Lea-Lina Oppermann — Was wir dachten, was wir taten

15.August 2019

Die erst 19-jäh­ri­ge Ber­li­ner Autorin Lea-Lina Opper­mann wur­de für ihr Manu­skript zu “Was wir dach­ten, was wir taten” bereits mit dem Hans-im-Glück-Preis 2016 aus­ge­zeich­net. Jetzt ist das Buch neu als Taschen­buch erschie­nen und offen­bart eine hef­ti­ge, aber ganz beson­de­re Geschich­te über einen Amok­lauf, über Rache und dunk­le Geheim­nis­se. Ein Kam­mer­spiel der Extra­klas­se! Erzählt aus drei Per­spek­ti­ven. Span­nungs­ge­la­den und nach­denk­lich machend. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Mon­tag­mor­gen. In einer namen­lo­sen Schu­le. 14 Ober­stu­fen­schü­ler sit­zen im Mathe­ma­tik­un­ter­richt und brü­ten über einer Klau­sur, als plötz­lich eine selt­sa­me Durch­sa­ge ertönt: “Es ist ein schwer­wie­gen­des Sicher­heits­pro­blem auf­ge­tre­ten. Bit­te bewah­ren Sie Ruhe. Bege­ben Sie sich sofort in einen geschlos­se­nen Fach­raum und war­ten Sie auf wei­te­re Anwei­sun­gen.” (Zitat aus “Was wir dach­ten, was wir taten” S.7) Ein Fehl­alarm oder tat­säch­lich ein Amok­lauf? Rat­lo­sig­keit und begin­nen­de Unru­he machen sich unter den Schü­lern breit. Den­noch ver­an­lasst Herr Fil­ler, der Leh­rer, dass die Türe abge­schlos­sen wird. Dann ver­sucht er den Unter­richt fort­zu­set­zen, die Klau­sur wei­ter­schrei­ben zu las­sen. Doch der 17-jäh­ri­ge Mark, der Lea-Lina Oppermann - Was wir dachten, was wir tatendie Laut­spre­cher­durch­sa­ge — einen Moment der Ablen­kung — zunächst noch dazu genutzt hat, um eine Auf­ga­be von sei­nem Tisch­nach­barn abzu­schrei­ben, beschließt die Klas­sen­ar­beit nicht mehr zu Ende zu schrei­ben und knallt sie sei­nem Leh­rer auf das Pult: “Falls hier wirk­lich ein Irrer mit ’ner Knar­re rum­läuft, will ich die letz­ten Minu­ten mei­nes Lebens nicht mit Mathe ver­brin­gen.” (Zitat S.15) Die ande­ren Schü­ler zie­hen all­mäh­lich nach. Bre­chen eben­falls ab und brin­gen ihre halb aus­ge­füll­ten Blät­ter nach vor­ne. Man kann schließ­lich nicht Mathe machen, wenn eine Gefahr droht, die man nicht kennt. Und dann klopft es plötz­lich an der ver­schlos­se­nen Türe… Nach eini­gen Dis­kus­sio­nen, ob sie jetzt öff­nen sol­len oder nicht (es scheint ein klei­nes, wei­nen­des Mäd­chen davor zuste­hen, das nicht mehr in ihre Klas­se hin­ein­kam), las­sen sie die Schü­le­rin schließ­lich hin­ein. Und mit ihr einen ver­mumm­ten Amok­läu­fer, der die­sem Mäd­chen eine Knar­re an den Kopf hält! Doch anstatt auf Men­schen zu schie­ßen, schreibt der Unbe­kann­te “Mei­ne letz­ten Wün­sche” auf die Tafel und zieht einen Sta­pel Brie­fe aus sei­ner Tasche. Brie­fe mit Auf­ga­ben, die Herr Fil­ler vor­le­sen und ein­zel­ne Schü­ler erfül­len müs­sen. Unfass­ba­re Auf­ga­ben, denn der Täter scheint die Klas­se sehr gut zu ken­nen. Und mit ihr jedes ihrer dunk­len Geheim­nis­se…

