Dass die Amerikanerin Kyrie McCauley, die bisher alle möglichen Jobs hatte, den der Autorin gewählt hat, ist ein Glücksfall. Das beweist sie mit ihrem tiefschürfenden Roman “You are not safe here”. Ihr Debüt stellt häusliche Gewalt in einer Familie in den Vordergrund: mit Menschen, die wegschauen und ein junges Mädchen, das versucht ihre kleinen Schwestern zu schützen. Eine scheinbar ländliche Idylle, eine erste Liebe und eine Krähenplage komplementieren das Ganze. Ein sprachlich wahnsinnig gut geschriebenes Buch! Eine außergewöhnliche Geschichte. Für mich eines meiner Lieblingsbücher! 2021 wurde es zudem für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Jetzt neu als Taschenbuch erschienen. Für Jugendliche ab 14 Jahren, die bereit sind sich mit ernsteren Themen auseinander zu setzen und für Erwachsene.
Auburn. Ein kleines Städtchen in Pennsylvania. Hier leben die 17-jährige Leighton, die 13-jährige Campbell und die 9‑jährige Juniper. In ständiger Furcht vor ihrem Vater, der ihrer Mutter gegenüber immer wieder gewalttätig wird und seine Wut, die durch alles Mögliche ausgelöst werden kann, kaum im Griff hat. “Es gefällt ihm, herumzubrüllen und uns Angst zu machen, aber er achtet darauf, sich nicht selbst ins Gefängnis zu bringen. Es ist ein schmaler Grat, doch er beherrscht ihn gut.” (Zitat aus “You are not safe here” S.15) Viel zu oft flüchten sich die jüngeren Schwestern abends zu Leighton ins Zimmer, wenn das Geschrei wieder ohrenbetäubend wird, wenn Gegenstände
zu Bruch gehen und die Panik sich breit macht. Oft versucht Leighton ihre Geschwister mit Spielen abzulenken oder lockt mit einem vermeintlichen Abenteuer, wie zum Beispiel sich in einem Schrank zu verstecken oder aufs Dach zu klettern. “Wie groß ist dein Mut?”, frage ich sie. Ich habe den Satz geklaut, direkt aus unserer Vergangenheit. Ich habe ihn aus meiner schöneren frühen Kindheit herausgeschnitten, aus der Zeit, als Mom ihn zu mir sagte, um mich auf ein Fahrrad oder ein Karussell zu locken.” (Zitat S.13) Nur in der Schule können sich die Mädchen sicher fühlen. Dort setzt Leighton alles daran, um beste Noten zu schreiben und vielleicht ein Stipendium zu ergattern. Denn sie liebt die Literatur und die Sprache, will Journalismus studieren und weit weg von Zuhause, das kein Zuhause mehr ist. “Manchmal scheint es, als ob ich an einem Abgrund stehe und es unter mir nichts gibt, was meinen Sturz auffangen könnte. Wenn
ich mich so fühle, greife ich nach den Worten von jemand anderem, um mich vom Abgrund wegzuziehen. Um mich daran zu erinnern, dass die Welt größer ist als mein Zuhause.” (Zitat S.40) Doch was wird mit ihren Schwestern passieren? Sie sind noch zu jung, um mit ihr zu kommen. Und wer weiß, wann die Situation zu Hause eskalieren wird. Als eine Krähenplage die kleine Stadt zu überwältigen droht und Leighton sich auch noch das erste Mal verliebt, gerät alles aus den Fugen…
Eine besondere Haptik lässt sich auf dem Buchcover von “You are not safe here” erspüren: die schwarzen Federn stehen reliefartig nach oben. Dazu das durchgestrichene Wort — das macht neugierig. Der Roman ist durchgehend aus Leightons Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben. Dass Kyrie McCauley eine äußerst bildgewaltige, beeindruckende Sprache verwendet, das merkt man schon nach wenigen Sätzen. Sätze, die man zuweilen ein zweites M
al liest, weil sie so viel Atmosphäre und Theatralik enthalten und weil sie die Dinge einfach genau auf den Punkt bringt: “Meine Angst sitzt gefangen in meinem Brustkorb. Sie schlägt mit ihren nutzlosen Flügeln, während ich wieder nach oben schleiche. “Sie ist okay”, erkläre ich den Mädchen. “Aber ich muss die Polizei rufen.” (Zitat S.11) Mit äußerst viel Fingerspitzengefühl fängt die Autorin Szenen ein, die sich in der Familie abspielen, die die langsam wachsende Bedrohung spürbar machen und auch die Angst, die die jungen Mädchen erleiden müssen, ausdrucksstark in Worte fasst. Häusliche Gewalt in all ihren Facetten. Dabei ist es nicht einmal unbedingt die Gewalt selbst, die stark im Vordergrund steht, sondern das, was sich in den Köpfen abspielt. Die Angst vor dem, was passieren könnte, die Ablenkungsmechanismen, die greifen. Ein Hauch Mystik findet zudem Einhalt in die Geschichte, wenn sich kaputte Dinge in dem Haus von selbst wieder repariere
n um zu vertuschen oder eine besondere Krähe scheinbar passende Gegenstände vor dem Schlafzimmerfenster — im Austausch gegen Kekse — hinterlässt. Immer wieder wird die Anzahl der Krähen in der Stadt auf von schwarzen Federn umgebenen Seiten abgedruckt. Die Bedrohung deutlicher und klarer. Umso erschreckender ist es zu lesen, wie die Mädchen keinerlei Hilfe erhalten. Wie die alte Dame aus dem einzigen Haus in der Nachbarschaft, Leighton nachts nicht einmal die Türe öffnet und einfach wegsieht. “In ihrer Generation hat man gelernt, dass der äußere Schein alles ist. Dass eine gute Ehefrau zu sein wichtiger ist, als glücklich zu sein. Oder sicher.” (Zitat S.38) Leighton selbst hat zwar eine beste Freundin, aber auch einen “Stacheldrahtzaun” um sich herum errichtet. Hat Schwierigkeiten Nähe zu anderen aufzubauen, ist mehr eine Außenseiterin, die immer vorsichtig und auf der Hut ist und an die
Liebe schon mal gar nicht glaubt. Zerbrechende Herzen am Ende einer Liebe, daran hält sie fest. Interessant wird es somit auch für den Leser, als sie einem Jungen aus ihrer Abschlussklasse, den sie eigentlich schon seit der Grundschule kennt, unerwartet näher kommt. Eine zarte Liebesgeschichte wird in “You are not safe here” mit eingeflochten. Das Ende ist noch einmal hochdramatisch und mit einem gelungenen Abschluss, an dem auch die Krähen nicht ganz unbeteiligt sind. In einem Nachwort lässt die Autorin anklingen, dass sie selbst Erfahrungen mit häuslicher Gewalt machen musste. Ebenso werden zudem Anlaufstellen und Adressen genannt, an die man sich im Notfall wenden kann.
Fazit: Eine ganz besondere Geschichte auf einem literarisch tollen Niveau, die sich definitiv zu lesen lohnt!
Eine der wohl besten Lesealternativen zu “You are not safe here” ist “Jetzt ist alles, was wir haben” von Amy Giles. Hier tyrannisiert ebenfalls der Vater eine Familie und die Protagonistin versucht ihre jüngere Schwester zu beschützen. Als sie sich verliebt, ändert sich alles… Liebesgeschichte und hä
usliche Gewalt, das findest du außerdem in dem gelungenen “Nur noch ein einziges Mal” von Colleen Hoover (hier ist es der Freund und nicht der Vater) und in der Spannungsreihe von Rebecca Donovan: “Liebe verletzt”, “Liebe verwundet”, “Liebe verrät”. Oder greif zu “Wie der Vater so der Tod” von Tracy Bilen und zu “Der Feind ganz nah” von Susanne Clay. Richtig klasse fand ich auch “In deinem Licht und deinem Schatten” von Louisa Reid, die leider eher noch ein Geheimtipp ist oder “Das Ende der Lügen” von Laura Summers. Nichts ganz so extrem, aber auch ein wenig grenzwertig verhält sich der Vater in “Dieses Leben gehört: Alan Cole” von Eric Bell. Wie Kinder die Gewalt eines Vaters ganz unterschiedlich erleben, davon kannst in “Keinen Schlag weiter!” von Christine Biernath lesen. Das Thema Gewalt in der Familie findest du zudem in “Die Worte der weißen Königin” von Antonia Michaelis (sprachgewaltig und grandios erzählt!),in “Evil — das Böse” von Jan Guillou (ein moderner Klassiker zum Thema Gewalt), in “Elefanten sieht man nicht” von Susan Kreller (nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis) und in “Mit offenen Augen” von Joyce C. Oates.
Bibliografische Angaben:Verlag: dtv ISBN: 978-3-423-71916-2 Erscheinungsdatum: 20.Juli 2022 Einbandart: Taschenbuch Preis: 10,95€ Seitenzahl: 400 Übersetzer: Uwe-Michael Gutzschhahn Originaltitel: "If These wings could fly" Originalverlag: Katherine Tegen Books Amerikanisches Originalcover:
![]()
Kasimira auf Instagram:
Kasimiras Bewertung:
(5 von 5 möglichen Punkten)
Dieser Titel hat es in folgende Kategorie geschafft: **Kasimiras Lieblingsbücher**

Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-71916-2
Erscheinungsdatum: 20.Juli 2022
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 10,95€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: Uwe-Michael Gutzschhahn
Originaltitel: "If These wings could fly"
Originalverlag: Katherine Tegen Books
Amerikanisches Originalcover:
