“Zähl leise bis zehn!” ist ein Roman der finnischen Autorin Laura Läthteenmäki. Sie stellt die 10-jährige Mia in den Mittelpunkt, die von ihren vier Freundinnen immer öfters ausgeschlossen wird. Auch die alten Spiele von früher will niemand mehr spielen. Doch dann taucht Lasse auf, der mit seinem Vater im Wald lebt. Ein herrlicher Sommer bricht an, voller fantasievoller Spiele im Wald. Jetzt kann Mia endlich wieder sie selbst sein, beim Spielen einfach die Zeit vergessen und unbeschwert sein. Aber plötzlich ist Lasse von einem auf den anderen Tag verschwunden… Ein berührend erzählter Roman über die Macht des Spielens, die Kraft der Fantasie, wahre Freundschaft und die Sehnsucht nach Zuwendung und Verständnis. Eindringlich, behutsam und in einem ruhigen Erzähltempo geschrieben. Der besondere Roman für Jugendliche ab 10 Jahren und interessierte Erwachsene.
Die 10-jährige Mia geht in die 4.Klasse. Ebenso wie ihre anderen vier besten Freundinnen, die sich nur die “KitKats” nennen. “Die umarmten sich noch immer, so fest, dass auch wirklich alle kapierten, wie gut sie befreundet waren. Sie leuchteten geradezu vor Glück. Ihre Gesichter waren gerötet, ihre Freundschaft glühte wie ein wärmendes Feuer, und neben ihren Füßen auf dem Boden lagen die vier abgeworfenen Rucksäcke, die hätten schließlich beim Umarmen gestört.” (Zitat aus “Zähl leise bis zehn!” S.8) Doch in letzter Zeit fühlt sich Mia
mehr und mehr ausgeschlossen von ihren Freundinnen. Sie wird nicht umarmt, wenn die anderen sich begrüßen und zu manchen Treffen auch nicht eingeladen. Jetzt hat sie sogar erfahren, dass die anderen in den Sommerferien in ein Tanzcamp wollen, ohne sie überhaupt gefragt zu haben. “Was für ein Sommercamp? Mia spürte einen Stich, fragte aber nicht. Sie wusste, dass sie sofort nachhaken müsste; was für ein Camp, was für Infos — aber dann war der entscheidende Moment vorbei. Sie stand wie eingefroren da und sah zu, wie die anderen über Camillas Handy hingen. Sie wollten in den Ferien auf ein Sommercamp fahren? Wann und wohin? Alle vier? Warum wusste sie nichts davon?” (Zitat S.12) Alles scheint sich zu verändern. Die Freundinnen hängen auch hauptsächlich an ihren Handys, anstatt sich mit den Dingen zu beschäftigen, die ihnen früher wichtig waren. “Und während Mia an diese Spiele dachte, fing sie an zu reden. Die Worte purzelten aus ihrem Mund, schon war sie mittendrin, beim Camp und der Chat-Gruppe und dass sie immer öfter ausgeschlossen wurde. Dass die anderen die alten Spiele nicht mehr spielen wollten und es neuerdings oft Streit gab. Die anderen wollten unbedingt schon groß sein.” (Zitat S.46) Als plötzlich ein neuer Junge in der Gegend auftaucht, der bei seinem Vater im
Wald wohnt, freut sich Mia riesig. “Wenn ich bei meinem Vater bin, dann wohne ich da unten. […] Mein Vater zieht oft um”, sagte Lasse und lachte, “wirklich! Ständig.” Mia lachte, weil sein Lachen sie ansteckte, doch eigentlich war ihr nicht klar, was an Umzügen lustig war. “Ich habe gesehen, wie du aus der Schule gekommen bist”, erzählte er. “Da habe ich einfach ein bisschen gewartet, damit du was essen kannst, und dann dachte ich, ich klingele mal.” (Zitat S.54) Gemeinsam verbringen sie jede freie Minute im Wald, denken sich die fantasievollsten Spiele aus. Mal führen sie ein Restaurant, mal knacken sie geheimnisvolle Codes und ein anderes Mal sind die Gespensterjäger. Stundenlang tauchen sie in andere Welten ab. “Wie sehr sie diese Art zu spielen vermisst hatte! Sie fand Lasses Einfälle toll, und auch wenn sie ihre eigenen ebenfalls gut fand — Lasses Ideen waren für sie absolut neu und versetzten sie in immer wieder spannende Situationen. Und das Beste: Keiner von ihnen zweifelte daran, dass das alles echt war.” (Zitat S.70) Doch die zwei Welten von Lasse und ihren Freundinnen zusammenzubringen, ist nicht einfach für Mia. Sieht Lasse wirklich so fertig aus, wie ihre Freundinnen sagen? Mia verrät ihn. Und dann ist Lasse eines Tages spurlos verschwunden…
Die Zeichenart des Covers ist anders und speziell, zwei spielende Kinder — Mia und Lasse — nur schemenhaft angedeutet. Der Titel “Zähl leise bis zehn!” klingt doppeldeutig, er könnte sich auf Mias Alter beziehen, auf das Erwachsenwerden oder auf ihre Spiele (von denen sie neun spielen, ehe Lasse verschwindet). Der Roman ist in personaler Erzählweise komplett aus Mias Sicht geschrieben. Der Fokus liegt auf ihrer Wahrnehmung Gerade die Zwiespältigkeit ihrer Gefühle wird sehr gut getroffen. “Du redest ganz oft mit mir, als wäre ich noch drei”, brummte sie.” (Zitat S.21) “Ab jetzt werde ich mit dir reden wie mit einem großen Mädchen”, versicherte Mama. “Meine große Mü.” Sie legte den Kopf schief und spürte den Worten nach. Aber groß wollte Mia auch nicht sein. Auf gar keinen Fall! Wenn man groß war, musste man Pflichten erfüllen und alles Mögliche draufhaben, und diesen Gedanken verscheuchte sie lieber wieder schnell.” (Zitat S.21) Ein grundlegendes Thema des Romans ist das Erwachsenwerden gegenüber dem Kindsein. Das zeigt auch die vorangestellte Widmung des Buches: “Für Alva: Lass mich meine Kindheit leben. D