Lea-Lina Oppermann - Was wir dachten, was wir tatenWas wir dach­ten, was wir taten” beginnt mit ein paar ein­lei­ten­den Wor­ten, die den Leser auf das Nach­fol­gen­de vor­be­rei­ten: “Wir wer­den dir erzäh­len, was wirk­lich pas­siert ist. An die­sem Tag. In die­sen 143 Minu­ten. Wir wer­den dir erzäh­len, was wirk­lich pas­siert ist. […] Wir waren dabei.” (Zitat S. 5) Unter­schrie­ben sind die Sät­ze von den drei Erzäh­lern die­ser Geschich­te, die sich im Haupt­teil — in rela­tiv kur­zen Kapi­teln und in Ich-Per­spek­ti­ve erzählt — abwech­seln: Fio­na, eine Schü­le­rin, die Angst vor der Dun­kel­heit hat und für Syl­ves­ter, den Klas­sen­lieb­ling, schwärmt. Mark, ein Ein­zel­kämp­fer, der kein wirk­li­ches Talent für Mathe hat und sich mit einem gewalt­tä­ti­gen Vater aus­ein­an­der­set­zen muss. Und Herr Fil­ler, der 32-jäh­ri­ge Leh­rer, der Win­ne­tou ver­ehrt und für den der Schul­all­tag ein Kampf ist, bei dem man als Leh­rer nicht wirk­lich zurück­schla­gen kann. Die Per­so­nen­cha­rak­te­ris­tik wird in vie­len Punk­ten nur ange­schnit­ten, was aber den nur 180 Sei­ten Umfang des Romans geschul­det ist. Trotz­dem ergibt sich dem Leser ein sehr inten­si­ves Bild einer Klas­sen­ge­mein­schaft, wie es sie (wenn auch etwas über­spitzt) in jeder Schu­le geben könn­te. Die Spra­che ist ein­fach und zum Teil umgangs­sprach­lich, abso­lut pas­send zu den jewei­li­gen Prot­ago­nis­ten. Mich hat “Was wir dach­ten, was wir taten” von Anfang packen kön­nen. Eine Geschich­te, die einen in einen Sog zieht, aus dem man sich so schnell nicht mehr befrei­en kann. Die Span­nung baut sich hier­bei mehr und mehr auf. Wäh­rend am Anfang noch alles unklar scheint und Fra­gen wie Lea-Lina Oppermann - Was wir dachten, was wir taten“Heißt das, wir müs­sen die Klau­sur nicht zu Ende schrei­ben?” (Zitat S.11) auf­tau­chen, oder Über­le­gun­gen wie “Von jetzt an wirst du immer etwas zu erzäh­len haben, kam es mir in den Sinn, in den Pau­sen, auf den Par­tys, immer. Viel­leicht wirst du sogar in Talk­shows ein­ge­la­den!” (Zitat S.64) ange­stellt wer­den, spitzt sich die Lage immer wei­ter zu, bis sie nahe­zu ner­ven­zer­rei­ßend sowohl für die Haupt­fi­gu­ren, als auch für die Leser wird. Beim Lesen schwankt man zeit­wei­se zwi­schen Ent­set­zen, Neu­gier­de und Fas­sungs­lo­sig­keit. Man ist voy­eu­ris­ti­scher Zuschau­er und zugleich doch irgend­wie mit­ten im Gesche­hen, als säße man selbst im Klas­sen­zim­mer und war­te dar­auf, Ziel­schei­be des nächs­ten Brie­fes, der geöff­net wird und der nächs­ten Auf­ga­be, die gestellt wird, zu wer­den. “Was wir dach­ten, was wir taten”, das zunächst noch den Arbeits­ti­tel “Die Wahr­heit und wir” trug, ist defi­ni­tiv kein ein­fa­ches Buch. Es ist eines der hef­ti­ge­ren Sor­te; eines, das an Gren­zen geht und dar­über hin­aus — aber es ist ein bril­lan­tes!* Sehr gut übri­gens auch geeig­net zur Auf­füh­rung eines Thea­ter­stücks oder als Klas­sen­lek­tü­re, da es sehr viel Stoff für Inter­pre­ta­tio­nen bie­tet.

*Scha­de fand ich nur, dass eine Andeu­tung zur Ver­gan­gen­heits­ge­schich­te des Täters nicht näher aus­ge­führt, son­dern nur ange­ris­sen wird. Da hät­te ich mir noch ein wenig mehr Infor­ma­tio­nen gewünscht.

Fazit: Auf jeden Fall und defi­ni­tiv lesens­wert, aber nichts für Zart­be­sai­te­te.

Wor­an mich “Was wir dach­ten, was wir taten” sofort erin­nert hat — ange­sichts der Hef­tig­keit und dem An-Gren­zen-Gehen einer Klas­se — ist der Roman “Nichts: was im Leben wich­tig ist” von Jan­ne Tel­ler, das in DäneLesealternativenmark sogar eini­ge Zeit auf dem Index stand. Eine der bes­ten Lese­al­ter­na­ti­ven! Ähn­lich hef­ti­ge Bücher (unab­hän­gig der The­ma­tik eines Amok­laufs) sind “Die Liga der Guten” von Rüdi­ger Bertram, “Won­der­land” von Chris­ti­na Stein und “Dreck­stück” von Clé­men­ti­ne Beau­vais. Roma­ne über Amok­läu­fe gibt es jede Men­ge. Rich­tig gut geschrie­ben ist “54 Minu­ten: Jeder hat Angst vor dem Jun­gen mit der Waf­fe” von Marie­ke Nij­kamp. Älte­re, sehr gelun­ge­ne Titel zum sel­bi­gen The­ma sind “Klas­sen­ziel” von T.A. Weg­berg, “Böser Bru­der, toter Bru­der” von Narin­der Dha­mi (mit einem kras­sen Ende!) und “Es wird kei­ne Hel­den geben” von Anna Seidl (eben­falls eine sehr jun­ge Autorin). Gut gefal­len haben mir auch “Ales­sas Schuld” von Bri­git­te Blo­bel und “Nach dem Amok” von Myri­am Keil. Oder lies das hef­ti­ge “Die Schü­ler von Win­nen­den” von Dani­el O.Bachmann, das auf wah­ren Bege­ben­hei­ten beruht. Ande­re Titel, die ich noch nicht gele­sen habe, sind “So vol­ler Wut” von Pete Smith und “Amok” von Man­fred Thei­sen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-74963-5
Erscheinungsdatum: 15.August 2019
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 7,95€ 
Seitenzahl: 179 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Eine kurze Hörprobe aus "Was wir dachten, was wir taten":

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)
Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

1 Kommentar

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