Kevin Brooks — Long Road

7.Juni 2024

Long Road” ist der neu­es­te Thril­ler des bri­ti­schen Autorin Kevin Brooks. Zwei Brü­der, die einer jun­gen Frau hel­fen, die von Män­nern beläs­tigt wird, die wie­der­um einen klei­nen Affen in ihrer Gewalt haben, den sie schi­ka­nie­ren. Als alle Drei mit­samt Affen das Wei­te suchen, hef­ten sich die Gangs­ter an ihre Fer­sen. Eine wil­de Ver­fol­gungs­jagd quer durch Groß­bri­tan­ni­en beginnt… Ein packen­der, action­rei­cher Road­trip, ein erbit­ter­ter Kampf um Gerech­tig­keit. Ein Thril­ler mit jeder Men­ge erns­ter The­men wie Ban­den­kri­mi­nin­a­li­tät, Kor­rup­ti­on und Men­schen­han­del. Gekonnt und mit­rei­ßend erzählt. Ein inten­si­ves, hef­ti­ges, aber loh­nens­wer­tes Lesee­er­leb­nis mit Tief­gang. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

East Lon­don. An einem Sonn­tag­mor­gen. Ruben und sein älte­rer Bru­der Cole sind unter­wegs durch die Stadt. “Wir muss­ten nicht nach­den­ken über den Weg, denn das hier war unse­re Welt, die dunk­le Gegend tief ein­ge­prägt in unse­re Her­zen wie eine Land­kar­te — die ruß­ge­schwärz­ten Eisen­bahn­brü­cken, die geschlos­se­nen Brü­cken­bö­gen, die Back­stein­mau­ern, von Graf­fi­ti über­zo­gen… all das war uns so ver­traut wie wir uns selbst. Wäh­rend wir durch unse­re Welt lie­fen, jeder ver­sun­ken in unse­re Gedan­ken, schim­mer­ten die Ben­zin­la­chen unter unse­ren Füßen im Regen.” (Zitat aus “Long Road” S.7) In einem zer­rüt­te­ten, kri­mi­nel­len Milieu auf­ge­wach­sen — der Vater sitzt im Gefäng­nis — haben die Brü­der einen Auf­trag zu erle­di­gen und geben gefälsch­te Fahr­zeug­pa­pie­re ab bei Roy, dem Besit­zer eines Pubs. In dem Pub tref­fen sie auch auf drei Män­ner, die mit einer 17-Jäh­ri­gen an einem Tisch sit­zen. Einer davon ist Frank Sken­der. “Frank Sken­der war der Kopf einer der mäch­tigs­ten kri­mi­nel­len Ban­den in Lon­don. Er war seit Jah­ren im Geschäft und bekannt — und gefürch­tet — wegen sei­ner skru­pel­lo­sen Bru­ta­li­tät. Wer Frank Sken­der in die Que­re kam, war so gut wie tot.” (Zitat S.16) Und sie haben einen Affen bei sich. “Was treibt Sken­der denn mit dem Affen?” Roy zuck­te mit den Schul­tern. “Ich hab gehört, er hat ihn von irgend­ei­nem armen Hand­lan­ger zur Til­gung sei­ner Schul­den bekom­men.” (Zitat S.23) Die jun­ge Frau scheint eben­falls von den Män­nern fest­ge­hal­ten zu wer­den. Sitzt nicht frei­wil­lig dort, sorgt sich aber um den Affen. “Sie kennt die Män­ner nicht oder so… ist bloß vor­bei­ge­lau­fen.. da drau­ßen…” Er zuck­te mit dem Kopf in Rich­tung des Fens­ters, das zur Stra­ße blick­te. “Nur vor­bei­ge­lau­fen, hat zufäl­lig rein­ge­schaut und da hat sie den Affen gese­hen. Und gleich danach häm­mert das Mäd­chen gegen die Schei­be und schreit wie wild die­sen gan­zen Kram von wegen Tier­quä­le­rei und dass sie die Poli­zei ruft und den Tier­schutz­ver­ein. (Zitat S.24) Weil Roy auf­ge­for­dert wur­de, die jun­ge Frau hin­ein­zu­ho­len, befin­det sie sich nun in der Gewalt der Män­ner. Sie heißt Tri­na und ist aus einem Wohn­heim abge­hau­en. Hat es dort nicht mehr län­ger aus­ge­hal­ten. Irgend­et­was an Tri­na fas­zi­niert Cole. Und so schickt er sei­nen Bru­der nach drau­ßen, um ein Auto zu kna­cken und erle­digt einen der Män­ner auf die Toi­let­te. Den Zwei­ten ruft er dazu und fes­selt ihn eben­falls. Dann bedroht er Sken­der mit einer Waf­fe und befreit Tri­na. Und den Affen, den die­se unbe­dingt mit­neh­men will. “…die Trans­port­box war zu klein für sie, sie war dar­in ein­ge­pfercht.. ihr Hals­band saß zu eng, das Fell dar­un­ter war bis auf die Haut weg­ge­scheu­ert… sie war ver­stört, hat­te Angst… Sie war ein Tier. Sie gehör­te in kei­ne Plas­tik­box, in kein Auto, in kei­nen Pub. Und nicht in die Hän­de von einem Mann wie Sken­der. Es war falsch. Ein­fach nur falsch.” (Zitat S.44) Dann hau­en sie mit dem geklau­ten Wagen ab. Tri­na möch­te nach Loch­oran fah­ren, dort gibt es ein “Mon­key House”, eine Unter­kunft für Affen. Die­se liegt jedoch in Schott­land und ist 800km weit weg. Cole hält davon wenig. Doch dann über­schla­gen sich die Ereig­nis­se und sie müs­sen fest­stel­len, dass sie nicht nur von den Gangs­tern ver­folgt wer­den, son­dern auch nicht nach Hau­se zurück­kön­nen, weil ihre Mut­ter und deren Freund wegen Auto­dieb­stäh­len fest­ge­nom­men wur­den und auch gegen Cole ein Haft­be­fehl vor­liegt. Sie müs­sen unter­tau­chen. Also machen sie sich auf die Rei­se nach Schott­land. Aber Sken­der und sei­ne Män­ner sind ihnen dicht auf den Fersen…

