“Hat irgendjemand Oscar gesehen?” ist ein Roman der amerikanischen, preisgekrönten Autorin Leslie Connor, das zweite Buch von ihr, das ins Deutsche übersetzt wurde. Sie erzählt die Geschichte eines Mädchens namens Aurora, deren bester Freund Oscar plötzlich spurlos verschwunden ist. Oscar ist nicht wie andere Kinder. Er lebt in seiner eigenen Welt, kann nicht sprechen, liebt Routinen und vor allem Vögel. Wenn er sie sieht, macht er kleine Zwitschergeräusche und flattert mit den Händen. Als er aus der Schule verschwindet, macht sich Aurora große Vorwürfe, nicht besser auf ihn aufgepasst zu haben. Bald beteiligt sich die ganze Kleinstadt an der Suche nach Oscar… Eine warmherzige Wohlfühlgeschichte, die in sehr ruhigen, bedächtigen Tönen erzählt wird. Hier braucht man Geduld zuweilen, erhält aber ein sehr facettenreiches Kleinstadtporträt und eine wichtige Geschichte über Autismus, das Anderssein und über Freundschaft. Für Jugendliche ab 10 Jahren und interessierte Erwachsene.
Maine. Die 11-jährige Aurora liebt es Steine zu sammeln. Doch sie sammelt nur ganz außergewöhnliche Stücke. Die, die ihr nicht gefallen, schmeißt sie wieder ganz weit weg. Sie kann hervorragend werfen, deshalb will die Trainerin der örtlichen Softball-Mannschaft sie auch am liebsten in ihrem Team haben. Aber immer konzentriert auf einer Stelle stehen und warten bis der Ball kommt, das ist nichts für die lebhafte, laute Aurora. Sie muss immer
in Bewegung und unterwegs sein. “Die Schule ist ein harter Ort, und damit meine ich nicht das Lernen. Damit komme ich ganz gut klar. Aber ich habe einfach immer zu viel zu sagen. Ich habe Probleme damit, still zu sitzen — echte Probleme! Schon im Kindergarten mochten es die anderen Kinder nicht, wenn ich auf dem kleinen roten Teppich Räder geschlagen habe und dabei in ihre Brettspiele gekracht bin. Meine Ideen waren immer irgendwie laut. Schwer, sie in mir drin zu halten.” (Zitat aus “Hat irgendjemand Oscar gesehen?” S.29) Ganz leise hingegen ist ihr bester Freund Oscar, der auch ihr Nachbar ist. Er ist ebenfalls 11 Jahre alt, kann aber nicht sprechen. Überhaupt lebt er völlig in seiner eigenen Welt, liebt Gleichförmigkeit und vor allem Vögel, die er gerne beobachtet und trägt immer ein kariertes Hemd. Oft sind die beiden zusammen in der Natur unterwegs. Zu Oscar hat Aurora eine ganz besondere Verbindung und durch viel Einfühlungsvermögen und Beobachtungsgabe
kann sie mittlerweile sogar sein Verhalten lesen. “Ich beobachte die verschiedenen Arten, in denen er steht und seine Hände bewegt und wie seine Augenlider flattern. An diesen Dingen erkenne ich, was in seinem Kopf vor sich geht und was er fühlt. Also… vielleicht war ich doch Oscars persönliche Gedankenleserin.” (Zitat S.43) Doch dann ist Aurora eines Tages abgelenkt und achtet nicht mehr darauf, Oscar in der Schule seinem Betreuer zu übergeben. Oscar, der plötzlich spurlos verschwunden ist. Bald beteiligt sich die ganze Kleinstadt an der Suche nach ihm. Weil es zunehmend dunkel wird, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit…
Das Cover ist sehr schön gestaltet, passend zu den inhaltlichen Elementen der Geschichte. Der Titel als Frage
ist ungewöhnlich, aber sehr aussagekräftig. Nur auf der Buchrückseite ist die Farbe des unteren Textes etwas schlecht gewählt, tut fast etwas in den Augen weh, das Blau auf dem kräfigen Orange. Der Roman beginnt mit einer Landkarte, die die einzelnen Gebiete kennzeichnet, die in “Hat irgendjemand Oscar gesehen?” eine Rolle spielen. Die Geschichte wird hauptsächlich aus Auroras Sicht in der Ich-Perspektive erzählt, es gibt aber auch immer wieder Kapitel eines auktorialen Erzählers, die Oscars Sicht schildern oder die der einzelner Stadtbewohner, wie die Trainerin des Softballteams, einen Lehrer, einen Schulbetreuer, eine Flohmarktverkäuferin und einen Farmer. Hierdurch ergibt sich ein intensives Porträt einer Kleinstadt. Am Anfang fand ich die Überleitungen manchmal etwas holprig. Mal wird von Aurora berichtet, wie sie in die dritte Klasse kommt, dann mal wieder wie sie in der vierten ist. Die Jetzt-Zeit ist die 6.Klasse. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich an die regelmäßigen Rückblenden, die von der
Entstehung der Freundschaft zwischen Aurora und Oscar episodenhaft berichten. Jedoch muss man zuweilen viel Geduld beim Lesen beweisen, da einiges doch recht langatmig und fast schon zu intensiv geschildert wird. Der Roman besteht aus vielen Momentaufnahmen, wie sie zusammen einkaufen gehen, wie sie einen Hirsch beobachten, einen Stein auseinanderbrechen, Pausen in der Schule verbringen. All das fügt sich zu einem Puzzle allmählich zusammen, wirkt allerdings stellenweise etwas zäh und stört den Lesefluss. Die Suche nach Oscar hingegen liest sich dann wieder recht spannend und mitreißend. Auch, dass man immer wieder Oscars Sicht und seine besonderen Gedankengänge miterlebt, ist gelungen. Warum er nicht sprechen kann, wird nicht explizit erwähnt, nur einmal sagt seine Mutter, dass er hypersensibel ist, aber sein Verhalten ähnelt stark dem eines Autisten. “Wenn ihm alles zu viel wird, macht er dicht. Dann kauert er sich
auf den Boden und schlingt die Arme um seinen Kopf. Das bricht mir immer fast das Herz. Aber Gracia sagt, so würde Oscar sich den Platz nehmen, den er braucht, um durch seine unangenehmen Empfindungen zu kommen. Am besten, man merkt es, bevor es so weit ist. Aber wenn es doch passiert, lassen wir Oscar wissen, dass wir für ihn da sind. Und ich glaube, das versteht er auch.” (Zitat S.33) Sein Charakter wird sehr einfühlsam beschrieben und seine Andersartigkeit als etwas Besonderes dargestellt. Ebenso Aurora ist als Figur perfekt dargestellt, ein sehr erfrischender, lebendiger Charakter. Ein Mädchen, das zwar vorlaut ist und sagt, was es denkt, ihr Herz aber am rechten Fleck trägt und eine große Sympathieträgerin der Geschichte ist. Am Ende des Romans gibt es eine Stelle der Rettungsaktion, die fast zu Tränen rührt und sehr passend ist. Im Anhang gibt es noch einige Fotos und nähere Erläuterungen der Autorin zur Geschichte, auch zu den Befindlichkeiten ihrer Protagonisten.
Dir gefällt der Erzählstil von Leslie Connor? Dann lies noch das erste Buch von ihr, das ins Deutsche übersetzt wurde: “Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt), welches auch ab ze
hn Jahren empfohlen wird. Zwei Lesealternativen zu “Hat irgendjemand Oscar gesehen?”, an die ich sofort denken musste, sind “Wunder” von Raquel J.Palacio und “Sieben Tage Mo” von Oliver Scherz. In letzterem ist auch die Hauptfigur plötzlich verschwunden. Ein autistischer Junge spielt ebenfalls in folgendem Roman eine Rolle: “Elefantensommer” von Holly Goldberg Sloan (ein Wohlfühlroman, der richtig Spaß zu lesen macht!). Du magst Bücher, in denen sich alles zum Positiven wendet und die so richtig schön gute Laune machen? In diesem Fall könnten “Das Blubbern von Glück” von Barry Jonsberg, “Wohin meine Flossen mich tragen” von Kate Gordon etwas für dich sein. Oder greif zu “Out of my mind: Mit Worten kann ich fliegen” von Sharon M.Draper und “Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte” von Chan Crystal.
Bibliografische Angaben:Verlag: Hanser ISBN: 978-3-446-27921-6 Erscheinungsdatum: 19.Februar 2024 Einbandart: Hardcover Preis: 19,00€ Seitenzahl: 320 Übersetzer*in: André Mumot Illustrator*innen: Verena Körting, Ramona Kaulitzki Originaltitel: "Anybode Here Seen Frenchie?" Originalverlag: Katherine Tegen Books Amerikanisches Originalcover:
Leslie Connor liest aus ihrem Buch vor (auf Englisch):
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(4 von 5 möglichen Punkten)
------------------------------------------ Amerikanisches Cover: Homepage von Leslie Connor

Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-27921-6
Erscheinungsdatum: 19.Februar 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,00€
Seitenzahl: 320
Übersetzer*in: André Mumot
Illustrator*innen: Verena Körting, Ramona Kaulitzki
Originaltitel: "Anybode Here Seen Frenchie?"
Originalverlag: Katherine Tegen Books
Amerikanisches Originalcover:
Leslie Connor liest aus ihrem Buch vor (auf Englisch):
