Krystal Sutherland — Es muss ja nicht perfekt sein

Kasimira27.Mai 2019

Es muss ja nicht per­fekt sein” ist der zwei­te Roman der aus­tra­li­schen Autorin Krys­tal Suther­land. Die Geschich­te einer Fami­lie, die mit Ängs­ten kämpft und dem Tod, der all­ge­gen­wär­tig scheint. Mit­ten dar­in ein Mäd­chen, die sich all die­sem stel­len will und der die Lie­be über den Weg stol­pert. Ergrei­fend, tief­schür­fend und sehr detail­ge­treu. Ein biss­chen skur­ril, aber auch äußerst tra­gisch. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Im Leben der 17-jäh­ri­gen Esther ist nichts nor­mal. Es beginnt schon mit dem Haus, in dem sie und ihre Fami­lie woh­nen: “Das Haus der Solars war ein rie­si­ges, vik­to­ria­ni­sches Gemäu­er, in dem sogar das Licht irgend­wie die­sig und ver­blasst wirk­te. […] Es war die Art von Haus, in dem Geis­ter durch Wän­de gehen oder bei dem Nach­barn glau­ben, die Bewoh­ner kön­nen ver­flucht sein.” (Zitat aus “Es muss ja nicht per­fekt sein” S.17) Über­all ist Iso­lier­band über die Licht­schal­ter geklebt, denn die Fami­lie mag es ger­ne hell. Auch nachts. Eigent­lich pau­sen­los. Damit die Nach­barn sich über die stän­di­ge Hel­lig­keit nicht beschwe­ren, haben sie hohe Bäu­me um das Haus her­um wach­sen las­sen. Und um sich vor bösen Bli­cken zu schüt­zen, hat Esthers Mut­terKasimiraRose­ma­ry lau­ter Amu­let­te in die Zwei­ge der Bäu­me gehängt: “Hun­der­te von den Schei­ben aus blau-schwarz-wei­ßem Glas lie­ßen seit­her bei jedem Wind­hauch eine unheim­li­che Melo­die erklin­gen.” (Zitat S.16). Rose­ma­ry, die ihr Ein­kom­men durch Glücks­spiel zu erstrei­ten ver­sucht, hat vor allem Angst vor Pech. Des­halb zie­ren Lini­en aus Salz sämt­li­che Ein­gän­ge. Es hängt ein Huf­ei­sen über der Tür. Und weil eine Hasen­pfo­te Glück bringt, und vier Stück noch viel mehr, lau­fen in der Küche immer ein paar Kanin­chen umher. Dazu noch ein bös­ar­ti­ger Hahn, der angeb­lich ein Kobold ist. Esthers Vater Peter geht es auch nicht unbe­dingt bes­ser. Seit er einen Schlag­an­fall im Kel­ler erlit­ten hat­te, wagt er sich vor lau­ter Angst nicht mehr nach oben. Schon seit sechs Jah­ren hat er den Kel­ler nicht ver­las­sen. Und all­mäh­lich besucht ihn kaum jemand aus der Fami­lie noch dort unten. Dann gibt es noch Euge­ne, Esthers Zwil­lings­bru­der, dem sie äußer­lich rein gar nicht gleicht. Er hat Angst vor Mons­tern und Geis­tern, die im Dun­keln auf ihn lau­ern, wes­halb er die Dun­kel­heit mei­det. Was Esthers größ­te Angst ist, das weiß sie noch nicht so genau. Aber Panik zu haben, das kennt Kasimirasie“Angst, die sich wie ein vier­za­cki­ger Anker anfühl­te, den man ihr in den Rücken gerammt hat­te. Je eine Spit­ze schien sich durch einen Lun­gen­flü­gel, das Herz und die Wir­bel­säu­le zu boh­ren. Das Gewicht zog einen gebeugt nach unten, wie zu den trü­ben Tie­fen des Mee­res­bo­dens.” (Zitat S.29) Dar­um hat sie begon­nen alles, was ihr nur ein wenig Angst macht, auf eine Lis­te zu schrei­ben und fort­an zu mei­den. Denn auf ihrer Fami­lie scheint ein Fluch zu lie­gen. So hat es ihr Groß­va­ter, der mitt­ler­wei­le im Alters­heim lebt, ihnen erzählt. Und davon zeu­gen auch die bereits ver­stor­be­nen Fami­li­en­mit­glie­der der Fami­lie Solar. Ein Onkel, der Angst vor Infek­tio­nen hat­te und auf­grund sei­ner über­trie­be­nen Vor­sichts­maß­nah­men schließ­lich an einer ein­fa­chen Erkäl­tung starb. Ein Cou­sin von Esther, der Angst vor Bie­nen hat­te und auf der Flucht vor die­sen in eine Schlucht stürz­te und töd­lich ver­un­glück­te. Erst als Jonah, der Jun­ge, der Esther in der Grund­schu­le am Valen­tins­tag hat sit­zen las­sen, wie­der auf­taucht, beginnt Esther — gemein­sam mit ihm — sich dem Fluch ihrer Fami­lie zu stel­len: sie will jede ihrer auf der Lis­te ste­hen­den Ängs­te über­win­den, um so viel­leicht ihre Fami­lie zu ret­ten…

KasimiraEs muss ja nicht per­fekt sein” hat ein eher unschein­ba­res, aber doch schö­nes Cover. Wobei ich mich immer noch fra­ge, was die Was­ser­me­lo­ne, die im Buch selbst nicht auf­taucht, bedeu­ten soll. Das eng­li­sche Cover (sie­he unten) ist da doch etwas deut­li­cher gewor­den. Der Roman ist aus der Sicht eines aukt­oria­len Erzäh­lers geschrie­ben, der jedoch Esther stark in den Vor­der­grund stellt und sich selbst sehr zurück­hält. Immer wie­der gibt es auch Auf­lis­tun­gen im Erzähl­text. Was in der Geschich­te im Mit­tel­punkt steht, ist auf jedem Fall das The­ma Angst. Angst in aller­lei For­men, die eine Fami­lie kom­plett im eiser­nen Griff hält: “Einer­seits woll­te sie die Mut­ter an sich zie­hen, ihre Wan­ge strei­cheln und ihr ver­si­chern, dass alles gut wür­de; ande­rer­seits hät­te sie sie am liebs­ten von sich gesto­ßen. Die­ses dunk­le Ver­lan­gen fühl­te sich an wie Säu­re, die in ihrem Inne­ren aus­lief. Weil es ein­fach unfair war. Unfair, dass ihre Mut­ter so gewor­den war. Unfair, dass alle Solars dazu ver­dammt waren, in so lächer­li­cher Angst zu leben. (Zitat S.22) Gleich­zei­tig offen­bart sich unheim­lich viel Tra­gik, wenn man sieht, wie ver­wahr­lost die Kin­der in die­ser Fami­lie leben. Die Mut­ter, die auf­ge­hört hat sich für ihre Kin­der zu inter­es­sie­ren und jeden Abend nur noch dem Glücks­spiel nach­geht. Die teil­wei­se die Rech­nun­gen nicht mehr bezah­len kann und sich immer wie­der Geld von ande­ren Kasimiralei­hen muss. Die ihre Toch­ter nicht wie ver­ein­bart mit dem Auto abho­len kann, weil ihr eine schwar­ze Kat­ze über den Weg gelau­fen ist und Esther des­we­gen drei Stun­den zu Fuß nach Hau­se lau­fen muss, weil sie kein Geld für den Bus hat, nach­dem sie ein Taschen­dieb übers Ohr gehau­en hat. Der Vater, der kei­ner­lei Erzie­hungs­funk­ti­on mehr aus­übt, seit er den Kel­ler nicht mehr ver­lässt. Aber auch Jonah, der von sei­nem Vater immer wie­der ver­prü­gelt wird, offen­bart dunk­le Sei­ten, die in einer Fami­lie vor­herr­schen kön­nen. Hier zei­gen sich in dem Roman auch immer wie­der uner­war­te­te Momen­te von Klug­heit: “Eines Tages”, sag­te er, “wacht jeder auf und erkennt, dass sei­ne Eltern auch Men­schen sind, genau wie man selbst. Manch­mal sind sie gute Men­schen, manch­mal nicht.” (Zitat S.224) Von kla­ren, deut­li­chen Sät­zen, die ein­fan­gen, wie das Leben sein kann: Wenn man Leu­te nah an sich ran­lässt, kön­nen sie einem weh­tun, wenn sie wie­der ver­schwin­den.” (Zitat S.119) Das ist auch Esthers Cre­do, die genau mit­er­lebt hat, wie ihre Mut­ter an dem Schick­sal ihres Ehe­manns, der seit dem Schlag­an­fall und sei­nem bestän­di­gen Kel­ler­auf­ent­halt ein Wrack ist, zugrun­de ging. Kann sie sich jemals auf Jonah ein­las­sen? Der sie immer wie­der beglei­tet und neue Orte mit ihr auf­sucht, wo sie sich ihren Ängs­ten stel­len kann. Der Plot des Buches ist gelun­gen, auch der Schuss Fan­tas­tik, der auf­taucht, als Esther die Geschich­te des per­so­ni­fi­zier­ten Todes erzählt, den ihr Groß­va­ter immer wie­der getrof­fen hat, und der den Fami­li­en­fluch begrün­det, macht einen beson­de­ren Reiz aus; was mir jedoch vor allem Kasimiraim Mit­tel­teil des Buches gehö­rig gefehlt hat — das ist die ent­spre­chen­de Dra­ma­tik. Zuwei­len plät­schert der Roman sehr stark vor sich hin. Eine Angst nach der ande­ren wird abge­klap­pert. Alles sehr detail­liert und aus­führ­lich. Auch die Zeich­nung der Cha­rak­te­re. Ja, es ist ein tief­sin­ni­ges Buch, ein unauf­halt­sa­mes Spiel gegen den Tod, ein phi­lo­so­phi­sches Sin­nie­ren und ein Beschäf­ti­gen mit Exis­ten­ti­el­lem und ein leich­tes Auf­blit­zen einer zar­ten Lie­be — aber die Span­nungs­kur­ve bleibt den­noch im Mit­tel­teil zu gerad­li­nig und die Hand­lung zu ein­tö­nig. So dass ich schon über­legt habe, das Buch doch noch zur Sei­te zu legen. Was dann aber ver­söhnt, ist — neben den außer­ge­wöhn­li­chen Cha­rak­te­ren — die Spra­che von Krys­tal Suther­land, die mit zahl­rei­chen Meta­phern arbei­tet, die äußerst inten­siv wir­ken: “Von außen sah das Haus fried­lich aus, aber auf trau­ri­ge Art. So wie Ver­stor­be­ne fried­lich aus­sa­hen, nach­dem man sie ein­bal­sa­miert und in einem offe­nen Sarg auf­ge­bahrt hat­te.” (Zitat S.296) und “Remy zog sie auf die Füße und schob sie hin­aus, wäh­rend sie “Geh, geh, geh, geh”, flüs­ter­te und Esther zur Haus­tür brach­te. Sie folg­te ihr hin­aus auf die Veran­da, zog sich aber gleich wie­der nach innen zurück. Wie ein Immun­sys­tem, das einen Krank­heits­er­re­ger abstößt.” (Zitat S.297) Gegen Ende hin wird es dann auf jeden Fall rich­tig bewe­gend und tem­po­rei­cher.

Fazit: Wenn man ein biss­chen Geduld mit­bringt, erwar­tet einen eine ganz beson­de­re, tief­grün­di­ge Geschich­te jen­seits allen Main­streams.

Du magst Krys­tal Suther­lands Erzähl­stil? Dann lies noch ihr ers­tes Buch“Unse­re ver­lo­re­nen Her­zen”. Jenes erschien übri­gens zwei Jah­re spä­ter noch ein­mal unter einem anLesealternativenderen Titel: “Wer flie­gen will, muss schwim­men ler­nen”. Eine Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Es muss ja nicht per­fekt sein” ist neben “Schau mir in die Augen, Audrey” von Sophie Kin­sel­la vor allem “Die tau­send Tei­le mei­nes Her­zens” von Col­le­en Hoo­ver, wel­ches auch von einer Fami­lie erzählt, in der eini­ges im Argen ist. So lebt hier zum Bei­spiel die Mut­ter seit Jah­ren im Kel­ler und kann wegen einer Angst­er­kran­kung das Haus nicht mehr ver­las­sen. Eben­so in Fra­gen kom­men könn­ten die Fami­li­en­ge­schich­ten “Mein wil­des blau­es Wun­der” von Car­lie Soro­si­ak oder (schon etwas älter) “Es wird schon nicht das Ende der Welt sein” von Ali Lewis. Ein wenig muss­te ich auch an “Alle mei­ne Leben” von Sarah Wylie den­ken, in der eben­falls auf ganz beson­de­re Art und Wei­se gegen den Tod gekämpft wird. Den Ängs­ten den Kampf ansa­gen? Das pas­siert in “Die ver­rück­tes­te Nacht mei­nes Lebens” von Lau­ren Barn­holdt (sehr pas­sen­de Lese­al­ter­na­ti­ve), in “Schlaft gut, ihr fie­sen Gedan­ken” von John Green und in der Früh­jahrs­neu­erschei­nung “Alles. Nichts. Und ganz viel dazwi­schen” von Ava Reed.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbj
ISBN: 978-3-570-16523-2
Erscheinungsdatum: 22.April 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: Henriette Zeltner
Originaltitel: "A semi-definitive list of worst nightmares"
Originalverlag: Penguin Books USA

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira











Amerikanischer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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(3,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Krystal Sutherland

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