Die deutsche Autorin Lena Hach hat mit “Nichts wünsche ich mir mehr” einen Roman über ein absolutes Tabuthema im Jugendbuch geschrieben: Alopezie. Den krankhafte Verlust der Haare am ganzen Körper. Dieses Schicksal ereilt ein junges Mädchen, dessen Leben komplett aus den Fugen gerät, nach dieser schockierenden Diagnose. Eine authentisch erzählte Geschichte übers Anderssein, unheimlich berührend geschrieben. Lesetipp! Für Jugendliche ab 12 Jahren und interessierte Erwachsene.
Berlin. Für die 16-jährige Katharina, genannt Katha, ist auf einmal alles anders geworden. “Ich versuche ein Grinsen. In letzter Zeit fällt es mir schwer, die Mundwinkel hochzuziehen. Es schmerzt in den Wangen, als würde ich gekniffen. Früher war das anders, früher war ich anders. Lustig. Nicht so sarkastisch. Spontan. Nicht so zögerlich.” (Zitat S.5) Denn sie hat auf einmal eine kreisrunde, kahle Stelle auf ihrem Kopf. Ihre Haare fallen aus! Kathas Bruder hat es zuerst bemerkt und sie noch damit aufgezogen, dass sie eine Glatze bekäme. Doch die Diagnose der Ärzte, zu denen ihre Mutter sie panisch hinschleppt, ist eindeutig: Alopezie. Sie wird nach und nach
all ihre Haare verlieren. Das kommt einem gesellschaftlichen Todesurteil gleich, dem ist sich Katha sicher: “Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Ein Leben ohne Haare. Allein der Gedanke versetzt mich in Panik. Am liebsten würde ich vor mir selbst flüchten.” (Zitat S.29) Ihren zwei besten Freundinnen erzählt sie nichts davon. Niemand darf hinter ihr Geheimnis kommen. Die münzgroßen, kahlen Stellen überdeckt sie mit anderen Haaren und steckt diese fest. Besonders beim Sportunterricht muss sie daher höllisch aufpassen: “Deshalb taste ich nach jedem Überschlag, nach jeder Rolle meinen Hinterkopf ab. Ein flüchtiger Kontrollgriff, den niemand bemerken soll. So, wie wenn man mit der Hand unter die Achsel fasst und heimlich an den Fingern schnuppert. Mit dem Unterschied, dass das alle tun. Was ich mache, macht keiner. Niemand sonst hat es nötig.” (Zitat S.8) Jetzt interessiert sich plötzlich auch noch dieser neue Junge an der Schule für sie: Jasper. Und auch wenn Katha ihn insgeheim mag, wimmelt sie ihn ab. Einen Jungen kann sie jetzt absolut nicht gebrauchen in ihrem chaotischen Leben. Doch Jasper lässt nicht locker…
Ganz ehrlich: auch wenn das Cover mit den Haaren, die ein Gesicht überdecken, faszinierend aussieht — auf den ersten Blick denkt man eher an ein Mädchen, das verschleiert ist. An ein Buch mit muslimischem Hintergrund, an Frauen mit Kopftüchern und eine ganz andere Art von Geschichte. Das nimmt dem Roman vielleicht ein bisschen Potential, weil es Leser, die sich für solche Thematiken nicht interessieren, gleich mal vorübergehen lässt. Dabei ist “Nichts wünsche ich mir mehr” wirklich ein außergewöhnliches Buch! Mich hat es gleich von Anfang gepackt und mitgerissen. Der Text ist sehr flüssig geschrieben, hat ein angenehmes Erzähltempo. Auch die vielen kürzeren Abschnitte tragen hierzu bei. Kathas Geschichte liest sich tragisch und wird äußerst realistisch wiedergegeben. Man kann sich sehr gut in das junge Mädchen hineinversetzen und mit ihr fühlen: “Dass man immer wieder vor sich erschrecken kann. Was mich aus dem Spiegel anstarrt, ist nicht von dieser Welt. Ein Alien. Ein Es. Will nicht auf dieser Welt sein. Nicht so. Jeden Morgen das Gefühl, im falschen Körper zu stecken. Das da bin nicht ich. Das ist so leer. So hässlich. Entstellt.” (Zitat S.77) Ihr ganzes Leben hat sich durch die Diagnose Alopezie verändert. Was für eine große Rolle die eigenen Haare spielen, das wird Katha erst jetzt wirklich bewusst. Zu Beginn des Romans wechselt die Geschichte zwischen der Jetzt-Zeit und ihrer Krankheitsgeschichte, wie sie beispielsweise ihre ersten Haare im Duschabfluss findet: “Ihr gehört doch zu mir, dachte ich. Ich brauche euch doch. Was macht ihr denn da? Eine Antwort blieb aus. Nur im Märchen sprechen leblose Dinge.” (Zitat S.13) Wie sie zahllose Ärzte aufsucht und Therapiemöglichkeiten testet. Nichts hat Erfolg. Und es wird immer schwerer ihr Geheimnis für sich zu behalten. Bis Katha sich eines Tages zu einem radikalen Schritt entscheidet und sich die Haare komplett abrasiert, ehe diese ausfallen. In die Schule traut sie sich mit einer Glatze aber ni
cht. Jetzt kommt nur noch eine Perücke in Frage. Doch wann wird ihr Schwindel auffliegen? Sehr gut geschildert ist auch die Identitätskrise, in die das Mädchen stürzt, die Fragen der Selbstfindung, die sie sich stellt: “Bin ich eine andere, “nur” weil ich anders aussehe? […] Mein Aussehen lenkt ab von der, die ich wirklich bin, denke ich. Aber wer bin ich eigentlich, jetzt, in diesem Moment? […] Und wer bin ich morgen? Oder: Wer will ich sein? (Wer kann ich noch sein?)” (Zitat S.78) Am Ende kommt etwas raus, bei dem ich mir noch mehr Hintergründe gewünscht hatte. Die Hauptfigur stellt sich die gleichen Fragen dazu, wie der Leser, aber man erhält leider keine Antworten, obwohl es die sicherlich gegeben hätte! Toll hingegen ist die Botschaft, die in dem Roman vermittelt wird, und auf die Katha irgendwann stößt: “Manche Dinge kann man sich nicht aussuchen, denke ich. Vielleicht kommt es nur darauf an, was man daraus macht. Eine Binsenweisheit, das weiß ich selbst. Aber besser die als nichts, alles andere kann ja noch kommen.” (Zitat S.110)
Der Beltz & Gelberg Verlag hat noch einen weiteren Roman über ein Tabuthema herausgebracht: “Wie das Licht von einem erloschenen Stern” von Nicole Boyle Rødtnes, über Aphasie — den Verlust der Sp
rache. Auch hier — ebenso wie bei “Nichts wünsche ich mir mehr” sind sie der erste Jugendbuchverlag, der sich an ein solches Thema wagt. Respekt! Lesealternativen hinsichtlich Alopezie gibt es somit bisher noch keine, nur eines über Trichotillomanie, das krankhafte Haareherausreißen, das du in “Zwischen zwei Fenstern” von Dianne Touchell findest. Probleme mit dem Aussehen aufgrund eines Brands hat auch die Protagonistin in dem neuen Roman von Colleen Hoover: “Nächstes Jahr zu selben Zeit”. Oder lies “Der zweite Kopf des Richard Westlake” von Andy Mulligan, dessen Hauptfigur plötzlich zwei Köpfe wachsen! Andersssein und zu sich selbst stehen lernen, diese Erfahrung macht ebenso das Mädchen in dem schönen “Mut ist der Anfang vom Glück” von Heike Karen Gürtler. Oder lies noch andere Bücher von Lena Hach: “Wanted. Ja. Nein. Vielleicht”, “Zoom: Alles entwickelt sich” oder “Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis” (schon ab 10 Jahren).
Bibliografische Angaben:Verlag: Beltz & Gelberg ISBN: 978-3-407-82191-1 Erscheinungsdatum: 30.Januar 2017 Einbandart: Broschur Preis: 12,95€ Seitenzahl: 206 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: - Ein Mädchen berichtet über ihr Leben mit Alopezie:
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-82191-1
Erscheinungsdatum: 30.Januar 2017
Einbandart: Broschur
Preis: 12,95€
Seitenzahl: 206
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -
Ein Mädchen berichtet über ihr Leben mit Alopezie: