Lauren Oliver hat endlich einen neuen Roman veröffentlicht: “Als ich dich suchte”. Die amerikanische Autorin, die für ihr erstes Buch (“Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie”) mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 nominiert wurde, widmet sich in ihrem aktuellen Werk dem komplexen Verhältnis zweier Schwestern zueinander. Eine Geschichte über Veränderung, Verlust und das Verschwinden. Behutsam erzählt und tiefgründig. Für mich eines ihrer besten Bücher und ein Lesehighlight unter den Frühjahrsnovitäten! Für Jugendliche ab 13 Jahren und für Erwachsene.
Somerville. Massachusetts. Die 16-jährige Dara und die 17-jährige Nicole, genannt Nick, sind nicht nur beste Freundinnen, sondern gleichzeitig auch Schwestern: “Dara legt mir einen Arm um die Schulter, beugt sich vor, um mir etwas ins Ohr zu flüstern. […] “Beste Freundinnen”, sagt sie und ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie mich umarmt oder sich an mich hängt. “Stimmt’s Nick? Nichts — gar nichts — kann daran etwas ändern.” (Zitat S.16) Und doch hat sich etwas ganz drastisch zwischen den beiden verändert. Seit der Party. Seit dem Unfall. Seit Nicks bester Freund Parker
irgendwie nicht mehr ihr bester Freund ist: “Wo ist Parker?”, frage ich bemüht beiläufig. Anschließend ärgere ich mich, dass ich mich überhaupt bemühen muss. Aber seit Dara angefangen hat … was auch immer sie mit ihm macht, ist es unmöglich für mich, über meinen ehemals besten Freund zu sprechen, ohne das Gefühl zu haben, mir würde eine Christbaumkugel im Hals stecken.” (Zitat S.10ff) Dara ging ständig aus, trank viel und machte gerne Party. Doch seit dem Unfall ist alles anders. Sie spricht nicht mehr mit Nick, die eine Zeit lang bei dem Vater gelebt hat und jetzt wieder zu Dara und ihrer Mutter gezogen ist. Sie hat seit Monaten das Haus nicht mehr verlassen. Parker nicht mehr gesehen. “Ich habe keine Ahnung, was sie den ganzen Tag über da oben in ihrem Zimmer macht — wahrscheinlich schläft sie und Mom nervt sie natürlich nie deswegen. Seit dem Unfall ist Dara tabu, als wäre sie eine Figur aus Glas, die zerbrechen könnte, wenn wir sie anfassen. Aber jeden Morgen sehe ich abgebrochene Rosenknospen im Garten, ein Beweis dafür, dass sie sich wieder das Spalier hoch- und runtergehangelt hat.” (Zitat S.47) Auch Nick hat Parker länger nicht gesehen. Bis sie ihm bei ihrem Ferienjob in einem Freizeitpark wieder über den Weg läuft. Er ist ebenfalls einer der Mitarbeiter. Allmählich muss Nick sich dem stellen, was in jener Nacht geschehen ist, als der Unfall passierte…
Was mir an “Als ich dich suchte” richtig gut gefallen hat, sind die lebensnahen Charaktere. Dara und Nick.
“So ist das mit Dara und mir: Wir sind uns ähnlich und doch trennen uns Welten. Wie Sonne und Mond oder Seestern und Stern: irgendwie verbunden, klar, aber gleichzeitig absolut und vollkommen unterschiedlich. Und Dara ist immer diejenige, die fürs Glänzen zuständig ist.” (Zitat S.66)
Sie sind verschieden, aber halten zusammen wie Pech und Schwefel. Zumindest taten sie das, bis kurz vor dem Unfall, der in dem Roman ein großes, zentrales Geheimnis darstellt, das man so einfach nicht zu lösen weiß. Die Charaktere sind nicht immer leicht zu greifen, und gerade das ist das Faszinierende an dem Roman. Man stolpert förmlich von Vermutung zu Vermutung, versucht sich ein Bild zu machen von der Beziehung der beiden, und muss dieses immer wieder neu revidieren.
“Da ist sie, flimmert zwischen uns auf wie eine Fata Morgana: Dara in Hotpants und Highheels, die Wimpern dick mit Mascara geschminkt, der Staub auf ihren Wangen hinterlässt; Dara, die lacht, immer lacht, und uns sagt, wir müssten uns keine Sorgen machen, ihr passiere nichts, sie trinke nie, selbst wenn ihr Atem nach Vanillewodka riecht; Dara, die Schöne, die Beliebte, das Problemkind, das alle lieben — meine kleine Schwester.” (Zitat S.31)
Dies trifft auch auf Parker zu, dessen Verhalten nicht immer ganz durchschaubar scheint. Mal glaubt man, erkannt zu haben, wie es weitergehen könnte, schon handelt er ganz anders, als man es erwartet. Diese Vielschichtigkeit der Figuren gibt “Als ich dich suchte”
unheimlich viel Tiefe; sorgt nicht nur für Überraschungen, sondern gibt der Geschichte vor allem eines — jede Menge Authentizität! Und auch wenn es mal Teile in dem Buch gibt, die ruhiger erzählt werden, in denen sich nicht großartig viel ereignet, ist es immer wieder erfrischend und unterhaltsam Lauren Olivers Protagonisten zu begleiten und agieren zu sehen.
“So lange ich mich erinnern kann, haben mich die Leute immer mit Dara verglichen statt andersherum. Sie ist nicht so hübsch wie ihre jüngere Schwester.. schüchterner als ihre jüngere Schwester … nicht so beliebt wie ihre jüngere Schwester… Das Einzige, worin ich immer besser war als Dara, war das Normalsein.” (Zitat S.35)
Besonders Gefühle kann die Autorin sehr bewegend rüberbringen und Stimmungen einfangen, wie zum Beispiel diese: “Plötzlich werde ich so wütend, dass ich irgendetwas schlagen könnte. Das ist alles Daras Schuld. Dara ist diejenige, die beschlossen hat, nicht mehr mit mir zu reden. Es ist Daras Schuld, dass ich mit dem Gefühl herumlaufe, eine Bowlingkugel in der Brust zu haben, die jeden Moment meinen Magen durchschlagen und meine Eingeweide auf dem Boden verteilen könnte.(Zitat S.36)
Der Roman wird aus mehreren Perspektiven und in verschiedenen Zeitebenen erzählt. Es gibt ein “Vorher” und ein “Nachher”, in dessen Mitte der mysteriöse Autounfall steht, über den man nur wenig erfährt. Und es sind Dara und Nick, die aus ihren Blickwinkeln berichten. Teils in Tagebucheinträgen, teils in reellem Erleben. Doch auch Inhalte von Grußkarten und Internetartikel, die beispielsweise über das Verschwinden eines 9‑jährigen Mädchens aus der Gegend berichten, werden in dem Buch abgebildet. Und immer wieder fallen geheimnisvolle Andeutungen: “Nick will ich auf keinen Fall sehen. Nicht nach dem, was sie gesagt hat. Ich bin überhaupt nicht wie sie. Die perfekte Nicki. Das brave Mädchen. Ich bin überhaupt nicht wie sie.” (Zitat S.39) Was hat Nick gesagt? Warum sprechen die Schwestern nicht mehr miteinander? Warum sind die beiden Mädchen bereits vor dem Unfall zu einem Therapeuten gegangen? Was ist bei dem Unfall passiert? Fragen über Fragen, die sich wie ein roter Faden durch “Als ich dich suchte” ziehen und auf ein großes Ganzes zusteuern. Und ganz ehrlich: das Ende hat mich wirklich vom Hocker gehauen! Großartig!!
Fazit: Ein außergewöhnliches, extrem lesenswertes Buch, das heraussticht unter den Neuerscheinungen!
Wenn dir “Als ich dich suchte” gefallen hat, dann lies noch die anderen Bücher, die Lau
ren Oliver geschrieben hat! Für ihr erstes Buch wurde sie — wie bereits erwähnt — 2011 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Anschließend folgte ihre “Delirium”-Trilogie (Band 1: “Delirium”, Band 2: “Pandemonium” und Band 3: “Requiem”). “Panic: Wer Angst hat ist raus” erschien 2014 auf Deutsch und ein Jahr später “Liesl & Mo und der mächtigste Zauber der Welt” (ein fantastisches Kinderbuch, ab 10 Jahren). Zwei Lesealternativen zu “Als ich dich suchte”, die gewisse Parallelen haben und mir sofort beim Lesen einfielen, sind “Solange wir lügen” von E.Lockhart und “Feuerschwester” von Emiko Jean. Du magst Schwesterngeschichten im Allgemeinen? Dann stöbere einmal hier.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-58351-2 Erscheinungsdatum: 1.Februar 2017 Einbandart: Hardcover Preis: 19,99€ Seitenzahl: 368 Übersetzer: Katharina Diestelmeier Originaltitel: "Vanishing Girls" Originalverlag: Hodder & Stoughton Amerikanisches Originalcover:
Kasimiras Bewertung:
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Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58351-2
Erscheinungsdatum: 1.Februar 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,99€
Seitenzahl: 368
Übersetzer: Katharina Diestelmeier
Originaltitel: "Vanishing Girls"
Originalverlag: Hodder & Stoughton
Amerikanisches Originalcover:
