Lauren Wolk — Das Jahr, in dem ich lügen lernte

Lauren Wolk Das Jahr in dem ich lügen lernte30.Januar 2017

Das Jahr, in dem ich lügen lern­te” ist der Debüt­ro­man der ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­le­rin Lau­ren Wolk. Über Mob­bing, Vor­ur­tei­le, Zivil­cou­ra­ge und Mut. In Ame­ri­ka, vor den Hin­ter­grün­den des zwei­ten Welt­kriegs. Eine beson­de­re Geschich­te über ein Mäd­chen, das über sich hin­aus­wächst. Bewe­gend und mit­rei­ßend erzählt. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Penn­syl­va­nia. Im Herbst 1943. Die 11-jäh­ri­ge Anna­bel­le lebt mit ihren zwei klei­ne Brü­dern, ihren Eltern, Groß­el­tern und ihrer Tan­te auf einer Farm. Täg­li­che Arbeit auf dem Hof gehört zu ihren Pflich­ten. In die Schu­le, in die sie geht, gibt es nur eine gro­ße Klas­se, in der die Schü­ler aller Alters­klas­sen zusam­men unter­rich­tet wer­den. Man­che Jun­gen kom­men nur unre­gel­mä­ßig zur Schu­le. Wenn sie Glück haben, wer­den sie von der Armee nicht ein­ge­zo­gen wer­den, weil man sie braucht, um die Äcker zu bestel­len. Wer neu­er­dings jedoch fast regel­mä­ßig zum Unter­richt kommt, ist Bet­ty. Sie wur­de von ihrem Eltern zu den Groß­el­tern aufs Land geschickt, gilt als “schwer erzieh­bar”, auch wenn Anna­bel­le zunächst nicht wirk­lich ver­steht, was damit gemeint ist. Unwei­ger­lich wird sie zu Bet­tys Opfer erko­ren, die sie schi­ka­niert, sie bedroht und sie zwingtLauren Wolk Das Jahr in dem ich lügen lernte, ihr irgend­et­was mit­zu­brin­gen, sonst wür­de sie ihre Brü­der ver­prü­geln. Ein Pen­ny, den Anna­bel­le ihr mit­bringt, ist ihr nicht genug — ein Stock für Hie­be auf die Hüf­te schnell gefun­den. Bet­ty bringt sogar eine Wach­tel mit blo­ßen Hän­den um. “Ich woll­te, dass Bet­ty dahin ver­schwand, wo sie her­ge­kom­men war. Ich woll­te die Uhr zurück­stel­len, zurück zu der Stun­de, bevor Bet­ty zu uns kam. Ich woll­te alles rück­gän­gig machen, alles aus mei­nem Gedächt­nis strei­chen.” (Zitat S.62) Doch eines Tages geht Bet­ty zu weit und beschul­digt den schrul­li­gen Kriegs­ve­te­ran Toby, einen Stein auf Anna­bel­les Freun­din Ruth geschmis­sen zu haben…