as ist meine BItte: gegen Stress — und für den Spaß. Jari Helin/ Vesa Jokinen: Bitte.” (Zitat S.5) Der Roman ist gewissermaßen eine Hommage an die Kindheit. Daran seine Fantasie zuzulassen, in seinem eigenen Tempo erwachsen zu werden und auch noch kindliche Spiele spielen zu dürfen. Mias beste Freundinnen lehne dies irgendwann ab, widmen sich anderen Dingen oder ihren Handys. “Letztes Jahr hatten sie in den Pausen noch Ponyhof gespielt. Allerdings war es manchmal ein zäher Kampf um die Regeln gewesen und irgendwann war das Spielen eingeschlafen. […] Richtig spielen, das machte niemand mehr, weder allein noch zusammen. Es brachte nichts, dass Mama sich da als Erwachsene einschaltete. Mit dem Spielen war es einfach vorbei. Aus und Schluss.” (Zitat S.47) Mit Lasse hingegen, der in Mias Leben wirbelt, ist genau dieses Kindsein wieder möglich. “Mit ihm war sie wie verwandelt. Sie war schwach und stark, klein und groß, böse und gut, alles zugleich, und doch war sie immer hundert Prozent Mia. Sie brauchte niemand
anderes zu sein, sondern einfach nur sie selbst, und sie fühlte sich absolut lebendig und vollkommen.” (Zitat S.88) Laura Lähteenmakis Sprache ist zum Teil sehr atmosphärisch und ausdrucksstark. Mias Gefühle in Worte zu packen, gelingt ihr gut. “Mia schwieg Mama so laut an, wie sie konnte.” (Zitat S.30) Ein Mädchen, das mit vielen Veränderungen klarkommen muss. Ihre Mutter, die auf einmal datet. Ihr Opa, der schwer krank wird. Freundschaften, die sich verändern. Gerade auch die Ausgrenzung von ihren Freundinnen wird sehr authentisch und bewegend dargestellt. “Nie wieder würde sie als Letzte erfahren, dass es ein tolles Camp gab. Sie wollte Freundinnen haben, die jeden Tag gute Freundinnen waren und nicht nur dann, wenn es ihnen gerade passte. Sie wollte in den Statusmeldungen ihrer Freundinnen vorkommen. Wollte von ihnen gefragt werden, ob es wehtat, wenn sie auf dem Schulhof hingefallen war.” (Zitat S.26ff) Am Ende hat man den Eindruck, dass die ganze Geschichte auf etwas Unheilvolles zusteuert. Doch manche Andeutungen
verlaufen einfach im Sande, wie beispielsweise die Erwähnung des Anwesens im Wald, das sie nicht betreten sollen oder warum Lasse lange Ärmel trägt. Kurzzeitig entsteht der Eindruck einer dramatischen Wendung, doch diese löst sich wieder recht schnell. Die Geschichte klingt hoffnungsvoll aus, war mir jedoch etwas zu unrund. Viele Fragen bleiben offen. ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» Warum hat Lasse nicht gesagt, dass er umzieht, wenn er doch weiterhin so nah bei Mia wohnt? Nimmt sie Kontakt zu ihrem Vater auf? Wie geht es mit den Freundinnen weiter? ««««««ENDE SPOILER»»»»»» Hier endet das Buch dann leider doch etwas zu abrupt.
“Zähl leise bis zehn!” ist bisher das einzige Buch von Laura Lähteenmäki,
das ins Deutsche übersetzt wurde. Eine Neuerscheinung, die thematisch sehr gut in die Richtung des hier rezensierten Romans geht, ist “Die Puppe: Spiel mit ihr, wenn du dich traust” von Holly Black. Drei Jugendliche, die seit jeher ein fantasievolles Spiel mit Puppen und Actionfiguren spielen. Bis der Vater des einen Junge meint, er sei zu alt dafür und seine Actionfiguren in den Müll schmeißt. Die Geschichte hat jedoch einen großen Touch Fantasy und auch ein paar gruselige Momente, läuft aber letztendlich auf die gleiche Schlussfolgerung heraus wie in “Zähl leise bis zehn!”. Vielleicht wäre auch der Klassiker “Die Brücke nach Terabithia” von Katherine Paterson etwas für dich. Außenseiter Jess freundet sich mit der neuen Nachbarin Leslie an. Zusammen erschaffen sie im Wald das Fantasiereich “Terabithia”, in dem sie allerlei Abenteuer erleben und ihren Sorgen entfliehen. Bis ein tragisches Ereignis alles verändert.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-55969-2 Erscheinungsdatum: 29.Juni 2026 Einbandart: Hardcover Preis: 14,00€ Seitenzahl: 224 Übersetzer*in: Elina Kritzokat Originaltitel: "Laske salaa kymmeneen" Originalverlag: WSOY Finnisches Originalcover:
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(3,5 von 5 möglichen Punkten)
-------------------------------------------- Finnisches Originalcover: Homepage von WSOY


Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-55969-2
Erscheinungsdatum: 29.Juni 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,00€
Seitenzahl: 224
Übersetzer*in: Elina Kritzokat
Originaltitel: "Laske salaa kymmeneen"
Originalverlag: WSOY
Finnisches Originalcover:
