Laura Zimmermann — Meine Augen sind hier oben

Kasimira21.September 2020

Mei­ne Augen sind hier oben” ist das Jugend­buch­de­büt der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Lau­ra Zim­mer­mann. Ein Roman über ein Mäd­chen, das unter ihrer gro­ßen Ober­wei­te lei­det. Eine Geschich­te, die Mut macht zu sich selbst zu ste­hen und sich nicht zu ver­ste­cken. Die mit äußerst lie­bens­wer­ten Cha­rak­te­ren auf­war­tet und ein­fach unheim­lich schön und mit einem herr­li­chen Humor erzählt wird. Lese­tipp! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 15-jäh­ri­ge Gre­er hat ein Pro­blem. Eher gesagt zwei. Sie ste­hen ihr im Weg und hin­dern sie dar­an ein nor­ma­les Leben zu füh­ren: ihre Brüs­te, die sie nur Don­na und Doria nennt und die ein­fach viel zu groß sind. Sie stö­ren sie bei allem. Des­halb trägt sie nur noch Kla­mot­ten in Über­grö­ße und ver­sucht ihre Ober­wei­te zu ver­ste­cken. Auch sonst ver­hält sie sich eher unauf­fäl­lig: “Ich mache kei­nen Sport, kei­nen Ärger, spie­le nicht Thea­ter. Ich bin nicht die Sor­te Mäd­chen, mit dem manKasimira aus­ge­hen will. Ich bin nur das klu­ge Mäd­chen. Das klu­ge Mäd­chen, das immer die Arme vor der Brust ver­schränkt. (Zitat aus “Mei­ne Augen sind hier oben” S.14) Dar­über reden, das will Gre­er nicht, nicht mit ihrer Mut­ter, und auch nicht mit ihrer bes­ten Freun­din Mag­gie. Doch dann gesche­hen zwei Din­ge in ihrem Leben, die alles ver­än­dern: sie lernt Jack­son ken­nen, den Sohn eines Kun­den ihrer Mut­ter, die sich um Men­schen küm­mert, die frisch zuge­zo­gen sind und ihnen das Ein­ge­wöh­nen erleich­tert. “Aus Jack­sons Sicht könn­te ich alles sein. Das klu­ge Mäd­chen plus. […] Irgend­wie macht es Spaß, sich vor­zu­stel­len, mal ganz anders sein zu kön­nen, auch wenn er mich sofort durch­schau­en wird, sobald er in der Schu­le ist.” (Zitat S.14 ff) Und Gre­er wird Mit­glied der Vol­ley­ball­mann­schaft. Mit einem spe­zi­el­len Sport-BH, den eine Leh­re­rin ihr emp­fiehlt, scheint plötz­lich wie­der mehr mach­bar zu sein. Denn eigent­lich bestimmt der Gedan­ke an ihre Brüs­te ihren All­tag meist kom­plett: “Frü­her konn­te ich mich kon­zen­trie­ren. Frü­her habe ich nicht über mei­nen Kör­per nach­ge­dacht, er war ein­fach da. […] Jetzt bean­spru­chen Don­na und Doria fünf­und­zwan­zig bis hun­dert Pro­zent mei­ner Gedan­ken (wie sie sich anfüh­len, wie sie aus­se­hen, ob jemand merkt, wie rie­sig sie sind, ob sie im Kauf­haus gegen das KasimiraRegal mit den Wein­glä­sern sto­ßen).” (Zitat S.98) Doch wird sie es schaf­fen sich aus ihrem Schne­cken­haus zu wagen? Und kann es wirk­lich sein, dass sich Jack­son für sie inter­es­siert? Gibt es viel­leicht noch mehr im Leben, als sie je für mög­lich gehal­ten hat?

Der Titel und des­sen Insze­nie­rung mit der Sprech­bla­se sind ein­fach bril­lant gewählt. Hier wur­de sich am eng­li­schen Ori­gi­nal ori­en­tiert (sie­he unten). Der Roman ist durch­ge­hend aus Gre­ers Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Lau­ra Zim­mer­mann ver­wen­det eine unglaub­lich locke­re, pfif­fi­ge Erzähl­art mit einer wun­der­ba­ren, süf­fi­san­ten, unter­schwel­li­gen Iro­nie, die zu lesen, ein­fach Spaß macht: “Jack­son sieht aus wie jemand, der jeden Tag frem­de Mäd­chen bei Star­bucks trifft. Ich ver­su­che auch so aus­zu­se­hen.” (Zitat S.11) Die Kapi­tel sind meist nicht sehr lang, oft epi­so­den­haft und mit teils Rück­blen­den zu Gescheh­nis­sen in der Ver­gan­gen­heit. Das Erzähl­tem­po ist nicht auf höchs­tem Niveau, aber die Geschich­te ent­fal­tet sich ein­fach auf völ­lig run­de, gut durch­dach­te Art und Wei­se. Nimmt sich Zeit für ihre Cha­rak­te­re, die jen­seits aller 0–8‑15-Klischees lie­gen, auch für die Neben­fi­gu­ren, so wie die streit­süch­ti­ge Mag­gie, die ein­sa­me, Gegen­stän­de steh­len­de Quin­lan. Gre­er erzählt in aller Deut­lich­keit von ihren Kasimiratäg­li­chen Pro­ble­men, aber macht dies nur mit sich selbst aus. Selbst genaue­re Details bezüg­lich ihrer BHs wer­den exakt beschrie­ben, immer beglei­tet von ihrem eigen­wil­li­gen Humor, der einen gro­ßen Teil ihres Charmes aus­macht: “Der Stil nennt sich Mini­mi­zer-BH, aber das Ein­zi­ge, was mini­miert wird, wenn ich ihn tra­ge, ist mei­ne Lun­gen­ka­pa­zi­tät. Mei­ne Brüs­te quel­len an allen Sei­ten her­aus […] Von der Tail­le auf­wärts sehe ich aus wie die Mischung aus einer post­nu­klea­ren Muta­ti­on und dem Ergeb­nis der Zau­ber­for­mel, die Har­ry Pot­ter benutzt hat, um Tan­te Mag­da auf­zu­bla­sen.” (Zitat S.101) Gera­de ihre Ent­wick­lung zu ver­fol­gen, ihre Hochs und Tiefs, liest sich höchst unter­halt­sam und bewe­gend. Man fie­bert mit ihr mit und wünscht sich, dass sie erkennt, dass sie so viel mehr ist, als nur auf ihre Ober­wei­te redu­ziert zu sein. Das Ende: berüh­rend und pas­send!

Fazit: Ein wich­ti­ges Buch, das Her­an­wach­sen­den auf bezau­bern­de Art und Wei­se Selbst­be­wusst­sein schenkt!

LesealternativenEine inter­es­san­te Neu­erschei­nung über ein Mäd­chen, das sich mit ihrer (weni­gen) Ober­wei­te eben­falls unwohl fühlt und ver­steckt, ist “Oben ohne” von Jut­ta Nym­phi­us. Eine gute Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Mei­ne Augen sind hier oben” ist vor allem “Dum­plin’: Go big or go home” von Julie Mur­phy, das auch eine ähn­li­che Bot­schaft bereit hält. Über das Anders­sein schreibt zudem Ken­dra Fort­mey­er in “Was uns ganz macht”, ein Mäd­chen, das ein Loch im Bauch hat und damit klar kom­men muss. Rich­tig klas­se sind außer­dem “Nur eine Lis­te” von Siob­han Vivi­an“Wun­der” von Raquel J. Pala­cio und “Die Köni­gin­nen der Würst­chen” von Clé­men­ti­ne Beau­vais.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arctis
ISBN: 978-303880-040-8
Erscheinungsdatum: 21.August 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 336
Übersetzer: Barbara König
Originaltitel: "My eyes are up here"
Originalverlag: Dutton

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira

Kasimiras Bewertung:

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