Lauren Wolk — Eine Insel zwischen Himmel und Meer

Lauren Wolk - Eine Insel zwischen Himmel und Meer9.Februar 2018

Die ame­ri­ka­ni­sche Auto­rin Lau­ren Wolk hat mit “Eine Insel zwi­schen Him­mel und Meer” nun bereits ihr zwei­tes Buch ver­öf­fent­licht. Ein Roman über das Leben auf einer klei­nen Insel, der Suche nach den eige­nen Wur­zeln und der Bedeu­tung von Fami­lie. Eine sanf­te, ruhi­ge und sprach­lich schön erzähl­te Geschich­te. Ein lite­ra­ri­sches Klein­od. Für Jugend­li­che ab 11 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

1925. Auf den Eli­sa­beth-Inseln. Hier lebt die nun 12-jäh­ri­ge Crow. “Ich hei­ße Crow. Crow wie die Krä­he. Als ich noch ein Baby war, hat mich jemand in ein altes Boot gepackt und aufs Meer hin­aus­ge­scho­ben. Wie ein Samen­korn auf einer hohen Wel­le bin ich auf einer win­zi­gen Insel an Land gespült wor­den.” (Zitat aus “Eine Insel zwi­schen Him­mel und Meer” S.7). Ein Mann, den Crow nur Osh nennt, hat sie damals gefun­den. Sie wur­de an den Strand sei­ner klei­nen Insel gespült, auf der er in einer klei­nen, not­dürf­tig zusam­men­ge­bas­tel­ten Hüt­te lebt. Und da nie­mand Crow ver­miss­te, blieb sie ein­fach bei ihm. “Osh hat­te unse­re Hüt­te selbst gebaut, aus Mate­ri­al, das er von nahe gele­ge­nen Schiffs­wracks los­lö­sen konn­te, Lauren Wolk - Eine Insel zwischen Himmel und Meerdie lang­sam im Mee­res­bo­den ver­san­ken, bei Stür­men aus­ein­an­der­bra­chen oder Stück für Stück ver­schwan­den. Alles ande­re an und in unse­rem Haus war Treib­gut, das so zufäl­lig bei uns ange­lan­det war wie ich auch.” (Zitat S.15) Doch trotz der ein­fa­chen Ver­hält­nis­se, in denen sie leben, haben Crow und Osh haben alles, was sie brau­chen. Wenn die Ebbe kommt, dann kön­nen sie in dem nied­ri­gen Was­ser bis zu nächs­ten klei­nen Insel hin­über­wa­ten, auf der Miss Mag­gie lebt. Die Frau mit den vie­len Tie­ren, um die die­se sich auf­op­fe­rungs­voll küm­mert. Und nicht nur um die, son­dern auch um Crow sorgt sie sich, unter­rich­tet sie oder bringt ihr eine war­me Sup­pe, wenn das Mäd­chen krank ist. Die ande­ren Leu­te von der nächs­ten Insel hal­ten aber lie­ber Abstand zu Crow. Angeb­lich soll sie von der Insel Peni­k­e­se stam­men, auf der frü­her sämt­li­che Lepra-Erkrank­te in einem Kran­ken­haus gelebt haben. Aber Mag­gie ist auf ihrer Sei­te: “Wir wis­sen ja nicht ein­mal, ob du tat­säch­lich von dort gekom­men bist. Und selbst wenn, ist es so gut wie abso­lut sicher, dass du die Krank­heit nicht hast, hörst du?” (Zitat S.33) Doch der Gedan­ke an ihre Ver­gan­gen­heit lässt Crow nicht los. Als auf Peni­k­e­se meh­re­re Näch­te lang ein klei­nes Feu­er zu sehen ist und dort angeb­lich ein neu­er Vogel­wart arbei­ten soll, beschließt sie mehr über das Leben auf jener Insel her­aus­zu­fin­den und über ihre Her­kunft. Nicht ahnend in was für ein Wes­pen­nest sie bald ste­chen wird…

Lauren Wolk - Eine Insel zwischen Himmel und MeerEine Insel zwi­schen Him­mel und Meer” ist eine ganz beson­de­re Geschich­te. Anmu­tig wie ein Mär­chen, unter­halt­sam wie ein Aben­teu­er­buch und authen­tisch wie ein Ado­les­zenz­ro­man. Mit außer­ge­wöhn­li­chen Cha­rak­te­ren, die man ein­fach in sein Herz schlie­ßen muss — allen vor­an Crow mit ihrer lie­bens­wür­di­gen, klu­gen Art. Ein Mäd­chen, das nicht viel braucht um glück­lich zu sein, dem mate­ri­el­le Din­ge nichts bedeu­ten und die die Schät­ze des Mee­res, die an den Strand gespült wer­den, ach­tet. Es ist ein ein­fa­ches Leben, das Lau­ren Wolk in den Mit­tel­punkt ihres Roman setzt, eines jen­seits von Kon­sum, Ver­städ­te­rung und Hek­tik. Crow und Osh mögen die Stadt nicht. Ein­mal hält sich Crow dort für einen Tag lang auf und sehnt sich sofort nach dem Leben auf “ihrer” Insel zurück, wo sie wie­der ihre Schu­he aus­zie­hen und bar­fuß über den Boden lau­fen kann. Auch die Zeit spielt in ihrer bei­der Leben kei­ne Rol­le. Sie rich­ten sich ganz allein nach Tag und Nacht, Ebbe und Flut und den Bege­ben­hei­ten des Wet­ters. Es ist sehr berüh­rend zu lesen, wie Crow, jetzt als sie älter wird, sich all­mäh­lich mit den Fra­gen über ihre Her­kunft aus­ein­an­der­setzt und dem Gan­zen auf den Grund gehen möch­te: Wer hat­te mich damals ange­schaut, als ich wie eine zar­te, gera­de auf­ge­hen­de Blü­te war, und beschlos­sen, mich den Wel­len anzu­ver­trau­en? Und war­um? All diese Fra­gen trug ich mit mir her­um wie einen SacLauren Wolk - Eine Insel zwischen Himmel und Meerk, der mit jedem Jahr schwe­rer wur­de, auch wenn ich mich im Lau­fe der Zeit dar­an gewöhnt hat­te. Auch wenn ich nicht unglück­lich war mit dem Leben, das ich hat­te. Ich woll­te es ein­fach nur wis­sen. Ver­ste­hen. Den Sack end­lich able­gen kön­nen.” (Zitat S.16ff) Und auch wenn es immer wie­der ruhi­ge­re Sequen­zen in dem Buch gibt, so ist es sprach­lich zuwei­len sehr poe­tisch und kraft­voll erzählt. Wie Lau­ren Wolk in einem Nach­wort erzählt, beru­hen man­che Tei­le der Geschich­te sogar auf Din­gen, die sich damals wirk­lich so zuge­tra­gen haben. So hat die Insel Peni­k­e­se mit ihrem Lepra-Kran­ken­haus tat­säch­lich exis­tiert und auch ein Vogel­wart soll anschlie­ßend dar­auf gear­bei­tet haben. Den Rest hat die Auto­rin zu einer fas­zi­nie­ren­den, bewe­gen­den Geschich­te zusam­men gespon­nen, mit der sie ihre Leser gefan­gen nimmt. Das Ende ist pas­send, weil rea­lis­tisch, und die letz­ten Sät­ze geben einen ganz beson­de­ren Aus­klang.

Fazit: Ein herz­er­wär­men­des Buch, das anders ist und eine schö­ne Bot­schaft hat!

Wenn dir Lau­ren Wolks Schreib­stil gefällt, lies unbe­dingt noch den ers­ten Roman, den sie ver­öf­fent­licht hat (wobei sie zeit­lich gese­hen “Eine Insel zwi­schen Him­mel uLesealternativennd Meer” zuerst geschrie­ben hat): “Das Jahr, in dem ich lügen lern­te”Die­ses spielt wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs und stellt vor allem die The­men Mob­bing und Zivil­cou­ra­ge in den Vor­der­grund. Auf der Suche nach den eig­nen Wur­zeln befin­den sich eben­so die Prot­ago­nis­ten in fol­gen­den Büchern“Herz­mu­schel­som­mer” von Julie Leu­ze (ab 14 bzw 15 Jah­ren), “Lau­ren, ver­misst” von Sophie McKen­zie (ab 12 Jah­ren) und “Mari­en­kä­fer­ta­ge” von Uticha Mar­mon (mit einer schö­nen Spra­che erzählt, ab 13 Jah­ren). Eine neue Fami­li­en­si­tua­ti­on fin­det sich auch in “Der Som­mer der Eulen­fal­ter” von Sara Pen­ny­packer (ab 11 Jah­ren) und in “Schwei­gen ist Gold­fisch” von Anna­bel Pit­cher (ab 12 Jah­ren). Eine der bes­ten Lese­al­ter­na­ti­ven ist jedoch “Minous Geschich­te” von Met­te Jakobsen (ab 14 Jah­ren), das eben­falls auf einer Insel spielt, sprach­lich außer­ge­wöhn­lich erzählt ist und eine schö­ne Fami­li­en­ge­schich­te wider­gibt.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-64035-0
Erscheinungsdatum: 9.Februar 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,95€ 
Seitenzahl: 288 
Übersetzer: Birgitt Kollmann
Originaltitel: "Beyond the bright sea"
Originalverlag: Penguin Books

Amerikanisches Originalcover:
Lauren Wolk - Eine Insel zwischen Himmel und Meer

Lauren Wolk spricht über ihr Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Dir gefällt die­ser Bei­trag? Dann abon­nie­re “Kasi­mi­ra” ein­fach
und erhal­te eine E-Mail
sobald ein neu­er Bei­trag erscheint!

----------------------------------------------
Amerikanisches Cover: Homepage von Penguin Books

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.