Lea Coplin — Nichts zu verlieren. Außer uns.

Lea Coplin - Nichts zu verlieren. Außer uns.12.Oktober 2018

Die deut­sche Autorin Lea Coplin, die unter Pseud­onym schreibt, legt neu­en Lese­stoff nach. “Nichts zu ver­lie­ren. Aus­ser uns.” nimmt eine Neben­fi­gur aus ihrem Vor­gän­ger­ti­tel “Nichts ist gut. Ohne dich” und setzt sie in den Mit­tel­punkt des (unab­hän­gig zu lesen­den) Romans, um deren eige­ne Geschich­te zu erzäh­len. Ein ver­meint­lich arro­gan­ter Snob trifft auf eine tem­pe­ra­ment­vol­le, zum Lügen nei­gen­de Stra­ßen­mu­si­ke­rin. Zwei, die sich nicht aus­ste­hen kön­nen und sich auf einer Rei­se quer durch Schott­land uner­war­tet näher kom­men. Ein Road­mo­vie vol­ler gro­ßer Gefüh­le, unter­halt­sa­mer Dia­lo­ge und toll gezeich­ne­ter Cha­rak­te­re. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und für Erwach­se­ne.

Edin­burgh. Der 21-jäh­ri­ge Max von Lin­den, Sohn eines Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten, ist auf der Flucht vor sei­nem Vater. Des­sen Geburts­tag naht und dem will Max unbe­dingt aus dem Weg gehen, auch wenn sei­ne Mut­ter ihn bereits jetzt Tage vor­her mit Anru­fen und Nach­rich­ten des­we­gen bom­bar­diert. Wann ich begon­nen habe, mei­nen Vater zu has­sen, weiß ich nicht mehr. Es war so ein Ur-Gefühl, das sich ver­fes­tig­te über die Jah­re. Die Ahnung davon, dass es nicht genug war, ein­fach nur da zu sein, dass man auch genü­gen muss­te. Ansprü­chen. Erwar­tun­gen. Vor allem denen.” (Zitat aus “Nichts zu ver­lie­ren. Aus­ser uns.” S.56ff) Auf dem Flug­ha­fen stößt er uner­war­tet mit Lea Coplin Nichts ist gut. Ohne dich.einer Frem­den zusam­men, die ihn bei­na­he über den Hau­fen rennt: Lina. Klein, blon­de Haa­re, asym­me­tri­sche Flecht­fri­sur, Pier­cings in Nase und Unter­lip­pe, gro­ße, blaue Augen und kal­ter Blick. Auch sie ist aus Deutsch­land abge­hau­en, um als Stra­ßen­mu­si­ke­rin in Schott­land ein wenig Geld zu ver­die­nen. Und teilt gegen­über Max gleich ordent­lich aus, den sie für den Zusam­men­prall ver­ant­wort­lich macht. “Nie­mand wird mich auf­hal­ten. Nicht mei­ne Mut­ter, nicht ihr däm­li­cher Typ, ganz sicher kein daher­ge­lau­fe­ner Schön­ling, der sich für was Bes­se­res hält. (Zitat S.18) Linas Fami­li­en­ver­hält­nis­se sind eben­falls nicht die bes­ten: “Mei­ne Mut­ter behaup­tet immer, die Begeis­te­rung für die Musik hät­te ich von mei­nem Vater geerbt, dem Mann, der sie geschwän­gert und dann sit­zen gelas­sen hat und der ver­mut­lich ihre gro­ße, ein­zi­ge, alles über­schat­ten­de Lie­be war, was weiß ich. Was ich weiß, ist, dass sie all die ande­ren nie so geliebt hat. Ich weiß, dass sie mich nie so geliebt hat. Und Robin ver­mut­lich noch viel weni­ger — Robin, des­sen Vater sie nicht ein­mal wirk­lich kann­te, weil er nach einem One-Night-Stand ver­schwand.” (Zitat S.69) Ihre Mut­ter hat stän­dig wech­seln­de Bezie­hun­gen und hat ihren klei­nen Bru­der, der immer schon schwie­rig war und anders als die ande­ren Kin­der irgend­wann in ein Heim abge­ge­ben. Das kann Lina ihrer Mut­ter nicht ver­zei­hen. Und so hat sie nach einem letz­ten gro­ßen Streit schließ­lich das Wei­te gesucht: “Ver­mut­lich hat sie meiLea Coplin Nichts ist gut. Ohne dich.ne Sachen bereits ver­kauft, und Robins gleich mit. In dem neu­en Haus mit ihrem neu­en Typen ist sicher­lich kein Platz mehr für ihre miss­ra­te­nen Gören. Mir egal. Ich gehe sowie­so nicht zurück. […] Ich über­le­ge mir etwas, schnap­pe mir mei­nen klei­nen Bru­der und wer­de mich nie wie­der mit ihr oder ihrem Ego­is­mus befas­sen. Ich has­se sie.” (Zitat S.53) Jetzt in Edin­burgh lau­fen sich Max und Lina des Öfte­ren über den Weg. Er beob­ach­tet sie ab und zu beim Stra­ßen­mu­si­zie­ren. “Sie spielt Uku­le­le, neben dem Akkor­de­on. Sie ist gut. Nicht son­der­lich gut, aber pas­sa­bel. Und übt eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on aus, das muss ich ihr las­sen. Wie ein Auto­un­fall, von des­sen Anblick man sich nicht los­rei­ßen kann.” (Zitat S.55) Und eines Tages macht Max ihr einen über­ra­schen­den Vor­schlag. War­um nicht gemein­sam wei­ter durch Schott­land, hoch in den Nor­den, rei­sen? Sich das Geld dabei tei­len? Sozu­sa­gen eine Zweck­ge­mein­schaft grün­den? Lina kann Max nicht wirk­lich aus­ste­hen, lässt sich aber auf den Vor­schlag ein. “Für eine Sekun­de nur gerät das Lächeln in Max’ Gesicht ins Ungleich­ge­wicht, dann sitzt es wie­der, und auf ein­mal wird mir klar: Das ist es. Der Grund für die­se aber­wit­zi­ge Idee und sei­ne größ­te Schwach­stel­le in einem. Er lang­weilt sich. Und er kann nicht allein sein. Und des­halb ist er sogar bereit, Zeit mit einer ihm fast Frem­den zu ver­brin­gen, die noch dazu alles ande­re als sein Typ ist, ein­fach, weil er sonst nichts damit anzu­fan­gen weiß.” (Zitat S.98) Doch ihre gemein­sa­me Rei­se ver­än­dert alles. Ver­än­dert sie bei­de. Bis sie sich uner­war­tet näher kom­men…

Lea Coplin Nichts ist gut. Ohne dich.Das Cover von “Nichts zu ver­lie­ren. Aus­ser uns” war­tet nicht nur mit einem Cover auf, das dem Vor­gän­ger­ti­tel ähnelt, son­dern inter­es­san­ter­wei­se auch mit einem Recht­schreib­feh­ler: es heißt “aus­ser” statt “außer”, was even­tu­ell dem so har­mo­ni­scher wir­ken­den Schrift­bild geschul­det sein könn­te, ortho­gra­fisch gese­hen jedoch nicht unbe­dingt vor­bild­lich ist;-) Der Roman star­tet mit einer Sze­ne, in der Max und Lina nah neben­ein­an­der in einem Auto lie­gen und sie über das Lügen­ge­flecht sin­niert, in das sie ihm gegen­über hin­ein­ge­ra­ten ist. Dann setzt der Haupt­teil ein, der zwei Wochen zuvor beginnt. Aus meist sich abwech­seln­den Per­spek­ti­ven berich­ten Max und Lina in der jewei­li­gen Ich-Per­spek­ti­ve. Die Spra­che ist locker, ange­nehm und sehr flüs­sig. Zu Beginn wirkt die Hand­lung noch ein biss­chen zäh, kommt die Geschich­te erst lang­sam in Fahrt. Hier ist der größ­te Unter­schied zwi­schen “Nichts zu ver­lie­ren. Aus­ser uns.” und “Nichts ist gut. Ohne dich” zu erken­nen. Wäh­rend die Emo­tio­nen in letz­te­rem sogleich da sein, weil die Prot­ago­nis­ten sich bereits ken­nen, wird in die­sem Buch hier die Bezie­hung erst lang­sam auf­ge­baut. Erst im hin­te­ren Drit­tel des Romans war­ten dann die wirk­lich knis­tern­den Momen­te auf den Leser, wer­den die Gefüh­le inten­si­ver und taucht auch ein wenig Ero­tik auf. Was mir gut gefal­len hat, sind vor allem die schön aus­ge­ar­bei­te­ten Cha­rak­te­re. Max, der von Lina für einen Snob gehal­ten wird, aber gera­de nicht der typi­sche Ich-haue-das-gan­ze-Geld-mei­nes-Erzeu­gers-auf-den-Kopf ist, son­dern sich im Gegen­teil aus Geld nicht viel macht: Mein alter Herr ist unglaub­lich ent­täuscht von mir. So ent­täuscht, Lea Coplin Nichts ist gut. Ohne dich.dass er denkt, er kön­ne mich am bes­ten tref­fen, wenn er mir damit droht, den Geld­hahn zuzu­dre­hen, um mei­ne augen­schein­li­che Ver­schwen­dungs­sucht und mei­nen gräss­li­chen aus­schwei­fen­den Lebens­stil zu unter­bin­den, bloß — hat er es jemals getan? Nie. Und ins­ge­heim bewun­de­re ich ihn dafür, weil es bedeu­tet, dass ihm klar ist, dass mir im Grun­de nichts an all dem liegt, was man für sein Geld kau­fen kann.” (Zitat S.23) Und Lina, die zu einer her­vor­ra­gen­den Lüg­ne­rin gewor­den ist und Max nicht nur im Glau­ben lässt einen ande­ren Namen zu haben und aus der Schweiz, statt aus Ber­lin zu stam­men, son­dern ihm auch über ihre Fami­lie fal­sche Aus­künf­te gibt. Vor allem man­che Dia­lo­ge zwi­schen ihnen mit­zu­ver­fol­gen, ist ein wah­rer Genuss! Wie sie sich gegen­sei­tig aus der Reser­ve locken, sich Fra­gen stel­len, denen sie gegen­sei­tig aus­wei­chen und ihre Mas­ken nicht abset­zen wol­len: “Ich fra­ge mich, was an die­sem Jun­gen echt ist und was Fas­sa­de. Seit ich ihm das ers­te Mal begeg­net bin, gibt er sich die größ­te Mühe, über­le­gen zu wir­ken, abge­brüht und abge­klärt und über alles erha­ben. Er lässt sich durch nichts pro­vo­zie­ren — alles lässt ihn kalt. […] Es ist bloß… Ich habe nicht den Ein­druck, dass es wirk­lich so ist.(Zitat S.112) Schott­land­fans dür­fen im Übri­gen eine gro­ße Por­ti­on Lokal­ko­lo­rit in dem Roman erwar­ten. Es wer­den vie­le Städ­te und Sehens­wür­dig­kei­ten des Lan­des bereist und erwähnt. Natür­lich taucht auch Lean­der in “Nichts zu ver­lie­ren. Aus­ser uns.” in dem Buch auf, eben­so Bela, der drit­te Mit­be­woh­ner der WG in Mün­chen. Schät­zungs­wei­se wird es dann wahr­schein­lich noch eine Fort­set­zung geben, die Belas Sicht und sei­ne ganz eige­ne Lie­bes­ge­schich­te erzählt. Das Ende: pas­send und roman­tisch!

Du magst den Erzähl­stil von Lea Coplin? Dann lies noch den Vor­gän­ger­ti­tel, in dem die Geschich­te von Max’ bes­ten Freund Lean­der erzählt wird: “Nichts ist gut. Ohne dich, das ich per­sön­lich noch etwas bes­ser fand, als das zwei­te Buch. Unter ihLesealternativenrem Mäd­chennamen Alex­an­dra Pilz hat Lea Coplin übri­gens noch eine Tri­lo­gie ver­öf­fent­licht: “Zurück nach Hol­ly­hill” (Band 1),“Ver­liebt in Hol­ly­hill” (Band 2) und “Für immer Hol­ly­hill” (Band 3). Eben­falls für Erwach­se­ne hat sie unter dem Pseud­onym Anne San­der Roma­ne publi­ziert: “Som­mer in St.Ives”, “Mein Herz ist eine Insel” und “Som­mer­haus zum Glück”. Auch die ame­ri­ka­ni­sche Best­sel­ler­au­torin Col­le­en Hoo­ver ist eine sehr gute Alter­na­ti­ve zu Lea Coplin. Lies von ihr zum Bei­spiel “Zurück ins Leben geliebt”, “Nächs­tes Jahr am sel­ben Tag” und “Nur noch ein ein­zi­ges Mal”. Dir gefal­len Road­mo­vies mit Lie­bes­ge­schich­te? Eine sehr gute Alter­na­ti­ve zu “Nichts zu ver­lie­ren. Aus­ser uns.” ist “French Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip” von Mari­an de Smet oder das schon etwas älte­re “Kannst du” von Ben­ja­min Lebert. Gut gefal­len haben mir auch die Road­mo­vies “Glücks­dra­chen­zeit” von Kat­rin Zip­se (Süd­frank­reich, Thad­dä­aus-Troll-Preis 2014). Oder lies Der Sound­track mei­nes Lebens” von Jes­si Kir­by. Hier flie­gen zunächst auch ordent­lich die Fet­zen zwi­schen den Prot­ago­nis­ten.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-71799-1
Erscheinungsdatum: 21.September 2018
Einbandart: Broschur
Preis: 10,95€ 
Seitenzahl: 368 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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