Lara Holthaus — Vienna: Hiding Darkness

20.September 2024

“Vien­na: Hiding Dark­ness” von der deut­schen Autorin Lara Holt­haus ist der zwei­te und letz­te Teil der “Vien­na”-Rei­he, der zurück in die Wie­ner High Socie­ty rund um das belieb­te It-Girl Livia Hohen­burg führt. Die­se ist nach dem Ver­rat von Nicho­las zutiefst ver­letzt und zieht sich aus der Öffent­lich­keit zurück. Doch dann kehrt er zurück, hat hoch­bri­san­te Infor­ma­tio­nen über ihre Mut­ter für sie und stellt ihr Leben erneut auf den Kopf. Klar, dass sie ihm nie wie­der ver­trau­en kann, aber die Anzie­hung, die er auf sie aus­übt, ist nach wie­vor vor­han­den. Spielt Nicho­las wie­der ein Spiel mit ihr oder meint er es dies­mal tat­säch­lich ernst? Nach dem fie­sen Cliff­han­ger von Teil eins, nimmt einen die Fort­set­zung sofort wie­der gefan­gen. Sprach­lich toll, mit­rei­ßend und über­aus spi­cy. Für Jugend­li­che ab 16 Jah­ren und Erwachsene.

Die Welt der 21-jäh­ri­gen Livia ist ein Scher­ben­hau­fen. Sie hat her­aus­ge­fun­den, was Nicho­las und sei­ne Mut­ter getan haben. Bei­de sind nun vom Erd­bo­den ver­schwun­den und mit ihnen gro­ße Tei­le des Hohen­burg-Ver­mö­gens. Zudem sitzt Livi­as Vater nun im Gefäng­nis und wegen ihrer eige­nen (Drogen-)Eskapaden hat Livia das Vor­mund­schafts­recht für ihre sie­ben­jäh­ri­ge Schwes­ter Nora nicht erhal­ten. Die wohnt nun bei ihrer Tan­te Britt. Livi­as bes­te Freun­din wird dem­nächst (den Fal­schen) hei­ra­ten, ihr bes­ter Freund Ben­net ist stän­dig beruf­lich unter­wegs und eben­so Lean­der ist abge­taucht. Aber auch Nicho­las geht es nicht gut. “Nor­ma­ler­wei­se kommt jetzt der Sie­ger­mo­ment. Die­se ganz bestimm­te Mischung aus Genug­tu­ung, Macht­ge­fühl und Gerech­tig­keits­sinn. Nor­ma­ler­wei­se wür­de ich jetzt hier sit­zen und mir vor­stel­len, wie die rei­chen Bon­zen vor Wut völ­lig aus­ras­ten, weil wir sie ver­arscht haben. Weil wir etwas bewirkt haben. Aber heu­te nicht. Heu­te pas­siert in mir rein gar nichts.” (Zitat aus “Vien­na: Hiding Dark­ness” S.17) All­mäh­lich beginnt er gewis­se Din­ge zu über­den­ken. Und dann fin­det Nicho­las plötz­lich bei sei­ner Mut­ter Unter­la­gen, die alles ver­än­dern. Weil sein Herz doch irgend­wie für Livia schlägt, was er sich erst nach und nach ein­zu­ge­ste­hen ver­mag, kehrt er schließ­lich zurück nach Wien. Und kon­fron­tiert Livia mit sei­nem Wis­sen: “Ich glau­be, sie lebt.” Die fünf Sil­ben flat­tern durch den Raum auf mich zu. Mein Gehör hat sie regis­triert. Mein Ver­stand nicht. “Was?”, fra­ge ich nach, weil ich mir sicher bin mich ver­hört zu haben. “Des­we­gen bin ich hier. Ich habe Grund zur Annah­me, dass dei­ne Mut­ter nicht vor sechs Mona­ten ver­stor­ben ist.” (Zitat S.83) Am liebs­ten möch­te Livia mit Nicho­las nichts mehr zu tun haben, doch nun muss sie mit ihm zusam­men­ar­bei­ten, um mehr über den Ver­bleib ihrer Mut­ter her­aus­zu­fin­den. Dabei sprun­ken die Fun­ken erneut zwi­schen ihnen. Aber kann Livia ihm jemals wie­der vertrauen?

Der Farb­schnitt der Erst­auf­la­ge ist dies­mal gold schim­mernd, was mit dem schwar­zen Ein­band der Klap­pen­bro­schur sehr edel und über­aus pas­send wirkt. Wäh­rend der ers­te Teil der Rei­he kom­plett (bis auf ein Kapi­tel am Ende) aus Livi­as Sicht erzählt wur­de, tei­len sich in der Fort­set­zung — neben eini­gen Pres­se­ar­ti­keln von “Vien­na Spot­light” - bei­de Haupt­fi­gu­ren die jewei­li­gen Kapi­tel und es berich­ten sowohl Livia als auch Nicho­las in der Ich-Per­spek­ti­ve. Nun auch Nicho­las Emp­fin­dun­gen haut­nah mit­zu­er­le­ben, hat einen gewis­sen Reiz und schafft einer­seits noch mehr Ver­ständ­nis für sei­ne Hand­lun­gen, nimmt dadurch jedoch auch ein wenig an Span­nung, da man eben schon weiß, was er denkt und dass er es wirk­lich ernst meint. Selbst wenn er es sich zu Beginn noch nicht ein­ge­ste­hen möch­te. “Sie ist nur eine Ziel­per­son. Nur. Eine. Stink­nor­ma­le. Ziel­per­son. Viel­leicht muss ich mir das immer wie­der sagen, damit mein ver­ne­bel­tes Hirn und mein Fel­sen­herz es glau­ben. Sie ist ein ver­wöhn­tes rei­ches Gör, das ich um Geld gebracht habe, weil es zu viel davon hat. Mehr nicht. Sie bedeu­tet mir nichts. Sie darf mir nichts bedeu­ten. Sonst kann ich alles, was ich in mei­nem Leben auf­ge­baut habe, gleich in die Ton­ne tre­ten.” (Zitat S.19) In die Geschich­te kommt man schnell wie­der her­ein, taucht ab in die glit­zern­de High Socie­ty Wiens. Wäh­rend sich jene kaum ver­än­dert zu haben scheint, hat es Livia hin­gegen schon. “Na ja, die alte Livia hät­te anders reagiert”, gibt Vic zag­haft zu beden­ken. Auf so einen Scheiß. Die alten Livia wäre völ­lig aus­ge­ras­tet.” “Ja, stimmt. Vor ein paar Mona­ten wäre ich wohl dau­er­high und jeden Tag auf irgend­ei­ner Par­ty gewe­sen.” “Aber die neue Livia macht das nicht.” “Kann sie ja auch nicht.” So gern sie es auch wür­de, aber das ver­schwei­ge ich. “Wenn ich mir stän­dig was ein­wer­fen, mich betrin­ken und fei­ern gehen wür­de, könn­te ich die Vor­mund­schaft für Nora ver­ges­sen” (Zitat S.32) Livia ver­zich­tet auf ihre regel­mä­ßi­gen Abstür­ze, ist auch ihren Freun­den gegen­über ehr­li­cher und zeigt sich ver­letz­li­cher. Und den­noch ist sie sehr ent­täuscht, lei­det stark unter Nicho­las Ver­rat, was auch die­sem deut­lich bewusst ist: “…ich darf nicht dar­an den­ken, dass sie zer­bre­chen wird. Wegen mir. Wegen dem, was ich ihr ange­tan habe. Sie, die nie­man­dem ver­traut, hat ihr Ver­trau­en aus­ge­rech­net mir geschenkt. Der abso­lut fal­schen Per­son. Bei der Vor­stel­lung wird mein Herz ein scharf­kan­ti­ger Fel­sen, der sich von innen gegen mei­ne Rip­pen drückt. Fuck. Ich muss damit auf­hö­ren” (Zitat S.18) Neben dem gro­ßen The­ma Ver­trau­en wer­den auch noch vie­le ander tief­grün­di­ge The­men in “Vien­na: Hiding Dark­ness” ange­spro­chen: Gewalt in der Fami­lie, Trau­ma­ta, Schuld und das Los­lö­sen von der eige­nen Fami­lie. Die Spra­che von KasimiraLara Holt­haus ist wie­der gewohnt kraft­voll und sehr bild­haft und außer­ge­wöhn­lich: “Ich will etwas sagen. Will Mes­ser­wor­te wie­der auf sie feu­ern, doch sie wer­den in mei­ner Keh­le zu win­zi­gen, unbe­deu­ten­den Nadeln. […] “Wir zwei gegen den Rest der Welt”, höre ich mich sagen. Mein Herz wird zu einem Back­stein, der in mei­nen Bauch fällt und alles zer­quetscht. Mei­ne Orga­ne und mei­ne Rebel­li­on.” (Zitat S.59) Die Gefüh­le ihrer Prot­ago­nis­ten zu schil­dern gelingt der Autorin sehr gut, vor allem das Hin- und Her zwi­schen Livia und Nicho­las ist höchst unter­halt­sam. “Ich will nicht, dass er auf­gibt. Aber ich soll­te es wol­len. Ich will ihn küs­sen. Aber ich soll­te das nicht wol­len. Gewin­ne ich oder ver­lie­re ich gera­de? Spie­len wir noch das glei­che Spiel oder hat er wie­der die Regeln geän­dert, ohne dass ich es bemerkt habe?” (Zitat S.185) Auch das Geplän­kel zwi­schen Nick und Lean­der liest sich wun­der­bar amü­sant. Am Ende ist es fast ein wenig scha­de, sich von den Haupt- und Neben­fi­gu­ren ver­ab­schie­den zu müs­sen, die man irgend­wie dann doch ins Herz geschlos­sen hat. Jedoch erwar­tet die Leser:innen zum Abschluss noch ein­mal ein rich­tig schö­ner Show­down und noch die ein oder ande­re Überraschung.

LesealternativenDir gefällt der Erzähl­stil von Lara Holt­haus? Falls du den ers­ten Teil der “Vien­na”-Rei­he noch nicht gele­sen hast, begin­ne unbe­dingt mit die­sem: “Blin­ding Lights”. Oder lies noch die Debüt-Rei­he der Autorin: “Aca­de­mia of Avon­da­le”: “Trust & Truth” (Band 1) und “Duty & Demand” (Band 2). Eine aktu­el­le­re, gelun­ge­ne Romance, in der ein Stief­bru­der die neue Fami­lie durch­ein­an­der­bringt, ist auch “Cul­pa mía” von Mer­ce­des Ron. Ande­re “Stiefbrüder”-Romane (alles Rei­hen) sind “Paper Prin­cess” von Erin Watt, “Dark Love: Dich darf ich nicht lie­ben” von Estel­le Mas­ka­me. Gut könn­te ich mir auch “Rush of Love: Ver­führt” von Abbi Gli­nes vor­stel­len. Oder tauch ab in die Welt der High Socie­ty der “Never be”-Rei­he von Kate Corell: “Never be my date” (Band 1) und “Never be my ene­my” (Band 2).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58541-7
Erscheinungsdatum: 29.August 2024
Einbandart: Broschur
Ausstattung: Erstauflage mit goldenem Farbschnitt
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 464



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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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