Endlich wieder etwas Neues von der britischen Autorin Kiran Millwood Hargrave! “Leila und der blaue Fuchs” ist ihr aktuelles Werk, das erneut kongenial von ihrem Ehemann Tom de Freston illustriert wurde. Diesmal ist der Roman ganz in Blautönen gehalten und erzählt die Geschichte von Leila, die mit ihrer Familie aus Syrien geflohen ist und bei ihrer Tante in Großbritannien lebt und nach sechs Jahren endlich ihre Mutter wiedersieht, die in Norwegen als Wissenschaftlerin arbeitet. Gemeinsam begeben sich die beiden mit einem Schiff auf die Reise in die Arktis, wo die Mutter eine Polarfüchsin verfolgt. Eine ganz besondere Füchsin, die unerklärlicherweise kilometerweit das Land überquert. Eine Abenteuerreise in ein Land aus Eis, eine Mutter-Tochter-Geschichte, ein Roman über das Thema Migration und ein Plädoyer dafür, dass man manchmal Grenzen überwinden muss, um anzukommen und über die Sehnsucht dazuzugehören und ein Zuhause zu finden. Eine bemerkenswerte, außergewöhnliche Geschichte, die sich definitiv zu lesen lohnt und auf wahren Begebenheiten beruht. Für Jugendliche ab 11 Jahren und Erwachsene.
Leila lebt in Großbritannien, bei ihrer Tante Amma und ihre Cousine Mona. “An ihre Heimat kann sich Leila kaum noch erinnern, und Mona redet nicht darüber. Amma erzählt manchmal von den Märkten, die offen unter der Hitze liegen, mit Bergen von Früchten, von denen sie nur die arabischen Namen kennt, von ihrer Wohnung mit der Klimaanlage in jedem Raum und den handgewebten Teppichen, die sie zurücklassen mussten. […] All diese Erinnerungen fühlen sich wie Träume an, die bereits verblassen, wenn sie ausgesprochen wurden.” (Zitat S.14ff) Sie stammen aus Damaskus, Syrien. Mussten fliehen, als Leila
noch kleiner war. Über die Strapazen der Flucht, das Internierungslager und die Reise nach England wird kaum gesprochen. Leilas Mutter lebt hingegen in Norwegen. Sie arbeitet dort als Wissenschaftlerin. Nun nach sechs Jahren kann Leila ihre Mutter dort endlich besuchen kommen. “Sie hatte Tromsø nicht gegoogelt oder den Reiseführer gelesen, den Mama ihr geschickt hatte, und auch nichts anderes getan, das die Tatsache besiegelte, dass sie endlich dorthin fuhr, wo ihre Mutter lebte. An den Ort, für den ihre Mutter England und Leila verlassen hatte.” (Zitat S.19) Doch dann holt ihre Mutter sie nicht einmal vom Flughafen ab, sondern schickt eine Freundin. Leila ist überhaupt etwas enttäuscht. Von Norwegen. Von dem Zusammentreffen mit ihrer Mutter. Sie ist wütend, traurig und hat ihre Mutter dennoch vermisst. “Der Geruch nach Rosenwasser ihrer Mutter ist überwältigend, und Leila muss sich auf die Lippe
beißen, um nicht wieder weinen zu müssen. Sie hasst sie, und sie liebt sie. Sie will nicht hier sein und hat jetzt schon Angst davor, wieder wegzugehen. […] Als Mama weg war, fiel es Leila leicht, ihr Leben in London aufzublähen, um die Lücken zu füllen, die sie hinterlassen hatte. Aber jetzt ist Leila hier bei ihr, spürt ihre Wärme und hört ihr Lachen — und die Anwesenheit fühlt sich schärfer an, rauer. Wenn sie mit ihr zusammen ist, schmerzt die Zeit ohne sie umso mehr.” (Zitat S.66) Dann darf sie ihre Mutter auch noch auf eine Forschungsreise in die Arktis begleiten. Mit einem Boot und anderen Wissenschaftlern fahren sie durch das Eismeer. Auf der Suche nach Miso — den Leilas Mutter nach ihrer Lieblingssuppe benannt hat — einer Füchsin, die sie getrackt haben und deren Leben sie verfolgen. “Er sieht ganz anders aus als die Füchse
in London mit ihrem rostroten Fell. Dieser Fuchs verschmilzt perfekt mit den Felsen und dem Blaugrau des Meeres.” (Zitat S.35) Allmählich ist auch Leila von der Füchsin ganz angetan. Lässt sich von der Begeisterung ihrer Mutter anstecken. Denn Miso ist nicht wie andere Füchse. “Es ist normal, dass Füchse ein bisschen durch die Gegend streifen, aber Miso ist jetzt seit Wochen unterwegs, über das Meereis, Kilometer um Kilometer, erst nach Norden und jetzt nach Westen. […] Miso ist in einem Monat fast tausendsechshundert Kilometer weit gelaufen. In einem Monat! Das ist weiter als jeder andere Fuchs, den ich je getrackt habe.” (Zitat S.50) Während Leila und ihre Mutter einander langsam wieder näherkommen, gerät Miso plötzlich in große Gefahr und Leila muss über sich hinauswachsen…
Der Roman mit dem bildhübschen Cover beruht tatsächlich auf einer wahren Begebenheit. Die Polarfüchsin Anna, die mit einem Peilsender ausgestattet wurde, hat 2018 innerhalb von 76 Tagen eine Rekordstrecke von ungefähr 3500km geschafft. Sie startete im nördlichen Norwegen und erreichte schließlich Kanada. Die Füchsin war während dieser Wanderung noch nicht einmal ein Jahr alt! Der Roman beginnt mit einer Widmung der Autorin: “Für alle Kinder, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und eine neue zu finden. Wir hoffen, dass man euch willkommen heißt und dass ihr euch geliebt fühlt.” (Zitat S.3) und setzt ebenso ein Zitat der Schriftstellerin Elif Shafak vor den Haupttext: “Wir ALLE sind über Grenzen hinweg miteinander verbunden… trotz der Mauern, die ihr errichtet. Denn wisst ihr: Geschichten sind Superhelden. Sie können durch eure Mauern gehen.” (Zitat von Elif Shafak). Denn genau dies
ist die Kernthematik des Romans: das Überwinden von Grenzen, das Finden einer neuen Heimat, die Sehnsucht, sich auch in der Fremde wohl und willkommen zu fühlen. Die Migrationsthematik in Verknüpfung mit einer Tiergeschichte ist inhaltlich perfekt in den Roman eingeflochten und setzt ein Zeichen dafür, dort leben zu dürfen, wo man leben möchte. “Sie beweist, dass sich Tiere durch Migration anpassen können, selbst an extreme Bedingungen.” “Genau wie Menschen”, sagt Leilas Mutter, und Leila spürt wieder ihren Blick auf sich.” (Zitat S.50) Wie schon in dem (unabhängig zu lesenden) Vorgängertitel “Julia und der Hai” steht wieder eine Mutter-Tochter-Geschichte im Mittelpunkt des Buches. Warum lebt Leila nicht bei ihrer Mutter? Warum lebt diese so weit weg in Norwegen? Können die beiden wieder
zusammenfinden? Diese Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Während Leila zunächst fast eifersüchtig ist auf Miso (“Zeig her!”, reif ihre Mutter aufgeregt, schob sich an Leila vorbei und betrachtete den Computerbildschirm. Dieser Füchsin folgte ihre Mutter überallhin, aber zu Leila war sie nicht gekommen, obwohl sie genau wusste, wo ihre Tochter war.” (Zitat S.61)), erliegt schließlich auch Leila der Faszination der Füchsin und versteht auch ihre Mutter allmählich immer mehr. Die Illustrationen von Tom de Freston sind etwas düster teilweise gehalten und allesamt in Blautönen, schaffen aber eine passende Atmosphäre zur Geschichte. Manche Seiten sind mit kompletten Abbildungen gefüllt und enthalten nur wenig Text. Auch wird nicht nur Leilas Sicht in personaler Erzählweise beschrieben, sondern auch Miso selbst kommt vereinzelt zu Wort und schildert ihre Erlebnisse. Manche Dinge
waren für mich nicht ganz ausreichend beanwortet (warum sich Mutter und Tochter nicht zwischendurch mal gesehen haben/ wie schnell kann eine Küstenwache auf einen Post reagieren?), manchmal fehlte auch etwas der Spannungsbogen, dennoch ist es insgesamt eine bemerkenswerte, wertvolle Geschichte mit einer außergewöhnlich schönen Sprache (hiervon hätte es gerne noch etwas mehr Stellen geben können): “Leilas erster Eindruck ist nicht berauschend. Der Himmel hängt niedriger als gewohnt und drückt sie nach unten wie eine flache Hand, und die Sonne dringt kaum durch die Wolken, als würde man unter Wasser waten, wo es trüb ist.” (Zitat S.19) und “Ihr Akzent ist schwächer geworden, nicht gänzlich verschwunden, sondern irgendwie mit etwas anderem vermischt, wie Kuchenteig, bei dem man die Zutaten
verrührt.” (Zitat S.46) Im Anhang gehen Autorin und Illustrator noch auf die wahre Begebenheiten der Geschichte ein und auch ihren eigenen Bezug dazu (denn auch Kiran Millwood Hargrave stammt aus einer Familie von Migranten). Sie schließen mit den passenden Worten ab: “Migration war schon immer ein Teil der Menschheitsgeschichte. Und bei Tieren genauso. […] Aber wir müssen lernen, unsere Stimmen zu erheben, und für das Recht zu kämpfen, dass Menschen dort leben können, wo sie leben möchten — genau wie Leila in unserem Buch. Denn in einem friedlichen Land geboren zu werden, ist reine Glücksache — und der Geburtsort bestimmt nicht darüber, ob jemand besser oder schlechter ist.” (Zitat S.253)
Dir gefällt Kiran Millwood Hargraves Erzählstil? Dann lies unbedingt noch “Julia und der Hai”, das ebenfalls von Tom de Freston zauberhaft illustriert wurde. Zwei weitere Kinderbücher sind: “Winter des Bären” und “Die Sternenleserin und das Geheimnis der Insel”. Zwei Romane für Erwachsene sind: “Vardo: Nach dem Sturm” und “Der Tanz der Frauen”. Ein Mädchen, das in der Wildnis über sich hinauswächst, findest du in : “Raven: Der Berg der Gefahren” von Wendy Orr. Ebenso in der Arktis spielen “Im Zauber des Nordlichts” von Christopher Ross und “Gefangen im Packeis” von Christa-Maria Zimmermann. Reihen, in denen ein Fuchs eine Hauptrolle spielt? Dann wären vielleicht die “White Fox”-Reihe von Jiatong Chen oder die “Foxcraft”-Reihe von Inbali Iserles etwas für dich.
Bibliografische Angaben:Verlag: Loewe ISBN: 978-3-7432-1743-0 Erscheinungsdatum: 10.Januar 2024 Einbandart: Hardcover Preis: 22,00€ Seitenzahl: 256 Übersetzer*in: Alexandra Ernst Illustrator*in: Tom de Freston Originaltitel: "Leila and the Blue Fox" Originalverlag: Hodder & Stoughton Britisches Originalcover:
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Verlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1743-0
Erscheinungsdatum: 10.Januar 2024
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer*in: Alexandra Ernst
Illustrator*in: Tom de Freston
Originaltitel: "Leila and the Blue Fox"
Originalverlag: Hodder & Stoughton
Britisches Originalcover:
