Die erst 19-jährige Berliner Autorin Lea-Lina Oppermann wurde für ihr Manuskript zu “Was wir dachten, was wir taten” bereits mit dem Hans-im-Glück-Preis 2016 ausgezeichnet. Jetzt ist das Buch neu als Taschenbuch erschienen und offenbart eine heftige, aber ganz besondere Geschichte über einen Amoklauf, über Rache und dunkle Geheimnisse. Ein Kammerspiel der Extraklasse! Erzählt aus drei Perspektiven. Spannungsgeladen und nachdenklich machend. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Montagmorgen. In einer namenlosen Schule. 14 Oberstufenschüler sitzen im Mathematikunterricht und brüten über einer Klausur, als plötzlich eine seltsame Durchsage ertönt: “Es ist ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem aufgetreten. Bitte bewahren Sie Ruhe. Begeben Sie sich sofort in einen geschlossenen Fachraum und warten Sie auf weitere Anweisungen.” (Zitat aus “Was wir dachten, was wir taten” S.7) Ein Fehlalarm oder tatsächlich ein Amoklauf? Ratlosigkeit und beginnende Unruhe machen sich unter den Schülern breit. Dennoch veranlasst Herr Filler, der Lehrer, dass die Türe abgeschlossen wird. Dann versucht er den Unterricht fortzusetzen, die Klausur weiterschreiben zu lassen. Doch der 17-jährige Mark, der
die Lautsprecherdurchsage — einen Moment der Ablenkung — zunächst noch dazu genutzt hat, um eine Aufgabe von seinem Tischnachbarn abzuschreiben, beschließt die Klassenarbeit nicht mehr zu Ende zu schreiben und knallt sie seinem Lehrer auf das Pult: “Falls hier wirklich ein Irrer mit ’ner Knarre rumläuft, will ich die letzten Minuten meines Lebens nicht mit Mathe verbringen.” (Zitat S.15) Die anderen Schüler ziehen allmählich nach. Brechen ebenfalls ab und bringen ihre halb ausgefüllten Blätter nach vorne. Man kann schließlich nicht Mathe machen, wenn eine Gefahr droht, die man nicht kennt. Und dann klopft es plötzlich an der verschlossenen Türe… Nach einigen Diskussionen, ob sie jetzt öffnen sollen oder nicht (es scheint ein kleines, weinendes Mädchen davor zustehen, das nicht mehr in ihre Klasse hineinkam), lassen sie die Schülerin schließlich hinein. Und mit ihr einen vermummten Amokläufer, der diesem Mädchen eine Knarre an den Kopf hält! Doch anstatt auf Menschen zu schießen, schreibt der Unbekannte “Meine letzten Wünsche” auf die Tafel und zieht einen Stapel Briefe aus seiner Tasche. Briefe mit Aufgaben, die Herr Filler vorlesen und einzelne Schüler erfüllen müssen. Unfassbare Aufgaben, denn der Täter scheint die Klasse sehr gut zu kennen. Und mit ihr jedes ihrer dunklen Geheimnisse…
“Was wir dachten, was wir taten” beginnt mit ein paar einleitenden Worten, die den Leser auf das Nachfolgende vorbereiten: “Wir werden dir erzählen, was wirklich passiert ist. An diesem Tag. In diesen 143 Minuten. Wir werden dir erzählen, was wirklich passiert ist. […] Wir waren dabei.” (Zitat S. 5) Unterschrieben sind die Sätze von den drei Erzählern dieser Geschichte, die sich im Hauptteil — in relativ kurzen Kapiteln und in Ich-Perspektive erzählt — abwechseln: Fiona, eine Schülerin, die Angst vor der Dunkelheit hat und für Sylvester, den Klassenliebling, schwärmt. Mark, ein Einzelkämpfer, der kein wirkliches Talent für Mathe hat und sich mit einem gewalttätigen Vater auseinandersetzen muss. Und Herr Filler, der 32-jährige Lehrer, der Winnetou verehrt und für den der Schulalltag ein Kampf ist, bei dem man als Lehrer nicht wirklich zurückschlagen kann. Die Personencharakteristik wird in vielen Punkten nur angeschnitten, was aber den nur 180 Seiten Umfang des Romans geschuldet ist. Trotzdem ergibt sich dem Leser ein sehr intensives Bild einer Klassengemeinschaft, wie es sie (wenn auch etwas überspitzt) in jeder Schule geben könnte. Die Sprache ist einfach und zum Teil umgangssprachlich, absolut passend zu den jeweiligen Protagonisten. Mich hat “Was wir dachten, was wir taten” von Anfang packen können. Eine Geschichte, die einen in einen Sog zieht, aus dem man sich so schnell nicht mehr befreien kann. Die Spannung baut sich hierbei mehr und mehr auf. Während am Anfang noch alles unklar scheint und Fragen wie
“Heißt das, wir müssen die Klausur nicht zu Ende schreiben?” (Zitat S.11) auftauchen, oder Überlegungen wie “Von jetzt an wirst du immer etwas zu erzählen haben, kam es mir in den Sinn, in den Pausen, auf den Partys, immer. Vielleicht wirst du sogar in Talkshows eingeladen!” (Zitat S.64) angestellt werden, spitzt sich die Lage immer weiter zu, bis sie nahezu nervenzerreißend sowohl für die Hauptfiguren, als auch für die Leser wird. Beim Lesen schwankt man zeitweise zwischen Entsetzen, Neugierde und Fassungslosigkeit. Man ist voyeuristischer Zuschauer und zugleich doch irgendwie mitten im Geschehen, als säße man selbst im Klassenzimmer und warte darauf, Zielscheibe des nächsten Briefes, der geöffnet wird und der nächsten Aufgabe, die gestellt wird, zu werden. “Was wir dachten, was wir taten”, das zunächst noch den Arbeitstitel “Die Wahrheit und wir” trug, ist definitiv kein einfaches Buch. Es ist eines der heftigeren Sorte; eines, das an Grenzen geht und darüber hinaus — aber es ist ein brillantes!* Sehr gut übrigens auch geeignet zur Aufführung eines Theaterstücks oder als Klassenlektüre, da es sehr viel Stoff für Interpretationen bietet.
*Schade fand ich nur, dass eine Andeutung zur Vergangenheitsgeschichte des Täters nicht näher ausgeführt, sondern nur angerissen wird. Da hätte ich mir noch ein wenig mehr Informationen gewünscht.
Fazit: Auf jeden Fall und definitiv lesenswert, aber nichts für Zartbesaitete.
Woran mich “Was wir dachten, was wir taten” sofort erinnert hat — angesichts der Heftigkeit und dem An-Grenzen-Gehen einer Klasse — ist der Roman “Nichts: was im Leben wichtig ist” von Janne Teller, das in Däne
mark sogar einige Zeit auf dem Index stand. Eine der besten Lesealternativen! Ähnlich heftige Bücher (unabhängig der Thematik eines Amoklaufs) sind “Die Liga der Guten” von Rüdiger Bertram, “Wonderland” von Christina Stein und “Dreckstück” von Clémentine Beauvais. Romane über Amokläufe gibt es jede Menge. Richtig gut geschrieben ist “54 Minuten: Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe” von Marieke Nijkamp. Ältere, sehr gelungene Titel zum selbigen Thema sind “Klassenziel” von T.A. Wegberg, “Böser Bruder, toter Bruder” von Narinder Dhami (mit einem krassen Ende!) und “Es wird keine Helden geben” von Anna Seidl (ebenfalls eine sehr junge Autorin). Gut gefallen haben mir auch “Alessas Schuld” von Brigitte Blobel und “Nach dem Amok” von Myriam Keil. Oder lies das heftige “Die Schüler von Winnenden” von Daniel O.Bachmann, das auf wahren Begebenheiten beruht. Andere Titel, die ich noch nicht gelesen habe, sind “So voller Wut” von Pete Smith und “Amok” von Manfred Theisen.
Bibliografische Angaben:Verlag: Beltz & Gelberg ISBN: 978-3-407-74963-5 Erscheinungsdatum: 15.August 2019 Einbandart: Taschenbuch Preis: 7,95€ Seitenzahl: 179 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: - Eine kurze Hörprobe aus "Was wir dachten, was wir taten":
Kasimiras Bewertung:
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Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-74963-5
Erscheinungsdatum: 15.August 2019
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 7,95€
Seitenzahl: 179
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -
Eine kurze Hörprobe aus "Was wir dachten, was wir taten":
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