Der Roman beginnt mit einem Vor­wort, in dem die Ich-Erzäh­le­rin erklärt, dass das Jahr, in dem sie zwölf wur­de, das Jahr sei, in dem sie zu lügen lern­te. “Damit mei­ne ich nicht die übli­chen klei­nen Schwin­de­lei­en von Kin­dern. Ich mei­ne wirk­li­che Lügen, die von wirk­li­chen Ängs­ten gespeist wer­den. Din­ge, die ich sag­te oder tat und die mich aus dem Leben, das ich bis dahin gekannt hat­te, hin­aus­zerr­ten und hart in einem ande­ren lan­den lie­ßen.” (Zitat S.7) Und dass dies das Jahr sei, in dem sie begriff, dass alles, was sie tat oder sag­te, Fol­gen haben wür­de. Dann beginnt der Haupt­teil, der in Kapi­tel unter­teilt und eben­falls aus Anna­bel­les Sicht berich­tet wird. Immer wie­der macht sie hier­bei Andeu­tun­gen, die neu­gie­rig machen und kom­men­tiert ihre Erzäh­lung: “Alles bLauren Wolk Das Jahr in dem ich lügen lernteegann mit mei­nem Spar­schwein aus Por­zel­lan,…” (Zitat S.9), Ich ahn­te ja nicht, wie kom­pli­ziert die Din­ge noch wer­den wür­den… (Zitat S.78) “An die­ser Stel­le hät­te die Geschich­te enden kön­nen…” (Zitat S.218) Die Kapi­tel­an­fän­ge sind mit gräu­li­chen Blät­tern und Ästen ver­ziert und bil­den das Cover im Innen­teil nach. Letz­te­res ist wirk­lich auf­fal­lend schön gestal­tet und mit den in die Bäu­me hin­ein­ge­schrie­be­ne Wor­te sehr kunst­voll arran­giert. Ich muss jedoch geste­hen, dass ich mir vom Klap­pen­text her etwas ganz ande­res bei “Das Jahr, in dem ich lügen lern­te” vor­ge­stellt habe. Auch die bei­lie­gen­den Kar­ten (wahr­schein­lich nur beim Lese­ex­em­plar und nicht bei der Ver­kaufs­aus­ga­be) sug­ge­rier­ten eine Sprach­ge­wal­tig­keit (z.B. “Der Wind trieb mei­ne Wor­te davon wie Wol­ken­schat­ten, so als wäre es wich­ti­ger, dass ich sie aus­ge­spro­chen hat­te, als dass jemand sie hör­te.”), die zwar durch­aus vor­kam, aber im Fließ­text manch­mal ein wenig unter­ging, da sie nur sehr spo­ra­disch zu fin­den war. Doch anstatt einer typi­sche Mob­bing- und Böses-Mäd­chen-bringt-das-Leben-der-Prot­ago­nis­tin-durch­ein­an­der-Geschich­te erwar­tet den Leser erst mal etwas ganz Ande­res: man fin­det sich in einer länd­li­chen Idyl­le wie­der, die zwar durch die Ein­wir­kun­gen des Zwei­ten Welt­kriegs tan­giert wird, aber den­noch das all­täg­li­che, bäu­er­li­che Leben einer Fami­lie schil­dert. Vor allem der his­to­ri­sche Kon­text gibt dem Roman noLauren Wolk Das Jahr in dem ich lügen lerntech ein­mal eine ganz ande­re Gewich­tung. Etwas, dass der Klap­pen­text nicht ver­rät. Aller­dings muss ich eben­falls zuge­ben, hat mir das, was ich in “Das Jahr, in dem ich lügen lern­te” schließ­lich bekom­men habe — obwohl ja nicht ver­mu­tet- sehr gut gefal­len. Der Roman ist erzäh­le­risch sehr flüs­sig und ange­nehm zu lesen, mit manch klu­gen Gedan­ken: “Und dann kam mir ein bes­se­rer Gedan­ke, und der beglei­te­te mich von da an: Wenn mein Leben nicht mehr war als eine ein­zi­ge Note in einer end­lo­sen Sin­fo­nie, muss­te ich dann nicht die­sen einen Ton so lang und so laut spie­len, wie ich konn­te?” (Zitat S.211). Und Anna­bel­le ist eine bezau­bern­de Prot­ago­nis­tin, die zeigt, was es bedeu­tet sich für jeman­den ein­zu­set­zen. Ist man in der Geschich­te ein­mal drin, kann man sich ihr so schnell nicht mehr ent­zie­hen und kann nur gebannt mit ver­fol­gen, was pas­siert.

LesealternativenWenn dich das The­ma Zivil­cou­ra­ge inter­es­siert, kann ich mehr sehr gut “Kein ein­zi­ges Wort” von Andre­as Jung­wirth vor­stel­len, aber auch “Wach auf, wenn du dich traust” von Ange­la Mohr, das zudem rich­tig span­nend ist. Beson­de­re Geschich­ten, die im Zwei­ten Welt­krieg spie­len und bei denen Freund­schaft ganz groß geschrie­ben wird, sind “Win­ter­pfer­de” von Phi­lip Kerr und “Der Jun­ge im gestreif­ten Pyja­ma” von John Boy­ne. Ande­re hef­ti­ge Bücher wäh­rend des­sel­bi­gen Krie­ges, die nach­denk­lich machen, wären “Anna und der Schwal­ben­mann” von Gavri­el Savit und “War­um wir Gün­ter umbrin­gen woll­ten” von Her­mann Schulz.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-25494-7
Erscheinungsdatum: 30.Januar 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€ 
Seitenzahl: 272 
Übersetzer: Birgitt Kollmann
Originaltitel: "Wolf Hollow"
Originalverlag: Dutton Children's Books

Amerikanisches Originalcover: 
Lauren Wolk Das Jahr in dem ich lügen lernte











Amerikanischer Buchtrailer:

Kasimiras Bewertung:

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Amerikanisches Cover: Homepage von Lauren Wolk

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