Laura Lähteenmäki — Zähl leise bis zehn!

9.Juli 2026

Zähl lei­se bis zehn!” ist ein Roman der fin­ni­schen Autorin Lau­ra Läth­te­en­mä­ki. Sie stellt die 10-jäh­ri­ge Mia in den Mit­tel­punkt, die von ihren vier Freun­din­nen immer öfters aus­ge­schlos­sen wird. Auch die alten Spie­le von frü­her will nie­mand mehr spie­len. Doch dann taucht Las­se auf, der mit sei­nem Vater im Wald lebt. Ein herr­li­cher Som­mer bricht an, vol­ler fan­ta­sie­vol­ler Spie­le im Wald. Jetzt kann Mia end­lich wie­der sie selbst sein, beim Spie­len ein­fach die Zeit ver­ges­sen und unbe­schwert sein. Aber plötz­lich ist Las­se von einem auf den ande­ren Tag ver­schwun­den… Ein berüh­rend erzähl­ter Roman über die Macht des Spie­lens, die Kraft der Fan­ta­sie, wah­re Freund­schaft und die Sehn­sucht nach Zuwen­dung und Ver­ständ­nis. Ein­dring­lich, behut­sam und in einem ruhi­gen Erzähl­tem­po geschrie­ben. Der beson­de­re Roman für Jugend­li­che ab 10 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 10-jäh­ri­ge Mia geht in die 4.Klasse. Eben­so wie ihre ande­ren vier bes­ten Freun­din­nen, die sich nur die “Kit­Kats” nen­nen. “Die umarm­ten sich noch immer, so fest, dass auch wirk­lich alle kapier­ten, wie gut sie befreun­det waren. Sie leuch­te­ten gera­de­zu vor Glück. Ihre Gesich­ter waren gerö­tet, ihre Freund­schaft glüh­te wie ein wär­men­des Feu­er, und neben ihren Füßen auf dem Boden lagen die vier abge­wor­fe­nen Ruck­sä­cke, die hät­ten schließ­lich beim Umar­men gestört.” (Zitat aus “Zähl lei­se bis zehn!” S.8) Doch in letz­ter Zeit fühlt sich Mia mehr und mehr aus­ge­schlos­sen von ihren Freun­din­nen. Sie wird nicht umarmt, wenn die ande­ren sich begrü­ßen und zu man­chen Tref­fen auch nicht ein­ge­la­den. Jetzt hat sie sogar erfah­ren, dass die ande­ren in den Som­mer­fe­ri­en in ein Tanz­camp wol­len, ohne sie über­haupt gefragt zu haben. “Was für ein Som­mer­camp? Mia spür­te einen Stich, frag­te aber nicht. Sie wuss­te, dass sie sofort nach­ha­ken müss­te; was für ein Camp, was für Infos — aber dann war der ent­schei­den­de Moment vor­bei. Sie stand wie ein­ge­fro­ren da und sah zu, wie die ande­ren über Camil­las Han­dy hin­gen. Sie woll­ten in den Feri­en auf ein Som­mer­camp fah­ren? Wann und wohin? Alle vier? War­um wuss­te sie nichts davon?” (Zitat S.12) Alles scheint sich zu ver­än­dern. Die Freun­din­nen hän­gen auch haupt­säch­lich an ihren Han­dys, anstatt sich mit den Din­gen zu beschäf­ti­gen, die ihnen frü­her wich­tig waren. “Und wäh­rend Mia an die­se Spie­le dach­te, fing sie an zu reden. Die Wor­te pur­zel­ten aus ihrem Mund, schon war sie mit­ten­drin, beim Camp und der Chat-Grup­pe und dass sie immer öfter aus­ge­schlos­sen wur­de. Dass die ande­ren die alten Spie­le nicht mehr spie­len woll­ten und es neu­er­dings oft Streit gab. Die ande­ren woll­ten unbe­dingt schon groß sein.” (Zitat S.46) Als plötz­lich ein neu­er Jun­ge in der Gegend auf­taucht, der bei sei­nem Vater im Wald wohnt, freut sich Mia rie­sig. “Wenn ich bei mei­nem Vater bin, dann woh­ne ich da unten. […] Mein Vater zieht oft um”, sag­te Las­se und lach­te, “wirk­lich! Stän­dig.” Mia lach­te, weil sein Lachen sie ansteck­te, doch eigent­lich war ihr nicht klar, was an Umzü­gen lus­tig war. “Ich habe gese­hen, wie du aus der Schu­le gekom­men bist”, erzähl­te er. “Da habe ich ein­fach ein biss­chen gewar­tet, damit du was essen kannst, und dann dach­te ich, ich klin­ge­le mal.” (Zitat S.54) Gemein­sam ver­brin­gen sie jede freie Minu­te im Wald, den­ken sich die fan­ta­sie­volls­ten Spie­le aus. Mal füh­ren sie ein Restau­rant, mal kna­cken sie geheim­nis­vol­le Codes und ein ande­res Mal sind die Gespens­ter­jä­ger. Stun­den­lang tau­chen sie in ande­re Wel­ten ab. Wie sehr sie die­se Art zu spie­len ver­misst hat­te! Sie fand Las­ses Ein­fäl­le toll, und auch wenn sie ihre eige­nen eben­falls gut fand — Las­ses Ideen waren für sie abso­lut neu und ver­setz­ten sie in immer wie­der span­nen­de Situa­tio­nen. Und das Bes­te: Kei­ner von ihnen zwei­fel­te dar­an, dass das alles echt war.” (Zitat S.70) Doch die zwei Wel­ten von Las­se und ihren Freun­din­nen zusam­men­zu­brin­gen, ist nicht ein­fach für Mia. Sieht Las­se wirk­lich so fer­tig aus, wie ihre Freun­din­nen sagen? Mia ver­rät ihn. Und dann ist Las­se eines Tages spur­los verschwunden…

Die Zei­chen­art des Covers ist anders und spe­zi­ell, zwei spie­len­de Kin­der — Mia und Las­se — nur sche­men­haft ange­deu­tet. Der Titel “Zähl lei­se bis zehn!” klingt dop­pel­deu­tig, er könn­te sich auf Mias Alter bezie­hen, auf das Erwach­sen­wer­den oder auf ihre Spie­le (von denen sie neun spie­len, ehe Las­se ver­schwin­det). Der Roman ist in per­so­na­ler Erzähl­wei­se kom­plett aus Mias Sicht geschrie­ben. Der Fokus liegt auf ihrer Wahr­neh­mung  Gera­de die Zwie­späl­tig­keit ihrer Gefüh­le wird sehr gut getrof­fen. “Du redest ganz oft mit mir, als wäre ich noch drei”, brumm­te sie.” (Zitat S.21) “Ab jetzt wer­de ich mit dir reden wie mit einem gro­ßen Mäd­chen”, ver­si­cher­te Mama. “Mei­ne gro­ße Mü.” Sie leg­te den Kopf schief und spür­te den Wor­ten nach. Aber groß woll­te Mia auch nicht sein. Auf gar kei­nen Fall! Wenn man groß war, muss­te man Pflich­ten erfül­len und alles Mög­li­che drauf­ha­ben, und die­sen Gedan­ken ver­scheuch­te sie lie­ber wie­der schnell.” (Zitat S.21) Ein grund­le­gen­des The­ma des Romans ist das Erwach­sen­wer­den gegen­über dem Kind­sein. Das zeigt auch die vor­an­ge­stell­te Wid­mung des Buches: “Für Alva: Lass mich mei­ne Kind­heit leben. Das ist mei­ne BIt­te: gegen Stress — und für den Spaß. Jari Helin/ Vesa Joki­nen: Bit­te.” (Zitat S.5) Der Roman ist gewis­ser­ma­ßen eine Hom­mage an die Kind­heit. Dar­an sei­ne Fan­ta­sie zuzu­las­sen, in sei­nem eige­nen Tem­po erwach­sen zu wer­den und auch noch kind­li­che Spie­le spie­len zu dür­fen. Mias bes­te Freun­din­nen leh­ne dies irgend­wann ab, wid­men sich ande­ren Din­gen oder ihren Han­dys. Letz­tes Jahr hat­ten sie in den Pau­sen noch Pony­hof gespielt. Aller­dings war es manch­mal ein zäher Kampf um die Regeln gewe­sen und irgend­wann war das Spie­len ein­ge­schla­fen. […] Rich­tig spie­len, das mach­te nie­mand mehr, weder allein noch zusam­men. Es brach­te nichts, dass Mama sich da als Erwach­se­ne ein­schal­te­te. Mit dem Spie­len war es ein­fach vor­bei. Aus und Schluss.” (Zitat S.47) Mit Las­se hin­ge­gen, der in Mias Leben wir­belt, ist genau die­ses Kind­sein wie­der mög­lich. “Mit ihm war sie wie ver­wan­delt. Sie war schwach und stark, klein und groß, böse und gut, alles zugleich, und doch war sie immer hun­dert Pro­zent Mia. Sie brauch­te nie­mand ande­res zu sein, son­dern ein­fach nur sie selbst, und sie fühl­te sich abso­lut leben­dig und voll­kom­men.” (Zitat S.88) Lau­ra Läh­te­en­ma­kis Spra­che ist zum Teil sehr atmo­sphä­risch und aus­drucks­stark. Mias Gefüh­le in Wor­te zu packen, gelingt ihr gut. “Mia schwieg Mama so laut an, wie sie konn­te.” (Zitat S.30) Ein Mäd­chen, das mit vie­len Ver­än­de­run­gen klar­kom­men muss. Ihre Mut­ter, die auf ein­mal datet. Ihr Opa, der schwer krank wird. Freund­schaf­ten, die sich ver­än­dern. Gera­de auch die Aus­gren­zung von ihren Freun­din­nen wird sehr authen­tisch und bewe­gend dar­ge­stellt. “Nie wie­der wür­de sie als Letz­te erfah­ren, dass es ein tol­les Camp gab. Sie woll­te Freun­din­nen haben, die jeden Tag gute Freun­din­nen waren und nicht nur dann, wenn es ihnen gera­de pass­te. Sie woll­te in den Sta­tus­mel­dun­gen ihrer Freun­din­nen vor­kom­men. Woll­te von ihnen gefragt wer­den, ob es weh­tat, wenn sie auf dem Schul­hof hin­ge­fal­len war.” (Zitat S.26ff) Am Ende hat man den Ein­druck, dass die gan­ze Geschich­te auf etwas Unheil­vol­les zusteu­ert. Doch man­che Andeu­tun­gen ver­lau­fen ein­fach im San­de, wie bei­spiels­wei­se die Erwäh­nung des Anwe­sens im Wald, das sie nicht betre­ten sol­len oder war­um Las­se lan­ge Ärmel trägt. Kurz­zei­tig ent­steht der Ein­druck einer dra­ma­ti­schen Wen­dung, doch die­se löst sich wie­der recht schnell. Die Geschich­te klingt hoff­nungs­voll aus, war mir jedoch etwas zu unrund. Vie­le Fra­gen blei­ben offen. ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» War­um hat Las­se nicht gesagt, dass er umzieht, wenn er doch wei­ter­hin so nah bei Mia wohnt? Nimmt sie Kon­takt zu ihrem Vater auf? Wie geht es mit den Freun­din­nen wei­ter? ««««««ENDE SPOILER»»»»»» Hier endet das Buch dann lei­der doch etwas zu abrupt.

Zähl lei­se bis zehn!” ist bis­her das ein­zi­ge Buch von Lau­ra Läh­te­en­mä­ki,Lesealternativen das ins Deut­sche über­setzt wur­de. Eine Neu­erschei­nung, die the­ma­tisch sehr gut in die Rich­tung des hier rezen­sier­ten Romans geht, ist “Die Pup­pe: Spiel mit ihr, wenn du dich traust” von Hol­ly Black. Drei Jugend­li­che, die seit jeher ein fan­ta­sie­vol­les Spiel mit Pup­pen und Action­fi­gu­ren spie­len. Bis der Vater des einen Jun­ge meint, er sei zu alt dafür und sei­ne Action­fi­gu­ren in den Müll schmeißt. Die Geschich­te hat jedoch einen gro­ßen Touch Fan­ta­sy und auch ein paar gru­se­li­ge Momen­te, läuft aber letzt­end­lich auf die glei­che Schluss­fol­ge­rung her­aus wie in “Zähl lei­se bis zehn!”. Viel­leicht wäre auch der Klas­si­ker “Die Brü­cke nach Tera­bi­thia” von Kathe­ri­ne Pater­son etwas für dich. Außen­sei­ter Jess freun­det sich mit der neu­en Nach­ba­rin Les­lie an. Zusam­men erschaf­fen sie im Wald das Fan­ta­sie­reich “Tera­bi­thia”, in dem sie aller­lei Aben­teu­er erle­ben und ihren Sor­gen ent­flie­hen. Bis ein tra­gi­sches Ereig­nis alles verändert.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-55969-2
Erscheinungsdatum: 29.Juni 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,00€
Seitenzahl: 224 
Übersetzer*in: Elina Kritzokat
Originaltitel: "Laske salaa kymmeneen"
Originalverlag: WSOY 

Finnisches Originalcover:








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Kasimiras Bewertung:

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(3,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Finnisches Originalcover: Homepage von WSOY

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