Len Vlahos — Welcome to reality

Kasimira6.Februar 2019

Der in Ame­ri­ka leben­de Autor Len Vla­hos, der nicht nur eine eige­ne Buch­hand­lung besitzt, son­dern auch in einer Punk-Band gespielt hat, hat mit “Wel­co­me to rea­li­ty” ein rich­tig, rich­tig gutes Buch geschrie­ben! Mit Charme, Iro­nie und Esprit ent­führt der Autor sei­ne Leser in eine Welt, in der ein Vater — um sei­ne Fami­lie ver­sorgt zu wis­sen — Teil einer Rea­li­ty­show wird, die sein bal­di­ges, auf­grund einer Krank­heit ein­tre­ten­des Able­ben doku­men­tiert. Trotz erns­ter Hin­ter­grund­the­ma­tik — eine bewe­gen­de Fami­li­en­ge­schich­te, eine scho­nungs­lo­se Abrech­nung mit den Medi­en und der Beginn einer immer lau­ter wer­den­den Rebel­li­on einer der Töch­ter, die all dies ein­fach so nicht hin­neh­men kann und dem TV-Sen­der ordent­lich etwas ent­ge­gen­zu­set­zen weiß. Die­ser Roman hat das Zeug zum Kult­buch!! Ein Lese­ge­nuss der beson­de­ren Art, für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne, die ein­fach rich­tig gut unter­hal­ten wer­den wol­len!

Port­land. Im Bun­des­staat Ore­gon. Die 15-jäh­ri­ge Jackie hat ein sehr inni­ges Ver­hält­nis zu ihrem Vater. Sie hat sogar ein Foto von ihnen Zwei in ihrem Schul­schließ­fach kle­ben. “Wenn sie einen mie­sen Tag hat­te, von denen es für Jackie gefühlt mehr gab als von den nicht mie­sen, mach­te sie einen Abste­cher zu ihrem Schließ­fach und schau­te sich das Foto an. Es war zu so einer Art visu­el­ler Schmu­se­de­cke gewor­den.” (Zitat aus “Wel­co­me to rea­li­ty” S.7) Jeden Don­ners­tag ver­brin­gen sieKasimira gemein­sam “Vater-Toch­ter-Zeit” — ein Ritu­al, das Jackie liebt — sie set­zen sich zusam­men aufs Sofa, kuscheln sich anein­an­der und zap­pen durchs Fern­se­hen. “Selbst mit fünf­zehn fühl­te sie sich nir­gends auf der Welt so beschützt und gebor­gen wie an der Sicher­heit spen­den­den, war­men Schul­ter ihres Vater.” (Zitat S.8) Für Jackie ist es der bes­te Tag der Woche. Einen Tag, auf den sie sich vor­her schon beson­ders freut. Doch an die­sem Don­ners­tag ist ihr Vater plötz­lich ganz selt­sam. Geht an ihr vor­bei, ohne sie rich­tig wahr­zu­neh­men. Ver­schwin­det ein­fach in sei­nem Büro, in dem er sonst sei­ner Arbeit als Abge­ord­ne­ter im Par­la­ment nach­geht oder in sei­nem Beruf als Gra­fik­de­si­gner arbei­tet. Was Jackie nicht ahnt ist, dass Jared soeben erfah­ren hat, dass er ein Glio­blas­tom hat, einen unheil­ba­ren, nicht ope­ra­blen Gehirn­tu­mor. Und dass er ster­ben wird. In viel­leicht gera­de mal vier Mona­ten. Im Inter­net — beim Recher­chie­ren über sei­ne Erkran­kung — stößt er auf Zufall auf die Anzei­ge eines Man­nes, der sei­ne gan­zen Besitz­tü­mer nach einer KasimiraSchei­dung ein­fach ver­stei­gert hat, um nicht mehr an die­se Ver­gan­gen­heit erin­nert zu wer­den. “In Jareds Gehirn form­te sich eine Idee. Eine ver­rück­te Idee, auf die nur ein Mann mit einem Glio­blas­tom kom­men konn­te. Er wür­de sein Leben ver­stei­gern — nicht sein Hab und Gut, son­dern sich selbst — auf Ebay. (Zitat S.23) Denn Jareds größ­te Sor­ge ist es, wie es nach sei­nem Tod mit sei­ner Fami­lie wei­ter­geht. Ob sie sich auch finan­zi­ell über Was­ser hal­ten kön­nen. Die bal­di­gen Col­le­ge­ge­büh­ren sei­ner zwei Töch­ter, die Hypo­thek auf das Haus — sei­ne Lebens­ver­si­che­rung allein, ist da nur ein Trop­fen auf den hei­ßen Stein. Also schrei­tet Jared tat­säch­lich zur Tat und zieht — neben eini­gen Ange­bo­ten — schließ­lich einen Inter­es­sen­ten an Land, der ihm fünf Mil­lio­nen ver­spricht: “Ich arbei­te für einen TV-Sen­der und möch­te Ihr Ster­ben zur Prime­time ins Fern­se­hen brin­gen.” “Wie bit­te?” “Eine Rea­li­ty­show. Jareds Gehirn­tu­mor oder so was in der Art. Wir instal­lie­ren über­all bei Ihnen zu Hau­se Kame­ras, fil­men rund um die Uhr und schnei­den das KasimiraMate­ri­al abends zu einer sech­zig­mi­nü­ti­gen Sen­dung zusam­men.” (Zitat S.114) Als sei­ne Fami­lie davon erfährt, sind sie alle fas­sungs­los und erschüt­tert, fügen sich aber dann doch ihrem Schick­sal. Und bald ist das Leben der Fami­lie täg­lich auf Sen­dung. Aber nie­mand hat mit dem Ein­falls­reich­tum von Jackie gerech­net. Denn die will auf kei­nen Fall, dass das Leben ihres Vater so wür­de­los zu Ende geht. Mit Nagel­lack schwarz ange­mal­te Kame­ra­lin­sen sind da nur das ers­te Mit­tel ihres Plans…

Dass solch ein hef­ti­ges The­ma in dem Plot ver­steckt ist, ist auf den ers­ten Blick des Klap­pen­tex­tes gar nicht zu erken­nen. Hier wird gleich von einer Rea­li­ty­show gespro­chen, an der Jared teil­nimmt. Aber im Grun­de beginnt die Geschich­te durch das Ange­bot auf Ebay noch viel kras­ser: “Men­schen­le­ben zu ver­kau­fen — Fünf­und­vier­zig­jäh­ri­ger Mann, der noch Kasimiravier Mona­te zu leben hat, ver­kauft sein Leben an den Meist­bie­ten­den. Man kann mit ihm nach eige­nem Gut­dün­ken ver­fah­ren — ihn ver­skla­ven, umbrin­gen, fol­tern oder sich ein­fach nett mit ihm unter­hal­ten. Ein Men­schen­le­ben also, über das der Besit­zer unein­ge­schränkt ver­fü­gen kann.” (Zitat S.39) “Wel­co­me to rea­li­ty” regt defi­ni­tiv zum Nach­den­ken an. Darf man sich selbst ver­kau­fen? Und was ist über­haupt der Wert eines Men­schen­le­bens? Daher eig­net sich der Roman auch her­vor­ra­gend als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung, da er jede Men­ge Stoff für Dis­kus­sio­nen bie­tet! Auch akti­ve Ster­be­hil­fe ist mit­un­ter ein The­ma. Das Buch ist aus der Sicht eines all­wis­sen­den Erzäh­lers geschrie­ben, der sich in die unter­schied­lichs­ten Per­so­nen hin­ein­fin­det. Schon am Anfang des Buches fällt auf, wie beson­ders schön er cho­reo­gra­phiert ist, wie ange­nehm die Über­lei­tun­gen zu den nächs­ten Per­so­nen sind und wie gut sich alles inein­an­der­fügt. Da wird zum Bei­spiel von Jackies Lie­be zum Vater gespro­chen und ihren gemein­sa­men Don­ners­ta­gen und dar­über, Kasimiradass er sich selt­sa­mer­wei­se an die­sem Don­ners­tag zu ver­spä­ten scheint. Dann wird über­ge­lei­tet zu Jared und dem Grund, wes­halb er sich ver­spä­tet hat: weil er gera­de beim Arzt ist und dort von dem Tumor erfährt. Die nächs­te Per­spek­ti­ve ist außer­ge­wöhn­lich und wirkt — trotz Skur­ri­li­tät — uner­war­tet komisch, denn sie wird aus der Per­spek­ti­ve des Tumors erzählt: “Das Glio­blas­tom moch­te Jared Stones Gehirn. Es moch­te es sehr. Genau­er gesagt, fand es sein Gehirn köst­lich. Wie die meis­ten Lebe­we­sen hat­te der Tumor kei­ne Ahnung, wie er ent­stan­den war. Fast so, wie ein Baby aus dem Mut­ter­leibt kommt und die Brust sei­ner Mut­ter fin­det, wach­te das Glio­blas­tom ein­fach eines Tages auf, fraß sich durch die graue Sub­stanz in Jareds Front­al­lap­pen und wuss­te, dass es schön war, dort zu sein.” (Zitat S.11ff) Die­se Sicht­wei­se taucht immer wie­der in dem Roman auf und dient eben­so dazu Erin­ne­run­gen aus Jareds Leben nach­zu­er­zäh­len, da der Tumor die­se noch ein­mal erlebt, ehe er sie nach und nach ver­zehrt und für immer aus dem Gehirn sei­nes Wir­tes Kasimiraaus­löscht. All­ge­mein sind die Cha­rak­te­re in “Wel­co­me to rea­li­ty” sehr schön skiz­ziert, auch die auf Ebay mit­bie­ten­den Neben­fi­gu­ren wie die auf­rüh­re­ri­sche Non­ne, die mit­füh­len­de Online­g­ame­rin oder der durch­ge­knall­te Snob, der Jared am liebs­ten durch eine künst­li­che “Tri­bu­te von Panem”-Are­na jagen und umbrin­gen möch­te, geben dem Roman eine uner­war­te­te Kom­ple­xi­tät und Tie­fe; sor­gen aber auch für jede Men­ge skur­ri­ler Momen­te. Ich habe das Buch durch­weg wirk­lich rich­tig ger­ne gele­sen, es ist span­nend, äußerst unter­halt­sam, bewe­gend und reißt einen ein­fach mit. Das Ende ist berüh­rend und regt zum Nach­den­ken an.

Übri­gens: Ein etwas pein­li­cher Druck­feh­ler ist dem Ver­lag lei­der auf der Rück­sei­te des Buches pas­siert. “500 Mil­lio­nen Dol­lar für ein Leben” steht dort, rich­tig sind aller­dings 5 Mil­lio­nen;-)

Fazit: Bes­te Unter­hal­tung!!

Wenn dir “Wel­co­me to rea­li­ty” gefal­len hat, dann könn­te eben­so fol­gen­de Neu­erschei­nung etwas für dich sein: “Cain­storm Island: Der Gejag­te” von Marie GolieLesealternativenn, in dem die Haupt­fi­gur sogar noch auf hef­ti­ge­re Wei­se auf “Big Bro­ther­sche” Art über­wacht wird, ein rich­tig span­nen­der Page­tur­ner! Ein wenig muss­te ich in die­ser Hin­sicht auch an das schon etwas älte­re “Iso­liert” von Bet­ti­na Obrecht den­ken, in dem eine Fami­lie auf­grund einer Qua­ran­tä­ne­si­tua­ti­on auf ein­mal per Kame­ras und im Fern­se­hen über­wacht wird. Du magst Bücher mit hef­ti­gen The­men, die zum Nach­den­ken anre­gen? Dann wären viel­leicht auch fol­gen­de Bücher etwas für dich: “Die Liga der Guten” von Rüdi­ger Bertram, “But­ter” von Erin Jade Lan­ge oder “Nichts: Was im Leben wich­tig ist” von Jan­ne Tel­ler etwas für dich. Dass ein Eltern­teil an Krebs erkrankt und das Leben des Prot­ago­nis­ten auf den Kopf stellt, das fin­dest du zum Bei­spiel in “Pus­te­blu­men­ta­ge” von Rebec­ca West­cott und das bewe­gen­de “Sie­ben Minu­ten nach Mit­ter­nacht” von Patrick Ness

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31160-8
Erscheinungsdatum: 14.Januar 2019
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,99€ 
Seitenzahl: 400 
Übersetzer: Anja Galic
Originaltitel: "Life in a fishbowl" 
Originalverlag: Bloomsbury

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira











Amerikanischer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Amerikanisches Cover: Homepage von Bloomsbury

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