“Born scared” — das neue Werk von dem britischen Erfolgsautor Kevin Brooks hat es definitiv in sich! Eine unvergessliche Geschichte über einen Jungen, der vor ALLEM Angst hat und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände dazu gezwungen wird seine Komfortzone (die für ihn notwendigerweise eingerichtet wurde) zu verlassen. Ein Thriller über Schneestürme, Schneekugeln, böse Schafe und raffgierige Gangster. Ein psychodelischer Cocktail an Emotionen — abgefahren, cool und meisterhaft erzählt! Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene, die außergewöhnliche Bücher lieben.
Heiligabend. Elliots Mutter muss das Haus noch einmal verlassen. Auch wenn ein Schneesturm draußen wütet. Denn Elliot, der unter einer schlimmen Angststörung leidet, braucht dringend seine Medikamente. Und Tante Shirley, die die Besorgung der (überlebens-)wichtigen Medizin eigentlich übernehmen wollte, ist telefonisch auf einmal nicht mehr erreichbar. Also beschließt Elliots Mutter sich auf den Weg zu dem Haus ihrer Schwester zu machen, um mehr herauszufinden. Doch dann bleiben die vereinbarten Anrufe der Mutter aus und Elliot, der seine letzte Pille längst genommen hat, merkt, dass irgendetwas schief gelaufen sein muss. Wo bleiben seine Tante und seine Mutter? Was ist passiert? Doch eigentlich kann Elliot
das Haus unmöglich verlassen! Das hat er seit Jahren schon nicht mehr getan. Denn er hat Angst. Große Angst. Und das schon seit er auf die Welt gekommen ist. “Ich weinte nicht einfach wie ein normales Baby, ich heulte und kreischte, ich zitterte am ganzen Leib und wich vor so gut wie allem zurück.” (Zitat aus “Born Scared” S.14) Elliot war eine Frühgeburt und eigentlich ein Zwilling. Doch seine Zwillingsschwester starb kurze Zeit später. “Unsere Herzen hörten praktisch im selben Moment auf zu schlagen. Doch auch wenn die Ärzte und Schwestern es irgendwie schafften, mich zu retten, für Ella konnten sie nichts mehr tun. Ein Teil von mir starb mit ihr und ein Teil von ihr lebte in mir weiter. Gemeinsam sind wir sowohl tot als auch lebendig.” (Zitat S.10) Bereits im Brutkasten hatte Elliot panische Angst davor, wenn sich nur jemand darüber beugte. Auch wenn dies seine Mutter war. Der Arzt untersuchte ihn auf alle möglichen Dinge. Aber körperlich fehlte Elliot nichts. Er vermutete bereits, dass der Junge einfach nur Angst haben könnte, wegen seiner Zeit im Krankenhaus, vor den Ärzten. Und dass sich das aber sicherlich bald wieder legen würde. “Doch es wurde nicht alles gut. Ich überwand meine Probleme nicht. Und als ich gut genug sprechen konnte, um meine Gefühle auszudrücken, gab es keinen Zweifel, was mit mir nicht stimmte. “Ich habe Angst, Mummy.” “Angst wovor, Schatz?” “Vor allem.” (Zitat S.16) Eine Psychologin aufzusuchen, brachte nicht w
irklich etwas. Elliot rannte schreiend aus der Praxis. Er hat Angst vor anderen Menschen, die er als “Goriller” bezeichnet. Ausnahmen sind da lediglich seine Mutter, seine Tante Shirley und sein Arzt. “Sie heißen Goriller, weil sie in meinem Träumen als schreckliche, furchterregende Wesen mit zotteligen Gorillaleibern, langen zupackenden Armen, krummen Beinen, kleinen Menschenköpfen und böse grinsenden Mündern zu mir kommen, die Lippen weit nach hinten über ihre bösartigen Gorillazähne gezogen… So empfinde ich andere Menschen. Als schreckliche Wesen, die mich zerfleischen und fressen wollen.” (Zitat S.22) Deshalb verlässt Elliot auch so gut wie nie das Haus. Er besitzt nicht einmal Stiefel oder eine Jacke, weil er sie ohnehin nicht braucht. Sein Zimmer wurde umgebaut in einen Angstschutzraum. Eine Zone, in der er sich sicher fühlen kann mit schallisolierten Wänden, damit keine angstmachenden Geräusche zu ihm hereindringen und seinen Medikamenten, die er immer griffbereit hat. Doch jetzt ist er gezwungen das Haus zu verlassen. Das erste Mal seit über drei Jahren. “Mein Herz pocht. Ich schaudere, zittere. Mir ist schlecht. Und jede Zelle meines Körpers brüllt mich an, ich soll umkehren und weglaufen. Doch ich kann mich nicht rühren. In keine Richtung. Ich kann nicht zurück. Ich kann nicht nach draußen. Ich schaffe es nicht. Unmöglich. Ich kann da nicht raus. Ich habe Angst.” (Zitat S.5) Was Elliot jedoch außerhalb erwarten wird, damit hätte er nicht einmal in seinen kühnsten Alpträumen gerechnet…
“Born scared” entführt in eine Welt menschlicher Abgründe und der Autor hat mit Elliot einen ganz außergewöhnlichen Charakter geschaffen. Authentizität ist eine von Kevin Brooks größten Stärken: eine 0–8‑15-Persönlichkeit, eine Geschichte, die nach Schema F funktioniert, wird man bei ihm niemals finden. Und das ist auch gut so, denn das Buch lebt durch skurrile Momente und Stellen, an denen man (dabei habe ich mich wirklich zeitweise ertappt!) einfach nur auflacht, weil sie so obskure, aber brillante Wendungen darstellen. Das Buch, das als Thriller bezeichnet wird, für mich aber eher wie ein Roman (mit viel Spannung) gewirkt hat, wird hauptsächlich aus Elliots Sicht in der Ich-Perspektive erzählt. Es ist in Kapitel eingeteilt, dessen Überschriften wortwörtlich innerhalb des Kapitels irgendwo auftauchen (was ich sehr interessant fand). Andere ergänzende Perspektiven sind die der Gangster, deren Vorhaben geschildert wird, aber auch anderer Nebenfiguren, wie die des Sohn von Tante Shirley oder einiger Polizisten bei der Arbeit oder einzelner Dorfbewohner, die auf Elliot treffen. Neben einigen philosophischen Gedanken über den Tod zu Beginn des Buches verwendet Kevin Brooks jedoch auch sehr besondere Stilmittel um den Gemütszustand seines Protagonisten zu verdeutlichen: dass er beispielsweise mit seiner toten Schwester spricht, die nur er sehen kann; seine “Schneekugelphantasien”, in denen er sich selbst unter dieser Glaskugel zu erkennen glaubt
und die Perspektive von oben gegen Ende des Buches, die seinen innere Zerrissenheit zeigt. Literarische Elemente en masse. Künstlerisch gesehen ein geschickt durchdachtes Buch und eine Freude für so manchen Deutschlehrer (was der Unterhaltung allerdings niemals einen Abbruch tut). Worin der Autor allerdings wirklich hervorsticht, sind seine Beschreibungen, mit denen er Elliots Ängste dem Leser näherbringt: “Die schlimmste meiner Ängste, die, vor der ich mich mehr als vor allem anderen fürchte, ist die Angst vor der Angst selbst. Sie ist wirklich ein Monster, ein heulender Dämon, der in meinem Inneren herumwirbelt, eine unersättliche Bestie, die ständig größer und immer größer wird… […] Moloxetin hilft mir, die Bestie im Zaum zu halten. Ich weiß, dass sie weiter da ist. Ich höre sie manchmal, ein fernes, dunkles Grollen, und ab und zu schmecke ich auch, wie ein fauliger Geruch ihres dämonischen Atems in meiner Kehle hochsteigt. Aber solange ich weiter meine Angstpillen nehme […] kommt die Bestie nicht näher.” (Zitat S.56) Dass die Bestie in “Born scared” diesmal nicht nur näher kommen, sondern alles nie zuvor Dagewesene zum Vorschein bringen wird, ist offensichtlich und liefert beste, spannungsgeladene Unterhaltung auf hohem Niveau. Vom Ende hätte ich mir noch ein paar mehr Informationen und etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht, aber passend und realistisch ist es dennoch.
Fazit: Ein grandioses Buch, das man definitiv lesen sollte! Ich wünsche dem Autoren, der bereits fünf Mal für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war (und ihn zwei Mal erhalten hat!), dass auch dieses Buch nächstes Jahr in die engere Auswahl kommt!
Dir gefällt Kevin Brooks Schreibstil? Dann lies noch seine anderen Bücher (chronologisch nach Erscheinungsdatum der deutschen Ausgabe): “Martyn Pig” (2004), “Lucas” (2005), “Candy” (2006) “Kissing the rain” (2007), “The Road of the Dead” (200
8), “Being” (2009), “Black Rabbit Summer” (2009), “Killing God” (2011), “iBoy” (2011), “Live fast, play dirty, get naked” (2013), “Bunker Diary” (2014), “Travis Delaney: Was geschah um 16:08?” (2015), “Travis Delaney: Wem kannst du trauen?” (2015), “Travis Delaney: Um Leben und Tod” (2016), “Finn Black: Der falsche Deal” (2017). Ein Schneesturm, der einiges durcheinanderbringt? Das findest du in “Kälte” von Michael Northrop. Eine sehr gute inhaltliche Alternative zu “Born scared” ist “Hochgradig unlogisches Verhalten” von John Corey Whaley. Die Hauptperson leidet ebenfalls unter einer schlimmen Angststörung und hat seit 3 Jahren das Haus nicht mehr verlassen. Schon ihr ganzes Leben nur daheim ist die Protagonistin in “Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt” von Nicola Yoon. Angststörungen werden in Jugendbüchern eher selten thematisiert. Lies hierzu “Verrückt vor Angst” von Jana Frey oder “Schau mir in die Augen, Audrey” von Sophie Kinsella. Oder die Neuerscheinung “100 schlimme Dinge, die mir bestimmt passieren” von Carrie Mac.
Bibliografische Angaben:Verlag: dtv ISBN: 978-3-423-74029-6 Erscheinungsdatum: 13.Oktober 2017 Einbandart: Broschur Preis: 14,95€ Seitenzahl: 240 Übersetzer: Uwe-Michael Gutzschhahn Originaltitel: "Born scared" Originalverlag: Egmont Publishing Britisches Originalcover:
Kevin Brooks liest aus seinem Buch (auf Englisch): Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)
Dieser Titel hat es in folgende Kategorie geschafft: **Kasimiras Lieblingsbücher**
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Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-74029-6
Erscheinungsdatum: 13.Oktober 2017
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 240
Übersetzer: Uwe-Michael Gutzschhahn
Originaltitel: "Born scared"
Originalverlag: Egmont Publishing
Britisches Originalcover:
Kevin Brooks liest aus seinem Buch (auf Englisch):
Kasimiras Bewertung: