Kim Liggett — The Grace Year

Kasimira13.April 2020

The Grace Year” von der ame­ri­ka­ni­schen (Background-)Sängerin und Autorin Kim Lig­gett ist ein dys­to­pi­scher Roman, der in ein klei­nes, mit­tel­al­ter­lich anmu­ten­des Ört­chen ent­führt, in dem aus Angst vor magi­schen Kräf­ten her­an­wach­sen­der Mäd­chen die­se für ein Jahr in die Wild­nis geschickt wer­den. Wenn sie zurück­kom­men, sol­len sie geheilt sein. Wenn sie zurück­kom­men. Denn nicht alle keh­ren zurück. Eine Geschich­te über Rebel­li­on, düs­te­re Geheim­nis­se einer ver­schwo­re­nen Gemein­schaft und Gefah­ren, die nicht nur dort laue­ren, wo man sie ver­mu­tet. Ein Roman über die Unter­drü­ckung der Frau­en, der zu Recht gehypt wur­de und ver­filmt wer­den soll. Äußerst span­nend und mit­rei­ßend, aber auch erschre­ckend und bru­tal! Für alle Fans von “Tri­bu­te von Panem” und “Report der Magd”. Für (nicht all­zu zart besai­te­te) Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Über das Gna­den­jahr darf in Gar­ner Coun­try nie­mand spre­chen. “Angeb­lich besit­zen wir die Macht, Män­ner aus ihren Bet­ten zu locken, Jun­gen in den Wahn­sinn zu trei­ben und Ehe­frau­en vor Eifer­sucht zum Rasen zu brin­gen. Sie glau­ben, unse­re Haut ver­strö­me ein star­kes Aphro­di­sia­kum: das wirk­sa­me Eli­xier der Jugend eines Mäd­chens zur Frau.” (Zitat aus “The Grace Year” S.9) Des­halb wird jeder Jahr­gang 16-jäh­ri­ger Mäd­chen für ein Jahr aus dem Dorf ver­bannt und in ein Lager in die Wild­nis geschickt. Dort sol­len sie Kasimiraihre Magie ver­lie­ren. Was dort geschieht, weiß nie­mand. Doch man sieht, wie die Frau­en sich ver­än­dert haben: “…sie waren vol­ler Zuver­sicht… vol­ler Leben. Und bei ihrer Rück­kehr waren die­je­ni­gen, die über­haupt heim­kehr­ten, abge­ma­gert, schwach… inner­lich gebro­chen.” (Zitat S.22) Auch der jun­gen Tier­ney steht der Aus­zug aus ihrem gewohn­ten Leben kurz bevor. Die­ses Jahr ist sie an der Rei­he. Das Mäd­chen ist ein Wild­fang. Trifft sich oft mit ihrem bes­ten Freund Micha­el heim­lich im Wald. “Ich war ein eigen­sin­ni­ges Kind, neu­gie­ri­ger als es gut für mich war, nichts als Flau­sen im Kopf, ohne jeden Anstand… um nur eini­ges zu nen­nen. Und ich wer­de das ers­te Mäd­chen in unse­rer Fami­lie sein, das ohne Schlei­er ins Gna­den­jahr zieht.” (Zitat S.15) Denn kurz vor dem Gna­den­jahr wer­den die jun­gen Mäd­chen bereits ande­ren Jun­gen oder Män­nern ver­spro­chen. Die Väter des Dor­fes sind es, die sich in eine Scheu­ne zurück­zie­hen und über ihre Zukunft ver­han­deln. Chan­cen auf eine HeirKasimiraat hat Tier­ney nicht wirk­lich, hat sich auch nicht dar­um bemüht, irgend­je­man­dem zu gefal­len. Es gibt in die­sem Jahr nur 12 hei­rats­fä­hi­ge Jun­gen, aber 33 Mäd­chen. Doch sie will auch auf kei­nen Fall hei­ra­ten, wenn sie aus dem Gna­den­jahr zurück­kehrt. Lie­ber will sie ins Arbeits­haus und auf dem Feld arbei­ten. Ver­hei­ra­tet zu wer­den, ist kein Pri­vi­leg für mich. Annehm­lich­keit hat mit Frei­heit nichts zu tun. Es ist ein gol­de­ner Käfig, sicher, aber immer noch ein Käfig. Im Arbeits­haus gehört mein Leben wenigs­tens noch mir. Gehört mein Kör­per noch mir.” (Zitat S.18) Aber erst ein­mal muss sie das Gna­den­jahr über­le­ben. Denn tut sie das nicht, wird eine ihrer Schwes­tern dafür bestraft wer­den und in die Außen­be­zir­ke ver­bannt. Das muss Tier­ney auf jeden Fall ver­hin­dern. Aber was in der Wild­nis pas­sie­ren wird, damit hät­te sie nie­mals gerech­net… 

KasimiraDas Cover von “The Grace Year” ist wun­der­schön und kraft­voll gestal­tet. Der Roman star­tet mit zwei sehr pas­sen­den Zita­ten von Mar­ga­ret Atwood (aus ihrem Kult­buch “Der Report der Magd”) und Wil­liam Gol­ding (“Der Herr der Flie­gen” einer eben­so sehr gut ver­gleich­ba­ren Lek­tü­re). Dann fängt nach einem kur­zen Pro­log der Haupt­teil an, unter­teilt in die jewei­li­gen Jah­res­zei­ten, begin­nend mit “Herbst”. Am Ende gibt es noch ein Kapi­tel mit der “Rück­kehr”. Es wird durch­gän­gig aus Tier­neys Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve berich­tet, wodurch man sich der sym­pa­thi­schen, eigen­stän­dig den­ken­den Prot­ago­nis­tin noch näher fühlt. Dass sie von Rebel­li­ons­ge­füh­len erfüllt ist, merkt man immer wie­der. Sie träumt nicht nur von einem mys­te­riö­sen Mäd­chen, das den Kampf gegen Unter­drü­ckung zu wagen scheint, son­dern reflek­tiert durch­aus das Gesche­hen des Dor­fes mit ihren eige­nen, klugs­in­ni­gen Emp­fin­dun­gen: “Sicher, es gibt gehei­me Abspra­chen, Flüs­tern im Dun­keln, aber war­um dür­fen die Jun­gen alles allein ent­schei­den? SchKasimiraließ­lich haben wir alle ein Herz. Wir haben alle Ver­stand. Ich sehe nur einen win­zi­gen Unter­schied und die meis­ten Män­ner den­ken offen­bar sowie­so nur mit die­sem Kör­per­teil.” (Zitat S.23) Dass die Frau­en in “The Grace Year” zumin­dest gesell­schaft­lich ins dun­kels­te Mit­tel­al­ter zurück­ver­setzt sind, ist offen­sicht­lich. Im Rat, der das Dorf regiert, sit­zen nur Män­ner. Frau­en hei­ra­ten nicht aus Lie­be, son­dern wer­den ver­hei­ra­tet. Wenn sie der Unsitt­lich­keit beschul­digt wer­den, wer­den sie aus­ge­peitscht. Wenn ein Mann sei­ne Frau der Magie beschul­digt, dann wird sie erhängt und er kann sich eine neue aus­wäh­len. Und sie tra­gen ihre Haa­re nicht offen, son­dern in einem Zopf. Wir dür­fen uns nicht sel­ber die Haa­re schnei­den, aber wenn ein Ehe­mann es für ange­bracht hält, kann er sei­ne Frau dadurch bestra­fen, dass er ihr den Zopf abtrennt. (Zitat S.54) Die benach­tei­lig­te Stel­lung der Frau ist ein gro­ßes The­ma in dem Buch — ein sehr wich­ti­ges. DKasimiraabei spielt es kei­ne Rol­le, dass nicht expli­zit ange­ge­ben wird, wo “The Grace Year” spielt und vor wel­chem zeit­li­chen Hin­ter­grund. Der Grund­ton der Geschich­te — die Unter­drü­ckung der Frau — ist über­all vor­stell­bar und dadurch so aktu­ell wie noch nie. Dabei gibt es in dem Roman durch­aus man­che bru­ta­le Stel­len. Vor allem die unbe­kann­ten Wil­de­rer, die in der Wild­nis hau­sen, sor­gen bei den Mäd­chen vor ihrem Gna­den­jahr für so man­che Angst: “Angeb­lich kön­nen die Wil­de­rer uns­re Magie schon aus einem Kilo­me­ter Ent­fer­nung rie­chen. Und die Mäd­chen soll man tage­lang schrei­en hören, wäh­rend sie ihnen bei leben­di­gen Leib die Haut abzie­hen. Je grö­ßer der Schmerz, umso wirk­sa­mer ihr Fleisch.” (Zitat S.72) Was dann tat­säch­lich in dem Wald geschieht, in dem Camp, in das die Mäd­chen gebracht wer­den, das zieht sich wie ein span­nen­der, roter Faden durch das Buch. Was wird sie dort erwar­ten? War­um feh­len man­chen Frau­en ein­zel­ne Glied­ma­ßen odKasimiraer sie haben ver­narb­te Kör­per­tei­le? Und was hat es mit die­ser “Magie” auf sich, von der die Rede ist? Auf äußerst fes­seln­de Unter­hal­tung darf der Leser sich hier ein­stel­len und erken­nen, das Grup­pen­dy­na­mi­ken oft ver­häng­nis­vol­le Aus­wir­kun­gen haben kön­nen, aber auch die Lie­be Kraft im Wider­stand geben kann. Das Ende macht Mut, mit offe­nen Augen durchs Leben zu gehen und nie­mals den Wil­len zur Rebel­li­on gegen Unter­drü­ckung zu ver­lie­ren!

Fazit: Ein gelun­ge­nes, nach­denk­lich machen­des Buch, das dem Leser schon eini­ges abver­lan­gen wird!

Dir gefällt “The Grace Year”Kim Lig­gett hat noch eini­ge ande­re Bücher geschrie­ben, die aller­dings bis­herLesealternativen noch nicht ins Deut­sche über­setzt wur­den. Die momen­tan zwei­bän­di­ge Rei­he: “Blood and Salt” und “Heart of Ash”. Dann gibt es noch “The last har­vest” und “The Unfor­tu­na­tes”. Oder lies die bereits erwähn­ten Alter­na­ti­ven zu “The Grace Year”“Der Report der Magd” von Mar­ga­ret Atwood“Der Herr der Flie­gen” von Wil­liam Gol­ding oder die “Tri­bu­te von Panem”-Rei­he von Suzan­ne Col­linsSehr gut könn­te ich mir auch “The King­dom: Das Erwa­chen der See­le” von Jess Rothen­berg und die rebel­li­sche “Méto”-Rei­he von Yves Gre­vet vor­stel­len oder noch etwas moder­ner: “Iso­la” von Isa­bel Abe­di und “Staat X: Wir haben die Macht” von Caro­lin Wahl. Star­ke, rebel­li­sche Frau­en, die (in der Gegen­wart) über sich hin­aus­wach­sen? Das fin­dest du in “Hin­ter Glas” von Julya Rabi­nowich, “Jetzt ist alles, was wir haben” von Amy Giles und “Back to blue” von Rusal­ka Reh.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Dressler
ISBN: 978-3-7915-0162-8
Erscheinungsdatum: 24.Februar 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 24,00€
Seitenzahl: 416
Übersetzer: Birgit Salzmann
Originaltitel: "The Grace Year"
Originalverlag: Wednesday Books

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Amerikanisches Cover: Homepage von Kim Liggett

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