Das Cover ist düs­ter gehal­ten, eben­so wie es der Thril­ler von der Grund­stim­mung her ist. Eine kaput­te Welt, in wel­cher zwei Brü­der leben, die ihren klein­kri­mi­nel­len Machen­schaf­ten nach­ge­hen. Deren Vater im Knast sitzt. Deren Schwes­ter “ver­ge­wal­tigt, miss­han­delt und erdros­selt wor­den” (Zitat S.8) war. Die in einem sozi­al schwa­chen Milieu leben. “Ist nicht unser Pro­blem, Rube”, höre ich Cole in mei­ner Erin­ne­rung sagen. “Ist aber trotz­dem nicht in Ord­nung, oder?” “Die Welt ist voll von Din­gen, die nicht in Ord­nung sind.” (Zitat S.181) Die aber plötz­lich dann doch Par­tei ergrei­fen und für Gerech­tig­keit sor­gen, als sie Tri­na befrei­en. Die ers­ten Kapi­tel des Thril­lers basie­ren auf einer Kurz­ge­schich­te, wie der Autor in einer Vor­be­mer­kung angibt, die den Namen “Five Hundred Miles” trägt und die Kevin Brooks 2016 bereits ver­öf­fent­lich­te. Erzählt wird “Long Road” durch­ge­hend aus Rubens Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve. Doch er bedient sich eines beson­de­ren Tricks, um auch wei­te­re Sicht­wei­sen (vor allem die von Cole) zu schil­dern. Ruben hat die Fähig­keit sich in ande­re Men­schen hin­ein­zu­ver­set­zen und deren Gedan­ken nach­zu­emp­fin­den. Ich weiß nicht, wann ich das ers­te Mal merk­te, dass ich im Inne­ren ande­rer Men­schen sein konn­te, aber ich erin­ne­re mich an kei­ne Zeit, in der ich mir nicht des­sen bewusst war. Es ist schwer zu beschrei­ben. Ich weiß nicht, wie und war­um es geschieht oder was es bedeu­tet, und ich kann es auch nicht kon­trol­lie­ren. Es pas­siert sel­ten mit Men­schen außer­halb der Fami­lie und haupt­säch­lich bei Cole.” (Zitat S.28) Die­se Sicht­wech­sel wir­ken zunächst etwas befremd­lich, ergän­zen die Geschich­te jedoch auf gelun­ge­ne Art und Wei­se und las­sen die Leser:innen auch an Situa­tio­nen teil­ha­ben, von denen sie nor­ma­ler­wei­se nicht erfah­ren wür­den (bei­spiels­wei­se wie Cole die Gangs­ter auf der Toi­let­te über­wäl­tigt, wäh­rend Ruben das Auto knackt). Der Plot ist sehr gelun­gen und die Span­nung hält sich durch­ge­hend auf­recht: “WKasimirair haben ihn mit einer Pis­to­le bedroht und ihm sei­nen Affen geklaut. Wir haben ihn gede­mü­tigt, ihn bloß­ge­stellt, ihn schwach erschei­nen las­sen. Und jetzt stellt sich auch noch her­aus, dass wir sei­nen Wagen geklaut haben. Wenn der uns fin­det, bringt er uns um. So ein­fach ist das. Was ande­res kann er sich gar nicht leis­ten. Sein Ruf steht auf dem Spiel. Und ohne den ist er nichts.” (Zitat S.70) Gro­ße Tei­le des Thril­lers sind eine Mischung aus Road­trip und einer action­rei­chen Ver­fol­gungs­jagd. Da gibt es wil­de Schie­ße­rei­en auf Auto­rast­stät­ten, es wer­den neue Fahr­zeu­ge geknackt, es wer­den Anhal­ter mit­ge­nom­men und spon­tan eine Frau aus der Zwangs­pro­sti­tu­ti­on befreit. Kevin Brooks hat eine Men­ge an hef­ti­gen The­men in sein Buch ein­ge­ar­bei­tet. Dro­gen­ab­hän­gig­keit, Krank­heit, Pro­sti­tu­ti­on, Men­schen­han­del, Tier­quä­le­rei und Kor­rup­ti­on. Auch bei der Schil­de­rung von Gewalt spart er nichts aus. Mutet sei­nen Leser:innen eini­ges zu: “Cole war bereits hin­ter ihn getre­ten und als Savik her­um­schwang und die Pis­to­le in sei­ne Rich­tung hielt, hob Cole den Arm und schlug sei­ne Faust gegen Saviks Keh­le. Wäh­rend Savik rück­wärts­tau­mel­te und sei­ne Augen her­vor­quol­len, weil er kei­ne Luft bekam, warf sich Cole ihm ent­ge­gen und stieß ihm sei­nen Stie­fel mit vol­ler Wucht gegen das Knie. Sei­ne Schreie kamen kräch­zend aus der gebro­che­nen Keh­le.” (Zitat S.118) Bei den Ver­fol­gungs­jag­den bleibt manch­mal die Logik ein wenig auf der Stre­cke — als gefühlt die Zeit ste­hen bleibt und die Figu­ren noch aller­lei Gesprä­che füh­ren kön­nen, obwohl die Gangs­ter sie doch eigent­lich schon gesich­tet haben und schon längst bei ihnen sein müss­ten. Aber dies ver­zeiht man dem Autoren ger­ne, denn vor allem die Cha­rak­te­re, auch wenn sie Ecken und Kan­ten haben — oder viel­leicht auch gera­de des­we­gen — sind authen­tisch und sehr gut getrof­fen. Oft fra­gen sie ein­an­der, ob alles okay ist (fast schon ein biss­chen zu oft), und auch wenn sie kri­mi­nell und teils in sich gekehrt sind, sind sie doch immer für­ein­an­der da und tra­gen ihr Herz am rech­ten Fleck. Eben­so eine klei­ne, sehr sehr zar­te Lie­bes­ge­schich­te ist in “Long Road” mit­ein­ge­baut. Der Thril­ler ist rau und sprö­de, aber eben auch sehr atmo­sphä­risch. Sprach­lich und erzäh­le­risch gese­hen ist Kevin Brooks ein­fach ein begna­de­ter Erzäh­ler: “Alles hier oben schien kalt und hart, das Land wirk­te wild und alt. Und die Städ­te, die in der Fer­ne vor­bei­zo­gen, hat­ten etwas von uralten Sied­lun­gen an sich, sie lagen geduckt unter dem wei­ten grau­en Him­mel, als ob sie schon ewig dort wären und immer dort sein wür­den, ohne sich zu ver­än­dern, bis die Welt aus­ein­an­der­brach und starb.” (Zitat S.241) Teil­wei­se ist der Thril­ler auch uner­war­tet phi­lo­so­phisch, wenn sie sich die Prot­ago­nis­ten über ihre Gedan­ken und über Alp­träu­me aus­tau­schen: “Ich mei­ne, in vie­ler­lei Hin­sicht hat es doch gar nichts mit uns zu tun, oder? Es pas­siert ein­fach. Die Gedan­ken gera­ten in dei­nen Kopf und du weißt über­haupt nicht, wo sie eigent­lich her­kom­men oder wie­so sie da sind, und es spielt kei­ne Rol­le, ob du sie haben willst oder nicht… ist nicht dei­ne Ent­schei­dung. Du kannst dich nicht dar­an hin­dern, etwas zu den­ken oder zu füh­len. (Zitat S.255) Eben­so die The­men KasimiraFreiheit/Gefangenschaft (nicht nur in Bezug auf den Affen/die Pro­sti­tu­ier­te, son­dern auch Fami­lie all­ge­mein) wer­den ange­schnit­ten. Am Ende pas­siert noch ein­mal etwas, mit dem man über­haupt nicht rech­net. Zum Schluss blei­ben lei­der noch eini­ge Fra­gen offen, der Autor macht es sich mit dem Aus­gang der Geschich­te fast ein wenig ein­fach. Den­noch ein star­ker Titel, der erst mal noch im Gedächt­nis blei­ben wird und der sich defi­ni­tiv zu lesen lohnt!

Dir hat die Geschich­te von Ruben und Cole gefal­len? Tat­säch­lich ist vor 16 Jah­ren (2009 erhielt er dafür den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis) eine Vor­ge­schich­te zu “Long Road” erschie­nen: “The Road of the Dead”. Die­se the­ma­ti­siert den Mord an der Schwes­ter der bei­den Brü­der, der zu Beginn von “Long Road” erwähnt wird und lässt die Brü­der Lesealternativeneben­falls im Mit­tel­punkt ste­hen. Noch mehr Lese­stoff von Kevin Brooks gefäl­lig? Fünf sei­ner Bücher waren für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert (sie­he*), für zwei (sie­he**) hat er ihn erhal­ten. Hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum der deut­schen Aus­ga­be sor­tiert: “Mar­tyn Pig” (2004*), Lucas” (2005**), “Can­dy” (2006) “Kis­sing the rain” (2007*), “The Road of the Dead” (2008**), “Being” (2009), “Black Rab­bit Sum­mer” (2009), “Kil­ling God” (2011), “iBoy” (2011*), “Live fast, play dir­ty, get naked” (2013), “Bun­ker Dia­ry” (2014), “Tra­vis Delaney: Was geschah um 16:08?” (2015), “Tra­vis Delaney: Wem kannst du trau­en?” (2015), “Tra­vis Delaney: Um Leben und Tod” (2016), “Finn Black: Der fal­sche Deal” (2017) und “Born Scared” (2017), “Finn Black: Der fal­sche Deal” (2017), “John­ny Del­ga­do: Im frei­en Fall” (2018), “John­ny Del­ga­do: Der Mör­der mei­nes Vaters” (2018), “Death­land Dogs” (2019) und “I see you Baby…” (2019) und “Bad Cas­tro” (2021). Eine Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Long Road” könn­te “Crus­her: Traue nie­man­dem” von Niall Leo­nard sein oder die “The Haven”-Rei­he von Simon Lelic, die eben­falls in der Lon­do­ner Unter­welt spie­len. Stra­ßen­kri­mi­na­li­tät und eine auf­ge­brach­te Ban­de fin­dest du außer­dem in “Cain­storm Island: Der Gejag­te” von Marie Goli­en (super spannend!!).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-74105-7
Erscheinungsdatum: 14.März 2024
Einbandart: Broschur
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 288
Übersetzer*in: Uwe-Michael Gutzschhahn
Originaltitel: "Five Hundred Miles" (nur die Kurzgeschichte)
Originalverlag: Barrington Stoke

Amerikanisches Originalcover (der Kurzgeschichte):

Kasimira auf Instagram:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

-----------------------------------------------------------
Amerikanisches Originalcover: Homepage von Barrington Stoke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner