Kyrie McCauley — You are (not) safe here

Kasimira4. März 2020

Dass die Ame­ri­ka­ne­rin Kyrie McCau­ley, die bis­her alle mög­li­chen Jobs hat­te, nun den der Autorin gewählt hat, ist ein Glücks­fall. Das beweist sie mit ihrem tief­schür­fen­den Roman “You are not safe here”. Ihr Debüt stellt häus­li­che Gewalt in einer Fami­lie in den Vor­der­grund mit Men­schen, die weg­schau­en und ein jun­ges Mäd­chen, das ver­sucht ihre klei­nen Schwes­tern zu schüt­zen. Eine schein­bar länd­li­che Idyl­le, eine ers­te Lie­be und eine Krä­hen­pla­ge kom­ple­men­tie­ren das Gan­ze. Ein sprach­lich wahn­sin­nig gut geschrie­be­nes Buch! Eine außer­ge­wöhn­li­che Geschich­te. Lese­tipp!! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren, die bereit sind sich mit erns­te­ren The­men aus­ein­an­der zu set­zen und für Erwach­se­ne.

Auburn. Ein klei­nes Städt­chen in Penn­syl­va­nia. Hier leben die 17-jäh­ri­ge Leigh­ton, die 13-jäh­ri­ge Camp­bell und die 9‑jährige Juni­per. In stän­di­ger Furcht vor ihrem Vater, der ihrer Mut­ter gegen­über immer wie­der gewalt­tä­tig wird und sei­ne Wut, die durch alles Mög­li­che aus­ge­löst wer­den kann, kaum im Griff hat. “Es gefällt ihm, her­um­zu­brül­len und uns Angst zu machen, aber er ach­tet dar­auf, sich nicht selbst ins Gefäng­nis zu brin­gen. Es ist ein schma­ler Grat, doch er beherrscht ihn gut.” (Zitat aus “You are not safe here” S.15) Viel zu oft flüch­ten sich die jün­ge­ren Schwes­tern abends zu Leigh­ton ins Zim­mer, wenn das Geschrei wie­der ohren­be­täu­bend wird, wenn Gegen­stän­de Kasimirazu Bruch gehen und die Panik sich breit macht. Oft ver­sucht sie ihre Geschwis­ter mit Spie­len abzu­len­ken oder lockt mit einem ver­meint­li­chen Aben­teu­er, wie zum Bei­spiel sich in einem Schrank zu ver­ste­cken oder aufs Dach zu klet­tern. “Wie groß ist dein Mut?”, fra­ge ich sie. Ich habe den Satz geklaut, direkt aus unse­rer Ver­gan­gen­heit. Ich habe ihn aus mei­ner schö­ne­ren frü­hen Kind­heit her­aus­ge­schnit­ten, aus der Zeit, als Mom ihn zu mir sag­te, um mich auf ein Fahr­rad oder ein Karus­sell zu locken.” (Zitat S.13) Nur in der Schu­le kön­nen sich die Mäd­chen sicher füh­len. Dort setzt Leigh­ton alles dar­an, um bes­te Noten zu schrei­ben und viel­leicht ein Sti­pen­di­um zu ergat­tern. Denn sie liebt die Lite­ra­tur und die Spra­che, will Jour­na­lis­mus stu­die­ren und weit weg von Zuhau­se, das kein Zuhau­se mehr ist. “Manch­mal scheint es, als ob ich an einem Abgrund ste­he und es unter mir nichts gibt, was mei­nen Sturz auf­fan­gen Kasimirakönn­te. Wenn ich mich so füh­le, grei­fe ich nach den Wor­ten von jemand ande­rem, um mich vom Abgrund weg­zu­zie­hen. Um mich dar­an zu erin­nern, dass die Welt grö­ßer ist als mein Zuhau­se.” (Zitat S.40) Doch was wird mit ihren Schwes­tern pas­sie­ren? Sie sind noch zu jung, um mit ihr zu kom­men. Und wer weiß, wann die Situa­ti­on zu Hau­se eska­lie­ren wird. Als eine Krä­hen­pla­ge die klei­ne Stadt zu über­wäl­ti­gen droht und Leigh­ton sich auch noch das ers­te Mal ver­liebt, gerät alles aus den Fugen…

Eine beson­de­re Hap­tik lässt sich auf dem Buch­co­ver von “You are not safe here” erspü­ren: die schwar­zen Federn ste­hen reli­ef­ar­tig nach oben. Dazu das durch­ge­stri­che­ne Wort — das macht neu­gie­rig. Der Roman ist durch­ge­hend aus Leigh­tons Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Dass KasimiraKyrie McCau­ley eine äußerst bild­ge­wal­ti­ge, beein­dru­cken­de Spra­che ver­wen­det, das merkt man schon nach weni­gen Sät­zen. Sät­ze, die man zuwei­len ein zwei­tes Mal liest, weil sie so viel Atmo­sphä­re und Thea­tra­lik ent­hal­ten und weil sie die Din­ge ein­fach genau auf den Punkt bringt: “Mei­ne Angst sitzt gefan­gen in mei­nem Brust­korb. Sie schlägt mit ihren nutz­lo­sen Flü­geln, wäh­rend ich wie­der nach oben schlei­che. “Sie ist okay”, erklä­re ich den Mäd­chen. “Aber ich muss die Poli­zei rufen.” (Zitat S.11) Mit äußerst viel Fin­ger­spit­zen­ge­fühl fängt die Autorin Sze­nen ein, die sich in der Fami­lie abspie­len, die die lang­sam wach­sen­de Bedro­hung spür­bar machen und auch die Angst, die die jun­gen Mäd­chen erlei­den müs­sen, aus­drucks­stark in Wor­te fasst. Häus­li­che Gewalt in all ihren Facet­ten. Dabei ist es nicht ein­mal unbe­dingt die Gewalt selbst, die stark im Vor­der­grund steht, son­dern das, was sich in den Köp­fen abspielt. Die Angst vor dem, Kasimirawas pas­sie­ren könn­te, die Ablen­kungs­me­cha­nis­men, die grei­fen. Ein Hauch Mys­tik fin­det zudem Ein­halt in die Geschich­te, wenn sich kaput­te Din­ge in dem Haus von selbst wie­der repa­rie­ren um zu ver­tu­schen oder eine beson­de­re Krä­he schein­bar pas­sen­de Gegen­stän­de vor dem Schlaf­zim­mer­fens­ter — im Aus­tausch gegen Kek­se — hin­ter­lässt. Immer wie­der wird die Anzahl der Krä­hen in der Stadt auf von schwar­zen Federn umge­be­nen Sei­ten abge­druckt. Die Bedro­hung deut­li­cher und kla­rer. Umso erschre­cken­der ist es zu lesen, wie die Mäd­chen kei­ner­lei Hil­fe erhal­ten. Wie die alte Dame aus dem ein­zi­gen Haus in der Nach­bar­schaft, Leigh­ton nachts nicht ein­mal die Türe öff­net und ein­fach weg­sieht. “In ihrer Genera­ti­on hat man gelernt, dass der äuße­re Schein alles ist. Dass eine gute Ehe­frau zu sein wich­ti­ger ist, als glück­lich zu sein. Oder sicher.” (Zitat S.38) Leigh­ton selbst hat zwar eine bes­te Freun­din, aber auch einen KasimiraSta­chel­draht­zaun” um sich her­um errich­tet. Hat Schwie­rig­kei­ten Nähe zu ande­ren auf­zu­bau­en, ist mehr eine Außen­sei­te­rin, die immer vor­sich­tig und auf der Hut ist und an die Lie­be schon mal gar nicht glaubt. Zer­bre­chen­de Her­zen am Ende einer Lie­be, dar­an hält sie fest. Inter­es­sant wird es somit auch für den Leser, als sie einem Jun­gen aus ihrer Abschluss­klas­se, den sie eigent­lich schon seit der Grund­schu­le kennt, uner­war­tet näher kommt. Eine zar­te Lie­bes­ge­schich­te wird in “You are not safe here” mit ein­ge­floch­ten. Das Ende ist noch ein­mal hoch­dra­ma­tisch und mit einem gelun­ge­nen Abschluss, an dem auch die Krä­hen nicht ganz unbe­tei­ligt sind. In einem Nach­wort lässt die Autorin anklin­gen, dass sie selbst Erfah­run­gen mit häus­li­cher Gewalt machen muss­te. Eben­so wer­den zudem Anlauf­stel­len und Adres­sen genannt, an die man sich im Not­fall wen­den kann.

Fazit: Eine ganz beson­de­re Geschich­te auf einem lite­ra­risch tol­len Niveau, die sich defi­ni­tiv zu lesen lohnt!

Eine der wohl bes­ten Lese­al­ter­na­ti­ven zu “You are not safe here” ist “Jetzt ist alles, was wir haben” von Amy Giles. Hier tyran­ni­siert eben­falls der Vater eine Fami­le und die Prot­a­gon­s­tin ver­sucht ihre jün­ge­re Schwes­ter zu beschüt­zen. Als sie sich ver­liebt, ändert sich alles… Lie­bes­ge­schich­te und häLesealternativenusli­che Gewalt, das fin­dest du außer­dem in dem gelun­ge­nen “Nur noch ein ein­zi­ges Mal” von Col­le­en Hoo­ver (hier ist es der Freund und nicht der Vater) und in der Span­nungs­rei­he von Rebec­ca Dono­van: “Lie­be ver­letzt”“Lie­be ver­wun­det”“Lie­be ver­rät”. Oder greif zu “Wie der Vater so der Tod” von Tra­cy Bilen und zu “Der Feind ganz nah” von Susan­ne Clay. Rich­tig klas­se fand ich auch “In dei­nem Licht und dei­nem Schat­ten” von Loui­sa Reid, die lei­der eher noch ein Geheim­tipp ist oder “Das Ende der Lügen” von Lau­ra Sum­mers. Nichts ganz so extrem, aber auch ein wenig grenz­wer­tig ver­hält sich der Vater in Die­ses Leben gehört: Alan Cole” von Eric Bell. Wie Kin­der die Gewalt eines Vaters ganz unter­schied­lich erle­ben, davon kannst in “Kei­nen Schlag wei­ter!” von Chris­ti­ne Bier­nath lesen. Das The­ma Gewalt in der Fami­lie fin­dest du zudem in “Die Wor­te der wei­ßen Köni­gin” von Anto­nia Michae­lis (sprach­ge­wal­tig und gran­di­os erzählt!),in “Evil — das Böse” von Jan Guill­ou (ein moder­ner Klas­si­ker zum The­ma Gewalt), in “Ele­fan­ten sieht man nicht” von Susan Krel­ler (nomi­niert für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis) und in Mit offe­nen Augen” von Joy­ce C. Oates.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-74055-5
Erscheinungsdatum: 24.Januar 2020
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: Uwe-Michael Gutzschhahn
Originaltitel: "If These wings could fly"
Originalverlag: Katherine Tegen Books

Amerikanisches Originalcover: 
Kasimira

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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