Leslie Connor — Hat irgendjemand Oscar gesehen?

28.April 2024

“Hat irgend­je­mand Oscar gese­hen?” ist ein Roman der ame­ri­ka­ni­schen, preis­ge­krön­ten Autorin Les­lie Con­nor, das zwei­te Buch von ihr, das ins Deut­sche über­setzt wur­de. Sie erzählt die Geschich­te eines Mäd­chens namens Auro­ra, deren bes­ter Freund Oscar plötz­lich spur­los ver­schwun­den ist. Oscar ist nicht wie ande­re Kin­der. Er lebt in sei­ner eige­nen Welt, kann nicht spre­chen, liebt Rou­ti­nen und vor allem Vögel. Wenn er sie sieht, macht er klei­ne Zwit­scher­ge­räu­sche und flat­tert mit den Hän­den. Als er aus der Schu­le ver­schwin­det, macht sich Auro­ra gro­ße Vor­wür­fe, nicht bes­ser auf ihn auf­ge­passt zu haben. Bald betei­ligt sich die gan­ze Klein­stadt an der Suche nach Oscar… Eine warm­her­zi­ge Wohl­fühl­ge­schich­te, die in sehr ruhi­gen, bedäch­ti­gen Tönen erzählt wird. Hier braucht man Geduld zuwei­len, erhält aber ein sehr facet­ten­rei­ches Klein­stadt­por­trät und eine wich­ti­ge Geschich­te über Autis­mus, das Anders­sein und über Freund­schaft. Für Jugend­li­che ab 10 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Maine. Die 11-jäh­ri­ge Auro­ra liebt es Stei­ne zu sam­meln. Doch sie sam­melt nur ganz außer­ge­wöhn­li­che Stü­cke. Die, die ihr nicht gefal­len, schmeißt sie wie­der ganz weit weg. Sie kann her­vor­ra­gend wer­fen, des­halb will die Trai­ne­rin der ört­li­chen Soft­ball-Mann­schaft sie auch am liebs­ten in ihrem Team haben. Aber immer kon­zen­triert auf einer Stel­le ste­hen und war­ten bis der Ball kommt, das ist nichts für die leb­haf­te, lau­te Auro­ra. Sie muss immer in Bewe­gung und unter­wegs sein. “Die Schu­le ist ein har­ter Ort, und damit mei­ne ich nicht das Ler­nen. Damit kom­me ich ganz gut klar. Aber ich habe ein­fach immer zu viel zu sagen. Ich habe Pro­ble­me damit, still zu sit­zen — ech­te Pro­ble­me! Schon im Kin­der­gar­ten moch­ten es die ande­ren Kin­der nicht, wenn ich auf dem klei­nen roten Tep­pich Räder geschla­gen habe und dabei in ihre Brett­spie­le gekracht bin. Mei­ne Ideen waren immer irgend­wie laut. Schwer, sie in mir drin zu hal­ten.” (Zitat aus “Hat irgend­je­mand Oscar gese­hen?” S.29) Ganz lei­se hin­ge­gen ist ihr bes­ter Freund Oscar, der auch ihr Nach­bar ist. Er ist eben­falls 11 Jah­re alt, kann aber nicht spre­chen. Über­haupt lebt er völ­lig in sei­ner eige­nen Welt, liebt Gleich­för­mig­keit und vor allem Vögel, die er ger­ne beob­ach­tet und trägt immer ein karier­tes Hemd. Oft sind die bei­den zusam­men in der Natur unter­wegs. Zu Oscar hat Auro­ra eine ganz beson­de­re Ver­bin­dung und durch viel Ein­füh­lungs­ver­mö­gen und Beob­ach­tungs­ga­be kann sie mitt­ler­wei­le sogar sein Ver­hal­ten lesen. “Ich beob­ach­te die ver­schie­de­nen Arten, in denen er steht und sei­ne Hän­de bewegt und wie sei­ne Augen­li­der flat­tern. An die­sen Din­gen erken­ne ich, was in sei­nem Kopf vor sich geht und was er fühlt. Also… viel­leicht war ich doch Oscars per­sön­li­che Gedan­ken­le­se­rin.” (Zitat S.43) Doch dann ist Auro­ra eines Tages abge­lenkt und ach­tet nicht mehr dar­auf, Oscar in der Schu­le sei­nem Betreu­er zu über­ge­ben. Oscar, der plötz­lich spur­los ver­schwun­den ist. Bald betei­ligt sich die gan­ze Klein­stadt an der Suche nach ihm. Weil es zuneh­mend dun­kel wird, beginnt ein Wett­lauf gegen die Zeit…

Das Cover ist sehr schön gestal­tet, pas­send zu den inhalt­li­chen Ele­men­ten der Geschich­te. Der Titel als Fra­ge ist unge­wöhn­lich, aber sehr aus­sa­ge­kräf­tig. Nur auf der Buch­rück­sei­te ist die Far­be des unte­ren Tex­tes etwas schlecht gewählt, tut fast etwas in den Augen weh, das Blau auf dem krä­fi­gen Oran­ge. Der Roman beginnt mit einer Land­kar­te, die die ein­zel­nen Gebie­te kenn­zeich­net, die in “Hat irgend­je­mand Oscar gese­hen?” eine Rol­le spie­len. Die Geschich­te wird haupt­säch­lich aus Auro­ras Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt, es gibt aber auch immer wie­der Kapi­tel eines aukt­oria­len Erzäh­lers, die Oscars Sicht schil­dern oder die der ein­zel­ner Stadt­be­woh­ner, wie die Trai­ne­rin des Soft­ball­teams, einen Leh­rer, einen Schul­be­treu­er, eine Floh­markt­ver­käu­fe­rin und einen Far­mer. Hier­durch ergibt sich ein inten­si­ves Por­trät einer Klein­stadt. Am Anfang fand ich die Über­lei­tun­gen manch­mal etwas holp­rig. Mal wird von Auro­ra berich­tet, wie sie in die drit­te Klas­se kommt, dann mal wie­der wie sie in der vier­ten ist. Die Jetzt-Zeit ist die 6.Klasse. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich an die regel­mä­ßi­gen Rück­blen­den, die von der Ent­ste­hung der Freund­schaft zwi­schen Auro­ra und Oscar epi­so­den­haft berich­ten. Jedoch muss man zuwei­len viel Geduld beim Lesen bewei­sen, da eini­ges doch recht lang­at­mig und fast schon zu inten­siv geschil­dert wird. Der Roman besteht aus vie­len Moment­auf­nah­men, wie sie zusam­men ein­kau­fen gehen, wie sie einen Hirsch beob­ach­ten, einen Stein aus­ein­an­der­bre­chen, Pau­sen in der Schu­le ver­brin­gen. All das fügt sich zu einem Puz­zle all­mäh­lich zusam­men, wirkt aller­dings stel­len­wei­se etwas zäh und stört den Lese­fluss. Die Suche nach Oscar hin­ge­gen liest sich dann wie­der recht span­nend und mit­rei­ßend. Auch, dass man immer wie­der Oscars Sicht und sei­ne beson­de­ren Gedan­ken­gän­ge mit­er­lebt, ist gelun­gen. War­um er nicht spre­chen kann, wird nicht expli­zit erwähnt, nur ein­mal sagt sei­ne Mut­ter, dass er hyper­sen­si­bel ist, aber sein Ver­hal­ten ähnelt stark dem eines Autis­ten. “Wenn ihm alles zu viel wird, macht er dicht. Dann kau­ert er sich auf den Boden und schlingt die Arme um sei­nen Kopf. Das bricht mir immer fast das Herz. Aber Gra­cia sagt, so wür­de Oscar sich den Platz neh­men, den er braucht, um durch sei­ne unan­ge­neh­men Emp­fin­dun­gen zu kom­men. Am bes­ten, man merkt es, bevor es so weit ist. Aber wenn es doch pas­siert, las­sen wir Oscar wis­sen, dass wir für ihn da sind. Und ich glau­be, das ver­steht er auch.” (Zitat S.33) Sein Cha­rak­ter wird sehr ein­fühl­sam beschrie­ben und sei­ne Anders­ar­tig­keit als etwas Beson­de­res dar­ge­stellt. Eben­so Auro­ra ist als Figur per­fekt dar­ge­stellt, ein sehr erfri­schen­der, leben­di­ger Cha­rak­ter. Ein Mäd­chen, das zwar vor­laut ist und sagt, was es denkt, ihr Herz aber am rech­ten Fleck trägt und eine gro­ße Sym­pa­thie­trä­ge­rin der Geschich­te ist. Am Ende des Romans gibt es eine Stel­le der Ret­tungs­ak­ti­on, die fast zu Trä­nen rührt und sehr pas­send ist. Im Anhang gibt es noch eini­ge Fotos und nähe­re Erläu­te­run­gen der Autorin zur Geschich­te, auch zu den Befind­lich­kei­ten ihrer Protagonisten.

Dir gefällt der Erzähl­stil von Les­lie Con­nor? Dann lies noch das ers­te Buch von ihr, das ins Deut­sche über­setzt wur­de: “Die gan­ze Wahr­heit (wie Mason Buttle sie erzählt), wel­ches auch ab zeLesealternativenhn Jah­ren emp­foh­len wird. Zwei Lese­al­ter­na­ti­ven zu “Hat irgend­je­mand Oscar gese­hen?”, an die ich sofort den­ken muss­te, sind “Wun­der” von Raquel J.Palacio und “Sie­ben Tage Mo” von Oli­ver Scherz. In letz­te­rem ist auch die Haupt­fi­gur plötz­lich ver­schwun­den. Ein autis­ti­scher Jun­ge spielt eben­falls in fol­gen­dem Roman eine Rol­le: “Ele­fan­ten­som­mer” von Hol­ly Gold­berg Slo­an (ein Wohl­fühl­ro­man, der rich­tig Spaß zu lesen macht!). Du magst Bücher, in denen sich alles zum Posi­ti­ven wen­det und die so rich­tig schön gute Lau­ne machen? In die­sem Fall könn­ten “Das Blub­bern von Glück” von Bar­ry Jons­berg, “Wohin mei­ne Flos­sen mich tra­gen” von Kate Gor­don etwas für dich sein. Oder greif zu “Out of my mind: Mit Wor­ten kann ich flie­gen” von Sharon M.Draper und “Bird und ich und der Som­mer, in dem ich flie­gen lern­te” von Chan Crys­tal.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-27921-6
Erscheinungsdatum: 19.Februar 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,00€
Seitenzahl: 320
Übersetzer*in: André Mumot
Illustrator*innen: Verena Körting, Ramona Kaulitzki
Originaltitel: "Anybode Here Seen Frenchie?"
Originalverlag: Katherine Tegen Books

Amerikanisches Originalcover:












Leslie Connor liest aus ihrem Buch vor (auf Englisch):
 

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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Leslie Connor

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