Kiran Millwood Hargrave — Leila und der blaue Fuchs

8.Februar 2024

End­lich wie­der etwas Neu­es von der bri­ti­schen Autorin Kiran Mill­wood Har­gra­ve! “Lei­la und der blaue Fuchs” ist ihr aktu­el­les Werk, das erneut kon­ge­ni­al von ihrem Ehe­mann Tom de Fres­ton illus­triert wur­de. Dies­mal ist der Roman ganz in Blau­tö­nen gehal­ten und erzählt die Geschich­te von Lei­la, die mit ihrer Fami­lie aus Syri­en geflo­hen ist und bei ihrer Tan­te in Groß­bri­tan­ni­en lebt und nach sechs Jah­ren end­lich ihre Mut­ter wie­der­sieht, die in Nor­we­gen als Wis­sen­schaft­le­rin arbei­tet. Gemein­sam bege­ben sich die bei­den mit einem Schiff auf die Rei­se in die Ark­tis, wo die Mut­ter eine Polar­füch­sin ver­folgt. Eine ganz beson­de­re Füch­sin, die uner­klär­li­cher­wei­se kilo­me­ter­weit das Land über­quert. Eine Aben­teu­er­rei­se in ein Land aus Eis, eine Mut­ter-Toch­ter-Geschich­te, ein Roman über das The­ma Migra­ti­on und ein Plä­doy­er dafür, dass man manch­mal Gren­zen über­win­den muss, um anzu­kom­men und über die Sehn­sucht dazu­zu­ge­hö­ren und ein Zuhau­se zu fin­den. Eine bemer­kens­wer­te, außer­ge­wöhn­li­che Geschich­te, die sich defi­ni­tiv zu lesen lohnt und auf wah­ren Bege­ben­hei­ten beruht. Für Jugend­li­che ab 11 Jah­ren und Erwachsene.

Lei­la lebt in Groß­bri­tan­ni­en, bei ihrer Tan­te Amma und ihre Cou­si­ne Mona. “An ihre Hei­mat kann sich Lei­la kaum noch erin­nern, und Mona redet nicht dar­über. Amma erzählt manch­mal von den Märk­ten, die offen unter der Hit­ze lie­gen, mit Ber­gen von Früch­ten, von denen sie nur die ara­bi­schen Namen kennt, von ihrer Woh­nung mit der Kli­ma­an­la­ge in jedem Raum und den hand­ge­web­ten Tep­pi­chen, die sie zurück­las­sen muss­ten. […] All die­se Erin­ne­run­gen füh­len sich wie Träu­me an, die bereits ver­blas­sen, wenn sie aus­ge­spro­chen wur­den.” (Zitat S.14ff) Sie stam­men aus Damas­kus, Syri­en. Muss­ten flie­hen, als Lei­la noch klei­ner war. Über die Stra­pa­zen der Flucht, das Inter­nie­rungs­la­ger und die Rei­se nach Eng­land wird kaum gespro­chen. Lei­las Mut­ter lebt hin­ge­gen in Nor­we­gen. Sie arbei­tet dort als Wis­sen­schaft­le­rin. Nun nach sechs Jah­ren kann Lei­la ihre Mut­ter dort end­lich besu­chen kom­men. “Sie hat­te Trom­sø nicht gegoo­gelt oder den Rei­se­füh­rer gele­sen, den Mama ihr geschickt hat­te, und auch nichts ande­res getan, das die Tat­sa­che besie­gel­te, dass sie end­lich dort­hin fuhr, wo ihre Mut­ter leb­te. An den Ort, für den ihre Mut­ter Eng­land und Lei­la ver­las­sen hat­te.” (Zitat S.19) Doch dann holt ihre Mut­ter sie nicht ein­mal vom Flug­ha­fen ab, son­dern schickt eine Freun­din. Lei­la ist über­haupt etwas ent­täuscht. Von Nor­we­gen. Von dem Zusam­men­tref­fen mit ihrer Mut­ter. Sie ist wütend, trau­rig und hat ihre Mut­ter den­noch ver­misst. “Der Geruch nach Rosen­was­ser ihrer Mut­ter ist über­wäl­ti­gend, und Lei­la muss sich auf die Lip­pe bei­ßen, um nicht wie­der wei­nen zu müs­sen. Sie hasst sie, und sie liebt sie. Sie will nicht hier sein und hat jetzt schon Angst davor, wie­der weg­zu­ge­hen. […] Als Mama weg war, fiel es Lei­la leicht, ihr Leben in Lon­don auf­zu­blä­hen, um die Lücken zu fül­len, die sie hin­ter­las­sen hat­te. Aber jetzt ist Lei­la hier bei ihr, spürt ihre Wär­me und hört ihr Lachen — und die Anwe­sen­heit fühlt sich schär­fer an, rau­er. Wenn sie mit ihr zusam­men ist, schmerzt die Zeit ohne sie umso mehr.” (Zitat S.66) Dann darf sie ihre Mut­ter auch noch auf eine For­schungs­rei­se in die Ark­tis beglei­ten. Mit einem Boot und ande­ren Wis­sen­schaft­lern fah­ren sie durch das Eis­meer. Auf der Suche nach Miso — den Lei­las Mut­ter nach ihrer Lieb­lings­sup­pe benannt hat — einer Füch­sin, die sie getrackt haben und deren Leben sie ver­fol­gen. “Er sieht ganz anders aus als die Füch­seKasimira in Lon­don mit ihrem rost­ro­ten Fell. Die­ser Fuchs ver­schmilzt per­fekt mit den Fel­sen und dem Blau­grau des Mee­res.” (Zitat S.35) All­mäh­lich ist auch Lei­la von der Füch­sin ganz ange­tan. Lässt sich von der Begeis­te­rung ihrer Mut­ter anste­cken. Denn Miso ist nicht wie ande­re Füch­se. “Es ist nor­mal, dass Füch­se ein biss­chen durch die Gegend strei­fen, aber Miso ist jetzt seit Wochen unter­wegs, über das Meer­eis, Kilo­me­ter um Kilo­me­ter, erst nach Nor­den und jetzt nach Wes­ten. […] Miso ist in einem Monat fast tau­send­sechs­hun­dert Kilo­me­ter weit gelau­fen. In einem Monat! Das ist wei­ter als jeder ande­re Fuchs, den ich je getrackt habe.” (Zitat S.50) Wäh­rend Lei­la und ihre Mut­ter ein­an­der lang­sam wie­der näher­kom­men, gerät Miso plötz­lich in gro­ße Gefahr und Lei­la muss über sich hinauswachsen…

Der Roman mit dem bild­hüb­schen Cover beruht tat­säch­lich auf einer wah­ren Bege­ben­heit. Die Polar­füch­sin Anna, die mit einem Peil­sen­der aus­ge­stat­tet wur­de, hat 2018 inner­halb von 76 Tagen eine Rekord­stre­cke von unge­fähr 3500km geschafft. Sie star­te­te im nörd­li­chen Nor­we­gen und erreich­te schließ­lich Kana­da. Die Füch­sin war wäh­rend die­ser Wan­de­rung noch nicht ein­mal ein Jahr alt! Der Roman beginnt mit einer Wid­mung der Autorin: “Für alle Kin­der, die gezwun­gen sind, ihre Hei­mat zu ver­las­sen und eine neue zu fin­den. Wir hof­fen, dass man euch will­kom­men heißt und dass ihr euch geliebt fühlt.” (Zitat S.3) und setzt eben­so ein Zitat der Schrift­stel­le­rin Elif Shafak vor den Haupt­text: “Wir ALLE sind über Gren­zen hin­weg mit­ein­an­der ver­bun­den… trotz der Mau­ern, die ihr errich­tet. Denn wisst ihr: Geschich­ten sind Super­hel­den. Sie kön­nen durch eure Mau­ern gehen.” (Zitat von Elif Shafak). Denn genau dies ist die Kern­the­ma­tik des Romans: das Über­win­den von Gren­zen, das Fin­den einer neu­en Hei­mat, die Sehn­sucht, sich auch in der Frem­de wohl und will­kom­men zu füh­len. Die Migra­ti­ons­the­ma­tik in Ver­knüp­fung mit einer Tier­ge­schich­te ist inhalt­lich per­fekt in den Roman ein­ge­floch­ten und setzt ein Zei­chen dafür, dort leben zu dür­fen, wo man leben möch­te. “Sie beweist, dass sich Tie­re durch Migra­ti­on anpas­sen kön­nen, selbst an extre­me Bedin­gun­gen.” “Genau wie Men­schen”, sagt Lei­las Mut­ter, und Lei­la spürt wie­der ihren Blick auf sich.” (Zitat S.50) Wie schon in dem (unab­hän­gig zu lesen­den) Vor­gän­ger­ti­tel “Julia und der Hai” steht wie­der eine Mut­ter-Toch­ter-Geschich­te im Mit­tel­punkt des Buches. War­um lebt Lei­la nicht bei ihrer Mut­ter? War­um lebt die­se so weit weg in Nor­we­gen? Kön­nen die bei­den wie­der zusam­men­fin­den? Die­se Fra­gen zie­hen sich wie ein roter Faden durch die Geschich­te. Wäh­rend Lei­la zunächst fast eifer­süch­tig ist auf Miso (“Zeig her!”, reif ihre Mut­ter auf­ge­regt, schob sich an Lei­la vor­bei und betrach­te­te den Com­pu­ter­bild­schirm. Die­ser Füch­sin folg­te ihre Mut­ter über­all­hin, aber zu Lei­la war sie nicht gekom­men, obwohl sie genau wuss­te, wo ihre Toch­ter war.” (Zitat S.61)), erliegt schließ­lich auch Lei­la der Fas­zi­na­ti­on der Füch­sin und ver­steht auch ihre Mut­ter all­mäh­lich immer mehr. Die Illus­tra­tio­nen von Tom de Fres­ton sind etwas düs­ter teil­wei­se gehal­ten und alle­samt in Blau­tö­nen, schaf­fen aber eine pas­sen­de Atmo­sphä­re zur Geschich­te. Man­che Sei­ten sind mit kom­plet­ten Abbil­dun­gen gefüllt und ent­hal­ten nur wenig Text. Auch wird nicht nur Lei­las Sicht in per­so­na­ler Erzähl­wei­se beschrie­ben, son­dern auch Miso selbst kommt ver­ein­zelt zu Wort und schil­dert ihre Erleb­nis­se. Man­che Din­ge waren für mich nicht ganz aus­rei­chend bean­wor­tet (war­um sich Mut­ter und Toch­ter nicht zwi­schen­durch mal gese­hen haben/ wie schnell kann eine Küs­ten­wa­che auf einen Post reagie­ren?), manch­mal fehl­te auch etwas der Span­nungs­bo­gen, den­noch ist es ins­ge­samt eine bemer­kens­wer­te, wert­vol­le Geschich­te mit einer außer­ge­wöhn­lich schö­nen Spra­che (hier­von hät­te es ger­ne noch etwas mehr Stel­len geben kön­nen): “Lei­las ers­ter Ein­druck ist nicht berau­schend. Der Him­mel hängt nied­ri­ger als gewohnt und drückt sie nach unten wie eine fla­che Hand, und die Son­ne dringt kaum durch die Wol­ken, als wür­de man unter Was­ser waten, wo es trüb ist. (Zitat S.19) und “Ihr Akzent ist schwä­cher gewor­den, nicht gänz­lich ver­schwun­den, son­dern irgend­wie mit etwas ande­rem ver­mischt, wie Kuchen­teig, bei dem man die Zuta­ten ver­rührt.” (Zitat S.46) Im Anhang gehen Autorin und Illus­tra­tor noch auf die wah­re Bege­ben­hei­ten der Geschich­te ein und auch ihren eige­nen Bezug dazu (denn auch Kiran Mill­wood Har­gra­ve stammt aus einer Fami­lie von Migran­ten). Sie schlie­ßen mit den pas­sen­den Wor­ten ab: “Migra­ti­on war schon immer ein Teil der Mensch­heits­ge­schich­te. Und bei Tie­ren genau­so. […] Aber wir müs­sen ler­nen, unse­re Stim­men zu erhe­ben, und für das Recht zu kämp­fen, dass Men­schen dort leben kön­nen, wo sie leben möch­ten — genau wie Lei­la in unse­rem Buch. Denn in einem fried­li­chen Land gebo­ren zu wer­den, ist rei­ne Glück­sa­che — und der Geburts­ort bestimmt nicht dar­über, ob jemand bes­ser oder schlech­ter ist. (Zitat S.253)

LesealternativenDir gefällt Kiran Mill­wood Har­gra­ves Erzähl­stil? Dann lies unbe­dingt noch “Julia und der Hai”, das eben­falls von Tom de Fres­ton zau­ber­haft illus­triert wur­de. Zwei wei­te­re Kin­der­bü­cher sind: “Win­ter des Bären” und “Die Ster­nen­le­se­rin und das Geheim­nis der Insel”Zwei Roma­ne für Erwach­se­ne sind: “Var­do: Nach dem Sturm” und “Der Tanz der Frau­en”. Ein Mäd­chen, das in der Wild­nis über sich hin­aus­wächst, fin­dest du in : “Raven: Der Berg der Gefah­ren” von Wen­dy Orr. Eben­so in der Ark­tis spie­len  “Im Zau­ber des Nord­lichts” von Chris­to­pher Ross und “Gefan­gen im Pack­eis” von Chris­ta-Maria Zim­mer­mann. Rei­hen, in denen ein Fuchs eine Haupt­rol­le spielt? Dann wären viel­leicht die “White Fox”-Rei­he von Jia­tong Chen oder die “Fox­craft”-Rei­he von Inba­li Iser­les etwas für dich.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1743-0
Erscheinungsdatum: 10.Januar 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer*in: Alexandra Ernst
Illustrator*in: Tom de Freston
Originaltitel: "Leila and the Blue Fox"
Originalverlag: Hodder & Stoughton

Britisches Originalcover:

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Kasimiras Bewertung:

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