überaus authentisch wirkt. “Weil Rauchen natürlich verboten ist in einer Kinder-und Jugendlichen-Kur. Alles Deppen. Zu Hause darf ich rauchen, sogar in meinem Zimmer. Ich habs einfach so lange
gemacht, bis meine Eltern eingesehen haben, dass es Quatsch ist, es mir zu verbieten.” (Zitat S.12) Lilly Bogenberger hat eine Figur erschaffen, die sich in keine Schublade packen lässt. Die spröde, störrisch, schroff ist. Die Ecken und Kanten hat. Die spürt, dass mit ihrem Leben etwas nicht in Ordnung ist, aber nicht in Worte fassen kann, was das ist. “Die tief stehende warme Sonne, der Wind in den Blättern — gerade fühlt sich alles so einfach an. So angenehm, so vor-sich-hin-plätschernd. Solche Momente machen mich traurig. Sie erinnern mich daran, wie selten ich mich so fühle und dass ich die meiste Zeit mit einem schwarzen Riss durch mein Leben rumlaufe.” (Zitat S.20ff) Gerade die Gefühlswelt von Lara zu beschreiben gelingt der Autorin äußerst gut. Die Widersprüchlichkeit ihrer Empfindungen. Dabei verwendet sie eine recht flüssige Sprache und teils sehr treffende Bilder: “Ich wünschte, man könnte Persönlickeiten transplantieren wie Lebern oder Herzen. In den letzten paar Stunden ist sicher eine coole, nette Motorradfahrerin gestorben und liegt jetzt mit intakter Persönlichkeit und zertrümmertem Körper irgendwo auf einer Intensivstation. Und die Persönlichkeit stirbt einfach mit ihr mit, und ich sitze da und bin in meinem
defekten Gehirn eingesperrt, was wiederum in einem vernarbten Körper eingeschlossen ist, und dieser Körper sitzt fest im Elisabethknast. Wie eine russische Puppe, bestehend nur aus Gefängnissen, und ich bin die winzig kleinste Puppe in der Mitte und kann nicht raus.” (Zitat S.94) Die Themen in “Narbenmädchen” sind heftig. Neben Selbstverletzung werden auch Drogenkonsum, Suizidversuche und sexuelle Übergriffe behandelt. “Es gab schon einige Gelegenheiten in meinem Leben, wo ich es gar nicht ausgehalten hätte mitzubekommen, was um mich rum passiert. Situationen, bei denen mir immer noch schlecht wird, falls ich mal aus Versehen dran denke.” (Zitat S.18) Warum sich Lara verhält, wie sie sich verhält, dem muss man als Leser:in erst langsam nachspüren. Hinter die Fassade ihres Handels schauen. Denn auch Lara hat Methoden, um mit manchen Dingen umzugehen. “In diesem Moment klinge ich mich aus. Manchmal kann ich das. Fühlt sich an, als würde ich einen Schalter in meinem Gehirn umlegen. Irgendwie dreht sich mein Bewusstsein dann um, nach innen, und ich kann es mir quasi in meinem Kopf gemütlich machen, während um mich rum irgendwelche Sachen passieren.” (Zitat S.17) Ebenso Laras Heilungsverlauf ist nicht
wirklich linear. Keine Ich-gehe-in-eine-Klinik-und-werde-sofort-gesund-Geschichte, was der Handlung noch mehr Glaubwürdigkeit verschafft. Erst relativ zum Schluss des Romans hat man den Eindruck, dass sie ihren Weg schon gehen wird, dass Hoffnung auf Besserung in ihr heranwächst wie ein zarte Pflanze. Die Autorin gibt auf ihrem Instagramaccount an, dass einiges in dem Buch autobiografisch ist, sie selbst als 16-Jährige in einer Klinik war und sich selbst verletzt hat. Die erste Szene, als sie mit 20€ und einem Taxi zur Notaufnahme geschickt wird, hat sie selbst so erlebt. “Narbenmädchen” klingt passend aus. Im Anhang gibt es noch einige Anlaufstellen für Betroffene.
Lesea
lternativen zum Thema Ritzen sind: „Bis unter die Haut“ von Julia Hoban, „Rote Linien“ von Brigitte Blobel, „Schmerzverliebt“ von Kristina Dunker oder “Cut” von Patricia McCormick. Sehr gut könnte ich mir auch den Bestseller “Girl in Pieces” von Kathleen Glasgow und “Was, wenn wir genug sind?” von Erin Stewart vorstellen. Ein Buch, an das ich ebenfalls sofort denken musste, ist “Heldentage” von Martin Schäuble. Hier treffen auch drei Jugendliche aufeinander (ein Mädchen und zwei Jungs), die ihre eigenen Päckchen zu tragen haben. Den Klinikalltag schildern zudem sehr treffend “Clean” von Juno Dawson, “Mein Sommer auf dem Mond” von Adriana Popescu und “Auf einer Skala von 1 bis 10” von Ceylan Scott.
Bibliografische Angaben:Verlag: dtv ISBN: 978-3-423-74135-4 Erscheinungsdatum: 12.März 2026 Einbandart: Broschur Preis: 16,00€ Seitenzahl: 352
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Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-74135-4
Erscheinungsdatum: 12.März 2026
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Preis: 16,00€
Seitenzahl: 352
